Disclaimer: Siehe Kapitel 1.
A/N: Ich weiß, ihr übertreibt immer maßlos, aber einige von euch haben so überzeugend zum Ausdruck gebracht, dass sie schrecklich leiden, wenn ich so lange nicht update, dass ich mich ganz doll mit dem Schreiben beeilt habe. Gut, nicht? °beifallheischendausderwäscheguck° :D
Eine (mehr oder minder wichtige) Vorausbemerkung: Um dieses Kapitel zu schreiben, musste ich vorher das 28. Kapitel überarbeiten. Falls ihr keine Lust habt nochmal reinzulesen: Ihr erinnert euch doch daran, dass Hermine ihre Aufzeichungen über die Maligcantoren verloren hatte? Und sie hatte sie von Harry wiederbekommen. - Das habe ich geändert. Das Pergament ist immer noch verschwunden. Bis jetzt. :P
Und weil ihr alle so tolle LeserInnen und Reviewerinnen seid, habe ich das 20. Kapitel, in dem Hermine und Snape sich im Krankenflügel, ähm, etwas näher kommen, noch etwas ausgeschmückt. Extra für euch. °breitmaulfroschgrins°
Dieses Kapitel ist Tess Granger gewidmet, die in ihrem Review schrieb: „manchmal vergesse ich bei der ganzen geschichte bzgl. Snape, dass Hermione noch so jung ist ... die arme ..." Du hast ja so Recht, Tess!
Und jetzt bitte anschnallen ... °hüstel°
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 33
So schnell Hermine auch lief, sie holte Snape einfach nicht ein. Angesichts der unzähligen Ecken dieses Schlosses war er schnell außer Sichtweite geraten, aber sie hätte schwören können, dass er nicht nur schnell ging, sondern rannte. Er läuft vor mir weg, dachte sie. Severus Snape flüchtet vor seiner Schülerin. Sie versuchte diesen Gedanken als Unfug abzutun, aber es ging nicht, denn bei dem Weg treppab geriet sie außer Atem und musste sich einfach der Tatsache stellen, dass sein Gehtempo nicht normal war.
„Was soll denn das, warten Sie doch endlich", rief sie ihm hinterher, aber es war kaum mehr ein Rufen, die Luft ging ihr aus. So wurde sie schließlich langsamer und hätte ihr Vorhaben wohl ganz aufgegeben, wenn nicht erneut das so genannte Zufallsprinzip die Karten neu gemischt hätte. Diesmal zu ihrem Vorteil, zunächst jedenfalls.
Es konnte schließlich nicht immer alles schief gehen.
Die leicht schnarrende Stimme war noch einige Meter und Ecken entfernt, aber Hermine erkannte Draco Malfoy, wenn er sprach. Vor allem, wenn er mit Snape redete - es kam immer dasselbe kriecherische Gefasel dabei heraus.
„ ... habe auf Sie gewartet, aber Sie ..."
Hermine hörte auf wie eine Irre zu laufen in der unrealistischen Hoffnung, innerhalb weniger Sekunden wieder zu Atem zu kommen und so einen einigermaßen würdigen Auftritt hinzulegen. Aber immerhin kam sie gemessenen Schrittes um die Ecke, als sie auf Draco und - natürlich - Snape traf, der von einem Malfoyschen Redeschwall an seiner fortgesetzten Flucht gehindert wurde. Der Wortwechsel zwischen den beiden brach ab; Hermine nahm flüchtig wahr, dass Draco Malfoys helle Augen auf ihr ruhten, aber sie war damit beschäftigt, Snapes Blick zu erwidern. Und dieser Blick war voller Zorn und Abscheu, bevor er sich abwandte und dazu überging, sie zu ignorieren.
Ich muss mit ihm reden, unbedingt. Und zwar jetzt gleich, ich muss dieses Missverständnis ausräumen.
Er fixierte Malfoy, dann den Fußboden, schließlich schloss er die Augen.
„Miss Granger, verschwinden Sie."
Snape sprach ruhig und betonte wie immer jede einzelne Silbe, seine Hände steckten in den Weiten seines Umhangs, und sein Gesicht verriet nichts mehr. Aber Hermine wusste, dass ein Sturm in ihm tobte, sie konnte es fast mit Händen greifen. Und offenbar merkte Malfoy es auch, jedenfalls drehte er seinen Kopf äußerst interessiert von seinem Hauslehrer zu ihr hin und wieder zurück wie bei einem Tennisspiel.
„Auf keinem Fall", erwiderte sie tapfer und ärgerte sich über ihre Erschöpfung und ihre leicht zitternde Stimme. „Ich muss -"
Sie brach ab, als ihr Blick auf den Gegenstand fiel, den Malfoy in der Hand hielt. Es war ein Stück Pergament, offensichtlich der Anlass des Gesprächs zwischen ihm und seinem Hauslehrer.
Ein Stück Pergament, das sie kannte. Ein heißer Blitz durchfuhr sie.
„DAS GEHÖRT MIR!"
Wütend stürzte Hermine sich auf den blonden Slytherin und versuchte ihm die Pergamentrolle aus der Hand zu reißen. Aber Snape war schneller; bevor sie Malfoy erreichen konnte, stand er zwischen den beiden und hinderte Hermine daran auch nur einen Milimeter weiter zu kommen.
Wahrscheinlich lag es auch daran, dass Malfoy hinter Snape Schutz gesucht hatte wie ein hilfebedürftiges Baby, dachte Hermine wütend.
„Gib sie mir! Auf der Stelle!" schrie sie ihren Mitschüler an. „Wie hast du sie überhaupt in die Finger gekriegt, he? Du mieser -"
Sie wunderte sich später selbst über ihre heftige Reaktion, aber sie war wohl eingedenk der Erlebnisse der letzten Woche ein wenig überempfindlich, wenn es darum ging, eigene Schriftstücke in den Händen von Slytherins zu sehen.
„Aufhören. Sofort." Snapes tiefe autoritäre Stimme ließ Hermine innehalten, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.
„Sir!" rief sie hitzig. „Die Pergamentrolle gehört ihm nicht, sie ist -"
Der Tränkemeister unterbrach sie erneut, diesmal mit einer heftigen Handbewegung, die sehr deutlich machte, dass Hermine kurz davor war, eine Menge Hauspunkte zu verlieren. Sie verstummte und sah ihn nur an. Sein Blick streifte sie nicht einmal; er musterte nur Malfoy mit dem Stück Pergament in der Hand und machte eine kurze Kopfbewegung. Wie so oft musste er kein Wort sagen, es war völlig klar, was er gerade befohlen hatte, und Malfoy - natürlich - gehorchte umgehend und übergab seinem Hauslehrer die Pergamentrolle.
Hermine spürte, wie unfreiwillig so etwas wie Bewunderung durch sie hindurchfloss. Es war, als wäre dieses Treffen eben nie geschehen, als hätte Snape sie nie mit diesem Schmerz in den Augen angesehen. Er war jetzt in diesem Moment nur Lehrer und sonst nichts, er strahlte eine Ruhe und Autorität aus, die keinen Zweifel an seiner magischen und persönlichen Energie ließ. Sie kannte niemanden, der so präsent, so kontrolliert, so voller Kraft war. Es gab einfach niemanden, der so war wie er.
Manchmal war diese Tatsache aber auch etwas lästig. Denn natürlich war er nicht auf ihre Worte eingegangen und hatte ihr auch keine Gelegenheit mehr gegeben sich zu erklären. Nein, er rollte das Pergament auf, und seine schwarzen Augen huschten über das Papier. Hermine wusste, dass er sofort erkennen würde, was das war.
Es waren ihre Aufzeichnungen über die Maligcantoren, die sie im Gemeinschaftsraum liegen gelassen hatte.
In IHREM Gemeinschaftsraum, wohlgemerkt.
Ihre Gedanken rasten. Wie um alles in der Welt hatte Malfoy es geschafft Zutritt zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors zu erlangen? Das war nun aber wirklich zuviel!
Snape nahm sich ziemlich viel Zeit für das bisschen Papier, fand sie. Er entrollte es sogar vollständig, um es bis zum Ende überfliegen zu können. Schließlich rollte er es mit einer Heftigkeit wieder zusammen, als sei das Pergament Schuld an der unseligen Situation, und bedachte Hermine mit einem so finsteren Blick, dass ihre Handflächen feucht wurden.
„Ich dachte", meldete sich ausgerechnet jetzt Malfoy wieder zu Wort, „es sei wichtig, dass diese Unterlagen in Ihren Händen sind. Sie ... lagen im Schloss herum, und es stehen ja ziemlich wichtige Dinge über Zaubertränke darin."
Dieser elende Schleimer.
Hermine schloss die Augen und schlug innerlich mit dem Kopf gegen die Wand. Davon abgesehen, dass Malfoy natürlich log - sie war absolut sicher, dass er die Pergamentrolle nicht zufällig irgendwo gefunden hatte -, war es einfach hochnotpeinlich, dass Snape mitbekam, wie schusselig sie war. Jetzt erst fiel es ihr wieder ein - sie hatte tatsächlich sämtliche Informationen dort hineingeschrieben, die er ihr auf dem Weg durch den Wald anvertraut hatte; Informationen, die wichtige und teilweise gefährliche Tränke betrafen und die sicherlich nicht alle frei zugänglich waren. Sie hatte alles aufgeschrieben – und es dann einfach herumliegen lassen. Wie hatte ihr das nur passieren können? Und als es passiert war, hätte sie sich sofort darum kümmern müssen. Sie hätte es Snape gleich beichten sollen. Stattdessen stand sie jetzt da wie eine Idiotin.
Snapes finsterer Blick ruhte einen Augenblick auf ihr, und ihr Magen verknotete sich unangenehm. Sie war froh, als er sich von ihr wegdrehte und sich an Malfoy wandte.
„Gut gemacht, Draco. Zehn Punkte für Slytherin. Du kannst jetzt gehen."
Da war es wieder, dieses blöde malfoysche, überhebliche Grinsen. Sie hätte es dem Jungen gern aus dem Gesicht gekratzt; einzig tröstlich war die Tatsache, dass das "gehen dürfen" vielmehr ein Befehl war, der Malfoy nicht recht passte, weil er sicher noch gerne mitbekommen hätte, wie Snape Hermine zusammenschiss. Er warf ihr noch einen schadenfrohen Blick zu, bevor er ging.
Einmal ein Malfoy, immer ein Malfoy. Ich wusste es immer. Jetzt bin ich endgültig sicher, dass er Harry und Neville verhext hat.
Als Malfoy um die Ecke gebogen war, deutete der Tränkemeister ohne ein weiteres Wort mit einer Kopfbewegung Richtung Büro. Hermines Herz klopfte bis zum Hals, als sie seinen stummen Befehl befolgte und ihn begleitete. Ihre Gedanken gerieten wieder einmal durcheinander; sie dachte gleichzeitig an ihre Pergamentrolle, die Snape nun in den Händen hielt, an die rätselhafte Verstrickung von Draco Malfoy mit ihren Freunden, an das Problem ihres Zauberstabs – und an die Gedanken, die Snape jetzt gerade durch den Kopf gehen mochten. Das war zuviel, es ging eigentlich gar nicht gleichzeitig.
Sie spürte die Ruhe von vorhin aus sich heraussickern, und sie wollte es nicht, sie wollte nicht wieder in diese Unruhe und dieses innere Durcheinander hinein geraten. Und doch konnte sie nichts dagegen tun.
Kann man das nicht abstellen? Ich will das nicht. Es ging mir doch eben noch so gut. Ich will nicht, dass es aufhört!
Aber je mehr sie sich dagegen zur Wehr setzte, desto schlimmer wurde es. Und jetzt, als sie das Büro betrat, wurde ihr wieder schmerzlich bewusst, wie ruhig und ausgeglichen sie vorhin gewesen war. Denn das erste, auf das ihr Blick fiel, war das riesige grüne Sofa, auf dem sie sieben Stunden geschlafen hatte. Die ordentlich gefaltete Decke lag unberührt da. Ihr Herz klopfte noch stärker, es begann weh zu tun; sie wandte sich Snape zu.
Er wich ihrem Blick aus. Mit einer wütenden Bewegung schmiss er die Tür hinter sich zu, dass es krachte. Wie oft mussten die Hauselfen wohl hier die Türen reparieren, dachte Hermine flüchtig. Dann starrte Snape sekundenlang das Sofa an, als würde da etwas ganz Verabscheuungswürdiges stehen. Schweigend durchquerte er den Büroraum, legte die Decke auf den Schreibtisch, holte er seinen Zauberstab hervor und verwandelte das Sofa wieder in seinen Schreibtischsessel.
Es ist wohl nicht angemessen jetzt zu sagen, dass ich das Sofa viel schöner fand.
Dann schnappte er sich die Decke und warf sie in den Nebenraum. Es war, als würde er Hermines frühere Anwesenheit aus dem Büro radieren wollen – und endlich gab es keine Spuren mehr davon, nichts zeugte von ihrem wohltuenden, erholsamen Schlaf, den der Tränkemeister ihr selbst hier ermöglicht hatte. Sie wusste, er hätte am liebsten auch ihre und seine Erinnerungen an ihr Gespräch heute Mittag und das nachfolgende als Befehl verdeckte Angebot hier zu schlafen gepackt und in den Nebenraum geworfen.
Alles vorbei, nie gewesen.
Tu das nicht, bitte.
Er setzte sich mit offensichtlich erzwungener Ruhe in seinen Sessel und ließ Hermine betont unhöflich mitten im Raum stehen. Sie setzte sich nicht, es wäre ihr unangemessen vorgekommen. Er vermittelte ihr ja das Gefühl, dass sogar ihre bloße Anwesenheit in diesem Raum unerwünscht war. Das Büro erschien ihr in diesem Moment so düster und freudlos wie nie; es passte perfekt zum Gesichtsausdruck des Besitzers, der sie schweigend und übellaunig ansah.
Er sagte einfach nichts. Nein, er schien ganz zufrieden damit zu sein, sie dort schmoren zu lassen. Herrje, sie wusste ja, dass er wütend auf sie war, aber was sollte sie denn jetzt machen? Was sollte sie sagen? Sollte sie sich jetzt wegen der verlorenen Aufzeichnungen entschuldigen oder nicht doch eher wegen Ron ... nein, nicht entschuldigen, korrigierte sich, nur erklären. Aber das war genau so lächerlich. Seit wann stand sie in Professor Snapes Büro und überlegte, ihm zu erklären, dass zwischen ihr und Ron Weasley nichts lief?
Er würde ihr an den Hals springen, wenn sie dieses Thema auch nur anschnitt. Der Gedanke, mit diesem Mann auch nur den Ansatz eines Beziehungsgesprächs zu führen, war vielleicht gut für die Witzseite der Schülerzeitung von Hogwarts, aber nicht geeignet, um Hermines Unversehrtheit zu garantieren, wenn sie diesen Gedanken in die Tat umsetzte.
Sie seufzte leise.
„Ah." Snape verzog das Gesicht zu einem unfrohen Lächeln. „Miss Granger hat einen Laut von sich gegeben. Wie vielversprechend. Ich nahm schon an, da würde gar nichts mehr kommen."
Hermine runzelte die Stirn.
„Sir, Entschuldigung ... Was erwarten Sie denn von mir?"
Er zog in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen hoch. „Liegt das nicht auf der Hand?"
In Hermines Kopf klingelte ein leises Alarmglöckchen. Da war so etwas Lauerndes in seinem Gesicht. Sie hatte das ungute Gefühl, dass er gerade dabei war, sie in eine Falle rennen zu lassen. Aber die stumme, wütende Herausforderung, mit der er sie fixierte, war zuviel für Hermine; sie, Gryffindor durch und durch, konnte gar nicht anders, als darauf zu reagieren.
„Ich bin mir nicht sicher", begann sie zögerlich. „Ich ... ich habe den Eindruck, dass Sie ziemlich wütend auf mich sind."
Pass doch auf ... Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster, Mädel.
Snape legte seine schönen Hände auf den Schreibtisch und trommelte sachte mit den Fingerspitzen auf der spiegelblanken Oberfläche herum. Er gab sich keine Mühe, seinen Ärger auf sie zu verbergen. „So. Haben Sie diesen Eindruck? Wegen eines aktuellen Anlasses, vielleicht?"
„Ja, in der Tat." Langsam war Hermine entnervt. „Und es tut mir Leid, wenn das so ist. Wirklich! Aber ich ..." Sie holte tief Luft. „Ich ... ich denke, Sie haben da etwas missverstanden."
Sie betrat gerade sehr dünnes Eis, das wusste sie. Aber sie wusste auch, dass der Mann vor ihr durchaus verstand, wovon sie sprach. Sie konnte es in seinen Augen sehen.
„Ich wüsste nicht", erwiderte er kühl, „was man da missverstehen kann, Miss Granger." Es wurde immer schwieriger, seinem bohrendem Blick standzuhalten. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen."
„Aber ..."
„Was, ABER?" bellte Snape. „Sie strapazieren meine Nerven!"
„Das mit Ron ist völlig harmlos, das haben Sie wirklich falsch interpretiert!" platzte Hermine heraus. „Er und Harry sind meine besten Freunde, weiter nichts!"
Snape starrte sie an, und ein dünnes, triumphierendes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Jetzt bin ich irritiert" sagte er sanft. „Worüber in alles in der Welt reden Sie eigentlich!"
Hermine öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Nein. NEIN! Er hat es tatsächlich geschafft.
Sie sank förmlich in sich zusammen. Wie konnte er nur Gefallen daran finden, sie so ins offene Messer laufen zu lassen? Ihre Hände zitterten plötzlich ziemlich stark, aber sie hielt seinem Blick immer noch stand. Ach, die Erdspalten waren einfach nie da, wenn man in ihnen verschwinden wollte.
„Sie wissen genau, was ich meine", sagte sie mit zittriger Stimme.
„Ich fürchte schon", erwiderte er betont unbeteiligt und wischte mit einer weichen Bewegung imaginären Staub von der Tischkante. „Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie Sie darauf kommen, dass Ihre persönlichen ... Beziehungen hier irgendwen im Raum interessieren. Ich rede von Ihren Aufzeichnungen und von nichts anderem. Und jetzt ... kommen wir endlich zu dem Grund, aus dem Sie hier sind. Ich habe wirklich Besseres zu tun, als mit diesem pubertären Geschwätz meine Zeit zu verschwenden."
So darf er nicht mit mir reden. Warum lasse ich mir das bieten?
Er war so ein Ekel! Und gleichzeitig wusste sie, dass sein Verhalten aus reiner Hilflosigkeit resultierte. Er verschanzte sich hinter seiner Bösartigkeit, weil das der einzige Weg war, mit seinen Gefühlen umzugehen. Aber seit wann war sie sein persönlicher Punching Ball? Ihr war klar, dass sie ihn jetzt eigentlich stoppen musste. Es war absolut wichtig, ihm deutlich zu machen, dass er nicht so mit ihr umgehen durfte. Aber sie war mit diesem Gedanken völlig überfordert; sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm Paroli bieten sollte. Sie sah in seine schwarzen Augen und versank in einer Mischung aus Wut und Hoffnungslosigkeit.
„Sie sind aus zwei Gründen hier", grollte er schließlich, und Hermine erschrak, als sie die wilde Entschlossenheit in seinen Augen sah, den Rest dieses Gesprächs so kurz und so unangenehm wie möglich zu halten. „Grund Nummer Eins ist die unausweichliche Bestrafung für Ihre grenzenlose Dummheit. Ich ziehe Gryffindor hiermit vierzig Punkte ab wegen sträflicher Nachlässigkeit."
Hermine versuchte nicht zu zeigen, wie gekränkt und bestürzt zugleich sie war; es gelang ihr kaum.
„Weiterhin werden Sie sich bis inklusive Februar immer freitags bei mir zur Strafarbeit einfinden. Rechnen Sie jeweils vier Stunden dafür ein. Ich werde während dieser Zeit nicht anwesend sein."
Seine Worte begannen ihren Hals zuzuschnüren. Snape sprach jetzt hart, unnachgiebig und völlig unpersönlich, und es war offensichtlich, dass er jeden Ansatz eines persönlichen Gespräches vermeiden wollte. Er flüchtete in seine Rolle des autoritären Lehrers, und erst jetzt bemerkte Hermine in aller Deutlichkeit, wie anders er sich in den letzten Tagen ihr gegenüber verhalten hatte. Er war, zumindest zeitweise, zugewandter gewesen ... sogar wärmer, sanfter, wenn man all diese Worte überhaupt mit Snape in Verbindung bringen konnte. Ja, sie wusste inzwischen, dass er anders sein konnte, sogar völlig anders, wenn man seine Berührungen, seine Blicke, sein Lächeln im Krankenflügel in Betracht zog ...
Aber jetzt war das alles weg. Er war dabei, einen Schnitt zu machen und alles, was sie verband, mit einem Seziermesser aus ihrer Kommunikation zu entfernen.
„Und jetzt", fuhr er mit tiefer, harter Stimme fort, „kommen wir zum Grund Numme Zwei unserer Unterredung. Zufällig weiß ich, dass Sie mit dem Gedanken spielen, sich auch nach Ihrer Schulzeit mit dem Fach Zaubertränke zu beschäftigen. Mir kam zu Ohren, dass Sie sich einen Spitzenabschluss in Zaubertränke und darüber hinaus eine persönliche Empfehlung von mir wünschen, die Ihnen ein Stipendium für ein Studium in Zaubertränke in Edinbourgh ermöglichen würde." In seinen Augen blitzte die pure Gehässigkeit, als er weiter sprach. „Und darüber hinaus möchten Sie mich als Mentor gewinnen, der Sie während Ihres Studiums unterstützt."
Hermines Mund wurde trocken. Das hatte sie noch nie, niemals jemandem gesagt. Wie konnte er es wagen, ihr in dieser Situation ihre Wünsche und Träume um die Ohren zu hauen, die sie bisher lediglich ihrem Tagebuch anvertraut hatte? Wie konnte er?
„Das – das ist jetzt wirklich -" begann sie hilflos; er aber sprach einfach weiter, als hätte er sie gar nicht gehört.
„Leider passen Ihre Pläne nicht mit Ihrem Verhalten zusammen." Er fixierte Hermine mit einem düsteren Blick, der ihr durch Mark und Bein ging. „Für eine Frau, die sich im Bereich der Tränkewissenschaften profilieren möchte, haben Sie einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Genau genommen sogar mehrere hintereinander. Sie haben Informationen, die extrem wichtige und zum Teil geheime Tränke betreffen, aufgeschrieben, ohne das betreffende Schriftstück anschließend gegen fremde Blicke zu sichern. Die entsprechenden Zauber müssten selbst Sie inzwischen beherrschen. Und DANN haben Sie besagtes Schriftstück auch noch verloren! Sie haben riskiert, dass Personen in den Besitz dieser Informationen gelangen und damit ungeahnten Schaden anrichten."
Er führte die Fingerspitzen beider Hände aneinander. „Ich denke nicht, dass dies eine geeignete Qualifizierung für ein angehendes Studium in diesem Bereich darstellt."
Hermines Handflächen wurden feucht, und ihr Gesicht glühte. Das konnte er nicht ernst meinen. Oder doch?
Sie riss sich zusammen und versuchte, irgendwie zu ihm durchzudringen. „Bitte", sagte sie leise, „ich weiß ja, dass ich einen Fehler gemacht habe ... Aber Sir, wirklich, das war ein dummes Versehen, das mir sonst nie passieren würde. Man muss in diesem Fall wirklich die konkrete Situation berücksichtigen, in der das passiert ist!"
„Jedes weitere Wort ist eines zuviel", erwiderte er unbeeindruckt. „Vielleicht sollten Sie zumindest diese Gelegenheit nutzen, um zu schweigen. Die Situation ist schon peinlich genug."
Es war zum Verzweifeln, sie kam einfach nicht an ihn heran. Einige Sekunden lang starrte sie ihn einfach nur an. Erwartete er wirklich, dass sie das alles jetzt so stehen ließ? Seine Anschuldigungen, seine Anfeindungen, seine Indiskretion – alles?
Etwas in ihr traf eine Entscheidung, holte eine Nadel hervor und piekste damit die Löwin in ihr wach.
„Nein." Ihre Stimme war wackelig und dünn, aber es war ihr egal. „Ich habe das Recht, mich zu verteidigen."
„So. Meinen Sie", sagte er böse. Er lehnte sich an seinem Schreibtisch nach vorn. „Ich fürchte, ich muss Sie berichtigen. Ich habe das Recht, Sie aus meinem Büro zu werfen. Und außerdem habe ich das Recht – UND die Möglichkeit -, Ihre Karriere im Bereich der Tränkewissenschaft zu beenden, bevor sie überhaupt begonnen hat."
Hermines Haut kräuselte sich. Jedes seiner Worte war wie ein Schlag in ihr Gesicht; er schien die Situation fast zu genießen, in seinen Augen glomm eine ungute Mischung aus Schmerz, Grausamkeit und Genugtuung. Ja, er wollte ihr weh tun – es schien ihr, als könnte er im Augenblick gar nicht anders.
Er will mich bestrafen. Er versucht es mir heimzuzahlen, mir den Schmerz zurückzugeben, den er vorhin hatte.
„Das ...", brachte Hermine hervor, ohne nachzudenken. „Das ist doch kindisch. Ihr Verhalten ist völlig unfair!"
Snapes Augen weiteten sich. Sie nutzte seine Sprachlosigkeit um weiter zu reden, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen wollte.
„Dieses verdammte Pergament ist wohl der perfekte Vorwand für Sie", sagte sie mit zittriger Stimme. „Sie machen mich einfach fertig, weil Sie wütend auf mich sind." Sie schluckte hart. „Vorhin, ich meine, gerade eben, in der Vorhalle -"
Sein Gesicht verlor jeden Ausdruck.
„Versuchen Sie nicht das Thema zu wechseln, um Ihren Hals zu retten. Ich warne Sie." Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte gar nicht von Ihnen gedacht, dass Sie private Dinge vorschieben, um von Ihren Verfehlungen abzulenken."
Hermine wich vor Zorn und Schmerz das Blut aus dem Gesicht.
„Das ... das will ich doch gar nicht", stammelte sie. „Wie ... wie können Sie das nur sagen? Sowas würde ich nie tun, nie! Ich bin durchaus fähig, das eine vom anderen zu trennen. Und ich stehe auch zu meinen Fehlern, das wissen Sie ganz genau."
„Es wäre zu begrüßen, wenn es tatsächlich so wäre", sagte er bedeutungsschwer. „Aber ich habe den Eindruck, dass Sie noch immer nicht verstanden, wie schwerwiegend Ihre Verfehlung gewesen ist."
Allein das Wort Verfehlung machte sie schon wütend. Warum musste er nur so übertreiben? Und dann machte er auch noch eine Kunstpause, die Hermine maßlos aufregte. Ein Teil von ihr registrierte, dass er verzweifelt versuchte, das Gespräch von dem Zusammentreffen zwischen ihm und dem Goldenen Trio abzulenken; und das gelang ihm ziemlich gut, denn wenn Severus Snape ihr ein schwerwiegendes Vergehen vorwarf, wie sollte sie das ignorieren?
Mit erzwungener Ruhe sprach er weiter.
„Sie haben Ihren Fehler ein dummes Versehen genannt. Nun – dumm ist dieses Versehen in jedem Fall. In Ihrem besonderen Fall ist es allerdings fatal, und das müssten Sie eigentlich wissen. Das sorgsame und verantwortungsvolle Verwahren von Informationen, die die Kunst der Tränkebrauerei betreffen, gehört zu den wichtigsten Anforderungen an Personen, die sich in diese Kunst einweisen lassen wollen. Sie haben bewiesen, dass Sie diese Anforderung nicht erfüllen."
In ihrem Hals begann sich ein unangenehmer Kloß zu bilden. Snape sprach mit ihr wie mit einem dusseligen Teenager, dessen Träume in keinem Verhältnis zu den beschränkten Fähigkeiten standen. Und was konnte sie eigentlich ernsthaft dagegen einwenden?
„Aber Sir", unternahm sie dennoch einen weiteren Versuch das harte Urteil des Tränkemeisters abzumildern, „die Menschen sind doch nicht perfekt ... Und ich habe sonst noch nie -"
„Sie verstehen es immer noch nicht", unterbrach Snape sie. „Derlei Erklärungen sind in der Welt, zu der Sie gehören möchten, unnötig. Angesichts eines solchen Verhaltens, wie Sie es an den Tag gelegt haben, würde kein Tränkemeister der Welt, der auch nur einigermaßen bei Verstand ist, Sie ernsthaft unterstützen. Ihre Erklärungen und Entschuldigungen interessieren dann niemanden mehr. Und wenn Sie es ganz deutlich brauchen: Ein solcher Fehltritt reicht, um eine Karriere zu beenden. Und zwar für immer."
Hermines Inneres gefror zu Eis, während er all das sagte. Er hatte Recht. Er mochte gerade ein ungerechtes Ekel sein, aber in diesem Punkt hatte er trotzdem Recht, und diese Erkenntnis traf sie bis ins Mark. Bis zu diesem Augenblick war ihr die Tragweite ihrer Unachtsamkeit überhaupt nicht klar gewesen. Für Hermine Granger war es außerordentlich hart, sich selber einzugestehen, einen so gravierenden Fehler gemacht zu haben - aber dass ausgerechnet Snape diesen Fehler bemerkt hatte und ihr dieses Vergehen inklusive aller entsetzlichen Konsequenzen um die Ohren schlug - das war mehr als hart.
Das war eine absolute Katastrophe.
Eine Weile stand sie nur da, ohne etwas zu sehen oder zu hören. Sie fühlte sich irgendwie ganz taub, so als würde sie unter Schock stehen. Es ist vorbei, flüsterte eine Stimme in ihr. Vorbei mit ihrer Karriere als angehende Tränkemeisterin, bevor sie überhaupt begonnen hatte; vorbei mit allem, was sie mit Severus Snape je verbinden könnte, da sie in seinen Augen fortan ein inkompetentes Weibsbild sein würde, dem man tunlichst keine wichtigen Informationen anvertraute. Nicht im professionellen Rahmen – und im privaten Rahmen schon mal gar nicht. Vorbei, du Niete, vorbei, die Stimme in ihrem Innern war grausam und ausdauernd, und sie konnte sie nicht kontrollieren.
Raus, ich muss hier raus.
„Gut", brachte sie mit erstickter Stimme hervor. „Wunderbar ... Dann wäre ja alles geklärt. Ich gehe dann mal."
Sie wollte nur noch eins - die Tür von außen schließen, rauskommen aus dieser würdelosen Situation, bevor sie anfing zu heulen. Das Vorhaben missglückte ihr, wie ihr derzeit ja so gut wie alles misslang; sie war so neben der Spur, dass sie den Besucherstuhl umrannte, das Ende der Lehne bohrte sich unsanft in ihr Bein, und der Schmerz trieb ihr endgültig die Tränen aus den Augen. Sie hörte, dass Snape leise ihren Namen sagte, aber sie wollte nicht mehr. Sie wollte nur noch raus.
Die Tür. Da, endlich. Sie drückte die Klinke herunter und hörte erneut Snapes Stimme, aber sie wollte es nicht hören. Dann war die Tür offen, sie spürte schon den kühlen Luftzug – und dann spürte sie etwa ganz anderes, Unerwünschtes, nämlich Stoff und einen Körper, gegen den sie lief.
t.b.c.
A/N: Meine Güte, das arme Ding. Falls ihr euch jetzt beschweren wollt: Das hier ist die abgemilderte Version des Kapitels. Ehrlich. In der ersten Fassung endete es so deprimierend, dass ihr mich gesteinigt hättet ... jetzt geht ihr mir wegen des Cliffhangers an die Gurgel ... okay ... :P Aber freut euch, es bleibt spannend zwischen den beiden. °bedeutungsvollen Blick aufsetz° (Hach, ich liebe Andeutungen. °ggg°)
Und jetzt ... heee ... halt halt, noch nicht wegklicken! Lasst ein Review da, bitte. Es hat magische Auswirkungen auf mein Schreibvermögen. °schäm°
oOoOo
Dank und liebe Grüße an euch ReviewerInnen! °kusshände werf bis die Arme wehtun° Falls ich irgendwen beim Antworten vergessen haben sollte, bitte melden und nicht böse sein – ich habe manchmal den dunklen Verdacht, dass ich manchmal den Überblick zu verlieren drohe. °flöt° Ihr wart jedenfalls diesmal sehr brav und habt euch fast alle eingeloggt oder eure mail-addys hinterlassen. Fast. o)
sabislytherin: Freut mich, dass du noch reinliest. °wink° Wenn du dich schon auf diesen Streit gefreut hast, dann freu dich mal erst auf das, was noch kommt! ;)
oOoOoOoOoOoOoOo
