Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 31
„Ich will nicht, dass du ihn weiterhin siehst."
Hermine sprach mit jemandem. Es war Ron, sie stritten sich, er wollte ihr verbieten, sich weiterhin mit Snape zu treffen. Ja, war der Junge denn noch zu retten?
„Du spinnst wohl! Ich bin alt genug, um selber zu entscheiden, mit wem ich meine Zeit verbringen will!"
„Dann verhalte dich auch so!"
„Misch dich nicht in mein Leben ein!"
Das Gespräch drehte sich im Kreis, ein Hin und Her ohne Resultat, es war ermüdend. Aber Hermine spürte auch, wie nach und nach ihr Ärger nachließ. Das alles führte doch zu nichts.
Und plötzlich redete sie nicht mehr mit Ron, sondern mit ihrer Mutter.
„Liebes, hör mir doch zu. Er ist zu alt für dich."
„Das ist mir egal, Mum."
„Du hast etwas Besseres verdient."
„Wie kannst du das sagen? Du kennst ihn doch gar nicht."
Sie sah ihrer Mutter kämpferisch in die Augen – und fand nur Liebe und Sorge darin. Hermines Wunsch sich zu streiten schmolz wie Butter in der Sonne. Warum gerieten sie nur immer aneinander, obwohl sie sich doch liebten? Warum dieser Streit, immer und immer wieder?
„Hermine, Liebes, ich mache mir Sorgen um dich. Vielleicht bin ich nicht immer fähig, dir das zu zeigen, aber ich möchte doch nur, dass es dir gut geht."
Laureen Granger zog ihre Tochter zu sich, und Hermine erwiderte den Druck ihrer Arme. Sie lagen zusammen auf einem Sofa ... im Büro von Professor Severus Snape. Aber das war schon in Ordnung, irgendwie. Schweigend lag Hermine in dieser Umarmung und fühlte sich einfach nur wohl. Sie kuschelte sich in die Halsbeuge ihrer Mutter und spürte ihre langen hellen Haare im Gesicht kitzeln. Es war eine sehr heilsame Erfahrung, all die Unruhe, der Ärger und die Traurigkeit der letzten Tage fielen von ihr ab, und übrig blieb ein tiefer Frieden, der sie vollständig durchströmte. Ruhe. Wärme. Geborgenheit.
Dann nahm sie einen Geruch wahr, den sie kannte ... es war der Duft von Professor ... von Severus, der sie einhüllte. Und die Haarspitzen, die ihr Gesicht kitzelten, waren schwarz. Sie spürte Finger an ihrer Wange, ganz leicht - ihr Atem stand still, und ihr Magen verknotete sich fast schmerzhaft. Sie wollte hochsehen oder einen Arm heben, um die Berührung zu erwidern, aber sie wagte es nicht. So blieb sie einfach still liegen und spürte der Hitze und dem Durcheinander in ihrem Innern nach. Ihre Decke glitt über sie, wurde weiter nach oben geschoben, bis unter ihr Kinn. Und dann war da ein seidiges Schimmern, ein flatterndes Geräusch und ein ... Schnabel. Schwarze, glänzende Federn. Und Augen, so dunkel wie die Nacht, es war ein Rabe, der auf dem Schreibtisch saß, ein imposantes und wunderschönes Tier. Er sah sie an, sein Blick war ruhig und aufmerksam.
„Wie kann ich dir helfen?" fragte sie ihn.
Er bewegte seine Flügel und trat ein paar Zentimeter zur Seite.
Hermine machte eine vorsichtige Bewegung mit der Hand, um ihn nicht zu erschrecken. „Ich weiß, dass ich dir helfen kann", sagte sie.
Mit einem kräftigen Flügelschlag erhob sich der stolze Vogel vom Schreibtisch und flog auf sie zu. Er setzte sich neben sie auf die Sofalehne und sah sie an. Ein schwarzer, endloser Blick. Erstaunlicherweise konnte Hermine in diesem Blick lesen wie in einem Buch, der Rabe hatte Schmerzen und wollte Hilfe von ihr, aber er wusste nicht, wie er darum bitten sollte.
Es geht doch ganz einfach. Rede mit mir, bitte.
Sie streckte die Hand aus und streichelte das glatte, glänzende Gefieder.
„Was ist mit dir los, mein Schöner?" fragte sie sanft.
Der Rabe pickte behutsam an ihrer Hand herum; Hermine kicherte leise.
„He", lachte sie, „das kitzelt."
Wie zur Antwort bewegte er erneut seine Flügel. Jetzt konnte sie eine Unebenheit in seinem Federkleid erkennen. Sie strich über das Gefieder und konnte es spüren – einer seiner Flügel war leicht verdreht.
„Darf ich?" fragte sie.
Der Vogel erwiderte nichts, aber sein schwarzer, ruhiger Blick gab ihr seine Erlaubnis. Seltsam, sie wusste genau, was sie tun musste; sie zog ihren Zauberstab aus der Tasche und -
Zauberstab?
Hermine schreckte aus dem Schlaf, sie glitt aus dem Traum heraus und fand sich auf dem großen Sofa im Büro des Tränkemeisters wieder. Als sie die Augen öffnete, hörte sie eine Tür klappen. Oder sie meinte, dass sie das gehört hatte, aber vielleicht war das auch noch Teil des Traumes gewesen ... Das Büro lag im Halbdunkel. Irgendjemand hatte das Licht ausgeschaltet ... Sie sank wieder aufs Kissen zurück, und nur Sekunden später schlief sie wieder ein.
oOo
„Miss Granger, bitte, Verzeihung?"
„Mrmplmpf."
Lass mich noch ein bisschen schlafen, nur noch ein bisschen ...
„Bitte? Miss?"
Mist. Da war jemand. Sie drehte sich langsam zur Seite und öffnete halb die Augen. Tatsächlich. Ein hässlicher kleiner Hauself mit grauer Schrumpelhaut und wässrigen Augen stand vor dem Sofa.
„Entschuldigung, Miss!" quiekte er und trat hastig ein paar Schritte zurück. „M-M-Master Snape hat angeordnet! Sparky musste Miss wecken! Sparky tut es Leid, er wird nicht wieder -"
„Pssst", machte Hermine müde und legte einen Finger auf die Lippen. „Sei still, Sparky. Es ist alles in Ordnung, ich bin nicht böse auf dich."
Sie setzte sich auf, streckte ihre Arme von sich und atmete tief durch. Der Hauself stand immer noch da, er war so nervös, dass er das Ende des Lappens, mit dem er bekleidet war, in den Händen zerknüllte. Sie wandte den Blick von dem schrumpeligen kleinen Wesen ab.
„Sparky soll der Miss ausrichten, dass sie jetzt aufstehen soll", plärrte er. „Es ist spät und sie hat lange geschlafen und sie soll das Abendessen nicht verpassen."
Sie holte ihre Uhr aus der Tasche und rieb sich die Augen. Das war unmöglich. Sie hatte fast sieben Stunden geschlafen! SIEBEN Stunden. Das konnte doch nicht wahr sein.
Warum hat Snape mich nicht selbst geweckt? Wo steckt er überhaupt?
„Sparky ... Weißt du vielleicht, wo Professor Snape jetzt ist?" fragte sie den Hauselfen vorsichtig.
„Der, der, der Professor -"
Herrje, was hatte sie da schon wieder angerichtet. Das arme Wesen platzte ja fast vor Nervosität, als die Sprache auf Snape kam.
„Er ist weg! Sparky darf aber nicht sagen, wo er ist."
Sie hätte fast die Augen verdreht. Diese Unterwürfigkeit war so anstrengend! Es war manchmal wirklich mühevoll, zu den Hauselfen höflich und zuvorkommend zu sein, ihr sklavisches Verhalten forderte ein herrisches Verhalten auf der Gegenseite geradezu heraus. Wenn Hermine ganz ehrlich war, dann war sie im Nachhinein nicht mehr vollständig überzeugt, dass die Hauselfenbefreiung ein lohnendes Projekt war. Aber zumindest etwas hatte es genützt - sie hatte gelernt, wie man Hauselfen manipulieren konnte.
„Sparky, es ist schon gut. Du musst es mir nicht sagen, wenn er es dir verboten hat. Aber hat er auch gesagt, dass du mir keine Fragen beantworten darfst?"
Der Hauself schüttelte heftig den Kopf.
„Gut. Dann sag, ist er noch im Schloss? Du musst nur nicken oder mit dem Kopf schütteln."
Sparky schüttelte erneut den Kopf.
„Nicht im Schloss", wiederholte Hermine und nahm sich vor, sich mit ihren Fragen langsam räumlich voranzutasten. „Ist er draußen, noch auf dem Schlossgelände?"
Noch ein Kopfschütteln.
„Ist er ... in Hogsmeade?"
Der Hauself stand still. Er öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Mit aufgerissenen Augen starrte er Hermine an; das genügte ihr als Antwort.
„Danke, Sparky."
Der Hauself gab ein quietschendes Geräusch von sich und rannte davon, wahrscheinlich um sich für seinen Verrat zu bestrafen. Hermine seufzte und stand auf. Was mochte Snape nun wieder in Hogsmeade zu tun haben? Es konnte etwas mit Professor Dumbledores Verschwinden zu tun haben oder mit ihrem Zauberstab oder ...
Sie schüttelte den Kopf, und ganz entgegen ihrer Gewohnheiten legte sie all diese Gedanken einfach weg. Sie kam mit diesem ständigen Gegrübel nicht weiter.
Ihr Blick fiel auf den kleinen hellblauen Stein von Madam Malfoy, der auf dem Sofa lag. Sie musste ihn im Schlaf losgelassen haben. Aber seine Nähe hatte ihr offenbar sehr gut getan, sie fühlte sich unglaublich erholt und entspannt. Sie ließ ihn in ihre Umhangtasche gleiten; anschließend drehte sie sich instinktiv um und warf einen Blick auf den Schreibtisch.
Der Stein. Snapes Stein. Er war nicht mehr da.
Er musste also zwischendurch hier im Büro gewesen sein. Oder vielleicht hatte Sparky ihn für Snape geholt. Aber nein, Hermine war sich ziemlich sicher, dass Snape selbst hier war. Sie hatte seine Gegenwart gespürt ... Und erst jetzt erinnerte sie sich an ihren Traum, an die Umarmung, die Finger auf ihrer Wange und an den Raben, und ihr wurde warm im Innern. Er war hier gewesen. Sie wusste nicht genau, was sie geträumt hatte und was nicht, aber er war im Raum gewesen, er hatte sie zugedeckt, und sie war fast sicher, dass die Berührung auch real gewesen war.
Und das hat NICHTS mit dem Emotionstrank zu tun. Nichts! Er wollte es einfach. Er wollte ... bei mir sein. Mich berühren. Kann das sein? Es wäre so wundervoll.
Lächelnd stand sie im Büro des Tränkemeisters, guckte ein Loch in die Wand und drehte mit dem Zeigefinger in ihren Haaren herum.
Schließlich bemerkte sie ihre Tagträumereien und ermahnte sich, diesen Unsinn zu lassen. Sie nahm die Decke und legte sie ordentlich zusammengefaltet auf das Sofa. Sie ging sehr langsam zu Werke; eigentlich lag ihr nichts daran, jemals fertig zu werden. In ihrem Körper summte ein Verlangen, das sie so noch nie gespürt hatte. Severus Snape war so anwesend in diesem Raum; es fiel ihr richtig schwer zu gehen. Und da war ein intensiver Wunsch nach Nähe, Wärme und Berührungen; dieses Gefühl war tief und stark und ließ sie jeden Handgriff hinauszögern in der unbewussten Hoffnung, dass sich gleich die Tür öffnen und der Mann herein kommen würde ... Und vielleicht würde er sie dann anlächeln, wenigstens ein bisschen ... und auf sie zugehen ... und sich zu ihr hinlehnen und ...
AUFHÖREN.
Au weia, sie musste gehen, und zwar schnell. Es glich schon einem Wunder, dass er sie hier hatte schlafen lassen; er würde wohl kaum sehr begeistert sein, wenn sie bei seiner Rückkehr immer noch da wäre. Zumindest konnte sie nicht davon ausgehen, überlegte sie. Nein, sie musste es nicht schon wieder darauf ankommen lassen, dass er sie hinauswarf.
Bevor sie hinaus ging, ließ sie noch einmal den Blick durch den Raum schweifen.
Wo mein Tagebuch wohl ist? Es liegt bestimmt hier. Irgendwo zwischen all diesen Büchern da drüben.
Eher aus Neugier als aus dem dringenden Wunsch, das Tagebuch zu finden, machte sie einen Schritt auf das Regal zu, das hinter Snapes Schreibtisch stand. Es beinhaltete sowohl Bücher als auch eine Reihe von Phiolen und Flaschen mit eingelegten Tieren; eigentlich war das Regal übervoll, aber Snape war es gelungen, alle Gegenstände so hinzustellen, dass eine zwingende Ordnung entstanden war. Sie streckte die Hand nach den Büchern aus und
ZISCH!
- die Luft vibrierte und zog sich zu einem weißen Rauch zusammen, der Buchstaben bildete. Die Worte FINGER WEG zitterten vor Hermines Augen herum.
Sie runzelte die Stirn und trat einige Schritte zurück. Dieser Effekt war ihr neu. Snape musste diesen Schutz für den Fall seiner Abwesenheit im Büro eingerichtet haben. Aus reiner Neugier versuchte sie auf der anderen Seite des Raumes einem anderen Bücherregal näher zu kommen – aber dort passierte dasselbe. Offenbar hatte Snape für sie nur einen, zugegebenermaßen breiten und bequemen Korridor vorgesehen, in dem sie sich vom Sofa zum Ausgang bewegen konnte.
Vielleicht, dachte sie, sollte sie über diesen Mangel an Vertrauen jetzt beleidigt sein. Aber das kam ihr irgendwie kindisch vor. Snape war eben ein Slytherin durch und durch, und sie würde daran nie etwas ändern können. Und sie war zugegebenermaßen schrecklich neugierig. So gesehen war es ganz gut, dass er ihr keine Gelegenheit gab weiter hier herumzustöbern, sie hätte womöglich noch etwas durcheinander gebracht und er hätte bemerkt, dass sie an seine Sachen gegangen war.
Sie hatten auch so schon genug Probleme miteinander.
Hermine öffnete die schwere mit Metall beschlagene Holztür; es war ein sehr seltsames Gefühl, hier im Büro des Tränkemeisters allein herumzulaufen und zur Tür rauszuspazieren. Nach einem letzten Blick in den Raum trat sie über die Schwelle und ließ die Tür hinter sich zufallen. Sie konnte es nicht lassen, aus Neugier versuchte sie die Tür noch einmal zu öffnen, aber das funktionierte natürlich nicht; von außen war die Bürotür ganz normal verschlossen.
Es war seltsam, sie war so unbeschwert. Der Schlaf hatte ihr wirklich gut getan. Keine kreisenden Gedanken, die zu nichts führen außer zu Kopf- und Magenschmerzen; keine innere Unruhe, keine bohrenden, herumkreisenden Fragen. Hermine nahm ihre Umgebung sogar richtig wahr. Die hohen Decken, die wuchtigen Türen, die Fackeln, die Ritterrüstungen und Statuen. Das Schloss war so wunderschön.
In diesem Moment wurde ihr schlagartig klar, wie begrenzt ihre Zeit hier war. In nicht einmal einem halben Jahr würde sie von hier weggehen, für immer. Sie verspürte Trauer, aber selbst dieses Gefühl war nicht niederschmetternd. Es war einfach da und passte zur Situation.
Ich möchte mich immer so fühlen wie jetzt.
Die Große Halle war voll, sie kam gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die meisten Schülerinnen und Schüler ihr Abendessen zu sich nahmen. Normalerweise richtete Hermine es so ein, dass sie etwas später hinging oder ganz früh, um die Menschenmassen zu vermeiden. Aber warum eigentlich? Dieser summende Bienenkorb war großartig. Dieses Gewirr von Stimmen, das Gelächter, das Geschirrgeklapper, die Unmengen von Speisen ... Ein paar Blicke kreuzten ihren; sie lächelte. Sie hatte den Eindruck, dass sich ein paar Leute nach ihr umdrehten, aber vielleicht irrte sie sich auch, sie beschloss, sich nicht darum zu kümmern.
Zwei Plätze am Lehrertisch waren leer – der des Zaubertrankmeisters und der des Direktors. Für Hermine war das keine Überraschung. Erstaunt stellte sie fest, dass sie durch Snapes Abwesenheit nicht im Geringsten beunruhigt war. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie machte sich keine Sorgen um ihn; es war, als gäbe es eine Verbindung zwischen ihren Herzen, und sie war sich völlig sicher, dass er nicht in Gefahr war. Aber bei Dumbledore war sie da gar nicht sicher. Sein leerer Platz erinnerte Hermine lediglich unangenehm daran, dass niemand im Schloss wusste, wo er gerade war. Und daran, dass sie nach dem Essen noch Pflichten als Vertrauensschülerin hatte.
Nachher. Jetzt nicht. Jetzt wird gegessen.
Langsam steuerte sie auf den Teil des Gryffindor-Tisches zu, an dem sie einen schwarzen und einen roten Haarschopf nebeneinander sah. Plötzlich wurde sie von einem warmen, freundschaftlichen Gefühl für Harry und Ron überwältigt. Am liebsten wäre sie hingerannt und hätte die beiden herzlich umarmt, aber sie konnte sich gerade noch beherrschen; sie beschloss, es etwas ruhiger anzugehen.
„Hey, Jungs." Mit einem strahlenden Lächeln setzte sie sich neben die beiden und begann sich den Teller aufzufüllen. Herrje, hatte sie einen Hunger!
„Hey, Hermine." Das war Ron. Mit vollem Mund, natürlich. Hermine grinste nur.
Harry hob den Kopf und schaute gleich wieder weg. „Oh, du hier", sagte er. Er klang äußerst reserviert.
„Stimmt", sagte sie fröhlich, „du stellst das Offensichtliche fest, aber das macht nichts. Guten Appetit wünsche ich euch."
Sie beschloss, Prioritäten zu setzen und erst einmal zu essen. Brot, Reis, Spinat, Kichererbsen, Hühnchen. Das war so lecker, sie hätte fast in doppeltem Tempo gegessen, aber sie ermahnte sich selbst, langsam zu kauen. Allmählich beruhigte ihr Magen sich, und nachdem sie den zweiten Teller leer gegessen hatte, fühlte sie sich etwas weniger hungrig. Nach einer Weile bemerkte sie, dass Ron sie anstarrte.
„Wow", sagte er, als ihre Blicke sich trafen. „Ich hab dich schon lange nicht mehr so viel essen sehen."
„Musste wohl was nachholen", lächelte Hermine. Dann holte sie tief Luft und wandte sich ihrem schwarzhaarigen Freund zu.
„Harry", sagte sie, „ich würde gern mit dir reden."
Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu.
„Es tut mir Leid", fuhr sie fort. „Mein Verhalten von - von vorhin. Das war ... nicht so toll."
„Nicht so toll?" wiederholte Harry nüchtern.
Okay, mach es mir nur schwer. Ich habs verdient.
„Okay, es war bescheuert", sagte Hermine klar und deutlich. „Wirklich ... Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es war blöd von mir, ich hätte dich nicht so anschreien sollen."
Seine Augenbrauen hoben sich ein wenig. „Okay", sagte er langsam. „Ist schon gut, Hermine."
Sie legte den Kopf schräg. „Ja, wirklich? Ist es das?"
Als Antwort erhielt sie von Harry das erste Lächeln des Abends.
„Ja doch. Du Nervensäge." Harry grinste jetzt offen. "Gut, ich verzeihe dir. Bin ich nun großmütig, oder was."
Hermine lachte. „Ja, Harry, das bist du. Wahrlich. Ich werfe mich vor dir in den Staub."
„Übertreib nicht gleich", warf Ron ein. So toll ist er nun auch wieder nicht."
„Pass bloß auf, Karottenkopf", erwiderte Harry und boxte Ron in die Seite.
Ron boxte zurück. „Narbengesicht!"
„Muttipulliträger!"
Danach entstand eine Pause von etwa einer halben Sekunde, in der Hermine sich darüber Sorgen machte, ob es jetzt Streit gab – dann brach Ron in schallendes Gelächter aus und riss seine beiden Freunde in einen kollektiven Lachanfall mit sich, der auf der Skala von eins bis zehn die höchste Punktzahl erreichte. Ron lachte so heftig, dass er mit seinem Stuhl umkippte und Harry dabei mit zu Boden schmiss. Hermine registrierte am Rande, dass ihre Hauslehrerin zu ihnen hinüber sah und einen der für sie üblichen strengen Blick über die Tische schickte, aber offenbar sah sie keinen ernsthaften Handlungsbedarf. Ron auch nicht. Er lag quer über seinem Stuhl und heulte fast vor Lachen, und Harry schaffte es in seinem anhaltenden Lachanfall nicht einmal, seinem Freund einen weiteren Klaps zu geben. Sie lagen einfach da, lachten sich Knoten in ihre Extremitäten und wischten sich die Augen, während sich die Hälfte der Anwesenden in der Großen Halle nach ihnen umsah.
Die Angelegenheit wurde irgendwann schmerzhaft; Hermines Bauch begann wehzutun, und sie ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Tränen liefen ihr über die Wangen, und schließlich flehte sie ihre Freunde inständig darum an mit dem Blödsinn aufzuhören.
„Das ist so ansteckend!" keuchte sie. „Bitte, Jungs, seid barmherzig. Ich kann nicht mehr."
Schließlich kletterten die Jungs über ihre Stühle, stellten sie wieder hin und setzten sich.
Harry klopfte ihr immer noch lachend auf die Schulter. „Das ist gesund. Mach dir keine Sorgen." Sein Blick war warm und voller Zuneigung, und wieder einmal war Hermine sehr froh darüber, dass sie einen Freund hatte, mit dem es so einfach war sich auszusöhnen.
Nach dieser Überdosis Gelächter fühlte sich Hermine auf eine angenehme Art wie gerädert. Sie war sicher, dass sie Muskelkater im Gesicht und im Bauch bekommen würde. „Mannomann ...", murmelte sie, zog eine Grimasse und strich halbherzig ihr Durcheinander von Haaren glatt. Harry kicherte ein letztes Mal; er sah sie einfach nur an, während Ron sich mit einem seligen Lächeln noch einmal den Resten des Buffets zuwandte.
„Das war ... echt gut", stellte sie fest. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal richtig gelacht habe. Die letzten Tage ... und Wochen ... sind so stressig gewesen. Nicht sehr lustig, meistens. Darum war ich auch so gereizt, weißt du. Es war alles so ... so schwierig." Sie sah Harry an, unsicher, wie sie fortfahren sollte.
„Ja", erwiderte er. Sein Blick war nachdenklich und aufmerksam. „Ist mir auch schon aufgefallen. Und wir haben wenig Zeit zum Reden gefunden in letzter Zeit."
Sie nickte gedankenverloren. „Wie soll das erst später werden? Ich meine", ergänzte sie, als Harry seinen Ich-versteh-nur-Bahnhof-Blick aufsetzte, „im Sommer ist es schließlich vorbei mit Hogwarts. Für uns. Dann müssen wir uns die Zeit füreinander nehmen. Verstehst du? Es wird dann eine ganz andere Freundschaft sein als vorher."
„Klar", sagte Harry einfach. „Vielleicht sollten wir schon mal üben. Uns verabreden und so." Er tippte sich an die Stirn. „Klingt irgendwie bescheuert."
Hermine lachte schon wieder. „Wieso bescheuert? Freunde verabreden sich nun mal!" Harry wollte etwas erwidern, aber sie kam ihm zuvor. „Ja, ich weiß schon, was du meinst. Hier in Hogwarts ist es viel einfacher. Und früher, da war es noch einfacher. Ich meine, wir hatten die gleichen Kurse und damit auch die gleichen Probleme."
„Was?" Harry grinste. „Ich wüsste nicht, dass du je dieselben Probleme hattest wie Ron und ich."
Hermine winkte ab. „Du weißt doch, was ich meine ... Wir hatten die gleichen Wege, die gleichen Themen ... und die gleichen Lehrer, natürlich."
„Stimmt. Aber ehrlich gesagt bin ich heilfroh, dass ich Snape nicht mehr als Lehrer habe ..." Sein Blick veränderte sich. „Der Stress, den du hattest ... Hat das irgendwas mit Snape zu tun, zufällig?"
Hermine fiel fast das Essen aus dem Gesicht.
„Ich -" Sie verstummte.
Harry sah sie interessiert an. „Was?"
Hermine schüttelte den Kopf; sie spürte, wie die Hitze in ihr Gesicht schoss. Allein die Erwähnung von Snape hatte sie zum Stottern gebracht, dabei konnte Harry von den Ereignissen der letzten Tage doch gar keine Ahnung haben.
„Ähm. Naja", stotterte sie. „Ich, es ist ... Genau genommen -"
Oder doch, jetzt hatte er vielleicht eine Ahnung – so kindisch, wie sie sich gerade verhielt. Harry zog die Augenbrauen hoch; die Verwirrung war offen in seinem Gesicht zu lesen.
„Genau genommen ...?", wiederholte Harry mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. „Was denn jetzt? Komm schon, Hermine. Du versuchst doch nicht etwa, Snape zu schützen, oder? Wenn du Probleme mit ihm hast, rück raus damit!"
Hermine seufzte. Manchmal war es ein Ärgernis, dass Harry sie so gut kannte. Sie öffnete den Mund, um weiteres Gestotter von sich zu geben, als Ron sich zu ihnen herüber lehnte.
„Worum geht's gerade?" fragte er.
„Ach, um nichts", sagte Hermine hilflos.
„Genau, um nichts", sagte Harry spöttisch. „Dass Snape ein Nichts ist, wusste ich immer schon."
Hermine warf Harry einen wütenden Blick zu; Ron legte die Stirn in Falten und sah von Hermine zu Harry und wieder zurück. Er legte das Hühnchenbein auf den Teller.
„Was jetzt?" fragte er ungeduldig. „Ey Leute, was soll das? Bin ich nicht vertrauenswürdig, oder was?"
Nicht auch noch das.
Es war Hermine schmerzlich bekannt, wie empfindlich Ron sein konnte, wenn er das Gefühl hatte, ausgegrenzt oder nicht ernst genommen zu werden. „Doch, Ron", sagte sie daher vorsichtig. „Natürlich bist du das. Es hat nichts mit dir zu tun."
„Nein", warf Harry ein, „es hat was mit Snape zu tun. Ich denke, Hermine hat Probleme mit dem Mistkerl. Sie wollte gerade erzählen, welche." Er sah sie herusfordernd an. „Nicht wahr, Hermine?"
Verdammter Schlamassel! Wie sollte sie sich da herausreden?
„Es ist kompliziert", sagte sie lahm.
„Ich habe mal gehört", murmelte Ron, „dass intelligente Leute komplizierte Sachverhalte einfach darlegen können. Dann leg mal los, Hermine."
Sie starrte ihn an. Ronald Weasley war eben doch immer mal wieder für eine Überraschung gut. Und dann traf sie eine Entscheidung und holte tief Luft.
„Ich denke", sagte sie langsam, „die Sache hat damit angefangen, dass ich mein Tagebuch verloren habe."
t.b.c.
