Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
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Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 23
„Hermine?"
Eine Mädchenstimme verwischte ihre Alpträume. Was war das?
„Hermine, bist du da?"
Nein, ich glaube nicht.
Im Halbschlaf beneidete sie Harry um seinen Tarnumhang. Sie wusste in diesem Moment genau, was ihre erste wirklich große Anschaffung sein würde. Todmüde hob sie halb den Kopf, aber ihr Schädel schien vor Schmerz zu zerbrechen, und sie sank wieder in die Kissen zurück.
„Lavender, ich kann jetzt wirklich nicht ..."
Sie rollte sich in ihrem Bett zusammen und hoffte, dass ihre Mitschülerin einfach verschwand.
„Du bist ja doch hier!" Lavenders Stimme kam näher. „Professor Snape steht unten. Bei uns im Gemeinschaftsraum!"
Oh nein.
„Was hast du gemacht, Hermine? Was?" Lavender klang eindeutig unentspannt. „Die Lehrer kommen so gut wie nie hier herein. Snape war noch nie bei uns! Noch nie!"
„Hab dich gehört", murmelte Hermine müde.
„Ja? Bist du sicher?" Lavenders Stimme war ein wenig schrill; Hermine hätte sich am liebsten die Finger in die Ohren gesteckt. „Ich weiß ja nicht, was du gemacht hast, Hermine, aber Snape ist da unten. Und er ist wütend! Hörst du nicht? Er will dich sofort sehen, geh zum ihm, damit er unseren Raum verlässt!"
Völlig versteift lag Hermine da. Alles in ihr sträubte sich, das Bett zu verlassen; sie brauchte jetzt einige wirksame Kopfschmerztabletten und nicht diese Katastrophe in Person, die unten auf sie wartete. Nein, sie konnte diesen Mann jetzt einfach nicht sehen.
Aber Lavender stand mit verschränkten Armen vor ihr und ließ sie nicht in Ruhe; darüber hinaus war völlig klar, dass vor allem Snape dort unten keine Ruhe geben würde. Konnte sie ihren Mitschülerinnen zumuten, Hogwarts' Zaubertranklehrer daran zu hindern die Barriere zu den Mädchenschlafräumen zu durchbrechen?
Wohl eher nicht.
Also kroch sie wie betäubt aus dem Bett und schickte Lavender mit dem Versprechen hinaus, sofort nachzukommen. Im Schlafraum wurden die Umrisse schon vom Halbdunkel des Winternachmittags geschluckt; offenbar hatte sie einige Stunden geschlafen. Sie kleidete sich müde an, ordnete halbherzig ihre Haare und tappte schließlich die Treppe herunter, ohne das Gefühl zu haben, der Herausforderung dort unten auch nur andeutungsweise gewachsen zu sein.
Als sie unten ankam, stand Snape mitten im Zimmer. Eine düstere, drohende Gestalt, dessen Anwesenheit eine Art schwarzes Loch in den freundlichen Gemeinschaftsraum riss. Sie waren nicht die einzigen im Raum – um die zwanzig Personen standen um Hermine und Snape herum. Den Anwesenden stand die Anspannung in die Gesichter geschrieben, und alle Blicke waren abwechselnd auf den Zaubertrankmeister und Hermine gerichtet.
Er sagte kein Wort, aber sein Gesichtsausdruck machte ihr überdeutlich klar, dass Lavender nicht untertrieben hatte. Snape war wütend, genau genommen kochte er vor Wut, und er stand immer noch unter der Wirkung des Trankes. Er schien nicht weit davon entfernt, ihr einen sehr unangenehmen Fluch auf den Hals zu hetzen.
Mit einer zornigen, ungewohnt heftigen Geste wies er auf den Ausgang und bedeutete Hermine, den Raum zu verlassen. In einer anderen Situation hätte sie sich gesträubt – sie war, verdammt nochmal, krank geschrieben, sie hatte jedes Recht der Welt umzukehren und sich ins Bett zu legen! Aber sie waren von erschrockenen und neugierigen Gryffindors umringt; sie konnte Snape jetzt schwerlich den Rücken kehren oder ihm einen Vortrag darüber halten, dass er in seinem Zustand lieber allein im Kerker bleiben sollte.
Während sie hinausgingen, konnte sie regelrecht hören, wie die Mädchen und Jungen im Raum erleichtert ausatmeten. Snape ließ sie vorgehen. Sie hasste es, den vor Wut brodelnden Tränkeprofessor in ihren Rücken zu haben. Darüber hinaus fühlte sie sich elend schutzlos; es war unerträglich sich ohne Zauberstab fortbewegen zu müssen.
Ich muss mit ihm über meinen Zauberstab reden. Ich muss. Er kann doch nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert. Er kann mich doch nicht einfach so herumlaufen lassen!
Als das Porträt hinter ihnen den Eingang verschlossen hatte, drehte sie sich zu ihm um. Er war immer noch außerordentlich blass, und seine schwarzen Augen glänzten beunruhigend. Nach der Achterbahnfahrt im Krankenflügel war sie so verunsichert, dass sie gar nicht wusste, wie sie ihm gegenüber auftreten sollte. Sie mied seinen Blick, und ihr Herz klopfte heftig; sie gestand es sich nicht gern ein, aber sie hatte in seinem jetzigen Zustand wirklich Angst vor ihm.
„Miss Granger", sprach er gedehnt. „Ich meine, mich vorhin klar ausgedrückt zu haben. Meine Anordnung besagte, dass Sie in mein Büro kommen, sobald Madam Pomfrey Sie entlassen hat."
Hermine schüttelte nur leicht den Kopf. Sie konnte ihm nicht antworten; sie wagte ja nicht einmal ihm ins Gesicht zu sehen aus Angst, dass ihre eigene Wut wieder hochschwappte und sie sich nicht beherrschen konnte. Die ganze Situation war so unglaublich verfahren. Ein heftiges Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit riss an ihrem Herzen.
„Aber offensichtlich", fuhr Snape fort, „hat Miss Granger es sich anders überlegt." Seine Stimme war flach vor unterdrückter Wut. „Offenbar sind Sie der Ansicht, Sie könnten sich von nun an mir gegenüber alles erlauben."
Sie hob den Kopf und starrte ihn an. Er konnte nicht das meinen, was sie dachte. Er konnte nicht meinen, dass sie ihn jetzt für erpressbar hielt und das ausnützen würde. Nein!
„Professor", sagte sie leise, „ich fühle mich nicht gut. Das ist alles. Ich musste mich dringend hinlegen."
Sie erwartete eine spöttische Erwiderung, aber Snape schwieg einen Moment und machte dann eine wegwerfende Handbewegung.
„Sie kommen jetzt mit", sagte er kurz.
„Nein, ich ...", begann Hermine, aber sie kam nicht weit. Mit einer schnellen, impulsiven Bewegung riss er seinen Zauberstab aus seinem Umhang und trat auf sie zu.
„Aufhören", fauchte er. „Schluss! Es ist vorbei mit den Spielchen. Du tust, was ich dir sage, und du wirst jetzt mit mir kommen."
Hermine war unwillkürlich vor ihm zurück gewichen. So lange der Emotionstrank noch wirkte – und das tat er offensichtlich –, war dieser Mann eine wandelnde Zeitbombe. Es zeugte von Besonnenheit, ihm vorerst nicht mehr zu widersprechen.
Und überhaupt – er hatte einen Zauberstab. Sie hatte keinen. In der magischen Welt war dies das beste Argument um sich zu fügen und exakt das zu tun, was der andere wollte.
Snape blickte auf seine Hand, schloss kurz die Augen und brachte wieder etwas mehr Abstand zwischen sich und seine Schülerin. Dann steckte er den Stab rasch in die Tasche zurück.
Hermine atmete erleichtert aus. Vielleicht, schoss es ihr durch den Kopf, war es besser, wenn er in ihrer Nähe war statt irgendeinen anderen Unsinn zu machen.
Also tat sie, was er wollte. Sie folgte dem Tränkemeister, der sich von ihr abwandte und mit seiner üblichen Geschwindigkeit durch die Gänge rauschte. Immerhin etwas, jetzt hatte er sie im Rücken und nicht andersherum.
Ohne einmal das Tempo zu verringern, erreichten sie schließlich das Schultor. Snape blieb so abrupt stehen, dass Hermine fast in ihn hineingelaufen wäre. Unwillkürlich nahm sie seinen Eigengeruch wahr, als sie so nahe bei ihm stand, und ihr Herz begann heftig zu klopfen. Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, aber er sah sie gar nicht an.
Am Rande registrierte sie, dass sie inmitten eines atemberaubenden Sonnenuntergangsszenarios standen; der Himmel über ihnen wirkte unendlich weit und war von feinen Wolken überzogen, die dramatisch orange und rosa gefärbt waren. Sie hätte gern länger hingesehen, aber Snapes schlechte Laune lenkte sie von der Schönheit der Landschaft ab. Er sah sich um, so als würde er jemanden suchen, und schien mit dem Ergebnis nicht zufrieden; er gab einen Laut des Unmuts von sich und begann wie ein Tiger im Käfig auf und ab zu gehen.
Dabei sah er nicht ein einziges Mal zu Hermine herüber. Sie wusste, dass er wütend auf sie war, und sie redete sich ein, dass sie nichts anderes erwartet hatte, und doch war sie enttäuscht von seinem Verhalten. Verdammt, er tat ja, als wäre sie gar nicht da! Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihre Frustration wuchs. Kein Zauberstab, keine Ahnung, was der Mann von ihr wollte, kein freundlicher Blick von ihm, nichtmal ein neutraler Blick, nichts.
„Dieser impertinente Bengel kommt zu spät!", fluchte er.
Meine Güte, jetzt muss er sich schon wieder über irgendetwas aufregen.
Sein Zorn färbte zunehmend auf sie ab.
„Ich weiß nicht, von wem Sie reden", platzte sie heraus, „aber vielleicht sind wir ja auch zu früh. Wir sind gerannt, als wäre eine Armada von Dementoren hinter uns her!"
Scheiße! Warum kann ich nicht die Klappe halten?
Einen Augenblick lang schien Snape wie erstarrt; dann drehte er sich langsam zu ihr um.
„Miss Granger ..." Sein eisiger Tonfall stand in merkwürdigem Widerspruch zu seinem wütenden Blick. „Ich sehe ja, dass Sie meinen, zu jedem Thema dieser Welt etwas zu sagen zu haben. Aber vielleicht, eventuell hätten Sie die Güte sich in meiner Gegenwart zu beherrschen und Ihr dummes Mundwerk zu halten."
Hermine blinzelte. Sie versuchte sich an einer Maske der Gleichgültigkeit, aber der Versuch misslang kolossal. Sie wandte den Blick ab; so entging ihr, dass Snape kurz die Augen schloss und den Kopf sinken ließ, um sie dann mit einem völlig veränderten Gesichtsausdruck anzusehen.
Warum, dachte sie und starrte auf ihre Schuhe, war er nur so gut darin sie zu verletzen? Es war doch eigentlich ein so billiger Schachzug, sie als dumm zu bezeichnen. Warum konnte sie jetzt nicht einfach die Schultern zucken und ihm den Rücken zuwenden?
Weil es ihr nicht gleichgültig war, dachte sie. Es war ganz einfach. Und es würde ihr niemals gelingen so zu tun, als ob er ihr gleichgültig wäre. Niemals.
Und in diesem Moment beschloss sie, damit aufzuhören ihm etwas vormachen zu wollen. Und zwar endgültig.
Leg die Karten auf den Tisch. Wenn es eine Disziplin gibt, in der du ihn schlagen kannst, dann ist es das Reden über Gefühle.
„Professor ..."
Sie sah an ihm vorbei, während sie anfing zu reden; das war einfacher.
„Lassen Sie uns damit aufhören. Bitte. Ich kann ... ich kann es nicht mehr ertragen. Diese ganzen Beschuldigungen, dieser ewige Streit. Ich ... es ist einfach zuviel für mich. Ich möchte, dass dieser Tag zuende geht, er war so schwierig für uns beide ... Ich möchte keine gegenseitigen Beschuldigungen mehr und auch keine Beleidigungen."
Er unterbrach sie nicht; warum auch immer er sie reden ließ, es war hilfreich. Sie schluckte und sammelte Kraft für ihre nächsten Worte.
„Wissen Sie, ich habe schon mit Menschen zu tun gehabt, die mich schlimmer beleidigt haben als Sie. Seltsamerweise hat es mir bei diesen Menschen nichts ausgemacht. Bei Ihnen ist das anders. Es macht mir jedes Mal etwas aus. Es tut weh. Und jetzt ..." - sie atmete tief durch - „... jetzt tut es mir sogar noch mehr weh als früher. Sie haben die Macht mir wehzutun, verstehen Sie das? Ich habe so oft gedacht, dass ... dass Sie nicht wissen, was genau Sie da anrichten, wenn Sie mich beleidigen. Und ich bin nicht sicher, ob es etwas ändert, wenn Sie es jetzt wissen. Ob es etwas für Sie ändert. Aber zumindest werde ich ab jetzt wissen, dass Sie mich absichtlich verletzen. Und vielleicht ... vielleicht ist das ja gar nicht das, was Sie wollen."
Es gab während dieses Monologs keinen Augenblick, in dem sie ins Stocken geriet – es war, als hätte sie lange dafür geübt. Aber nach dem letzten Satz verlor sie den Faden und brach unvermittelt ab.
So, jetzt kannst du deine höhnische Kommentarbombe auf mich abwerfen. Fang schon an ... lass mich nicht so lange warten.
Nach einer Weile hob sie den Blick, nur um festzustellen, dass Snape sie nicht ansah. Er stand ein paar Meter von ihr entfernt, an eine der Steinmauern gelehnt und hielt mit seinen Händen seine Oberarme umgriffen, als sei ihm kalt. Den Kopf hatte er so weit gesenkt, dass seine schwarzen Haare sein Gesicht fast völlig verdeckten.
Sie unterdrückte den Impuls erneut den Mund aufzumachen. Er war am Zug. Und was tat er? Gar nichts. Es fühlte sich gar nicht mehr so an, als sei das Reden eine gute Idee gewesen ... Ihre Worte hingen in der Luft, sie konnte sie nicht zurücknehmen und nicht relativieren. Sein Schweigen machte sie fast wahnsinnig. Verdammt, er sollte endlich etwas sagen.
Irgendetwas.
Nach einer halben Ewigkeit hob Snape den Kopf. Es war wohl nur der Bruchteil einer Sekunde, in denen sie dachte, sie könne in seinem Blick so etwas wie Trauer lesen.
„Es ist mir -" begann er, brach aber gleich wieder ab. Dann zog sich sein Gesicht zu, und sie konnte regelrecht sehen, wie er sich verschloss. Er schüttelte sacht den Kopf und schloss die Augen.
„Ich kann nicht", flüsterte er und legte den Kopf ein wenig schief. Er sah so verletzlich und in sich zurückgezogen aus, dass es in Hermines Brust eng wurde.
„Was können Sie nicht?", fragte sie leise. Himmel und Hölle, sie hatte keine Ahnung, wovon der Mann redete.
Ein erneutes Kopfschütteln war die einzige Erwiderung. Und als er die Augen öffnete und ihre Blicke sich wieder trafen, wusste Hermine, dass er ihr keine Antwort geben würde. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich von der Wahrheit abzuschotten, die hinter Hermines Worten stand.
Dies, spürte sie plötzlich, war ein seltener Moment der Klarheit. Alle Anspannung der letzten Stunden war in diesem Augenblick wie weggeblasen, und es war, als würde sie Snape zum ersten Mal wirklich sehen. Und sie sah einen Mann, der mit Gefühlen schlicht und ergreifend überfordert war; einen spröden, wortkargen, übellaunigen Mann, der Menschen verletzte und von sich stieß, weil er Angst hatte, dass jemand ihm zuvorkommen und dasselbe mit ihm tun könnte.
Wie einfach doch die Wahrheit manchmal war.
Schwarze Augen voller schlecht versteckter Gefühle. Voller Trauer, voller Furcht. Die Chancen, an diesen Mann wirklich heranzukommen, waren in etwa so verschwindend gering wie eine Drachenmutter ohne Betäubung zu melken.
Aber zu diesem Moment der Klarheit gehörte auch die unumstößliche Gewissheit, dass Snape ihrem kurzen Monolog sehr genau zugehört hatte. Ihre Worte hatten ihn erreicht – sie waren wie Samenkörner, um die sie sich würde kümmern müssen. Und irgendwer musste ihm doch seine Angst nehmen, oder?
Du wirst schon sehen, wie stur ich sein kann.
Snapes Gesichtsausdruck verfinsterte sich ein wenig, und sie bemerkte erst jetzt, dass sie ihn anlächelte. Das war so typisch. Ein Lächeln, und der Mann denkt, man macht sich über ihn lustig. Sie schüttelte den Kopf und machte einen impulsiven Schritt auf ihn zu.
Aber dies schien der Tag der Unterbrechungen zu sein; eine vertraute schnarrende Stimme ließ Snape und Hermine herumfahren.
„Ähm, Professor ... Hier bin ich."
Ungläubig blickte Hermine in die hellen Augen von Draco Malfoy.
t.b.c.
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