Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 21

Vor Hermines Augen verschwammen die Umrisse der Umgebung. Die Gegenwart war wie ein Boden, der unter ihr wegrutschte; da waren so viele Bilder, die durch ihren Geist zogen.

Sie sah alles noch einmal. Sie sah, wie sie vor Snapes Schreibtisch stand und ihn um ihr Tagebuch anflehte ... Er reichte ihr das Kristallglas und ließ sie den Hellsichtigkeitstrank trinken ... Sie wälzte sich schlaflos in ihrem Bett herum und weinte bitterlich ... Und sie stand in jenem leer stehenden Klassenzimmer und bereitete den Emotionstrank zu. Es war, als wäre sie wieder da – sie blickte in den Kessel hinein und spürte die Hitze des Dampfes auf ihrem Gesicht ...

Es war eine seltsame Erfahrung. Sie sah das alles, und sie wusste, dass Snape es ebenfalls sah. Noch seltsamer war vielleicht, dass sie ihn dafür hasste – und sich doch nicht dagegen wehrte.

Sie ließ es einfach geschehen.

Im nächsten Moment saß sie in der Bibliothek, und Ron las ihr aus dem Buch etwas über den Emotionstrank vor ...

... - „Der Trank hatte allerdings den Nachteil, dass viele Patienten von ihren Gefühlen völlig überfordert wurden. Durch das Zusammenwirken der verschiedenen Substanzen wird die rechte Gehirnhälfte stimuliert und zugleich die Fähigkeit der Kontrolle und Unterdrückung von unerwünschten Emotionen weitgehend außer Kraft gesetzt." - ...

Und dann war sie in Snapes Raum, und gab zwanzig Tropfen in den Heilungstrank, bevor sie die Phiole an Madam Pomfrey weiterreichte ...

In diesem Moment verebbte die Bilderflut abrupt. Hermine taumelte zurück; die Schuldgefühle, die in der vergangenen halben Stunde wie weggewischt waren, schossen wie Gift durch sie hindurch.

Snape stand vor ihr. Er rührte sich nicht; er starrte sie nur an. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren.

Hermine starrte zurück. Sie fühlte sich, als sei sie mit voller Wucht gegen eine Wand gelaufen. Legilimens ... Das Wort, von ihm ausgesprochen, waberte wieder durch ihre Gedanken.

Er wird mich umbringen.

Ihr erster Instinkt riet zur Flucht. Aber sie stand da wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange und erwiderte starr den Blick des bleichen Tränkemeisters. Er hatte sie im Visier, und er entschied über den Zeitpunkt des Angriffs.

Aber der Angriff kam nicht.

Er stand nur da und sah sie an. Erneut schien es, als gehe sein Blick durch sie hindurch; er schien in düstere Gedanken versunken. Und einmal zuckte so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht, aber das war sicher nur Einbildung; sie hätte nicht gewusst, was es in dieser Situation zu lächeln gegeben hätte.

Nach einer nicht enden wollenden Zeitspanne trat Snape schließlich einen Schritt zurück, schloss die Augen und atmete tief durch.

Immer wieder.

Hermine hatte alles Mögliche erwartet. Sie hatte damit gerechnet, dass er ihr eigenhändig den Hals umdrehte oder sich einen neuen unverzeihlichen Fluch ausdachte, extra für sie. Aber Severus Snape stand einfach nur da, atmete und versuchte, die Kontrolle über sich selbst wiederzuerlangen.

Wider Willen verspürte sie Bewunderung für ihn. Menschen mit ausgeprägter Selbstdisziplin hatten schon immer Hermines größte Hochachtung gehabt. Nur passte dieser immense Respekt vor Snape im Augenblick so schlecht zu der Wut, die sie gleichzeitig auf ihn hatte.

Legilimentik! Er hatte es tatsächlich gewagt, in ihren Geist einzudringen!

(Und du hast es zugelassen, flüsterte eine Stimme in ihr, aber sie weigerte sich zuzuhören.)

Übrig blieb ein Gefühl der Demütigung und der Leere, das sie erst jetzt mit Snapes gewaltsamem Eindringen in ihren Geist in Verbindung brachte. Es tat weh; sie hatte nicht gewusst, wie weh Legilimentik tun konnte.

Zitternd atmete sie durch, lehnte sich an die Wand und ließ den Kopf sinken. Sie fühlte sich auf einmal unglaublich erschöpft. Es war, als hätte sie tage- und nächtelang auf dem Bau gearbeitet; ihr Körper schrie danach, zur Ruhe zu kommen. Und so rutschte Hermine wie in Zeitlupe an der Wand hinunter, bis sie auf dem Boden saß.

Sie konnte Snape dabei nicht ansehen, und sie konnte auch nichts sagen. Es war ein völlig stummes Eingeständnis von Schuld und Erschöpfung.

Sie zog die Knie vor ihr Kinn und ließ den Kopf sinken, damit Snape ihr nicht ins Gesicht sehen konnte. Sie erwartete einen Kommentar, aber es kam nichts; er kommentierte Hermines Bewegungen in keiner Weise. Snape stand da, an die gegenüber liegende Wand gelehnt; er hatte die Arme verschränkt und rührte sich immer noch nicht.

Sie begann sein Schweigen als besonders perfide Art der Bestrafung zu empfinden. Er schrie nicht, er drohte nicht – nein, er ließ die Tatsachen einfach so im Raum schweben. Und das machte diese Tatsachen immer schwerer und schwerer.

Es war unerträglich.

„Oh, Miss Granger ..."

Ihr Herz tat einen hektischen Sprung; sie hob leicht den Kopf an und spähte vorsichtig nach oben.

Zuerst sah sie nur schwarzen Stoff. Hermine erschrak halb zu Tode; Snape hockte direkt vor ihr.

Durch ihren Haarvorhang hindurch versuchte sie seine Mimik zu studieren. Schließlich beschloss sie, dass Angst fehl am Platz war: Sein Gesicht war von einer Mischung aus Wut, Verzweiflung und Ratlosigkeit verwüstet. Er saß still da, rieb sich gedankenverloren die Oberlippe und sah sie einfach nur an. Und er sah erschreckend müde aus.

So müde, wie sie sich fühlte.

„Was soll ich jetzt mit Ihnen machen?", hörte sie ihn murmeln.

„Mir egal", grummelte sie dumpf zurück – und hätte sich im nächsten Moment am liebsten die Zunge abgebissen.

„Ach. Tatsächlich."

Die Schärfe seiner Erwiderung ließ sie innehalten. Snape erhob sich vom kalten Steinfußboden, so dass sie nur noch seine Schuhe, die schwarzen Hosenbeine und den Stoff seines Umhangs sah.

„Aufstehen", befahl er. Sein Tonfall war jetzt eisig.

Mit bedächtigen Bewegungen stand Hermine auf – so würdevoll, wie es ihre wackeligen Knie erlaubten.

Snape stand mit verschränkten Armen vor ihr; sie konnte sehen, dass er sich zwang, ruhig zu bleiben.

„Es ist doch interessant", sagte er beunruhigend glatt, „dass dieser Trank mir einen Freischein für jede erdenkliche Reaktion gibt. Ich könnte Sie durch das geschlossene Fenster des Krankenzimmers werfen ... und ich hätte eine richtig gute Ausrede." Er legte den Kopf schief. „Ist doch so, oder?"

Die Böswilligkeit, mit der er das sagte, klang ziemlich halbherzig. Dennoch fachten seine Worte Hermines Wut weiter an. Wie konnte er es wagen, sie jetzt auch noch zu bedrohen?

„N-nein", presste sie schließlich hervor. „Das ist nicht so." Sie holte tief Luft. „Auch wenn man unter dem Einfluss des Emotionstranks steht", zitierte sie mechanisch aus einem der Bücher, die sie gelesen hatte, „ist man voll für seine Taten verantwortlich, es sei denn, man hat diesen Trank über einen längeren Zeitraum eingenommen. Dadurch kann die Wirkung des Trankes sich verstärken, und es kann zu heftigen Nebenwirkungen kommen. Aber auch nur dann. – Pech für Sie", fügte sie mit zitternder Stimme hinzu. „Sie sind immer noch Sie selbst, so unerträglich das auch für Sie sein mag."

Ihren unverforenen Worten folgte eine Totenstille. Snapes Augen begannen zu glühen; dann trat er ein paar große Schritte auf sie zu, so dass er ganz nahe vor ihr stand. Unwillkürlich versuchte sie vor ihm zurückzuweichen, aber da war wieder die Wand in ihrem Rücken.

„Du solltest den Mund nicht so voll nehmen", flüsterte er mit hörbar unterdrückter Wut in ihr Ohr. „Wenn du noch einmal so mit mir redest, schleife ich dich an den Haaren zum Direktor und sorge dafür, dass du in hohem Bogen von der Schule fliegst, hast du das verstanden?"

Es war verrückt. Seine Reaktion war viel unspektakulärer, als Hermine ursprünglich erwartet hatte; aber gerade das gab ihr Aufwind, und sie spürte, wie ihre eigene Wut außer Kontrolle geriet. Sie konnte einfach nicht glauben, wie selbstgerecht dieser Mann war.

„Wie bitte? ICH fliege von der Schule?"

Ihr Tonfall wurde ein wenig schrill. In diesem Moment hatte sie völlig vergessen, dass ihr Gegenüber unter dem Einfluss des Emotionstranks stand. Snape und Hermine standen voreinander und bemerkten nicht, dass sie beide die Hände zu Fäusten geballt hatten; sie starrten einander wutentbrannt an, keiner von beiden bereit, auch nur einen Schritt zurück zu gehen.

„Sie, SIE haben mir mein Tagebuch gestohlen! Sie haben mich gezwungen, die Gefühle der ganzen Schule zu erleben! Und eben sind Sie in meine Erinnerungen eingedrungen! Die Anwendung von Legilimentik ..."

Sie kam nicht weiter, denn Snape riss in einer schnellen Bewegung den Arm nach hinten. Ihr Herz blieb stehen, und sie war sicher, dass er sie schlagen würde. Aber in der nächsten Sekunde schlug er mit der flachen Hand auf die Wand direkt neben ihrem Ohr, dass es knallte.

„Verdammt, Hermine!", fauchte er. „Halt deine Klappe, oder ich vergesse mich!"

Sein Blick flackerte, und Hermine vergaß ihre Ambitionen, ihn noch länger über seine Verfehlungen zu belehren. Sie hatte Snape erst einmal so außer sich vor Wut gesehen - damals, in der Heulenden Hütte, als er Sirius gegenüber gestanden hatte. Sie versuchte von ihm weg zu kommen, aber es ging nicht; er stand unmittelbar vor ihr und stützte dabei seine Arme links und rechts von ihrem Kopf an der Wand ab. Das Gefühl des Eingesperrtseins und seine Nähe ließen ihre Knie beinahe nachgeben.

„Hören Sie auf damit", brachte sie halbwegs ruhig hervor und sah an ihm vorbei. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen heftig. „Gehen Sie weg von mir."

„Eine Forderung!", rief er. „Von dir! Interessant! Was kommt als Nächstes?" Er griff plötzlich nach ihrem Hemdkragen und zog sie noch näher an sich. „Hermine!" Seine Stimme zitterte vor Anstrengung, nicht zu schreien. „Ist dir eigentlich klar, was du getan hast?"

Sein dunkler Blick loderte jetzt offen, und er zerrte so heftig an ihr, dass ihr fast die Luft weg blieb.

„Ja", brachte sie mühsam hervor und schloss dabei die Augen. „Ja, ich weiß es."

„Ach nein!", zischte Snape und bleckte die Zähne. „Es wäre hilfreich, wenn ich den Eindruck hätte, dass es tatsächlich so ist."

Ein Teil von ihr bemerkte, dass er nicht einfach nur wütend, sondern auch verzweifelt klang. Eine Entschuldigung, schoss es Hermine durch den Kopf. Er will, dass ich mich entschuldige. Aber sie konnte es nicht, jedenfalls nicht jetzt; sie war zu wütend und zu enttäuscht von ihm.

Und er ließ sie nicht los, was die Sache nicht besser machte. Sein Griff war unverändert stark, er stand gegen sie gelehnt – sie spürte seinen Körper und nahm wieder diesen unverwechselbaren Geruch von ihm wahr. Und doch: Dies war nicht die Nähe, die ihr vorhin den Atem genommen hatte. Das hier war falsch. So vertraut und doch so ... fremd, als hätte sich zwischen ihnen ein riesiger, unüberwindbarer Abgrund aufgetan.

Sie fand seine Gegenwart plötzlich unerträglich. Sie wollte nur noch weg von ihm. Und endlich löste sie sich aus ihrer Starre und versuchte sich seinem harten Griff zu entziehen.

„Lassen ... Sie ... Ihre ... Hände von mir!"

Er machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Lachen und einem Fauchen angesiedelt war.

„Ach nein, wie jungfräulich!" Er riss sie am Hemdkragen ein Stück nach oben. „Wie lächerlich willst du dich eigentlich noch machen? Oder denkst du, dass mein Kurzzeitgedächtnis so erbärmlich ist?" Mit einer unsanften Bewegung presste er seinen Körper gegen ihren.

In dem Moment war es, als würde eine Sicherung in Hermine durchbrennen.

„Haben Sie mich nicht gehört!", schrie sie außer sich. „Lassen Sie Ihre Hände von mir!"

Hermine Granger gehörte nicht unbedingt zu den Menschen, die man als besonders aufbrausend bezeichnen würde; aber in diesem Moment wurde sie von ihrer Wut regelrecht mitgerissen. Sie versuchte ihn von sich zu stoßen; er griff nur noch fester nach ihr und wehrte ihre Schläge mit erstaunlicher Geschicklichkeit ab. Dann schlug sie mit aller Kraft gegen seinen rechten Arm, so dass er sie kurzzeitig mit einer Hand losließ.

Sein nächster Griff nach ihr war heftig und ungezielt. Es war eher ein Schlag, der sie gegen die Schulter traf und seitlich zurücktaumeln ließ. Als er versuchte, sich erneut auf sie zu stürzen, funktionierte ihr Gehirn für einen kurzen Augenblick blitzschnell, und sie nutzte den Abstand zwischen ihnen, um ihren Zauberstab hervorzuholen.

„Wagen Sie es nicht!", zischte sie und richtete den Stab direkt auf Snape. Sie dachte nicht darüber nach, was da gerade geschah; sie hätte in diesem Moment alles getan, um diesen Mann von sich fern zu halten.

Hogwarts' Zaubertrank-Lehrer blieb stehen wie festgehext. Sein dunkler Blick huschte von ihrer linken Hand zu ihrer rechten und dann hoch zu ihrem Gesicht. Nach einer ersten Schrecksekunde schloss er kurz die Augen.

„Ach, Miss Granger", sagt er gedehnt. „Sie belieben zu scherzen."

Als er sie wieder ansah, war sein Blick so kalt und kontrolliert, dass Hermine plötzlich Mühe hatte zu atmen.

„Wohl kaum", erwiderte sie und wusste nicht, wen sie da gerade zu überzeugen versuchte.

„Doch, doch ... ich denke schon", gab er zurück.

Er blickte auf ihre Hand, und seine Mundwinkel zuckten; ihre Hand zitterte so stark, dass sie Mühe hatte, den Stab gerade zu halten.

Und dann machte er ohne zu zögern einen langen Schritt auf sie zu und riss ihr den Stab aus der Hand.

Er überraschte sie vollkommen. Es war wie im Film, wie in einer jener unglaubwürdigen Passagen, in denen jemand mit einer entsicherten Pistole in der Hand sich die Waffe einfach so wegnehmen lässt. Sie hatte ja nicht geahnt, wie einfach das ging. Sein Grinsen war diabolisch, als er ihren Zauberstab nahm; er ließ die Augenbrauen hochzucken und legte mit einer ruckartigen, spöttischen Bewegung den Kopf schief.

„Tsstsstss. Böses Mädchen."

Und dann nahm er Hermines Zauberstab in beide Hände und zog das Knie hoch. Sie konnte einfach nicht glauben, was er da gerade tat – aber er tat es. Es knackte seltsam leise, als der Stab in zwei Stücke brach.

„Ooops."

Mit scheinheiliger Verwunderung schaute Snape auf den Holzmüll in seiner Hand. Schließlich zuckte er die Achseln und warf die beiden Stabstücke mit einer theatralischen Geste achtlos über seine Schulter.

Das ist nicht wahr. Ich träume gerade. Das kann einfach nicht wahr sein.

Starr vor Unglauben und Entsetzen glotzte Hermine den Tränkemeister an, der ein selbstzufriedenes Gesicht machte und vor sich hin summend in seinen Umhang griff.

„Über-ra-schung!"

Er betonte das Wort, als stünde er vor einer 3-jährigen und hätte ihr ein kleines Kätzchen mitgebracht. Stattdessen zog er mit einer geschmeidigen Bewegung seinen eigenen Zauberstab hervor. Hermine stand mit offenem Mund vor ihm, sah ihn an – und tat keinen Handschlag, um ihn aufzuhalten. Es war, als sei sie gar nicht richtig da.

Snape richtete den Stab auf Hermine und lächelte …

t.b.c.