Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 24
Sie stand da und schoss giftige Blicke auf Malfoy ab. Was machte der denn hier?
Er stand ein paar Meter von ihnen entfernt im Halbdunkel und strich sich nervös die Haare aus dem Gesicht. Es war eine ungewohnt unsichere Geste für diesen Jungen. Snape straffte die Schultern, versuchte offenbar zum wiederholten Male sich zusammenzureißen und nickte dem blonden Slytherin kühl zu. Er schien ihn erwartet zu haben.
Warum auch immer.
Immerhin, stellte Hermine fest, war es Malfoy gelungen sein auffälligstes Problem zu lösen – er hatte sein ursprüngliches Geschlecht wiedererlangt. Kein Rock, keine langen Locken. Eigentlich schade, fand sie. Die Unmöglichkeit herauszufinden, was mit Malfoy passiert war, frustrierte sie; sie konnte es einfach nicht haben, wenn es ihr nicht möglich war, ein Rätsel zu lösen. Darüber hinaus führte der Gedanke an Malfoys interessante Rundungen und seine dämliche Quietschstimme in ihrem Innern zu merkwürdigen Zuckungen. Vorsorglich biss sie sich auf ihre Unterlippe, um bei der Erinnerung an dieses groteske Bild nicht in Gelächter auszubrechen.
„Was glotzt du mich so dämlich an, Granger?", fauchte der blonde Junge und fegte damit den größten Teil von Hermines Entschluss sich zu beherrschen aus ihrem Hirn.
„Halt die Klappe, Schätzchen", erwiderte sie.
Ein wenig irritiert registrierte sie den höhnischen Klang ihrer Worte und verspürte tiefe Befriedigung, als Malfoy bei ihren Worten sichtlich zusammenfuhr. Snape wandte sich mit einer raschen Bewegung von ihr ab – aber nicht schnell genug, sie hatte bemerkt, wie seine Mundwinkel zuckten.
Ihr wurde irgendwie ganz warm im Innern.
Er sagte nichts, sondern machte nur eine Handbewegung, die so etwas wie Los geht's signalisierte – und im nächsten Moment lief er schon zehn Meter voraus. Aber wohin zum Teufel wollte er denn?
Wir laufen vom Schloss weg. Was soll das? Der Schnee liegt meterhoch, und ich habe nur meine Hausschuhe an!
Malfoy lief Snape ohne zu fragen hinterher. Vielleicht kam da einfach die angeborene Folgsamkeit der Slytherins zum Ausdruck. In diesem Fall fehlte Hermine wohl das entsprechende Folgsamkeits-Gen – nach wenigen Metern hatte sie Schnee in ihren Schuhen und stoppte abrupt, woraufhin auch Snape und Draco anhielten.
„Miss Granger", rief Snape, „Sie kommen jetzt unverzüglich ..."
Mitten im Satz brach er ab. Sein zorniges Funkeln wich einem Blick, den sie nicht definieren konnte; er seufzte leise und holte seinen Zauberstab hervor. Sie hatte keine Zeit in Deckung zu gehen; er zielte mit dem Stab auf sie und murmelte irgendetwas, das sie nicht verstand.
Im nächsten Moment war sie mit schweren gefütterten Stiefeln und einem Winterumhang bekleidet.
Snape bedachte sie mit einem spöttischen Blick, und sie wappnete sich für eine beißende Bemerkung; aber er drehte sich ohne ein weiteres Wort um und lief weiter.
Ich bin so froh, dass ich eben ehrlich zu ihm war. Vielleicht wird sich sein Verhalten mir gegenüber wirklich verändern. Ganz allmählich. Wer weiß?
Sie hatte nicht viel Zeit sich darüber zu freuen, denn Malfoy näherte sich ihr mit hämischem Gesichtsausdruck.
„Zu dumm, Granger", flüsterte er, „dass dir das nicht selbst eingefallen ist. Du bist doch so eine Leuchte in Verwandlungen, oder? Sind dir deine Fähigkeiten abhanden gekommen?"
„Redest du mit jemandem?", erwiderte Hermine ebenso leise. „Zähl lieber deine Fluchnarben, Malfoy."
Diesmal ließ er sich von ihrem verächtlichen Tonfall nicht ins Bockshorn jagen. Im Gegenteil, er grinste über das ganze Gesicht.
„Hab schon davon gehört", fuhr er im leisen Plauderton fort. „Muggelgeborene, die plötzlich ihre magischen Fähigkeiten verlieren. Soll vorkommen. Muss schrecklich sein. Was macht man eigentlich, wenn das nicht wieder weggeht?"
Versucht dieses kleine Frettchen neuerdings komisch zu sein!
„Halt endlich den Rand, sonst garantiere ich für nichts mehr!"
Malfoy quittierte ihre Drohung mit einem abschätzigen Grinsen, das ihr wirklich Lust machte, ihre Fingernägel über sein Gesicht zu ziehen.
Wenn ich erst wieder einen Zauberstab habe, werde ich meine magischen Fähigkeiten an deinem dämlichen Gesicht testen!
Während der nächsten fünfhundert Meter folgte sie Snape und Malfoy in einigem Abstand und murmelte Verwünschungen vor sich hin. Hätte sie sich doch mehr mit zauberstabloser Magie beschäftigt, fluchte sie innerlich. Und wäre sie doch heute nur ein wenig schlagfertiger. Wäre, hätte, könnte, sollte ... Ach, wann ging dieser Tag nur endlich zuende ...
„Hey, Granger."
Es war dieses spezielle Malfoysche Flüstern, das sie zusammenfahren ließ.
„Wohin willst du? Hier geht's lang. Sind wir ein wenig in Gedanken, hmm?"
Draco Malfoy zupfte leicht an ihrem Umhang und grinste unverschämt. Hermine hätte jetzt wirklich gern eine unumkehrbare Geschlechtsumwandlung an ihm durchgeführt, aber abgesehen von der aktuellen Unmöglichkeit dieses Vorhaben umzusetzen bemerkte sie, dass ihre Grübeleien sie tatsächlich ein wenig vom Weg abgebracht hatten – sie war kurz davor gewesen in einen Scheehaufen hineinzurennen. Trotzdem, seit wann fasste dieser kleine Stinker sie an?
„Flossen weg", knurrte sie.
Es schien ihr, als zuckte er kurz zurück; aber dann erschien wieder der bekannte überhebliche Gesichtsausdruck, und er hob gelangweilt die Schultern.
„Renn von mir aus, wohin du willst. Ist ja nicht mein Problem."
Snape ging weit voraus; sie hatten bisher so leise geredet, dass er sie offenbar gar nicht bemerkt hatte. Hermine musterte Malfoy angriffslustig von der Seite, während sie mit ihm gemeinsam aufholte.
„Allerdings!", zischte sie leise in seine Richtung. „Ich bin sogar ganz sicher, dass keins meiner Probleme dich auch nur das Geringste angeht. Und übrigens ..." – sie versuchte beiläufig zu klingen – „mir kam zu Ohren, dass du Neville verflucht hast. Dafür wirst du noch bezahlen, das versichere ich dir."
Sie fand es sehr befriedigend, mit welcher Geschwindigkeit Malfoys Kopf herumschnellte. Weniger zufriedenstellend war allerdings sein Gesichtsausdruck; Hermine vermisste die gewohnte Malfoysche Grimasse, die während einer Auseinandersetzung irgendwo zwischen Wut und Selbstgefälligkeit lag. Stattdessen sah er sie ehrlich erstaunt und ein bisschen erschrocken an. Dann schielte er zu seinem Hauslehrer herüber, der nach wie vor nicht auf die beiden zu achten schien. Irritiert sah Hermine, wie Malfoy den Abstand zwischen ihnen verringerte, um so leise wie möglich mit ihr sprechen zu können.
„Das war jetzt ein Scherz, oder?"
Was war denn mit dem los? Schwankend zwischen Verwirrung und Wut, betrachtete sie ihn mit offenem Mund.
„Ich muss dich enttäuschen, Malfoy", sagte sie kalt. „Da kennst du meinen Humor schlecht. Meistens mache ich keine Scherze, wenn ein Freund von mir mit dem Imperius belegt wird!"
Malfoy zuckte leicht zusammen und schnitt eine wütende Grimasse, die ihr offenbar bedeuten sollte, leiser zu reden. Snape hatte sich immer noch nicht umgedreht und war inzwischen an die zwanzig Meter von ihnen entfernt.
„Verdammt, Granger!", zischte er. „Ich weiß nicht, welches Problem du gerade hast, aber sei leise! Ich brauche keinen Stress mit Snape!"
„Den hast du schon", erwiderte sie frostig und beließ es bei dieser Andeutung; sie reichte, um Malfoy erbleichen zu lassen. Ja, diese Reaktion war sehr zufriedenstellend.
„Hast du nicht mehr alle?", flüsterte er. „Du hast es ihm doch nicht etwa gesagt? Ich habe wegen dieser ganzen Sache schon genug Schwierigkeiten!"
Irgendetwas stimmte hier nicht. Nein, da stimmte etwas ganz und gar nicht. Sie hatte nur leider keine Ahnung, was es war.
„Sag mal", sagte sie sehr langsam und betonte jedes Wort, „habe ich das gerade richtig gehört? Du hast Schwierigkeiten wegen dieser Sache? Ist der letzte Rest Gehirn in deinem Kopf verschimmelt? Wir reden hier über einen Unverzeihlichen, du Irrer."
Ungeachtet der Schärfe von Hermines Worten wurde Malfoy plötzlich sehr ruhig. Er sah sie mit einem Gesichtsausdruck an, der ihr überhaupt nicht gefiel.
„Du ... du weißt es überhaupt nicht, oder?"
Er richtete die Frage eigentlich nicht an sie; es schien eher ein Selbstgespräch zu sein.
„WAS weiß ich nicht? Netter Versuch, Malfoy, aber versuch nicht das Thema zu wechseln!"
Oh Himmel ... da war es wieder, dieses Malfoysche Grinsen. Wissend, überheblich. Und diesmal sagte ihr ihre Intuition, dass es tatsächlich etwas gab, was er wusste und sie nicht.
„Ach, Granger. Sagen wir mal so, du bist nicht auf dem Laufenden. Vielleicht solltest du ein bisschen mehr Zeit mit deinen Freunden verbringen, bevor du darüber nachdenkst mich zu verpfeifen."
Sie blieb abrupt stehen. Das war ungeheuerlich. Sollte das etwa bedeuten, das Frettchen glaubte etwas von ihren Freunden zu wissen, was sie nicht wusste?
Die Angst, dass er Recht haben könnte, machte sie noch wütender.
„Vergiss es, Malfoy", keifte sie. „Du bist ein verlogener, widerlicher ..."
Kenn ich alles schon", fiel er ihr ins Wort. Dann griff er nach ihrem Arm und zog sie mit einer Kopfbewegung in Snapes Richtung weiter. „Komm endlich, lass uns -"
„LASS MICH LOS!", schrie sie und schüttelte seine Hand ab, als etwas Schwarzes in ihrem Blickwinkel auftauchte.
„Draco! Nimm sofort die Finger von ihr!"
Und da war auch schon der Mann zur Stimme, Auftritt: dunkler wütender Snape. Mit wenigen großen Schritten war er bei ihnen; offenbar hatte er sich fest vorgenommen Malfoy mit seinem Blick aufzuspießen.
„Was sollte das eben werden?", zischte Snape in die Richtung seines vormaligen Lieblingsschülers, der ihn irritiert anglotzte, und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Hermine bemerkte, dass er sich zwischen sie und Malfoy gestellt hatte, und ein wirres, warmes Gefühl durchströmte sie.
„Professor, ich habe nur ...", fing der Junge an, aber Snape unterbrach ihn.
„Ich will nichts hören", fauchte er. „Lass einfach die Hände von ihr!"
Malfoy war so verdattert, dass ihm seine übliche anbiedernde Haltung gegenüber Snape völlig abhanden kam; er starrte nur noch. Ihm schien ernsthaft unklar zu sein, ob der Mann da vor ihm wirklich das Oberhaupt von Slytherin war.
Hermine dagegen wurde von einer neuen Ladung von Schuldgefühlen überrollt. Ein Teil ihres Bewusstseins registrierte, dass Snape sie beschützen wollte, und sie spürte, dass sein Verhalten eindeutig etwas Besitzergreifendes an sich hatte. Das war – ach, das war wundervoll, wenn sie das richtig interpretierte, aber ... Aber sie wollte darüber gar nicht weiter nachdenken. Das hatte sie nicht zu interessieren, seine Gefühle gingen sie nichts an - er hätte ihr all diese Gefühle niemals freiwillig offenbart. Niemals.
Dieser ganze Tag hätte nicht stattfinden dürfen.
Dann wandte Snape sich Hermine zu. Er wollte wohl etwas sagen, aber dann sahen sie sich nur in die Augen; sie konnte sehen, wie angespannt Snape war und wie zerrissen zwischen Gefühlen, die sie nichts angingen.
Schnee ... Er hat Schneeflocken in den Haaren. Wie neulich im Wald ... damals ... gestern? Oh Götter. Es kommt mir vor, als wäre es Wochen her.
Hermine blinzelte; eine äußerst kalte Brise holte sie in die Gegenwart zurück. Als sie Snape wieder ansah, hatte er sich abgewandt und warf Malfoy einen recht zerstreuten Blick zu.
„Ich wünsche kein Handgemenge mehr, ist das klar? Ich möchte nichts hören. Keine weitere Verzögerung. Keine Gespräche."
Malfoy nickte mechanisch, und Snape schien mit diesem Hauch von Antwort zufrieden und ging wieder voraus.
Sie versuchte die Verwirrung zu genießen, mit der Malfoy Snapes Rücken betrachtete. Aber in ihrem Magen gärten ihre Schuldgefühle und Empfindungen, die sie sich selbst verbot, und dann noch die Wut auf Malfoy; da blieb für triumphale Gefühle kein Platz mehr.
'Vielleicht solltest du ein bisschen mehr Zeit mit deinen Freunden verbringen ...'
Sie gingen weiter, und es fiel ihr relativ leicht, sich von ihrem Zorn erneut überrollen zu lassen; der Vorteil war, dass sie dadurch nicht über Snape nachdenken musste. Wie konnte diese Ratte es nur wagen! Und der Blick, den er ihr eben zugeworfen hatte, war fast ein wenig ... mitleidig gewesen. Dieser Mistkerl.
Er will mich verwirren. Er redet Unsinn, da gibt es nichts, das ich wissen muss. Denk jetzt nicht darüber nach. Später. Ich werde es später klären, und dann wird das Frettchen gerupft, geteert und gefedert.
Hogsmeade, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Natürlich, wenn sie nicht so abgelenkt gewesen wäre, hätte sie es schon längst bemerkt - sie war mit Snape und Malfoy auf dem Weg ins Dorf. Sie hatte keine Ahnung warum, und sie hasste das Gefühl, die Einzige zu sein, die nicht wusste, was sie vorhatten. Allmählich begann ihr Magen ernsthaft zu revoltieren; die Dosis an unbeantworteten Fragen war in letzter Zeit einfach zu hoch.
Der Rest des Fußmarschs verlief in Schweigen. Vor einem kleinen Haus am Ortsrand blieben Snape und Malfoy schließlich stehen. Das Haus war eine merkwürdig grüne Insel inmitten der Schneelandschaft: Um das Bauwerk herum war offenbar ein Wärmezauber gelegt worden, jedenfalls lag auf dem gesamten Grundstück keine einzige Schneeflocke; stattdessen hatten sich einiges an Gras und Wildkräutern auf dem Boden ausgebreitet, so weit das Klima der Umgebung ihr Wachstum zuließ.
Hermine runzelte die Stirn; sie hatte ein ungutes Gefühl, ohne benennen zu können, warum das so war. Sie wäre lieber weggegangen. Das Haus selbst war baufällig, und das Grundstück wurde von einem niedrigen Holzzaun umgrenzt, der dabei war zu vergammeln. Kurz, hier wohnte schon lange niemand mehr. Aber Snape hatte nichts Besseres zu tun, als die kleine Pforte zu entriegeln, von der ein schnurgerader, von mickrigen Brennesseln flankierter Weg direkt zum Hauseingang wies. Er und Malfoy liefen auf die massiv wirkende Tür zu – und Hermine entging nicht, dass ihr Mitschüler Snape plötzlich wie selbstverständlich überholte. Malfoy erreichte als erster die Tür, und ein metallener Gegenstand blitzte in seiner Hand.
Ein Schlüssel. MALFOY hat den Schlüssel für dieses Höllenloch, und ich soll da rein?
Hermine beschloss keinen Schritt weiter zu gehen.
Snape wandte sich fast gleichzeitig zu ihr hin und warf ihr einen warnenden Blick zu. Der Mann musste irgendwo im Rückenbereich Augen haben, dachte sie. Sein dunkler Blick besagte eindeutig: Mach jetzt keinen Ärger. Dennoch blieb sie vor der Holzpforte stehen und rührte sich nicht mehr.
Sie konnte aus der Entfernung von etwa zehn Metern hören, wie Malfoy knirschend einen rostigen Schlüssel in einem sehr selten benutzten Schloss umdrehte. Derweil verlangsamte Snape seinen Schritt, blieb schließlich stehen und schien tief durchzuatmen, denn sie konnte sehen, wie seine Schultern sich hoben und senkten.
„Miss Granger?", sagte er bemüht ruhig.
„Da gehe ich nicht rein!", knirschte sie in seine Richtung. „Ich habe keine Ahnung, was ich hier soll!"
Die Tür öffnete sich mit einem schmerzhaften Quietschen. Malfoy hatte schon einen Schritt in der Tür, während Hermine sprach; er hielt inne und drehte sich dann in Snapes Richtung, um ihn fragend anzusehen. Der wiederum wandte sich Hermine zu.
Einen Bruchteil einer Sekunde wirkte Snape gar nicht nicht ärgerlich, sondern zog vielmehr ein resigniert-belustigtes Gesicht. Aber vielleicht hatte sie sich auch getäuscht; sie interpretierte in sein Gesicht heute sowieso dauernd etwas hinein.
„Wenn Sie so weiter machen, verzögern Sie das Ganze nur unnötig", sagte er, immer noch ruhig.
„Ich gehe NICHT WEITER!"
Snape betrachtete sie eine Weile schweigend, dann seufzte er und winkte Malfoy zu sich, der von der offenen Tür wegging und zu seinem Hauslehrer trat. Sie sprachen leise miteinander, Hermine verstand kein Wort; Malfoy nickte jedenfalls und entfernte sich ein paar Meter von Snape und ihr. Er blieb an einem Hauseingang stehen und fummelte in seinen Taschen herum.
„So, Miss Granger", sagte Snape leise, „und was nun?"
Sie ärgerte sich über diese Frage.
„Was nun? Ja, Professor, woher soll ICH das denn wissen? Ich weiß doch überhaupt nichts! Gar nichts! Ich bin die letzte, die erfährt, worum es irgendwo geht!"
Ich schreie. Ich sollte nicht schreien.
Sein Gesicht verschloss sich.
„Mein herzliches Beileid", sagte er kalt. „Es mag für Sie sehr schmerzhaft sein zu begreifen, dass Sie nicht immer alles wissen und verstehen. Für mich ist es lediglich schmerzhaft hier weiterhin stehen und mit Ihnen reden zu müssen. Ich möchte diesen Tag so bald wie möglich beenden, und ich erwarte, dass SIE mir dabei nicht im Weg stehen."
Seine Worte waren wie Eis in ihrem Innern. Sie schluckte schwer und versuchte sich zu konzentrieren.
„Ich möchte einfach nur wissen, wohin wir gehen und was Sie vorhaben", sagte sie patzig.
Er schloss die Augen, strich sich über die Nasenwurzel und schwieg einige Sekunden. Dann begann er mit noch geschlossenen Augen zu sprechen.
„Wir werden jetzt dort hinein gehen und uns um Ihren Zauberstab kümmern."
Er öffnete die Augen wieder und sah sie direkt an.
„Falls diese Informationen vorerst ausreichend für Sie sein sollten, würde ich das jetzt gern hinter mich bringen."
Zauberstab. Wir kümmern uns um meinen Zauberstab! Warum um alles in der Welt hat er das denn nicht gleich gesagt?
Hermine war sprachlos. Sie schaffte es kaum zu nicken.
„Dann los", wies er sie an.
Wie betäubt stolperte sie hinter ihm her, den Weg entlang Richtung Tür. Malfoys halb spöttischen, halb irritierten Blick nahm sie kaum wahr; sie zitterte vor Anstrengung, erneute Fragen für sich zu behalten, die ihr durch den Kopf gingen. Sie versuchte diese Fragen zu unterdrücken, aber es ging nicht. Es ging NIE. Warum fiel es ihr nur so schwer, ihre Gedanken beiseite zu legen?
Was hat er vor? Warum hier, was hat Malfoy damit zu schaffen ... Und was muss ich dafür tun? Ich kann nicht mehr, ich kriege das nicht hin, ich bin mit den Nerven am Ende. Sollen sie da doch allein reingehen.
Der Tag schien einfach kein Ende zu nehmen. Und es war merkwürdig - je näher sie der Tür kam, desto mehr wollte sie weg. Unpassenderweise breitete sich gerade jetzt eine tiefe Verzweiflung in ihr aus, die durch kein sinnvolles Argument gelindert werden konnte; es war ein jämmerliches Gefühl, das ihre Augen feucht machte und sich mit dem Verstand nicht bekämpfen ließ. Vielleicht war das das Schlimmste daran. Hermine verspürte den übermächtigen Impuls, sich eine dunkle stille Ecke zu suchen und sich dort zu einer unauffälligen Kugel zusammen zu rollen. Sie hatte immer noch Schwierigkeiten diese Seite an sich zu akzeptieren; sie war immer das Mädchen gewesen, das irgendwie durch jede Katastrophe hindurchging wie über einen Jahrmarkt.
Aber damit war es vorbei, so schien es.
Malfoy ging durch die Tür. Snape folgte ihm; er wandte sich nicht mehr zu ihr um, und sie wusste, sie musste ebenfalls über diese Schwelle treten, dabei wollte sie doch nur umdrehen, damit niemand ihre feuchten Augen sah. Aber sie konnte sich nicht umdrehen, sie musste ... Sie konnte nicht ...
Ich muss. Ich brauche meinen Zauberstab.
Hastig lief sie hinter Snape und Malfoy her und betrat das Haus.
t.b.c.
