Disclaimer: Siehe Kapitel 1.
A/N: °eine halbe Million Ballons steigen lass° He Leute, das Buffet ist eröffnet! Ihr habt es auf über ein-tau-send Reviews gebracht! °vorfreudeheul° Dieses Kapitel widme ich darum changed by Jah, die/der das eintausendste Review geschrieben hat. °blümchenausschüttundsektauskipp° :-D
Und ganz herzliche Grüße an alle, die je reviewt haben und die je reviewen werden. Ihr seid die Allergrößten. °schnief°
Wie immer an dieser Stelle ein großes Tutmirleid für die Langsamkeit der Updates. Ich kann da leider wirklich nix dran machen. Aber die Reviews retten mich immerhin stets aufs Neue über meine Blockaden hinweg - hin zum nächsten Kapitel.
Und bevor es losgeht, hier noch ein Zitat aus einer FF, das perfekt zu jeder Snape-FF passt, die nicht völlig OOC ist ;) :
„With Severus Snape, if you failed to pay attention to the smallest of details, you would miss the man entirely."
The Last Word von Kalina Lea (hier bei FFnet)
Und jetzt geht's loooooos :)
oOoOo
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 32
Die Dinge liefen in letzter Zeit nie so, wie Hermine es geplant hatte.
Sie hatte wirklich nicht vorgehabt, das alles ihren Freunden zu erzählen - zumindest nicht, bis sie ihren Zauberstab wieder heil in den Händen hatte. Aber nun passierte es irgendwie von selbst. Es war, als müssten die Ereignisse der letzten Woche schnellstmöglich aus ihr heraus, als müsste das alles unbedingt erzählt werden - jedenfalls das Wichtigste, damit es wirklicher wurde und nicht nur in ihrer Erinnerung herumspukte wie etwas, was genauso gut ein Traum sein konnte. Und alles, was sie wusste, war, dass sie es erzählen musste. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie den ganzen Schlamassel einigermaßen schlüssig erklären sollte, welche Ereignisse sie lieber nicht für sich behalten und wie sie die Jungs anschließend daran hindern sollte, Snape den Todesfluch zu verpassen.
Nachdem sie festgestellt hatte, dass sie in der Großen Halle inzwischen ungestört waren, erzählte sie also ihren Freunden zunächst, wie sie das Tagebuch nachts im Gang liegen gelassen hatte und tags darauf von Snape in sein Büro zitiert worden war. Schon als sie berichtete, dass Snape ihr das Tagebuch nicht wiedergegeben, sondern stattdessen angedeutet hatte, dass er dafür etwas von ihr haben wolle, platzten die Jungs fast vor Empörung.
Spart euch euren Atem. Das ist noch gar nichts, ihr Süßen.
Hermine hielt mit ihrer Erzählung inne und drückte Ron an den Schultern mit einigem Nachdruck auf seinen Sitz zurück.
„Mo-ment!" sagte sie. „So geht das nicht. Ihr müsst mir zuhören, okay? Versprecht es mir. Sitzen bleiben. Ohren auf. Und nicht losrennen und Snape verfluchen. Es ist etwas, das ICH klären werde und nicht ihr. Versprecht es mir. Ja? Bitte, Jungs. Und es bringt auch nur was, wenn ihr alles hört. Die Sache ist wirklich ein bisschen kompliziert."
Ihre Worte glätteten Harrys tiefe Stirnfalte nur unwesentlich, aber er nickte. Ron sank auf seinem Stuhl zusammen und bedachte Hermine mit einem mörderischen Blick; sie war froh, dass dieser Blick nicht ihr galt.
„Wenn dieser Schleimbeutel dir was getan hat, mach ich ihn fertig", stellte Ron feierlich fest. „Das schwöre ich."
Ein ungutes Gefühl stieg in ihr auf.
„Es gibt keinen Anlass für Blutrache, Ron", sagte sie schärfer als beabsichtigt und seufzte, als er ihr einen beleidigten Blick zuwarf. „Bitte", setzte sie hinzu und umfasste die Hände ihres rothaarigen Freundes, die zu harten Fäusten geballt auf dem Tisch lagen. „Ich meinte das eben ernst. Das ist meine Angelegenheit, nicht eure. Und wie soll ich euch gegenüber ehrlich sein, wenn ihr sofort verurteilt, was ich euch erzähle, ohne den ganzen Zusammenhang zu kennen? Das funktioniert nicht. Zuhören ist etwas anderes."
Ron bewegte seine Hände unter ihren nicht. Er erwiderte ihren Blick, ohne zu antworten, sie war nicht sicher, ob er sie überhaupt verstanden hatte; aber Harry nickte erneut.
„Du hast ... Recht", sagte er zögerlich. „Also, mach weiter. Ich verspreche, ganz still zu sitzen, Frau Lehrerin."
Hermine erwiderte sein schiefes Grinsen. Plötzlich hatte sie eine stille Eingebung, und anstatt Rons Hände loszulassen, hielt sie sie noch fester als zuvor.
„Okay. Das Schlimmste zuerst. Stellt es euch als Achterbahnfahrt vor, in der der Sturz nach unten und die Loopings zuerst kommen - danach wird es ruhiger."
Sie lächelte Ron an, der sie verständnislos ansah, flüsterte ihm ein Nicht so wichtig zu und atmete tief durch.
„Es lässt sich folgendermaßen zusammenfassen. Snape hat mein Tagebuch behalten, er hat Teile davon genutzt, um mich bei meinen Klassenkameraden unbeliebt zu machen, er hat mich unwissentlich den Hellsichtigkeitstrank einnehmen lassen, woraufhin ich die Gefühle der ganzen Schule mitbekommen habe, er hat ungefragt Legilimentik bei mir angewendet, und er hat meinen Zauberstab zerbrochen."
Und er hat mich geküsst. Aber das müsst ihr nicht wissen.
Stille.
Das Schweigen hallte merkwürdig in Hermines Ohren. Ein Teil ihrer Aufmerksamkeit war nur auf die Stille um sie herum gerichtet (schon vor einer Weile hatten die letzten Schüler die Große Halle verlassen), aber zugleich spürte sie, dass es in Rons Fäusten unter ihren Händen arbeitete. Jeder Muskel spannte sich an, seine Knöchel traten weiß hervor, und es schien, als wolle er ihr seine Hände entziehen, aber er tat es nicht. Wahrscheinlich deshalb, weil sie seine Fäuste so kräftig festhielt, dass es weh tun musste. Rons Gesicht hatte eine ungute rötliche Farbe angenommen, und er öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus.
Schließlich war es Harry, der etwas sagte.
„Das ist sein Ende. Ich schwöre es." Er saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl und wirkte unnatürlich ruhig.
Hermine schüttelte langsam den Kopf. „Nein", sagte sie. „Du missverstehst das. Harry ... ich ... im Grunde bin ich Schuld daran. Ich habe den Emotionstrank gebraut und Snape ein paar Tropfen davon gegeben. Der Emotionstrank hat dazu geführt, dass er seine Gefühle nicht mehr richtig kontrollieren konnte. Es war ein Höllentag für ihn. Das war kurz nach der Sache mit dem Hellsichtigkeitsstrank. Ich wollte mich an ihm rächen, und es ist mir gelungen. Außerdem habe ich in einem Streit den Stab auf ihn gerichtet und versucht ihn zu verfluchen."
Sie nahm sich noch etwas Zeit, um diese Sachverhalte näher zu erläutern. Sie erzählte, wie der Emotionstrank wirkte und versuchte den Jungs zu erklären, welchem Stress Snape dadurch ausgesetzt war und welche seiner Handlungen dem Einfluss des Trankes zu „verdanken" waren.
Es schien eine Weile zu dauern, bis die Informationen in die Gehirnströme ihrer Freunde Einlass fand. Dennoch entspannten sich Rons Fäuste unter Hermines Händen nur ein winziges Bisschen, während über sein gerötetes Gesicht ein zufriedener, fast grausamer Zug zog.
„Er hat es verdient", stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Ich hätte ihn zu gerne gesehen an diesem Tag. Du hättest uns das sagen sollen, wir hätten ihn komplett fertig machen können."
Na großartig.
Hermine warf Ron einen empörten Blick zu und schüttelte erneut den Kopf, diesmal sehr heftig.
„Ein Glück, dass ich dir nichts davon gesagt habe", sagte sie bestimmt. „Ich bin nicht stolz drauf. Rache ist nichts, worauf man stolz sein sollte. Ich habe versucht mich zu rechtfertigen, indem ich mir gesagt habe, dass ich Gleiches mit Gleichem vergelte und dass ich das Recht dazu habe. Aber ich glaube, das stimmte nicht. Die Sache mit dem Hellsichtigkeitstrank war was anderes. Snape wollte mich herausfordern, es war ein Spielchen für ihn, versteht ihr? Er wollte sehen, wie weit er gehen kann. Und ich habe ihn dann gewissermaßen überrumpelt und den Trank tatsächlich getrunken. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet."
Seltsam. Dieser Gedanke war ihr selber neu, sie wusste gar nicht, woher der kam. Aber er machte Sinn. Und jetzt, wo sie darüber sprach, wurde sie von den Erinnerungen an all die Ereignisse und den damit zusammenhängenden Gefühlen fast umgeworfen. So wenige Tage waren vergangen, und doch war vieles von dem, was geschehen war, in ihrer Erinnerung schon unscharf geworden.
Ja, Es war gut darüber zu sprechen. Aber durch das Gespräch schoben sich auch Gedanken und Fragen in ihr Bewusstsein, um die sie sich im Augenblick leider nicht kümmern konnte. Warum hatte Snape sich eigentlich so verhalten? Was war nur in ihn gefahren, er hatte mit seinem Verhalten viel riskiert und sie so sehr verletzt, was um aller Welt hatte er damit bezweckt? Bislang, wann immer sie sich diese Fragen gestellt hatte, war da nur Ratlosigkeit gewesen. Und Wut, natürlich. Aber jetzt war da mehr, irgendein Teil von ihr verstand ihn, aber sie konnte es noch nicht richtig greifen ... Sie hätte jetzt allein sein müssen, um nachzudenken. Aber das ging nicht. Nicht jetzt.
Ein bisschen abgelenkt wandte sie sich wieder ihren Freunden zu.
„Ich weiß nicht, warum er mir das Tagebuch nicht wiedergegeben hat. Keine Ahnung, was da in ihn gefahren ist, irgendetwas hat er sich davon versprochen, was auch immer."
Du weißt genau, was.
Nein, weiß ich nicht, und jetzt halt die Klappe, wies sie ihre innere Stimme in ihre Schranken.
„Ich weiß nur eins genau ... er hat es ... wie soll ich sagen ... eigentlich nicht böse gemeint. Ich bin immer noch sauer auf ihn, aber ich ... Ich kann es nicht genau erklären. Ihr wisst, dass ich ihm immer vertraut habe. Und das tue ich auch jetzt noch, irgendwie."
Sie sah Harry flehentlich an; wenn einer der beiden sie verstehen würde, dachte sie, dann er. „Und ich habe von Anfang an entschieden, nicht zu Professor Dumbledore zu gehen, sondern das mit Snape selbst zu klären", sprach sie weiter.„Das ist mir unheimlich wichtig, versteht ihr. Er hat einen Fehler gemacht, nicht nur einen, und er hat sich dumm verhalten, aber er verdient eine Chance, er -"
„So ein Schwachsinn!" platzte es endlich aus Ron heraus; er entriss ihr seine Hände.
Hermine erschrak, aber sie war auch ein wenig erleichtert; sie hatte schon die ganze Zeit auf diesen Ausbruch gewartet.
„Du hast ihn immer verteidigt! Und wozu? Das Arschloch macht dich noch extra fertig! Er ist ein schleimiger widerlicher Mistkerl, der keine andere Freude im Leben kennt als andere Menschen zu quälen! Niemand kann ihn ausstehen! Er ist ein TODESSER! Und er hat deinen ZAUBERSTAB ZERBROCHEN!"
Hermine schloss die Augen. „Nein, er ist kein Todesser, Ron. Schon lange nicht mehr. Und ja, er hat meinen Zauberstab zerbrochen, aber das hätte er ja nie gemacht, wenn er nicht unter dem Einfluss des Emotionstranks gestanden hätte. Außerdem hab ich ihn unmittelbar vorher mit meinem Stab bedroht. Und weiter vorher ist er ... in meinen Geist eingedrungen, so hat er leider auch rausgefunden, dass ich ihm den Trank untergejubelt habe. Aber das waren alles Situationen, in denen er sich überhaupt nicht beherrschen konnte. Er hat sich wirklich noch ganz gut gehalten, wenn man bedenkt, wie sich Leute sonst verhalten, wenn sie den Emotionstrank einnehmen."
Harry holte tief Luft und schüttelte den Kopf. „Dieser Emotionstrank ist mir egal. Ich werde dafür sorgen, dass diese Ratte suspendiert wird." Er sprach leise, wie für sich selbst. „Er wird nie wieder eine Anstellung als Lehrer finden. Ich werde sowieso nie verstehen, warum Professor Dumbledore ihn eingestellt hat."
„Du wirst nichts davon tun." Hermines Stimme blieb erstaunlich ruhig, stellte sie fest. Sie sah Ron und Harry so fest und ernst in die Augen, wie sie konnte. „Ihr werdet beide nichts tun. Ron, du wirstSnape nicht angreifen, und Harry, du wirst nicht zu Dumbledore gehen.Ich habe gesagt, dass ich das mit Snape klären werde und sonst niemand. Er hat das mit mir gemacht, nicht mit euch. Versteht ihr das nicht? Nur ich habe das Recht zu entscheiden, wie es weiter gehen soll."
Ein kleines, verzweifeltes Lachen brach aus ihr hervor. „Ich weiß, dass ihr es gut meint, aber ich möchte nicht, dass er verhext wird odersuspendiert wird. Das würde alles nur noch schlimmer machen."
„Ach herrje", schnappte Ron. „Das wollen wir aber nicht, der arme Mann könnte sich ja schlecht fühlen. Da lassen wir ihn lieber laufen, dieses Schwein."
„Hör auf, Ron!" rief Hermine heftig. Instinktiv griff sie in ihren Umhang und umfasste den kleinen Stein in ihrer Tasche. „Es geht nicht um ihn, es geht um mich! Ich bitte euch nicht darum, mit ihm Mitleid zu haben, ich möchte nur, dass ihr MIR das Vertrauen entgegen bringt, das ich EUCH entgegen gebracht habe, indem ich euch das alles erzählt habe! Ich bin erwachsen, und ich bin keiner Bedrohung ausgesetzt, die mich überfordert!"
Sie atmete tief durch und spürte ein wenig Beruhigung durch sich hindurch fließen. Ihre Stimme wurde ruhiger und tiefer. „Ihr seid meine Freunde, und ich verstehe, dass ihr mir helfen wollt. Aber ihr helft mir nicht, wenn ihr jetzt losrennt und euch einmischt, versteht ihr?"
„Nein", sagten Harry und Ron gleichzeitig.
Sie ernteten ein schiefes Grinsen von Hermine. „Und, was heißt das?", fragte sie gequält. „Pfeift ihr auf meinen Wunsch? Setzt ihr euch darüber hinweg? Ihr würdet meine Probleme nicht lösen, sondern noch eins drauf setzen."
„Hermine", sagte Harry entnervt. „Das ist doch keine persönliche Angelegenheit. Es geht um einen Konflikt zwischen einem Lehrer und einer Schülerin. Es geht um Machtmissbrauch und um verschiedene Angriffe des Lehrers gegenüber der Schülerin. Verstehst du das nicht? Das ist jetzt Dumbledores Angelegenheit. Wie kommst du bloß auf die Idee, das mit Snape selber zu klären?"
Dumbledore. Ich habe völlig vergessen, mit Ron über Dumbledore zu sprechen.
Aberdas war nur ein kurzer Gedanke, denn Harrys Frage folgte ein so intensiver, forschender Blick, dass Hermine gleich wieder vergaß, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war. Sie konnte diesen Blick kaum ertragen. Sie sah Ron an, aber zu ihrem Entsetzen schaute der sie genau so an. Sie konnte regelrecht die Fragezeichen über den Köpfen ihrer Freunde tanzen sehen, und ihr wurde unangenehm warm.
„Es ... ich kann es nicht erklären", sagte sie lahm. „Ich weiß, ihr könnt Professor Snape nicht leiden und ihr könntet euch niemals vorstellen, zu ihm zu gehen und euch freiwillig auf ein persönliches Gespräch mit ihm einzulassen. Aber ich kann das. Es tut mir Leid. Wir sind da verschieden. Für mich ist Professor Snape kein schleimiger Mistkerl. Er ist ein schwieriger, anstrengender Mensch, er kann ein ... naja, ein echtes Ärgernis sein, ich weiß. Aber ich glaube, dass wir ihn überhaupt nicht verstehen. Und", fügte sie leise hinzu, „ich möchte ihn verstehen."
„Das wird ja immer schöner", murmelte Ron. „Hermine will Snape verstehen." Es klang so, als hätte er gerade erfahren, dass Hermine ohne Zauberstab und nur mit einem Bikini bekleidet den Mount Everest besteigen wollte. Er schüttelte den Kopf: „Merlin Scheiße nochmal, wird das dein Lebensprojekt? Heiratest du ihn und begleitest du ihn zur Therapie, damit er sein Todessertrauma überwindet? Ehrlich, Hermine."
In diesem Moment kam etwas in Hermine zum Stillstand. Ohne darüber nachzudenken, sprang sie vom Stuhl auf und feuerte einen wütenden Blick auf Ron ab.
„Schon gut!", fauchte sie. „Ich habe gar nicht erwartet, dass ihr das versteht. Ich erwarte nur, dass ihr es respektiert! Aber vielleicht habe ich einen Fehler gemacht habe, indem ich mit euch gesprochen habe!"
Bevor die Harry und Ron die Chance hatten etwas zu erwidern, war Hermine schon aus der Tür der Großen Halle gestürmt. Aber außer Sichtweite fiel ihr Ärger wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und sie lehnte sich gegen eine der hohen Säulen. Die Ratlosigkeit schnürte ihr den Hals zu; sie wusste, sie müsste jetzt zurück gehen – das Gespräch mit den beiden Jungs sollte nicht im Streit enden. Aber, dachte sie, hatte sie nicht schon genug preisgegeben? Freunde hin oder her, sie würde mit Ron und Harry nicht über ihre Gefühle für Severus Snape sprechen. Ihr fiel kein Mensch ein, der sie an diesem Punkt verstanden hätte, sie verstand sich ja selber nicht. Davon abgesehen musste sie den Jungs nur in die Augen sehen um zu erkennen, dass sie ohnehin schon zu weit an der Wahrheit dran waren.
Und das Schlimmste war, dass Ron Recht hatte. Lebensprojekt, das Wort hallte in ihr nach und setzte sich in ihrem Kopf fest. Severus Snape zu verstehen würde lange dauern, sehr lange.
Und wie komme ich eigentlich auf die Idee, dass er mir erlaubt, ihn zu verstehen?
Beim Gedanken an ihren Professor lief Hermine ein kleiner Schauer über den Rücken. Es war ihr nicht einmal klar, ob es ein wohliger Schauer war oder nicht doch eher ein Schaudern des Schreckens, verursacht durch Gedanken, die Snape betreffend in die Zukunft gingen. Eine Zukunft? Wie lächerlich, es gab ja nicht einmal eine Gegenwart. Es gab nur Streit und Ärger und Frust und ... zerbrochene Zauberstäbe und ... eine heiße Kaffeetasse in ihren Händen ... ein flüchtiges Lächeln in einem blassen Gesicht ... eine Hand, die ihr Gesicht berührte ... und ein Mund, der ... -
Hermine seufzte, schlang die Arme um sich selbst und ermahnte sich, ihre Gedanken von Severus Snape weg zu bekommen. Diese Gedanken passten ihr jetzt wirklich nicht; diese ganzen Gefühle für den Tränkemeister passten ihr nicht, genau genommen. Als sie noch jünger gewesen war, hatte sie kurzfristig für Lockhart geschwärmt, diese ewig grinsende, dusselige Niete, und das war ihr immer noch peinlich; sie hatte sich damals vorgenommen, nie wieder einen Professor anzuschmachten. Schluss mit diesem kindischen Verhalten. Und jetzt stand sie da mit ihren immerhin achtzehn Jahren und spürte ihren Ameisenkolonnen im Bauch nach, wenn sie über die Hände und den Mund von Professor Snape nachdachte.
Professor Severus Snape. Ausgerechnet. Erneut wurde ihr klar, dass sie nicht damit rechnen konnte, dass irgendjemand sie verstehen würde. Und es war auch weder notwendig noch sinnvoll, wurde ihr klar, jetzt ihre verworrenen Gefühle für diesen Mann gegenüber irgendwem zu verteidigen. Es brachte überhaupt nichts, wenn Harry und Ron auf schiefe Gedanken kamen, es würde die beiden nur noch weiter von ihr entfernen. Und sie wollte die Jungs nicht als Freunde verlieren.
Mit einer heftigen Bewegung stieß Hermine sich von der Säule ab und kehrte mit schnellen Schritten in die Große Halle zurück. Harry und Ron hatten ihre Plätze nicht verlassen; sie drehten die Köpfe in ihre Richtung und brachen ihr Gespräch ab.
Hermine setzte sich wieder neben die beiden und seufzte tief, anstatt etwas zu sagen. Ron zog als Antwort eine Grimasse der Verzweiflung, und Harry legte in einer überrraschenden Geste eine Hand auf Hermines Hand. Niemand von ihnen sprach ein Wort, und alle drei versuchten ihre Blicke gleichberechtigt auf jeweils die anderen beiden zu verteilen, so dass alle drei Augenpaare ständig in Bewegung waren. Das führte bloß dazu, dass Hermine Ron immer dann ansah, wenn der gerade Harry einen Blick zuwarf, während Harry gerade in diesem Moment von Ron wegsah und Hermine anschaute. Und wenn sie einander doch mal ansahen, sah einer gleich wieder weg, um den dritten nicht außen vor zu lassen.
Ein kribbeliges Gefühl entstand tief in Hermines Innern, es kitzelte ihren Magen und zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht, das sich auf den Gesichtern der Jungs wiederspiegelte und immer breiter wurde. Es wurde zu einem Grinsen, dann sah sie Rons Zähne und wusste, was gleich kommen würde. Sie hörte ein leises Glucksen von Harry und ein verzweifeltes KIIIEKS von Ron, der krampfhaft versuchte, nicht zu lachen - und einen Sekundenbruchteil später brachen alle drei endlich in Gelächter aus, das sie aus der Situation befreite.
Lachen war so gut. Sie stellte es heute schon zum zweiten Mal fest. Es war ein Geschenk, etwas, das immer wieder eine Verbindung zwischen ihr und den Jungs hergestellt hatte. Man konnte es nicht erzwingen, es kam einfach und spülte vorübergehend alle Probleme aus den Köpfen. Und danach waren diese Probleme leichter als sonst, weil die Verbindung zwischen ihnen erneut gestärkt war. Hermine war die erste, die aufhörte zu lachen, aber sie strahlte die beiden Jungs weiterhin an und war einfach froh, sie zu haben.
„Es tut mir Leid", sagte sie. „Ich weiß, dass ihr mich nicht versteht ... Es ist nur ... Wenn alles gut geht, erhalte ich morgen meinen Zauberstab zurück. Bis dahin, bitte, BITTE – wartet ab, sprecht Professor Snape nicht an und tut nichts Unüberlegtes. Ich weiß nicht, ob es uns sonst gelingt, den Stab zu reparieren."
„Stab reparieren?" fragte Harry. „Wie soll das denn gehen?"
Sie betrachtete die Gesichter ihrer Freunde, auf denen jetzt offene Neugier zu sehen war, und schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht sagen. Noch nicht. Genau genommen ... weiß ich nicht, ob ich darüber reden darf. Es ist noch jemand daran beteiligt, den ich mag, und ich möchte diese Person nicht enttäuschen."
„Na toll", murmelte Ron säuerlich. „Die große Käseverschwörung, oder was. Alle wissen Bescheid, nur wir nicht."
„Blödsinn", sagte Hermine, aber ihre Stimme blieb diesmal sanft. „Ich möchte euch alles erzählen ... und ich werde euch alles erzählen, sobald ich kann. Gebt mir einfach noch ein bisschen Zeit."
Ron machte eine unwillige Kopfbewegung, aber was er dann sagte, überraschte Hermine maßlos.
„Na gut. Ehrlich, Hermine, du bist furchtbar stur. Das warst du schon immer. Und ich glaube, ich werde dich nie verstehen, aber vielleicht sollte ich mich damit abfinden. Nur so ne Idee", setzte er mit einer Grimasse hinzu. „Ich meine, ich wünschte, du würdest damit zu Dumbledore gehen, aber du hast uns ja vorher gesagt, dass es deine Angelegenheit ist. Und bitte, dann ist sie das. Aber denk dran, Hermine, ich bin nicht deiner Meinung. Snape ist ein Mistkerl und du solltest dir das nicht von ihm bieten lassen. Du musst dich gegen ihn wehren. Und ich werde Snape platt machen, wenn du mir nur einen winzigen Hinweis gibst, dass du meiner Meinung bist. Ich werd mir mit Harry was ausdenken, was dieser schmierige Typ in seinem Leben nie vergessen wird, und wenn ich dafür von der Schule fliege. Aber wenn du das jetzt nicht willst, mach ich es eben nicht. Ich ... ich möchte nicht, dass du aufhörst, mir Sachen zu erzählen, die dir wichtig sind."
Er wurde ein bisschen rot und senkte den Blick. In Hermines Hals wurde es merkwürdig eng, und sie lächelte; sie hatte Ron noch nie widerstehen können, wenn er rot wurde. Und mit seinem Verständnis hatte sie ehrlich und überhaupt nicht gerechnet.
„Danke, Ron", sagte sie mit belegter Stimme. „Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet."
„Doch, schon", erwiderte er und seine Augen blitzten frech. „Alles auf der Welt, nehme ich an."
„Du unmöglicher, eingebildeter ...!", rief Hermine lachend; Ron wich ihrem spielerischen Schlag auf den Arm nur halbherzig aus.
„Ist doch wahr", sagte Harry mit einem schiefen Lächeln. „Ohne uns wärst du doch völlig aufgeschmissen." Sie wollte schon empört etwas erwidern, als er weiter sprach: „Frauen kommen einfach nicht alleine klar. Sie brauchen einen Ritter oder zwei. Und das sind eben wir."
„Ihr zwei?", fragte Hermine grinsend nach. „Meine Ritter? Auf weißen Pferden, oder was? Und du kommst alleine klar, ganzer Kerl, oder? Harry, du verlierst den Verstand."
Harry erwiderte ihr Grinsen. „Das macht die Narbe hier", versetzte er und deutete mit dem Finger auf seine Stirn. „Du weißt schon. Meine Kriegsverletzung. Schweres Los und so."
Hermine lachte wieder; sie konnte es manchmal nicht glauben, wie selbstironisch Harry im Laufe des letzten Jahres geworden war. Und genau genommen konnte sie auch nicht glauben, welch einfache Wendung dieses Gespräch genommen hatte – aber es sah wirklich so aus, als würden die Jungs ihr zumindest den Aufschub gewähren, um den sie gebeten hatte. Ihr fiel ein ganzer Felsen vom Herzen, als ihr das klar wurde.
Als sie sich diesmal von ihrem Stuhl erhob, folgten die Jungs ihr; sie verließen die Große Halle, ohne darüber zu reden, wohin sie gehen wollten. Für einen Spaziergang im Schnee war es zu spät, aber ein paar Schritte nach draußen würde nicht schaden.
Aber dazu kam es nicht. Denn gerade als Hermine, Ron und Harry grinsend und scherzend aus der Großen Halle kamen, trat eine Gestalt durch den Haupteingang in die Vorhalle und zog sich die Kapuze vom Kopf, und Hermine sah einen schwarzen Umhang, schwarze Haare und ein vertrautes blasses Gesicht. Sie würde in ihrem Leben nicht verstehen, warum es diese Art von Zufällen gab; sie hätte in diesem Moment gern jeden anderen getroffen, aber warum musste es Snape sein, der jetzt auf das Goldene Trio traf?
Ebenso wie Hermine und die Jungs blieb Snape wie angewurzelt stehen, als er sie erblickte. Sein schwerer Winterumhang war mit Schnee bedeckt, und unter anderen Bedingungen hätte Hermine sich gewiss die Zeit genommen, darüber nachzudenken, woher er gerade kam. Aber sie war abgelenkt durch die unguten Blicke, die zwischen ihren Freunden und Snape hin- und hergingen - und, vor allem, durch die Tatsache, dass Rons Hand sich durch einen idiotischen Zufall in der Nähe ihrer Taille befand. Er hatte sie eben gerade neckisch an sich gezogen und irgendeinen Witz gemacht; sie hatte schon vergessen, was er gesagt hatte. Und jetzt standen sie da, das Lächeln gefror den drei Freunden auf dem Gesicht, und Snapes entgeisterter Blick ging Hermine durch Mark und Bein. Einen Moment lang fehlte die überhebliche, gleichgültige Maske des Tränkemeisters, und Hermine hatte fast das Gefühl, sie würde einen Schüler sehen, der einen wütenden, verletzten und eifersüchtigen Blick auf eine Gruppe von Mitschülern warf, zu denen er nie gehören würde.
Möglichst unauffällig schob sie Rons Hand weg, aber die Mission Unauffälligkeit schlug fehl, denn Snapes Augen folgten ihrem Arm, und die Mischung aus Abscheu und Verzweiflung in seinen Augen zerriss ihr Herz. Aber dann dominierten erneut all die angelernten Verhaltensweisen, mit denen dieser Mann sich durch die Jahre gerettet hatte. Mit gekräuselten Lippen und einem Blick, der aus Verachtung und Spott bestand, rauschte er an Hermine, Ron und Harry vorbei und schlug den Weg in die Kerker ein.
Sie konnte ihn nicht so gehen lassen.
„Wir reden später weiter", flüsterte sie den Jungs zu. Sanft berührte sie die Arme von Ron und Harry und ignorierte ihre Blicke, die zu gleichen Teilen aus Fassungslosigkeit, Wut und Verwirrung bestanden. Sie hatte jetzt keine Zeit für die beiden; sollten sie denken, was sie wollten, das hatte sie nicht in der Hand.
Also drehte sie sich um und lief mit wehenden Haaren „Professor! Warten Sie!" rufend Severus Snape auf seinem Weg in die Kerker hinterher.
t.b.c.
oOoOo
A/N: Na, ich fürchte, die Jungs werden sich spätestens jetzt ihre Gedanken machen ... °gg°
Ihr ahnt es schon: Im nächsten Kapitel gibt es wieder massenhaft Snape-Hermine-Durcheinander. °g° Außerdem plane ich, ein paar Neben-Handlungsfäden wieder aufzunehmen. Und jetzt motiviert mich mit Reviews, bitte. (Ich finde es schon schade, dass die SchwarzleserInnen immer mehr werden. °hüstel°)
Ich habe den ReviewerInnen in letzter Zeit manchmal sehr spät geantwortet – sorry. Aber die Antworten kommen immer, nur bei anonymen Reviews ohne email-addy kann ich nix machen. (Achtung, Susanne und queenie: ich hatte mal eure mail-addys, aber die sind mir durch den PC-Wechsel futsch gegangen. Schickt ihr die mir noch mal? °hundeblickaufsetz°)
Den Betreffenden danke ich an dieser Stelle:
Su: Du warst ja schnell mit deinem Review. :) Danke für deine Anmerkung, das hab ich dann geändert. °manchmaletwasschusseligbin° Die Story sollte eigentlich schon zuende sein °g°, aber der derzeitige Plan ist, dass sie noch mindestens 10 bis 15 Kapitel weiter geht. Dank und liebe Grüße!
Nickodemus: Ja, also vielen Dank für dein begeistertes Review. :))) Die Unterbrechung der besagten Aktivitäten – tja, das war schade, aber die beiden wären auch ihres Lebens nicht froh geworden, wenn sie unter diesen depperten Bedingungen zueinander gefunden hätten. Wie auch immer, ich bin auch sicher, da geht noch was. °gg°
Susanne: Ja, die Ruhe vorm Sturm, der Gedanke kam einigen ... Ich hab jetzt den Sturm noch ein bisschen verschoben, aber die ersten Böen haben Hermine soeben erreicht. Armes Ding. °ggg° Dank und Liebgruß zurück! °wink°
queenie: Öh, eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, nach diesem Cliffhanger so eine Pause einzulegen. °lampeaufdeneigenenkopfschlag° Naja ... andererseits war der Cliffhanger gar nicht so schlimm, finde ich. :P Da kommen sicher noch andere. °g°
changed by Jah: Vielen Dank für dein Lob. :D Du hast wegen der Sache mit dem tausendsten Review einen Wunsch frei, weißt du das:)
solanacea: Lorbeeren? Bisher sind keine bei mir angekommen, nur Erdbeeren, und die halten sich auf so nem Kranz echt nicht lange. °ggg° Deine Bitte hat mich endgültig dazu gebracht, das Kapitel zu beenden – also überreiche ich dir einen Reviewerorden für die hilfreiche Motivation. °ketteumdenhalsleg° :) (So gern ich die Ärzte mag, ich glaube, den Ohrwurm hab ich Hermine nicht andichtet, es sei denn, ich hab Erinnerungsstörungen. Kann auch sein. °g°)
oOoOoOoOoOoOoOo
