Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 29
Ein Fingerschnippen neben ihr brachte Hermine in die Gegenwart zurück. Snape winkte mit dem Zeigefinger und bedeutete ihr, den Kaffeebecher zurückzugeben. Zögernd reichte sie ihm den Becher und lächelte ihn dabei zaghaft an; er erwiderte das Lächeln nicht, hielt aber den Blickkontakt aufrecht, und sie hatte den Eindruck, dass sein Gesicht ein wenig weicher wurde, bevor er ihr den Becher aus der Hand nahm und sich abwandte.
Offenbar genoss er das heiße Getränk ebenso wie sie. Sie sah, dass seine Nasenflügel leicht bebten, als er den Geruch einsog, und nachdem er einen Schluck getrunken hatte, seufzte er fast unhörbar. Das alles floss Hermine irgendwie warm ins Blut und ließ Ameisen durch ihren Magen krabbeln. Glücklicherweise bemerkte sie relativ zeitnah, dass sie dabei war den armen Mann verliebt anzuglotzen und wandte schnell den Blick ab.
Kaffee. Das passte zu ihm, fand sie – Tee trinken, das tat schließlich jeder im Vereinigten Königreich. Warum, überlegte sie, zauberte er nicht einfach eine weitere Tasse Kaffee herbei? Sie selbst hätte zwar jeden beliebigen Behälter herbei beschwören können (vorausgesetzt, ihr Zauberstab hätte nicht in zwei Teile gebrochen in Snapes Räumen gelegen), und vielleicht hätte sie sogar sowas Ähnliches wie Kaffee zu Stande gebracht. Aber sicherlich wäre nichts dabei heraus gekommen, was geschmacklich an diesen Kaffee herankam. Und darum machte es gar keinen Sinn, sich darüber zu grämen, dass sie gerade nicht zaubern konnte; sie hätte es ohnehin nicht getan. Lieber wäre sie hier auf der Stelle verdurstet und erfroren gleichzeitig, als in Snapes Gegenwart einen nur mittelmäßigen Zauber hinzulegen.
Einige Minuten vergingen, in denen sie nebeneinander standen und über die gefrorene Fläche des Sees blickten. Es hatte aufgehört zu schneien, aber ab und zu blies der Wind ein wenig Schnee von den Zweigen der Bäume, in deren Nähe sie standen, und nach einer Weile sah Snape aus wie mit Puderzucker bestreut. Hermine befahl ihrer Hand, in der Tasche ihrer Robe zu bleiben, und doch hätte sie so gern ein wenig Schnee von seinem Mantel geklopft ... oder ihm den Schnee vorsichtig aus dem Haar gestrichen. Der bloße Gedanken daran vermehrte die Ameisenpopulation in ihrem Innern um ein Vielfaches. Leise seufzend heftete sie ihren Blick auf die stille Landschaft und achtete darauf, Snape nicht allzu oft anzusehen.
Während sie so dastanden, sprachen sie kein Wort miteinander. Der grüne Kaffeebecher wechselte alle paar Minuten von einem Händepaar zum anderen; sie wärmten ihre Finger an dem immer noch heißen Becher und genossen das heiße schwarze Getränk, ohne dass der Kaffee zur Neige ging. Für Hermine war dieser Zeitraum eine erneute Gelegenheit festzustellen, dass sie mit Schweigen nicht besonders gut zurecht kam. Ihr rationales Selbst war froh, dass sie nicht sprachen; so konnten sie zumindest nichts Falsches sagen. Und doch, sie überlegte die ganze Zeit, was sie sagen konnte ... und ihr fiel auch einiges ein, aber sie wusste einfach nicht, was davon angemessen war und was nicht.
'Es freut mich, dass es Ihnen besser geht.'
Nein. Das ging nicht. Das würde ihn nur an die Hölle erinnern, durch die sie ihn mit diesem verdammten Emotionstrank geschickt hatte.
'Ich hoffe, ich habe Sie vorhin nicht erschreckt.'
Zu banal.
'Sind Sie morgens öfter hier?'
Au weia! Merlin, Zeus und Cleopatra! Das war ja zum Wahnsinnigwerden. Warum musste der Mann sie nur so furchtbar unsicher machen?
Es könnte damit zu tun haben, dass er dein Lehrer ist und zwanzig Jahre älter als du, du dumme Nuss.
Dann fiel ihr doch noch etwas Einfaches ein.
„Vielen Dank für den Wärmezauber und den Kaffee, Sir."
Sie wusste, was er jetzt erwidern würde. 'Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, ich habe das im Rahmen meiner Lehrerpflichten getan.' Irgend so etwas.
Aber er sagte nichts dergleichen. Er sagte - überhaupt nichts; er sah sie nur an und nickte leicht. Das Ameisengekrabbel in ihrem Magen war inzwischen ziemlich unangenehm.
Dann war da ein Klopfen. Ganz leise, hell und hölzern; das Geräusch erinnerte Hermine an einen Specht. Sie sah, dass Snape in seinen Umhang griff, etwas Schachtelartiges herausholte und sich ans Ohr hielt; sie konnte es kaum erkennen, dann hatte er es schon wieder verstaut.
„Ich muss ins Schloss zurück", sagte er knapp. Er sah sie an und schien über irgendetwas nachzudenken; dann schwang er wie vorhin seinen Zauberstab und murmelte ein paar Worte.
„Gehen Sie schon", trieb er sie an. Hermine zögerte; sie war nicht scharf darauf, wieder bis zur Hüfte im Schnee zu versinken. Aber ihre ersten Schritte führten sie nicht in den Schnee hinein, sondern aus der Mulde heraus und über den Schnee hinweg; es entstand fast so etwas wie eine Treppe, bis sie oben auf der Schneedecke stand und wie Snape vorhin nur einen leichten Schuhabdruck hinterließ.
Der Tränkemeister folgte ihr, erwiderte ihren erstaunten Blick mit einer spöttisch hochgezogenen Augenbraue – und lief davon Richtung Schloss. Hermine seufzte tief; der Mann musste als Baby einen Glückskeks mit dem Spruch „Ein Satz zu wenig ist besser als ein Wort zu viel" verschluckt haben. Während sie sich beeilte ihm zu folgen, hoffte sie inständig, dass sie sich irgendwann mit Snapes Angewohnheit abfinden würde, Dinge zu tun, die sie betrafen, ohne mit ihr darüber zu reden.
Bislang jedenfalls gelang es ihr nicht, sich damit abzufinden. Der Mann war schon fast im Schloss und hatte immer noch nichts gesagt, und wenn sie ihn nicht stoppte, würde er einfach wortlos verschwinden.
„Professor! Ein Moment, bitte!"
Er hielt inne. Immerhin etwas. Hermine erreichte ihn atemlos; keuchend blieb sie vor ihm stehen.
„Es ... ich ... Meine Güte", japste sie. „Warum rennen Sie nur immer so!"
Ups. Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen.
„Die Frage ist falsch gestellt", erwiderte er sanft. „Ich renne nicht. Sie gehen zu langsam."
Der neckende, fast liebevolle Tonfall ließ Hermine vor Begeisterung fast in Ohnmacht fallen. Die Ameisen in ihrem Magen verlegten sich aufs Sambatanzen; sie hoffte nur, dass ihre Verzückung nicht in ihrem Gesicht zu sehen war.
Ihre Atmung beruhigte sich nur langsam. Sie war wirklich nicht in Form.
„Ich wollte", sagte sie schließlich, „nur gern wissen, was ... was Sie, nun ja, heute noch vorhaben."
Aua. Wie blöd bin ich eigentlich?
Snape starrte sie konsterniert an.
„Wie meinen?"
„Ähm, nein, ach, ich meine ..." Die Hitze schoss ihr ins Gesicht. „Entschuldigung, Sir, was ich sagen wollte, wir haben doch etwas vor ... Wir müssen uns doch noch auf morgen vorbereiten ... auf unseren Besuch bei ... Madam Malfoy. Wenn ich das richtig sehe", setzte sie unsicher hinzu, „gibt es da noch etwas zu tun, oder?"
Sie hatte etwas Falsches gesagt. Da war sie ganz sicher. Snape presste die Lippen zusammen; sie konnte an seiner ganzen Körperhaltung sehen, dass er sich verschloss.
„Nein", gab er zurück. „Sie sehen das nicht richtig."
„W-was meinen Sie?"
Er machte einen Schritt auf sie zu und neigte den Kopf, so dass seine Haarspitzen ihr Ohr kitzelten.
„Damit meine ich, dass wir überhaupt nichts vorhaben", sagte er leise. „Ich habe etwas vor. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Ich will und ich brauche Ihre Anwesenheit nicht für diese Vorbereitung, wie Sie es nennen."
Ich höre doch nicht recht.
„Aber, Professor, ich hatte angenommen, dass wir -"
Er hob abrupt die Hand.
„Stopp."
Hermine verstummte. Sein Blick war so durchdringend, dass ihr davon gleichzeitig heiß und kalt wurde; dann packte er mit einer schnellen Bewegung einen Ärmel ihres Umhangs und zog sie ein paar Meter weiter in eine Nische, in der niemand sie sehen konnte.
„Sie hören mir jetzt genau zu."
Sie erwiderte mit klopfendem Herzen seinem dunklen Blick.
"Es mag im Augenblick ein ... Problem geben, das Sie und ich gemeinsam haben", sagte er. „Und mir ist durchaus bewusst, dass Gryffindors nur zu gern jede sich ihnen bietende Gelegenheit nutzen, zusammen zu halten, gemeinsam ihre Probleme zu lösen, heldenhaft einander beizustehen ... nun, das ganze gryffindorsche Programm eben." Er machte eine abfällige Handbewegung, die sie ihm übel nahm. „Aber falls es Ihnen entgangen sein sollte: Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Mensch. Ich habe die Aufgabe, bis morgen Nachmittag die Voraussetzungen zu schaffen, damit Madam Malfoy die Magie Ihres Stab wiederherstellen kann. Und ich werde genau das tun. Sie, Miss Granger, werden mich dabei nur auf eine einzige Weise unterstützen: indem Sie mir aus dem Blickfeld treten. Und zwar in einem zeitlich großzügigen Rahmen, das heißt: von morgens bis abends. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
„J-ja, Sir, aber ich -"
„Schön", fuhr Snape ihr scharf dazwischen, „Schüler, die ohne Widerworte meine Anweisungen befolgen, sind mir doch immer die liebsten. Jetzt entschuldigen Sie mich. Wir sehen uns morgen Nachmittag."
Mit offenem Mund starrte Hermine dem wehenden schwarzen Umhang nach, der gerade außer Sichtweise fegte. Das konnte er doch unmöglich ernst meinen! Was um aller Welt war denn nun wieder in ihn gefahren?
Der Mann leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung. Anders kann ich mir das alles nicht erklären.
Sie gab einen kleinen frustrierten Laut von sich und kickte unwirsch mit dem Fuß einen Stein von sich fort, wobei ihre Haare nur so um sie flogen.
„Hey, hey!", hörte sie eine allzu vertraute spöttische Stimme sagen. „Pass schön auf, Granger, dass dein Temperament nicht mal wieder mit dir durchgeht, sonst wird noch jemand verletzt!"
Sie sah hoch und blickte Malfoy ins Gesicht. Er griente sie blöd an und lief an ihr vorbei ins Schloss; am liebsten hätte sie ihn von hinten angefallen aus Wut darüber, dass ihr auf die Schnelle keine Erwiderung einfiel.
Und dann sah sie Harry. Und Neville. Sie standen ein paar Meter von ihr entfernt und zogen seltsame Gesichter. Instinktiv sah Hermine auf den Boden und wendete ihre neu erworbene Fähigkeit an: Sie suchte die Fußspuren von Malfoy und versuchte sie zurück zu verfolgen. Und auch, wenn es hier von Schuhabdrücken nur so wimmelte, konnte sie doch die frische Spur von Malfoy ausmachen, die, rückwärts betrachtet, vom Schlosseingang an ihr vorbei und direkt zu ihren beiden Freunden führte.
Sie sah die beiden Jungen sekundenlang an und gab sich alle Mühe, sie mit ihrem Blick zu durchbohren; dann drehte sie sich schwungvoll um und stürmte ohne ein weiteres Wort ins Schloss.
Es ist tatsächlich so. Harry und Malfoy hängen zusammen rum! Und Neville ist auch dabei. Ich glaube es einfach nicht.
Während des ganzen Weges zum Gemeinschaftsraum fluchte und schimpfte Hermine still vor sich hin. Sie war wütend auf Snape, weil er sie so hatte abblitzen lassen; und sie war stinksauer auf Harry, der was-auch-immer mit Malfoy am Laufen hatte. Mit ihrem gemeinsamen Erzfeind! Diesem elenden Drachenmolch! Wie konnte er nur! Sie brachte es gar nicht über sich, einen Schritt weiter zu gehen und die ganze Angelegenheit irgendwie mit Malfoys bizarrem Geschlechterwechsel vom Vortag in Verbindung zu bringen. Nein! Sie weigerte sich entschieden, daran auch nur zu denken!
Und Neville hatte auch irgendetwas damit zu tun. Wie konnte das sein? Snape hatte gesagt, dass Malfoy Neville den Imperio auf den Hals gehetzt hatte. Und sie glaubte Snape, er war sich so sicher gewesen. Machte man dann anschließend mit seinem Angreifer einen netten Schneespaziergang? War Neville denn noch zu retten?
Die Gewächshäuser. Sie waren bei den Gewächshäusern.
Das waren die Spuren, die sie vorhin gesehen hatte. Die drei Spuren, die zu den Gewächshäusern geführt hatten. Plötzlich war sie ganz sicher. Neville verbrachte sowieso einen großen Teil seiner Zeit dort, und eben waren sie alle drei dorthin gegangen. Vielleicht hatte Neville Malfoy irgendein Kraut gezeigt oder gegeben ... Aber warum in Merlins Namen, warum nur? Das alles machte keinen Sinn.
Oh, Himmel und Hölle. Hermine schlug sich gegen die Stirn; ohne es zu merken, stand sie ein paar Meter vor dem Portrait der Fetten Dame und starrte vor sich hin. Neville war noch immer verflucht, wurde ihr plötzlich klar. Malfoy übte ein bisschen die Anwendung der Dunklen Künste an ihm. Und an Harry ebenfalls. Malfoy hatte ihn verhext, eine andere Erklärung gab es nicht. Wenn er schon in der Lage war, Neville mit dem Imperio zu belegen, warum sollte er das dann nicht auch mit anderen tun?
Ich mache ihn fertig. Ich mache Kleinholz aus diesem Frettchen! Hagrid kann seinen Ofen mit ihm feuern!
Götter, und sie hatte keinen Zauberstab! Unter normalen Umständen wäre sie jetzt sofort losgerannt und hätte Malfoy zerlegt! Aber sie war unbewaffnet. Sie betrat den Gemeinschaftsraum und schüttelte gedankenverloren den Kopf. Das ging nicht, sie konnte jetzt nicht losrennen und Malfoy suchen. Sie musste bis morgen warten. Bis sie ihren Zauberstab wieder hatte.
Immer noch in Gedanken versunken ging sie zu einem der großen Fenster und sah hinaus. Es schneite immer noch, und an den Fenstern klebten wunderschöne Eisblumen. Der Anblick von so viel Eis und Schnee machte ihr erst klar, dass ihr vor Aufregung heiß geworden war; sie atmete tief durch und ließ sich auf einen der Stühle sinken. Ihre Nase lief – und wieder fanden ihre Finger Madam Malfoys Stein, als sie ein Taschentuch aus ihrer Tasche fischte. Sie putzte sich die Nase und nahm dann den Stein in die Hand.
Es passierte erneut. Eine Ruhe durchströmte sie, die ihr bewusst machte, wie angespannt sie vorher gewesen war. Zugleich beruhigten sich ihre Gedanken. Malfoy, Harry, Neville ... Müde rieb sie sich über ihr Gesicht. Plötzlich hatte sie ziemlich heftige Kopfschmerzen. Und wie aus dem Nichts tauchte eine Erinnerung in ihr auf.
„... ach Hermine, natürlich war es Snape. Wer denn sonst? ER hat versucht, den Stein der Weisen zu klauen."
„Das wissen wir doch gar nicht, Ron. Nur weil er ... ein bisschen bedrohlich aussieht, muss er noch lange nicht böse sein."
„BEDROHLICH? Hermine, Snape ist ein schmieriger Alptraum. Ich meine, selbst Fledermäuse würden wegfliegen, wenn sie ihn sehen. Er ist ein Mistkerl. Ihm ist ALLES zuzutrauen!"
„Selbst wenn wir es ihm zutrauen – wir haben keine Beweise gegen ihn. Du weißt doch: Im Zweifel für den Angeklagten!"
„Was ist das denn für'n Quatsch!"
„Das ist ein Grundsatz im Rechtssystem der Muggel. Er besagt, dass ein Verdächtiger erst dann als schuldig bezeichnet wird, wenn man ihm seine Tat nachweisen kann. So lange es keine Beweise gibt, gilt jeder Verdächtiger als unschuldig."
„Bah. Snape IST aber schuldig!"
„Meine Güte, Ron!"
Hermine starrte vor sich hin und hielt den Stein dabei fest in ihrer Hand. Dieses Gespräch zwischen ihr und Ron war sechs Jahre her. In Zweifel für den Angeklagten ... Wie hatte sie es gehasst, wenn Ron und Harry Snape vorverurteilt hatten, ohne sich sicher sein zu können. Das Ganze war so ... durchschaubar. Snape war der Feind, also war er schuldig.
Malfoy ist der Feind, also ist er schuldig.
Hermine schloss die Augen und hielt den Stein noch fester. Verdammt, sie hatte überhaupt keine Beweise. Sie verhielt sich nicht besser als Ron und Harry, als sie elf Jahre alt waren! Sie verdächtigte Malfoy, weil sie ihn nicht leiden konnte – und wenn sie ganz ehrlich war, spielte ihr Ärger über seine gestrigen Andeutungen auch mit hinein. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass Malfoy womöglich etwas über Harry wusste, was sie nicht wusste – dass er ihr in in Bezug auf ihre Freunde voraus war. Das durfte einfach nicht sein. Da war es ihr noch lieber, wenn ihre Freunde von dem bösen Malfoy verhext waren, dann konnte sie sie wenigstens retten.
Blieb noch abzuwarten, ob Harry überhaupt Lust haben würde, sich von ihr retten zu lassen. Sie war heute nicht besonders nett zu ihm gewesen. Hermine seufzte. Sie konnte so furchtbar selbstgerecht und hochmütig und so ... zickig sein! Warum nur konnte sie ihren Stolz und ihr Temperament nicht im Zaum halten? Gut, es gab irgendetwas in Harrys Leben, von dem sie nichts wusste, aber gab ihr das das Recht, ihn so zu behandeln? Sie hatte ihn nicht wie einen Freund behandelt, sondern eher wie ... wie ...
Wie zertretene Zaubertrankzutaten unter meinen Schuhen.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Entwaffnungsfluch. Ihr Stolz, ihr Hochmut. Sie regte sich über Snape auf und war ihm doch viel zu ähnlich. Sie hörte den scharfen Tonfall, den sie Harry gegenüber verwendet hatte, und sah sich selbst, wie sie Harry und Neville einen Blick voller Verachtung zuwarf, bevor sie auf dem Absatz umdrehte und davonstürmte.
Und ich sitze da und jammere, weil niemand mich leiden kann.
Müde strich sie sich über das Gesicht. Das alles war keine brandneue Erkenntnis. Sie wusste, dass sie manchmal nicht einfach war. Oder eher: ungenießbar. Aber in diesem Moment war ihr so klar wie nie zuvor, dass sie es den Menschen nicht leicht machte, sie wirklich zu mögen, ohne Einschränkung. Anfang der Woche hatte sie sich noch gefragt, warum um alles in der Welt sie so wenig Freunde hatte; im Augenblick war es genau anders herum – sie fragte sich, warum sie überhaupt Freunde hatte.
Ich werde mal recherchieren gehen, ob es offizielle Auszeichnungen für besonders freundschaftsfähige Menschen gibt. Ron und Harry verdienen sie alle. Und ich werde nie eine davon bekommen, warum auch.
Abwesend spielte sie mit dem Stein in ihrer Hand, stand auf und ließ sich in einen ihrer Lieblingssessel nahe am Kamin fallen. Dort saß sie eine Weile weiter herum, stierte sinnlos ins Feuer und bemitleidete sich selbst. Das war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, dachte sie bitter. Ich bin Hermine Granger, ich bin achtzehn Jahre alt, und meine Hobbies sind lesen, Tagebücher verlieren, in garstige Zaubertränkelehrer verknallt sein, meine Freunde vergraulen und in Selbstmitleid versinken.
Unwillkürlich verzog sich ihr Gesicht zu einem leichten Lächeln. Das alles war doch albern. Sie hatte die Wahl; sie konnte zu Harry gehen und sich entschuldigen. Und bei der nächsten Gelegenheit würde sie das auch tun. Sie mussten endlich miteinander reden. Und sie musste zu Snape gehen. Er konnte ihr helfen, wenn es darum ging, ihren Verdacht zu überprüfen. Snape hatte schließlich gesagt, dass er irgendwie dunkle Flüche aufspüren oder wahrnehmen konnte. Und wie auch immer er das anstellte - er würde wissen, wenn Malfoy auch jetzt noch Neville oder Harry mit dem Imperio belegte.
Snape ... Ihre Gedanken schweiften ab. Götter, sie war so schrecklich durcheinander. Wenn sie an diesen Mann dachte, wurde sie von einer ganzen Kutschenladung gegensätzlicher Gefühlen heimgesucht, die aufeinander gehäuft zu einer völligen Blockade führten. Wie sollte sie denn nur ihre Gefühle zulassen, wie sollte sie überhaupt herausfinden, WAS sie fühlte, wenn ein pflichtbewusster Teil von ihr diese Gefühle sofort mit ihrem schlechten Gewissen erschlug?
Und doch ... Sie sah sein blasses Gesicht vor sich, und ihre Gedanken streiften wieder einmal den Moment im Krankenflügel, den sie geteilt hatten ... Die Ameisengesellschaft in ihrem Magen kam erneut in Bewegung. Sie seufzte, rollte sich in dem Sessel zusammen und vergaß vorübergehend ihr schlechtes Gewissen; übrig blieb eine wirre Mischung aus Glück und Konfusion, die völlig neu für sie war.
Dieser Kaffee. Mmmh. Ich habe mit Severus Snape am See Kaffee getrunken! Das würde mir nie jemand glauben. Und wie er mich angesehen hat ... Ich kann mich schon kaum noch daran erinnern. Wie hat er mich eigentlich angesehen? Er muss es noch einmal tun. Immer wieder. Damit ich weiß, dass es Wirklichkeit ist. Ah, ich wünsche mir so sehr, dass er mir gegenüber echte Gefühle zeigt, nicht beeinflusst durch einen bescheuerten Trank. Und diesen Wärmezauber möchte ich auch noch mal erleben ... Woah, ich bekomm schon eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Und diese Leichtigkeit, mit der wir über den Schnee gegangen sind... Vielleicht habe ich irgendwann einmal die Gelegenheit ihn zu fragen, wie dieser Zauber funktioniert ... Ja, irgendwann einmal ... ...
Ihre Gedanken glitten in eine Traumwelt ab, und sie gab ihrer Müdigkeit nach.
t.b.c.
