Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 27

„Dieser Zauberstab muss geheilt werden."

Madam Malfoys Stimme war sanft und klar; sie klang, als würde sie einer wesentlich jüngeren Frau gehören.

„Er wurde versehentlich zerbrochen" – in ihren Worten schwang feiner Spott mit – „und mit vereinten Kräften können wir seine Kraft wiederherstellen."

Sie nickte der verwirrten Hermine zu. „Der Zauberstab ist mit Hermine Granger verbunden. Stab des Lichtes und der Erkenntnis."

Hermine spürte, wie ihre Kinnlade herunterklappte; kurz darauf breitete sich ein glückliches, stolzes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Es war wirklich schwierig, dieses Lächeln unter Kontrolle zu halten. Sie hielt den Blick auf Madam Malfoy gerichtet und vermied es Snape anzusehen, sie wollte diesen Augenblick nicht zerstören, indem sie sich seinem Spott aussetzte.

Madam Malfoy streckte die Hand aus und legte Hermine eines der Holzteile in die offene Hand. Hermine nahm den zerbrochenen Stab unsicher entgegen; sie hatte keine Ahnung, rwas von ihr erwartet wurde, aber offenbar war das auch nicht notwendig.

„Der Stab wurde von Severus Snape beschädigt. Verbündeter der magischen Geschöpfe, Befreier der Halbwesen."

Hermine konnte sich jetzt nur mühsam davon abhalten, Snape wie ein Alien anzustarren. Snape ein Verbündeter magischer Geschöpfe? Das war doch absurd. Krampfhaft konzentrierte sie sich auf das Holzstück in ihrer Hand, das, seit Snape den anderen Teil des Stabes in der Hand hatte, ein unangenehmes Kribbeln auf ihrer Handfläche verursachte.

Madam Malfoy begann nun leise, komplizierte, melodische Zauberformeln zu rezitieren. Die Worte basierten nicht auf Englisch oder Latein, es erinnerte Hermine eher an schamanische Gesänge. Wenn sie nicht so durcheinander gewesen wäre, hätte sie sicher versucht sich den Laut der Worte zu merken, um später in der Schulbibliothek Nachforschungen anstellen zu können. So aber lauschte sie wie ein Kind der Melodie der Worte.

Schließlich beendete Madam Malfoy ihren Singsang und atmete mehrmals tief durch.

„Sie beide spüren jetzt die Macht des Stabes durch sich hindurchfließen", murmelte sie.

Nein, leider nicht, hätte Hermine fast gesagt, denn sie spürte lediglich, dass das Kribbeln immer unangenehmer wurde; aber vielleicht war dieses Kribbeln ja genau das, was Madam Malfoy meinte.

„Severus, jetzt nimm Miss Grangers freie Hand."

Hermines Hand begann ein wenig zu zittern; Snape rührte sich nicht.

Severus!", mahnte Madam Malfoy.

Mit einem Schnauben griff er nach Hermines Hand. Er umfasste sie unsanft; im selben Moment schoss ein Schmerz wie Gift durch Hermine hindurch und zugleich war es, als hätte sie jemand emotional angegriffen. Sie keuchte unwillkürlich auf und hätte sich fast Snapes Hand entzogen.

Madam Malfoy hielt inne; ihre Augen waren auf den braunen Stein vor ihnen gerichtet. Hermine bemerkte erst jetzt, dass der Stein leicht zu schimmern begonnen hatte. Das war offenbar kein gutes Zeichen, denn Madam Malfoy wandte sich stirnrunzelnd Snape zu und und sah ihn abwartend an. Aber Snape schien nicht bereit aufzugeben. Er umklammerte Hermines Hand noch fester und gab der alten Frau einen herausfordernden, arroganten Blick zurück.

Über Madam Malfoys Gesicht schien ein trauriges Lächeln zu huschen, bevor sie fortfuhr. Der Druck von Snapes kühler Hand war inzwischen schmerzhaft, aber Hermine wollte sich keine Blöße geben; anstatt sich zu beschweren, erwiderte sie den Druck, und ein Gefühl von Verzweiflung und Hilflosigkeit breitete sich in ihr aus.

Und so saßen sie da, völlig verspannt und mit ineinander verkrampften Händen, einen stummen Kampf austragend, während erneut Beschwörungsformeln gemurmelt wurden.

Hermines Intuition war in diesem Moment sehr aktiv und sandte ihrem rationalen Selbst eindeutige Signale – sie sagte ihr, dass dies hier aufhören sollte, und zwar jetzt; dass sie Snapes Hand loslassen sollte und es besser wäre, das alles ein andernmal durchzuführen. Oder besser gar nicht.

Aber sie war nicht imstande diese Entscheidung allein zu treffen. Also lauschte sie wider besseren Wissens den melodischen, unverständlichen Worten, während das Kribbeln, das der Stab auszusenden schien, zunehmend unerträglich wurde. Hermine hätte gern gewusst, ob Snape dasselbe spürte, aber sie wagte ja nicht einmal ihn anzusehen.

„Heben Sie beide jetzt die Teile des Stabes hoch", wies Madam Malfoy Hermine und Snape schließlich an, „und halten Sie sie gegeneinander, so dass sich die Bruchstellen berühren." Sie atmete tief durch, und Hermine und Snape strafften unbewusst ihre Schultern, hoben ihre Blicke und starrten einander unversöhnlich an.

„Jetzt", sagte Madam Malfoy.

In beiden Bewegungen war ein kurzes Zögern, bevor Snape und Hermine die Holzteile zueinander führten.

KRACH!

Mit einem ohrenbetäubenden Lärm flogen ihnen die gebrochenen Teile des Zauberstabes aus den Händen. Der Krach ging einher mit einem qualvollen reißenden Schmerz, der sich wie ein Stromstoß anfühlte, begleitet von einem Ansturm negativer Gefühle, die Hermine bis ins Mark trafen.

Wut, Angst, Verzweiflung. Und noch mehr Wut.

Hermine begann am ganzen Körper zu zittern. Und noch immer war da die Verbindung ihrer Hände. Sie hatten einander so krampfhaft an den Händen gehalten, dass sie sich bei der Erfahrung dieses heftigen Schmerzes unbewusst noch mehr ineinander verkrallten, anstatt einfach loszulassen. Und plötzlich war etwas da – eine Verbindung, ein Kommunikationsweg zwischen den Körpern, zwischen den Herzen.

Wut, so viel Wut.

Sie spürte es. Es waren seine Gefühle, und sie richteten sich direkt gegen sie. Ein elendes Gefühl machte sich in ihr breit, und in ihrem Hals wurde es schmerzhaft eng. Er war so wütend auf sie, dass es körperlich weh tat, und obwohl die Verbindung nur wenige Sekunden andauerte, schien sie eine Ewigkeit zu dauern, und in dieser Ewigkeit wurde Hermine mit all den negativen Gefühlen gefüttert, die Snape ihr gegenüber zu bieten hatte.

Dann spürte sie ein seltsames Ziehen, und die Gefühle begannen zu schwinden ... Sie öffnete die Augen und schloss sie instinktiv wieder; der braune Stein leuchtete inzwischen so hell, dass es in den Augen weh tat. Als sie die Augen erneut öffnete, sah sie erschrocken zu, wie eine Art Nebel aus ihrem Körper herausfuhr. Er sah aus wie ungesunder, dreckiger, bedrohlicher Rauch, und Hermine wusste instinktiv, dass dies Snapes Wut auf sie war. Materialisierte Emotion. Der Rauch verdichtete sich vor ihren Augen und schwebte kurzzeitig zwischen Snape und ihr hin- und her.

Schließlich begann der Rauch mit einem leisen Grollen in den leuchtenden Stein einzudringen. Aber irgendetwas schien schiefzugehen; es blitzte heftig, und der Rauch kehrte aus dem Stein zurück und fuhr in Snape hinein wie böser grauer Geist.

Ja, nimm deine Wut zurück, ich will sie nicht –

Er atmete schwer und drückte Hermines Hand so heftig, dass es sich anfühlte, als würden ihre Finger brechen.

Dann war es vorbei. Die Gefühle waren fort. Hermine riss hastig ihre Hand aus seiner und ließ sich so weit in den Stuhl zurückfallen wie irgend möglich, um einen maximalen Abstand zu Snape herzustellen. Sie wollte ihn ansehen, um sicherzustellen, dass er in Ordnung war; stattdessen ließ sie den Kopf sinken und benutzte ihre langen Haare als Vorhang, so lange sie sich im Gesicht herumwischte, um ein paar verirrte Tränen zum Verschwinden zu bringen.

Das kann nicht alles sein, was er fühlt. Für mich. Das kann nicht sein, bitte lass es nicht wahr sein.

Als sie schließlich wieder hochsah, saß Snape mit gesenktem Kopf da; sein strähniges schwarzes Haar fiel ihm ins Gesicht. Dann sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie forschte in seinen schwarzen Augen nach der Wut, die sie von ihm empfangen hatte, aber sie fand keine, nur Müdigkeit und Leere.

Er hat mich vorhin noch berührt, er hat mich gehalten, es kann nicht nur Wut sein ...

Als sie den Blick von ihm abwandte, sah sie erst, dass der Stein sich verändert hatte. Das Leuchten war verschwunden, auch die Brauntöne waren blasser geworden, und einige Schichten des Steines hatten sich grau verfärbt.

„Nun", hörte sie Madam Malfoy schließlich ruhig sagen. „Ich gewinne nicht den Eindruck, dass wir erfolgreich waren."

Hermine und Snape zogen gleichzeitig eine Grimasse.

„Es funktioniert so nicht", sprach sie weiter. „Ich habe es dir gesagt, Severus. " Es war ein milder Vorwurf in ihrer Stimme. „Dieser Stab wurde absichtlich zerbrochen. Du warst wütend, als du es getan hast. Und du hast all diese Wut noch in dir. Wenn du nicht so starrsinnig wärst, hätte dieser Stein dir jetzt viel Kummer abnehmen können."

Sie schien keine Antwort zu erwarten. Mit einer resoluten Bewegung schnappte sie sich ihren Zauberstab und verschloss die Truhe. Sofort huschte ein Hauself herbei und räumte die Truhe mitsam dem Stein fort.

„Madam Malfoy", schaffte Hermine zu flüstern, „was ... was für ein Stein ist das?"

Ihre Gastgeberin wandte sich ihr zu. „Das ist ein Achat", antwortete sie bereitwillig. Sie lächelte, als sie sah, dass Hermines Augen zu leuchten begannen. „Sie haben schon davon gehört?"

Hermine nickte. „Es ist ein Quarzaggregat", zitierte sie aus dem Gedächtnis ihre Mutter. Es tat ihr gut, Wissen wiedergeben zu können; es verdrängte den Schmerz, den sie in ihrer Brust spürte. „Er wurde früher als Schutzstein verwendet gegen ..." – sie zögerte und warf Snape einen Seitenblick zu – „gegen Schlangenbisse und zum Schutz vor bösen Geistern."

Madam Malfoy zog die Augenbrauen hoch. „Was wissen Sie sonst noch über magische Steine?"

Hermine blickte zu Boden.

„Eigentlich nichts", gab sie zu. „Meine Eltern sind fasziniert von ihnen. Es gibt in der nichtmagischen Welt viele Leute, die solche Steine sammeln. – Ich bin muggelgeboren", fügte sie hinzu.

Die alte Dame lächelte ein sehr feines Lächeln. „Das Wissen von Muggeln über diese Steine ist recht ... oberflächlich, fürchte ich."

Sie gab sich offensichtlich Mühe, ihren Gast nicht zu beleidigen. Hermine wurde trotzdem ein wenig rot, und ihr war nicht ganz klar, ob sie sich ihrer Herkunft schämte oder sich über die Überheblichkeit der Magier ärgerte.

„Haben wir den Achat jetzt zerstört?", fragte sie leise.

„Aber nein", erwiderte Madam Malfoy leichthin. „Er ist nur ein wenig ... verschmutzt. Ich verwende Achate in Reinigungsritualen; sie können negative Energien absorbieren, aber danach müssen sie selbst gereinigt werden. Glauben Sie mir", fuhr sie fort, „er könnte ganz anders aussehen. Wenn Severus es zugelassen hätte, hätte der Achat ihm seine Wut abgenommen, aber dazu hätte er erst einmal loslassen müssen."

Sie sprach davon in einem Plauderton, als wäre das alles nichts Besonderes. Hermine sah sorgfältig an Snape vorbei; er musste es hassen, dass die alte Dame in Hermines Gegenwart so über ihn sprach.

Hermine lenkte sich von diesem Problem an, indem sie ihre nächste Frage stellte. „Habe ich auch ... negative Energien ausgesandt?"

Madam Malfoy schüttelte den Kopf. „Nein. Das heißt nicht", ergänzte sie lächelnd, „dass Sie keine negative Energie in sich tragen. Übrigens bedeutet es auch nicht, dass Severus keine angenehmen Gefühle in sich trägt." Sie lächelte Snape an, der angesichts dieser Vertraulichkeiten ein saures Gesicht zog. „Es ist einfach so", fuhr Madam Malfoy fort, „dass andere Energien hier nicht freigesetzt wurden. Verstehen Sie, was Sie eben wahrgenommen haben, war genau die Energie, die zum Zerbrechen Ihres Zauberstabes geführt hat."

Es waren also nicht seine einzigen Gefühle für mich.

Sie spürte, wie Erleichterung sie durchströmte.

Madam Malfoy seufzte leise. „Üblicherweise nehmen die Achate die negativen Energien direkt von denen auf, die sie aussenden. Leider sind Sie diesmal dazwischen geraten."

Ihr Blick wurde ernst.

„Es tut mir Leid, Miss Granger. Ich weiß, dass es weh getan hat."

Hermine wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht, hielt dem Blick ihrer Gastgeberin stand und nickte knapp.

Von Snape war ein leises Schnauben zu hören.

„Möchtest du etwas sagen, Severus?" Der Tonfall der alten Dame war erstaunlich scharf.

Nein!", fauchte Snape und verschränkte die Arme defensiv vor seiner Brust.

„Oh Severus", sagte Madam Malfoy langsam. „Ich kenne dich nun schon so lange. Es schmerzt mich das zu sagen, aber es mangelt dir an Mitgefühl. Das war schon immer so, und es hat sich leider nicht geändert."

Snape ließ nur erneut ein Schnauben hören; er antwortete nicht.

Hermine spürte, wie sich in ihr eine Art Schutzinstinkt meldete. Es mochte unangebracht sein, aber fast hätte sie Snape gegen ihre Gastgeberin verteidigt. Mitgefühl ... Wie sollte er das denn zeigen, wenn er so verschlossen war? Es war so offensichtlich, dass ihn Situationen wie diese überforderten. Er kam mit Gefühlen einfach nicht zurecht.

„Ich denke", hörte sie Madam Malfoy langsam sagen, „es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Reinigungsritual mit dir durchzuführen."

NEIN!"

Es war erstaunlich, wie schnell Leben in Snape kam.

„Das kommt nicht in Frage", wütete er. „Dazu bin ich nicht hierher gekommen!"

„Aber es funktioniert so nicht, du hast es gesehen", entgegnete Madam Malfoy seelenruhig.

Snape fuhr sich verzweifelt durch die Haare. „Madam Malfoy, bitte ... Es wird so funktionieren müssen. Verstehen Sie? Es gibt keine Alternative. Ich werde das ... das Reinigungsritual nicht durchführen."

„Ich muss zugeben, dass ich dich nicht verstehe", sagte die alte Dame leise. „Es ist ein Ritual, das dich heilt. Du gibst keinen kostbaren Bestandteil von dir ab, nur negative Energie, die dich ohnehin krank macht. Es ist gut für dich. Es hat dir bereits einmal sehr gut getan. Warum hast du solche Angst davor, Severus?"

Ja, das wüsste ich allerdings auch gern.

Snape schüttelte schweigend den Kopf und schlang seine Arme abwehrend um seinen Oberkörper.

„Dann kann ich die Kraft dieses Stabes nicht wiederherstellen", sagte Madam Malfoy ruhig.

„Wir könnten es noch einmal versuchen", presste Snape zwischen den Zähnen hervor.

Madam Malfoy betrachtete ihn ungläubig. „Und Miss Granger noch einmal diesen Gefühlen aussetzen? Machst du Witze?"

Sehe ich so aus?", fauchte er.

„Nein, leider nicht!" Der Tonfall ihrer Gastgeberin wurde schärfer. „Das ist das Problem, Severus! Du willst das hier nicht für Miss Granger tun. Du willst ihr nicht helfen, indem du diesen Stab heilen lässt. Warum bist du eigentlich hier?", forderte sie ihn heraus.

In dem Moment verlor Snape sichtlich die Nerven; er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass es knallte. Hermine zuckte zusammen, aber die alte Frau neben ihr bewegte nicht einmal eine Wimper.

„ICH HABE VORSÄTZLICH DEN ZAUBERSTAB EINER SCHÜLERIN ZERTRÜMMERT!", schrie er. „Wenn das herauskommt, was mache ich dann? Der Direktor wird mir eine Ganzkörperklammer verpassen und mich dem Ministerium übergeben! Das war's dann mit meiner Karriere als Zaubertränkemeister! Der Zauberstab muss repariert werden", schloss er erschöpft. „Und zwar umgehend."

Hermine hörte ihm mit offenem Mund zu. Er hatte es zugegeben, endlich. Das tat gut. Zugleich ärgerte sie sich über sich selbst; warum tat es ihr weh, dass er aus egoistischen Motiven mit ihr hierher gekommen war? Sie hätte es wissen müssen. Und dann war da wieder dieses Mitgefühl für ihn, gemischt mit einem sehr angemessenen schlechten Gewissen; er war so durcheinander, und ihm fehlte immer noch die Selbstkontrolle, die ihn sonst auszeichnete.

Es war alles beim Alten, dachte sie bitter: Ein Teil von ihr wollte ihn schlagen, ein Teil von ihr wollte ihn umarmen.

Madam Malfoy seufzte leise. „Das alles ist sehr untypisch für dich. Und zwar beides, dass du hier herumtobst und dass du den Zauberstab einer deiner Schüler zerbrichst. Stimmst du mir zu?"

Snape hob in einer Mischung aus Abwehr und Kapitulation die Hände, nickte aber.

Sie richtete sich in ihrem Sessel auf und schien eine Entscheidung zu treffen.

„Ihr beide werdet jetzt nach Hogwarts zurückkehren. Ich weiß nicht, welche Probleme ihr beide habt. Aus meiner Perspektive ist das auch gleichgültig. Negative Energie hat diesen Stab zerstört und diese Energie muss transformiert werden, damit der Stab geheilt werden kann. Ihr beide müsst es gemeinsam tun, und du, Severus, musst es für sie tun. Bleibt die negative Energie, dann bleibt auch der Stab, wie er ist. Mehr kann ich nicht dazu sagen."

Bevor Snape etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: „Wenn ich es richtig sehe, beginnt nun das Wochenende. An diesen Tagen dürfte es mit ein wenig gesundem Menschenverstand möglich sein, Miss Grangers zerstörten Zauberstab unter Verschluss zu halten. Sie wird in den nächsten zwei Tagen ohne ihren Stab auskommen müssen. Am Sonntag Nachmittag könnt ihr wiederkommen. Wenn ihr bis dahin euer Problem gelöst habt – ohne meine Hilfe – kann ich den Stab heilen. Sonst nicht."

Snapes Gesicht verschloss sich; er nickte dumpf und stand auf. Dies schien Madam Malfoys letztes Wort zu sein, also erhob sich Hermine ebenfalls.

„Wartet bitte noch einen Moment", sagte ihre Gastgeberin, als Snape und Hermine bereits an der Tür standen. Sie schwebte in ihrem Sessel zu einer anderen Seite des Raumes und kramte in verschiedenen Schachteln herum, bevor sie offenbar gefunden hatte, was sie suchte. Als sie zurückkehrte, hielt ihre Hand etwas umschlossen.

„Wenn Ihre Eltern magische Steine verehren", wandte sie sich an Hermine, „haben sie Ihnen sicherlich auch einen persönlichen Stein geschenkt."

Hermine nickte. „Ja, meine Mutter schenkte ihn mir zur Einschulung in Hogwarts. Ich trage ihn immer noch bei mir."

Sie griff in ihren Ausschnitt und holte eine einfache Halskette mit einem metallenen Anhänger hervor, der einen kleinen leuchtend gelben Stein umschloss.

Madam Malfoy lächelte. „Ein Citrin. Wie schön. Ich habe schon lange keinen mehr gesehen. Ich denke, dieser hier kommt von Madagaskar."

Hermine wusste nichts zu antworten; ihr war peinlich bewusst, dass die Frau vor ihr wahrscheinlich mehr über „ihren" Stein wusste als Hermine selbst.

Die alte Frau besah sich den Stein genauer. „Ein schönes Exemplar, zweifellos. Dennoch ... ein Stein, der Ihre Abenteuerlust fördert ... Vielleicht war er einmal das Richtige für Sie, aber heute ist er wie ein Paar Flügel für einen Falken. Sie brauchen etwas anderes."

Sie öffnete ihre Hand und ein kleiner grüner Stein kam zum Vorschein.

„Schauen Sie", murmelte sie und hielt den Stein ins Licht. Er war wunderschön, fand Hermine; grünblau wie das Meer. Sie bemerkte nach einigen Sekunden, dass sie den Stein mit offenem Mund bewunderte und, noch viel schlimmer, dass Snape die ganze Szene beobachtete.

„Tragen Sie ihn bei sich", sagte Madam Malfoy leise. „Sie haben eine schwere Zeit; er wird Ihnen helfen. Vielleicht können Sie schon in den kommenden Tagen von ihm profitieren. Es ist ein Andenopal und kann Ihnen Ruhe und Ausgeglichenheit verleihen, wenn Sie sich auf ihn einlassen."

Hermine schluckte. „Das ... das ist sehr nett, aber ich kann unmöglich –"

„Kein Aber", sagte Madam Malfoy entschieden. „Glauben Sie nicht, dass ich oft Besuch bekomme." Sie ignorierte das ungeduldige Räuspern neben ihnen. „Und ich habe sehr, sehr viele Steine. Aber nehmen Sie diesen hier als Leihgabe, wenn Sie möchten. Falls Sie irgendwann einmal meinen, dass Sie ihn nicht mehr gebrauchen können, geben Sie ihn mir zurück."

Wann sollte das wohl sein. Ich bin von Ruhe und Ausgeglichenheit so weit entfernt wie niemand sonst.

„Vielen, vielen Dank", schaffte Hermine zu sagen.

Madam Malfoy tätschelte mütterlich ihren Arm; dann wandte sie sich Snape zu. Sie sah ihn nur an; er erwiderte ihren Blick bemüht unbeteiligt und schien zu hoffen, dass er sich damit aus der Affäre ziehen konnte, aber der Blick von Madam Malfoy vertiefte sich so lange, bis seine starre Mimik einem leicht gequälten Gesichtsausdruck wich. Er seufzte und holte aus seinem Umhang etwas hervor.

Einen Stein, natürlich.

Hermine konnte nur einen kurzen Blick auf den kleinen hellblauen Stein werfen, denn Snape gab ihn ihrer Gastgeberin, die den Stein fest mit ihrer Hand umschloss. Ihr Blick ging ins Nichts, und über ihr Gesicht huschte ein träumerischer Ausdruck, bevor sie Snape milde tadelnd ansah.

„Du benutzt ihn nicht oft."

Snape erwiderte nichts.

„Du trägst ihn kaum bei dir, Severus!"

Er deutete ein Schulterzucken an und zog ein aufsässiges Gesicht. So erschöpft Hermine auch war, sie war doch glücklich hier zu sein und Zeugin dieser Vorstellung sein zu dürfen – Snape beobachten zu können, der sich in der Gegenwart von Madam Malfoy verhielt wie ein kleiner Junge. Es war gut zu wissen, dass es da eine Person gab, der Snape so sehr vertraute – denn das musste er tun, dachte Hermine, sonst würde er sich ihr gegenüber nicht so gehen lassen.

Wenn dieser Tag vorbei war, dachte sie traurig, würde dies nur eins der vielen Dinge war, die Snape ihr nicht verzeihen würde. Unter normalen Umständen hätte er ihr niemals erlaubt, ihn so zu sehen.

Die alte Dame gab ihm den Stein zurück.

„Es ist gut, dass du ihn mitgebracht hast", sagte sie. „Vielleicht erinnerst du dich beizeiten an ihn und trägst ihn wieder bei dir. Es wäre gut für dich, wenn du dich dazu durchringen könntest." Sie wartete keine Antwort ab, sondern griff nach seiner Hand und umfasste sie mit ihren beiden Händen. „Auf bald, Severus. Gib dir Mühe. Wir sehen uns am Sonntag."

Ihre Stimme war sanft, und Snape schien ein wenig zu entspannen. Sein Gesicht wurde weicher, er nickte und schaffte den Ansatz eines Lächelns, bevor er sich ihrer Hand entzog.

Madam Malfoy ergriff auch Hermines Hand und drückte sie sanft. Hermine sah in die empathischen, hellen Augen der alten Frau und erwiderte ihr Lächeln. Es war ein kurzer, wortloser Abschied, und dann öffnete sich die Tür und Hermine fand sich auf dem Flur wieder.

Hinter ihr und Snape blieb die Tür offen, und nach einigen Sekunden wurde Hermine klar warum: Als sie den großen Vorraum des Hauses betrat, sah sie Draco Malfoy, der sich in einem großen Ohrensessel zusammengerollt hatte. Er hatte offenbar geschlafen und schreckte hoch, als Hermine eintrat.

„Was?", murmelte er wirr und strich seine hellen Haare aus dem Gesicht.

Snape sah ihn nachdenklich an. „Nicht mehr als fünf Minuten, verstanden?", mahnte er unvermittelt.

Malfoy schien nicht zu begreifen, worum es ging – bis er die Stimme seiner Großmutter hörte. „Draco?", hörte Hermine Madam Malfoy rufen. „Bist du da?"

Warum kommt sie nicht aus dem Zimmer heraus?

Der Junge war innerhalb einer Sekunde aus dem Sessel heraus. „Ja! Ja, hier bin ich!"

Er lief Richtung Tür, als bestünde die Gefahr, dass sie sich sonst für immer schließen würde; als er eingetreten war, schwang die Tür zu Madam Malfoys Raum zu, und Hermine blieb mit Snape in dem prunkvollen Vorraum allein zurück.

Während Draco Malfoy im Nebenraum war, sprachen Hermine und Snape nicht miteinander. Beide standen im Halbdunkel unbequem da und starrten in verschiedene Richtungen, obwohl Hermine nur zu gern Malfoys Beispiel gefolgt wäre und es sich in dem Ohrensessel beqeum gemacht hätte. Die Müdigkeit überfiel sie mit solcher Heftigkeit, dass es wehtat.

Endlich öffnete sich die Tür, und Malfoy trat heraus. Ein Teil von Hermines Bewusstsein registrierte, dass er angespannt aussah – aber ihr fehlte die Energie und das Interesse, sich jetzt mit diesem Jungen zu beschäftigen. So wenig charakteristisch das für sie auch war – sie war dankbar, dass sowohl Snape als auch Malfoy kein einziges Wort mehr sagten.

Endlich öffnete Malfoy ihnen die Haustür, und sie traten ins Freie. Inzwischen war es stockdunkel, und Hermine wünschte sich nichts sehnlicher, als Hogwarts zu erreichen und ohne Umweg in ihr Bett zurückzukehren. Sie folgte Snape und Malfoy zitternd vor Müdigkeit und ohne auf den Weg zu achten, aber irgendwann verlor sie die Geduld und den Rest ihres Grundvertrauens, denn der Rückweg schien lang, ewig lang. Vielleicht gingen sie ja im Kreis, argwöhnte sie, vielleicht verarschten diese Slytherins sie mal wieder.

Sie strengte ihre übermüdeten Augen an, um in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen – und im nächsten Moment rannte sie fast Snape um.

„Passen Sie doch auf, verdammt!"

Der harsche, unversöhnliche Klang seiner Stimme verletzte sie; ihre Müdigkeit machte sie schrecklich dünnhäutig. „'Tschuldigung, Sir", murmelte sie und war entsetzt darüber, dass es sich fast wie ein Schluchzen anhörte. Sie wandte sich abrupt von ihm ab und sah gleichzeitig das Schloss direkt vor ihnen. Die Erleichterung warf sie fast um; es waren nur noch ein paar hundert Meter bis in die Schule, bis in ihr warmes Bett.

Aber der Weg zwischen ihr und Snape war so weit, dachte Hermine flüchtig. Viel zu weit. Sie war so müde, sie konnte es sich in diesem Moment einfach nicht vorstellen, diesen Weg gehen zu können.

Und doch drehte sie sich noch einmal zu Snape um, als sich in der Großen Halle ihre Wege trennten. Er entfernte sich schon mit großen Schritten von ihr; er hatte die ganze Zeit kein Wort gesprochen und schien ebenso wie sie nur noch diesen Tag beenden zu wollen. Und das war ja gut so, fand Hermine, aber sie brauchte noch einen letzten Satz, einen letzten Blick, irgendetwas, das ihr Hoffnung gab.

„Gute Nacht, Professor."

Schlafen Sie gut, erholen Sie sich von diesem Tag ... und bitte, bitte verzeihen Sie mir.

Sie war so beschäftigt mit ihrer inneren Stimme, die all das sagte, was sie nicht laut aussprechen konnte, dass sie seine leise Erwiderung nicht mitbekam. Er sah sie nicht an, bevor er sich abwandte und davonrauschte, und sie lief mit einem leeren, elenden Gefühl durch die Gänge, bis sie endlich die Räume der Gryffindors erreichte. Sie tauschte mit niemandem Worte oder Blicke; sollten sie doch alle denken, was sie wollten, sie ging ins Bett, ohne einen Umweg ins Badezimmer zu machen, ohne sich um ihre Haare oder sonst etwas zu kümmern.

Und während sie einschlief, zauberte ihr Gedächtnis seine letzten Worte hervor, die müde und sanft gesprochenen Worte, die sie zwar gehört, aber in diesem Moment nicht bewusst wahrgenommen hatte. Gute Nacht, Miss Granger.

t.b.c.