Disclaimer: Siehe Kapitel 1.

A/N: Dieses Kapitel ist Kathi gewidmet. °blümchen streu° Sie hat in ihrem Review genau das hervorgehoben, was mir an der Beschreibung des 'Verhältnisses' zwischen Snape und Hermine besonders wichtig ist - dass nämlich eine wie auch immer geartete 'romantische Annäherung' zwischen Lehrer und Schülerin alles andere als einfach ist. (Insbesondere bei so einem Lehrer und so einer Schülerin. °gg°)

Na wie auch immer - weiter geht's! Have fun ... oder so.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 34

„Umpf!"

Der Mann, in den Hermine gerannt war, gab einen Schreckenslaut von sich. Eine Sekunde lang hatte ihre Nase unmittelbaren Kontakt mit einer fremden Robe, ohne zu wissen, wer das überhaupt war; als sie aufschaute, war die Erkenntnis nicht unbedingt angenehm.

Das Froschgesicht von Professor Link war direkt vor ihr.

Er war ihr sehr nahe, eigentlich nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass sie gerade in ihn hineingerannt war; dennoch wich Hermine mit einem Widerwillen von ihm zurück, als hätte er sich ihr gerade mit unlauteren Absichten genähert. Link strich mit seinen Wurstfingern seinen Umhang glatt und schenkte ihr ein Zuckerguss-Lächeln, das sein froschähnliches Gesicht übertrieben in die Breite zog.

„Mmm- Miss Granger. Entschuldigung."

Sie wischte sich über das feuchte Gesicht und trat vorsorglich einen weiteren Schritt nach hinten – und spürte schon wieder einen Widerstand.

Snape. Er stand hinter ihr, und dieser Körperkontakt war - anders. Ihr Magen schien eine unnatürliche Drehung zu machen. Sie schloss die Augen; sie konnte das Gesicht des Mannes hinter sich nicht sehen und wollte es auch nicht, sie wollte doch bloß raus hier, verdammt. Aber sie hatte noch nicht einmal einen weiteren Schritt gemacht, als sie spürte, wie seine Hand sich von hinten auf ihre Schulter legte.

„Bleiben Sie", befahl er leise.

Innerlich verging Hermine fast vor Wut und Scham. Warum ließ er sie bloß nicht gehen? Nein, sie musste hier herumstehen, gerade komplett zur Schnecke gemacht und jetzt auch noch eingekeilt zwischen zwei Professoren und mit halb verheultem Gesicht. Reizend!

Sie kämpfte schwer gegen den Impuls an, sich seiner Anweisung zu widersetzen und einfach rauszurennen. Was würde er dann wohl tun? Sie würde es woh nie herausfinden; sie war jetzt einfach nicht bereit für so eine Konfrontation.

Zornig wischte sie sich erneut über die Wangen, während Link das Wort an Snape richtete.

„Ähm ... Severus – könnte ich Sie kurz sprechen?"

„Jetzt nicht." Snapes Hand war immer noch auf ihrer Schulter. Seine Stimme klang tief und ruhig, sie übertrug sich durch seine Hand auf Hermines Körper, und sie nahm die Anspannung hinter seinen Worten wahr. „Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie Ihren Besuch hier anmelden sollen, dann müssen Sie den Weg in die Kerker nicht umsonst zurück legen."

„Ich suche Sie bereits seit einigen Stunden ...", sprach Link weiter und fummelte in seiner Umhangtasche herum. Herrje, seine Art zu reden hatte so etwas Klebrigsüßliches, das Hermine schon im Unterricht lästig fand. „Ich habe etwas gefunden."

Sie spürte, dass Snape hinter ihr eine ungeduldige Bewegung machte.

„Ich sagte es schon!" blaffte er seinen Kollegen an. „Jetzt nicht. Ich habe zu tun. Kommen Sie später wieder."

Aber dann holte Link etwas aus seiner Tasche – eine kleine grüne Holzschachtel. Hermine kannte das Ding, so etwas Ähnliches hatte Snape heute Morgen am See auch aus seiner Tasche gezogen. Und sie hörte, wie Snape den Atem anhielt.

Hermine tat es ihm gleich. Sie wartete auf irgendeinen Hinweis, was das für eine Schachtel war; aber sie wurde enttäuscht.

„Wo haben Sie das her?" fragte Snape schließlich leise.

Links Froschbacken blähten sich voller Stolz auf. „Eine ... Kontaktperson hat es mir zugestellt! Ich ... könnte eventuell noch mehr über den Direktor -"

„Gut", schnitt Snape ihm scharf das Wort ab, trat neben Hermine und riss Link ohne weiteren Kommentar die Schachtel aus der Hand. „Alles Weitere besprechen Sie jetzt mit Professor McGonagall. Ich werde nachkommen, sobald ich ... hier fertig bin."

Hermine bemerkte seinen Seitenblick, aber sie erwiderte ihn nicht.

„Aber -", machte Link hilflos.

Der Tränkemeister trat einen weiteren Schritt nach vorn und nötigte damit Link, wieder rückwärts aus der Tür zu treten. Hermine lächelte beinahe; es war tröstlich mitzuerleben, dass sich auch erwachsene Professoren von Severus Snape so leicht einschüchtern und überrumpeln ließen.

Er legte eine Hand an den Türrahmen und bedachte den nun im Flur stehenden Professor für Muggelkunde mit einem letzten kühlen Blick. „Bestellen Sie Minerva", sagte der Tränkemeister, „dass ich in Kürze bei ihr bin."

Dann schmiss er die Tür zu, dass der Putz zwischen den Fugen hervorrieselte. Der verdatterte Gesichtsausdruck von Link unmittelbar vorm Krachen der Tür war unbezahlbar. Unter anderen Bedingungen hätte Hermine sich zusammenreißen müssen, um nicht loszulachen; so glomm in ihrem Innern immerhin ein kleines Flämmchen der Erheiterung auf und ließ ihr Herz wieder ein wenig leichter werden.

Endlich sah sie Snape in die Augen. In diesen schwarzen Augen suchte sie nach irgendeinem Hinweis, was jetzt kommen würde – aber sie fand nichts. Er sah sie einfach nur an, lange, und verlor kein Wort mehr über die Schachtel oder über Dumbledore.

Und dann wies er auf den Besucherstuhl.

Mistkerl.

Hermines Schultern sanken. Müde und deprimiert schlich sie durch den Raum und ließ sich auf dem Stuhl nieder, dessen Kante für ihren jüngsten blauen Fleck verantwortlich war. Unbewusst rieb sie über die Stelle ihres Oberschenkels; sie ließ schnell davon ab, als sie sah, dass Snape sie beobachtete. Sein Blick war ... undefinierbar.

Wie sie das hasste!

Sie sah auf den Fußboden, und einen Moment lang kreisten ihre Gedanken noch um Link, Professor Dumbledore und die grüne Holzschachtel. Sie wusste, dass dieses Thema eigentlich viel wichtiger war als der Streit zwischen ihr und Snape – aber sie hatte einfach keine Energie mehr dafür. Ihr Kopf war schon voll mit chaotischen Gedanken bis zum Rand. Und Snape würde ihr ja ohnehin keine wesentlichen Neuigkeiten mehr anvertrauen, dachte sie verzweifelt – jetzt, wo sie diesen dämlichen Fehler mit den verlorenen Aufzeichnungen begangen hatte. Sie brauchte ihn gar nicht erst zu fragen.

Und sie würde ihn auch nicht fragen, nahm sie sich vor. Sie würde jetzt überhaupt nichts mehr sagen. Kein Wort. Er wollte etwas von ihr, was auch immer; wahrscheinlich hatte er noch nicht genug davon, sie niederzumachen. Na gut. Dann sollte er gefälligst auch anfangen!

Er fing nicht an. Er setzte sich auch nicht, stattdessen sah sie aus den Augenwinkeln, dass er begann nahezu lautlos im Büro auf und ab zu tigern. Hermine war erschöpft und wütend zugleich; dieses Hin- und Hergerenne machte sie völlig nervös.

Will er, dass ich mich wegen der verlorenen Aufzeichnungen verteidige? Das kann doch nicht sein, er hat mir sehr klar gemacht, dass das keinen Sinn mehr macht ... Aber was will er dann? Merlins Eier, warum kann er mich nur nicht in Ruhe lassen? Und andersrum: Warum kann er nicht endlich, endlich sagen, was los ist?

„Professor, wirklich!", platzte sie heraus. „Was soll das hier werden?"

Soviel zum Thema Schweigen. Mann, bin ich gut.

Snape beendete seinen Rundgang durchs Büro abrupt, und sein schwarzer Umhang floss um ihn herum. Er stand jetzt nahe bei ihr und warf ihr einen spöttischen Blick zu – sonst nichts.

Hermine fuhr sich verzweifelt durch die Haare. „Ich habe keine Ahnung, warum ich noch hier bin. Ich habe einen ... eine Fehler begangen ... einen unverzeihlichen Fehler, meinetwegen." Schon wieder bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. „Sie haben mir das dankenswert deutlich gemacht. Also, was wollen Sie noch? Ich weiß jetzt, woran ich bin, und ich würde jetzt gern gehen."

Snape zog nur eine Augenbraue hoch und verzog höhnisch das Gesicht. Er umfasste die Lehne ihres Stuhls mit einer Hand und beugte sich leicht zu ihr hinunter. „Bei der Gelegenheit ...", sagte er samtig, „haben Sie doch bitte die Güte und teilen mir mit, was Sie meinen, woran Sie sind."

Das glaube ich nicht!

Hermines Kopf schnellte in seine Richtung, dass die Haare um sie herumflogen; einige Strähnen landeten in Snapes Gesicht, und er zuckte leicht zurück.

„Meinen Sie das ernst?" spie sie. „Ich soll das Ganze noch einmal durchkauen, ich soll wahrscheinlich wörtlich wiederholen, was Sie gesagt haben? Vielleicht soll ich hundertmal das Wort 'Verfehlung' an die Tafel schreiben? Sie - Sie sind doch wirklich - ein ganz erbärmlicher -"

„HALT!" bellte Snape, und diesmal zuckte Hermine zusammen. Er richtete sich voll auf und ehe sie es sich versah, hatte er eine Hand von ihr gepackt und sie vom Stuhl gezogen, so dass sie neben ihm zum Stehen kam.

Er ließ ihre Hand schnell wieder los und blieb vor ihr stehen.

„Ich gebe Ihnen jetzt einen kostenlosen Ratschlag", sagte er leise. Er hob die Hand, als Hermine den Mund öffnete. „Genau genommen sind es mehrere, und jetzt halten Sie den Schnabel und hören mir zu."

Irritiert von seiner nachlässigen Ausdrucksweise klappte Hermines ihren Mund zu und ließ ihn fortfahren. Er atmete tief durch.

„Erstens. Sie müssen endlich lernen, Ihre Zunge zu hüten. Ansonsten werden Sie noch in ernsthafte Schwierigkeiten kommen."

Den Ratschlag gebe ich mir schon selbst jeden Tag, danke.

„Zweitens. Wenn Sie einen Fehler machen, müssen Sie zu ihm stehen und sich anhören, was die Gegenseite zu sagen hat."

WAS?

„Das habe ich doch gemacht!" rief Hermine entrüstet. Snape schüttelte nur den Kopf; sie polterte erst richtig los. „Das mache ich IMMER! Ich kehre meine Fehler nicht unter den Teppich, ich bin doch nicht -"

„Sie irren sich, Miss Granger", unterbrach er sie ungerührt. „Sie haben Ihren Fehler eben nicht in seiner ganzen Tragweite zugegeben und schon gar nicht signalisiert, dass Sie bereit sind, die Konsequenzen dafür zu tragen. Im Gegenteil - Sie haben Ihr Verhalten bagatellisiert. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, nach einem Fehler dieser Größenordnung heil aus der Sache herauszukommen, besteht die Lösung in der Unterordnung. Sie müssen Ihren Platz kennen und zeigen, dass das so ist."

Sie spürte regelrecht, wie sich ihr Nackenfell sträubte, als er das sagte.

Unterordnung?" fauchte sie. „Ein TOLLER Ratschlag! Warum wundert es mich nicht, dass sowas von Ihnen kommt?"

Sie war so aufgebracht, dass sie einen Rausschmiss einen Augenblick lang fast herbeisehnte. Aber Snape reagierte auf ihre Empörung anders, als sie erwartet hatte.

Er lächelte. Es war ein ganz leichtes Lächeln ohne jeden Spott, vielleicht bemerkte er es selbst nicht einmal, aber es reichte, um Hermine völlig durcheinander zu bringen.

Er wandte sich ab und betrachtete seinen Schreibtisch; seine langen schwarzen Haare verdeckten sein blasses Gesicht wie ein Vorhang. Er schien nachzudenken, und Hermine beschloss ihn nicht dabei zu stören. Sie atmete kaum, bis er endlich wieder sprach.

„Miss Granger – Sie sind muggelgeboren."

An diesem Punkt öffnete sich Hermines Mund ganz automatisch, aber eine weitere Handbewegung von Snape genügte, um es dabei zu belassen.

„Muggelgeborene Hexen und Zauberer haben einen entscheidenden Nachteil ..." – er grinste ironisch – „sie wachsen nicht unter Zauberern auf. Dementsprechend fehlt ihnen meist zunächst das Wissen um die grundlegenden Verhaltensregeln und Anforderungen, die die magische Gemeinschaft prägen. Sie müssen also später einiges nachholen."

Er sah sie jetzt ernst und ruhig an; es war kein bisschen Ärger mehr darin. Sein Blick ging ihr durch und durch.

„Ihr Mut und Ihre Intelligenz können Sie weit bringen", sprach er weiter und ignorierte, dass sie ihn jetzt anstarrte wie ein Traumgeschöpf. „Ihre möglichen Erfolge werden jedoch durch eine andere hervorstechende Eigenschaft von Ihnen gefährdet – und das ist Ihr Stolz. Mal ganz abgesehen von Ihrem ... Sinn für ... Gerechtigkeit."

Sie zwang sich, still stehen zu bleiben und nichts zu sagen; es war aber so anstrengend, dass ihr dabei wirklich der Schweiß ausbrach. Stolz? Sinn für Gerechtigkeit? Ja, klar! Warum auch nicht! War das neuerdings ein Grund sich zu schämen oder was!

„Bleiben wir bei Ihrem Stolz", setzte er seinen Gedankengang fort. „Sie halten viel von sich selbst und mögen es nicht, wenn man Ihnen einen unteren Platz zuweist, und sei es auch nur für wenige Augenblicke. Aber" - er lehnte sich etwas vor und sah sie so durchdringend an, dass ihr Herz heftig zu klopfen begann - „so schmerzlich das auch für Sie sein mag: Sie sind noch nicht an dem Punkt, an dem Sie sich von Ihrem Stolz leiten lassen können. Sie sind keine außerordentliche Person in der magischen Gemeinschaft. Sie sind zwar eine enge Freundin von ... Mr. Potter ..." - er verzog angewidert das Gesicht -, „aber Sie sind sicher nicht so dumm zu meinen, dass das eine besondere Auszeichnung darstellt."

Doch, dachte sie wütend, weil er der beste Freund ist, den ein Mensch sich wünschen kann. Aber sie schwieg und sah Snape nur an, während er weiter sprach.

„Nein", fuhr er fort. „Sie sind nur eines - eine unbedeutende Schülerin von Hogwarts. Zwar eine der vielversprechendsten zweifellos, aber dennoch – Sie sind nur Schülerin, mehr nicht. Sie haben – noch – keinen außerordentlichen Schulabschluss geschweige denn weitere bemerkenswerte Leistungen vorzuweisen, Sie haben keinen beeindruckenden Titel und keinen Orden, wenn ich das richtig sehe. Also stehen Sie in der magischen Gemeinschaft unten."

In Hermine brodelte es, während er das sagte. Und dann unterstrich er diese Aussage auch noch mit einem auf den Fußboden gerichteten Zeigefinger, was sie wirklich fast an die Decke gehen ließ.

„Da ist Ihr Platz", sagte er. „Ganz unten. Und die magische Gemeinschaft weiß das. Sie ist sich dessen in jeder Bewegung bewusst, die Sie tun. Verstehen Sie das?"

Sie schluckte; es fiel ihr schwer, seinen Blick zu erwidern. Stolz. Ganz unten. Oh ja, Stolz und Gerechtigkeit waren wichtig für sie, und wie wichtig! Jeder Mensch, jedes Individuum war doch gleich viel wert! Dieser magische Kodex konnte sie mal!

In diesem Moment nahm sie sehr deutlich wahr, dass ihr Rebellentum, ihr Stolz und Trotz ihr einige Gesteinsbrocken in den Weg legten. Es fiel ihr äußerst schwer, sich auf das einzulassen, was Snape gerade zu ihr gesagt hatte.

„Ja, ich verstehe", stieß sie schließlich zwischen den Zähnen hervor. „Ich stehe ganz unten, ich bin nichts und niemand, und ein verlorenes Stück Papier kostet mich meine berufliche Zukunft."

Snape ließ entnervt den Kopf sinken.

„Das habe ich nicht gesagt, Miss Granger. Ich habe gesagt, dass niemand Ihnen unter diesen Bedingungen eine zweite Chance geben würde. Vor allem dann nicht, wenn Sie sich anschließend so verhalten, wie Sie es getan haben."

Langsam, ganz langsam begann Hermine zu begreifen, worauf der Mann hinaus wollte.

„Für mich hat es sich aber so angehört, als würden Sie mir keine zweite Chance geben", sagte sie zittrig.

„Damit kommen wir zu Ratschlag Nummer Drei", entgegnete Snape spöttisch. „Sie müssen lernen, richtig zuzuhören."

Das kann ich bereits!" fauchte Hermine.

„Ach, tatsächlich?" blaffte er zurück und trat einen Schritt auf sie zu. „Dann beweisen Sie es mir mal! Sie trampeln mir im Unterricht seit fast sieben Jahren mit Fragen auf den Nerven herum, bevor ich überhaupt fertig mit meinen Ausführungen bin! Ein Drittel aller Fragen, die Sie gestellt haben, waren überflüssig! Sie hätten einfach noch ein bisschen warten und zuhören müssen!"

„Aber -"

Snape klatschte impulsiv in die Hände. „SCHON WIEDER! Sie reagieren einfach zu schnell! Und Sie fühlen sich wegen jedem Wort angegriffen, das Ihnen ungelegen kommt!"

„UNGELEGEN? PAH!" platzte es aus Hermine heraus. Sie stemmte die Hände in die Hüften und lehnte sich ihm noch weiter entgegen; sie standen jetzt so nahe voreinander, dass ihre Nasen sich fast berührten. „Jetzt tun Sie doch nicht so!" Sie lachte verzweifelt. „Sie HABEN mich doch vorhin angegriffen! Sie haben mich komplett niedergemacht! Es mag ja sein, dass Sie gar nicht wissen, wie es anders geht, aber vielleicht kapieren Sie endlich mal, dass es nicht hilfreich ist, Kritik so zu formulieren, dass von dem anderen nur ein Haufen Asche übrig bleibt!"

Snape starrte sie an, ohne zu antworten; er schien einen Moment lang fast verwirrt.

Seit wann lässt er es sich eigentlich bieten, dass ich so mit ihm rede? Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf und verschwand wieder, vorerst.

„Erklären Sie mir mal was", fuhr sie jetzt ruhiger fort. „Wenn das eben ... ich meine, wenn das nicht Ihr letztes Wort war und Sie bereit sein sollten, mir eine zweite Chance zu geben – warum haben Sie mir dann dermaßen den Rost runtergezogen? Warum haben Sie so mit mir geredet, als hätte ich den schlimmsten, unverzeihlichsten Fehler meines Lebens gemacht?"

Er antwortete nicht. Aber sie wollte diese Antwort von ihm haben, also ließ sie seinen Blick nicht los; sie sah ihm fest in die schwarzen Augen, auch wenn ihr ganzes Inneres sich dabei vor Aufregung zusammenzog.

Schließlich brach er den Blickkontakt ab und drehte sich weg von ihr. Sein schwarzer Umhang machte ein ganz leises, raschelndes Geräusch, als er wortlos zum Schreibtisch hinüber glitt und sich in seinen Sessel fallen ließ. Dort sank er ein bisschen in sich zusammen; er legte er die Handflächen aneinander, führte sie zu seinem Mund und schloss die Augen.

Sie beobachtete ihn und verspürte so etwas wie Mitgefühl. Seine unterkühlte, erbarmungslose Lehrerrolle rann ihm wie Sand durch die Finger, und es war offensichtlich, dass er das hasste. Sie wartete immer noch auf eine Antwort auf ihre letzte Frage; aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er antworten würde.

„Ich bin der Meinung, dass Sie sich diese Frage selbst beantworten könnten", sagte er schließlich. „Aber bitte, ich helfe ja gern." Er verzog das Gesicht zu einem irgendwie schmerzlichen Lächeln. „Was ich will, ist, dass Sie diesen Fehler nicht ein weiteres Mal machen. So etwas darf sich nicht wiederholen. Verstehen Sie das denn nicht?"

Er sah zu ihr hoch. Sein blasses Gesicht war angespannt, und sein Blick war von von einer fast verzweifelten Intensität; er schnürte ihr die Luft zum Atmen ab. Ihr wurde erst jetzt klar, dass es ihm verdammt wichtig war, dass sie begriff, was er meinte.

„Wenn Sie Erfolg auf dem Weg haben wollen, den Sie für sich ausgesucht haben, müssen Ihre Prioritäten absolut klar sein", sagte er. „Ganz gleichgültig, wie schwierig Ihr Leben gerade ist. Es gibt NICHTS, das Ihr primäres Ziel in Frage stellen darf. Sie dürfen sich nicht ablenken und nicht irritieren lassen. Von nichts und von niemandem."

„Auch nicht von Ihnen?" fragte Hermine wie aus der Pistole geschossen. Im nächsten Moment wollte sie sich schlagen und vierteilen für diese Frage, aber es war zu spät. Es war wohl wahr, sie hatte ein echtes Problem mit ihrem Mundwerk.

Er gab ein unterdrücktes, abfälliges Geräusch von sich. „Von mir schon gar nicht", erwiderte er leise.

Sie wusste nicht genau, was er damit sagen wollte. Aber sein durchdringender Blick ließ ihre Hände warm werden, und die fast vergessene Ameisenkolonne in ihrem Magen machte sich wieder bemerkbar. Sie wollte etwas sagen, irgendetwas – dass es ihr sehr schwer fiel, sich von ihm nicht ablenken und irritieren zu lassen, dass er sie durcheinander bringen konnte ... ganz und gar durcheinander ... aber wie sollte sie das ausdrücken? War das überhaupt angemessen? Nein, natürlich nicht.

Es klopfte. Laut.

Es dauerte mehr als zwei Sekunden, bis Hermine begriff, dass das Klopfen von der Tür her kam. Der Blickkontakt zwischen ihr und Snape brach ab, und er starrte gereizt die Tür an, als hätte sie irgendeine Schuld an der ganzen Sache.

Bin ich hier im Taubenschlag?" fauchte er, griff nach seinem Zauberstab und sprach einen Zauber, der die Tür von außen zugänglich machte. (Sie wunderte sich flüchtig über seine Wortwahl; war das nicht ein reiner Muggelausdruck?) „REINKOMMEN!"

Die Tür öffnete sich langsam – und Hermine erstarrte. Da stand Ron. Ron! Verfluchter Mist, was machte der denn jetzt hier?

Warum passiert nur in letzter Zeit alles zum falschen Zeitpunkt?

Snape starrte seinen ungebeten Besucher mit einer Mischung aus Unglaube und Verachtung an. Er sagte nichts; Hermines rothaariger Freund trat einen zögerlichen Schritt vor und stand dann im Türrahmen. Auch er sprach kein Wort, sondern stand nur mit halb offenem Mund da.

Die Situation war absurd. Niemand sprach. Ron starrte wortlos sie und Snape an; Hermine wandte sich von ihm ab und suchte Snapes Blick. Der Tränkemeister wiederum fixierte Ron eine ganze Weile, bevor er endlich den ersten Schritt tat und das Schweigen brach.

„Weasley", sagte er.

Dabei glitt sein Blick ganz langsam von Ron herüber zu Hermine.

„P-Professor", stotterte Ron nur und stand weiterhin wie angewurzelt im Türrahmen.

Snape nahm den Blick nicht von ihr. Er war wütend, soweit sah sie klar, und in seinen schwarzen Augen konnte sie eine stumme Aufforderung lesen – aber was zur Hölle erwartete er denn jetzt von ihr? Was sollte sie jetzt machen? Es war doch sein Büro, warum warf er Ron nicht einfach raus? Es war ihm doch eben noch ein Leichtes gewesen, Professor Link hinauszukomplimentieren, da durfte doch Ron für ihn kein Problem sein, oder?

„Ich w-wollte dich abholen", richtete Ron schließlich das Wort an sie. Er warf ihr einen Blick zu, der wohl selbstsicher sein sollte, aber das missriet ihm völlig. „Bist du hier fertig?"

Hermine stand der Mund offen von so viel Unverforenheit.

„Was?" machte sie verdattert. „Nein, ich bin hier NICHT fertig! Wie kommst du auf die Idee, hierher zu kommen?"

Er war ein bisschen blass; wie üblich überspielte er seine Nervosität mit einem grummeligen, unwirschen Verhalten, das sie wie immer wütend machte.

„Ja, wie komme ich wohl auf die Idee?" presste er hervor. „Was meinst du denn? Hast du unser Gespräch von vorhin vergessen?"

„N-nein", erwiderte sie irritiert, „natürlich nicht, ich -"

„Gut. Es ist doch wohl klar, dass ich dich hier abhole, nach allem, was du uns erzählt hast."

Hermines Handflächen wurden feucht. Himmel nochmal, wie musste sich das für Snape anhören?

Sie drehte sich wieder zum Tränkemeister hin. Der schien vorübergehend an seinem Schreibtisch eingefroren zu sein. Erneut huschte jene schmerzliche Mischung aus Unglauben, Wut und Gekränktheit über sein Gesicht, die Hermine schon vorhin in der Vorhalle an ihm gesehen hatte. Es war nur eine Sekunde oder zwei, aber es zerriss ihr Herz, ihn so zu sehen; es war ihr ganz recht, dass er einen Augenblick später seine gewohnte Selbstsicherheit zurückerlangte und eine höhnische Grimasse zustande brachte. Er löste er sich aus seiner Erstarrung und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung von seinem Stuhl.

„Eine persönliche Eskorte", wisperte er voller Abscheu, ohne Hermine anzusehen. „Wundervoll. Es scheint, dass Sie doch eine besonders wichtige Person sind, Miss Granger." Er wandte sich Ron zu. „UND DAS", fauchte er unvermittelt, „IST FÜR SIE EIN ZUREICHENDER GRUND, HIER ANZUKLOPFEN UND MEINE ZEIT ZU VERSCHWENDEN STATT DRAUSSEN ZU WARTEN, MR. WEASLEY?"

Ron und Hermine zuckten beide zusammen; über Snapes Gesicht zog ein halbwegs zufriedenes Grinsen.

„10 Punkte Abzug für Gryffindor. Und jetzt machen Sie, dass Sie hier rauskommen. Alle beide. Und zwar auf der Stelle!", bellte er.

Ron trat automatisch einen Schritt nach hinten und befand sich damit wieder im Gang. Hermine wollte es ihm nicht gleich tun, aber Snapes Hand legte sich auf ihre Schulter, und er schob sie unsanft und ohne ein weiteres Wort quer durch den Raum auf ihren rothaarigen Freund zu, bis sie ebenfalls im Flur stand.

Dann krachte die Tür in gewohnter Weise ins Schloss, und Hermine wusste nicht, was sie zuerst tun wollte - Ron zu Boden würgen oder Snapes Bürotür eintreten. Ah, die Qual der Wahl.

Sie entschied sich, mit Ron zu beginnen.

t.b.c.


Malina: Also echt! Männer! Die arme Hermine. Snape allein ist ja schlimm genug, aber Snape UND Ron sind die Katastrophen-Kombi.

Thea: Tja, vielleicht sollte die Story an dieser Stelle eine Wendung nehmen, und sie sollte sich in Ginny verlieben. Oder in Luna! °lach°

Malina: Pfft! Glaubst du ernsthaft, das würde einfacher werden?

Thea: Pöh! Einfacher als dieses ewige Hin und her mit Snape allemal.

Malina (grübelt): Hm. Naja. Vielleicht hast du Recht ... Ich schreib mal eben dein Konzept um.

Thea (entrüstet): Das wagst du nicht!

°muhaha° :P

Zum Thema Review sage ich heute nur: Jetzt oder nie! Oder auch morgen. Oder so. °gg°

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Die ReviewerInnen bekommen zum Dank virtuelle Blümchen und/oder Kekse. Ich nehme auch alternative Bestellungen auf und leite sie dann ans Universum weiter. °g°

Da ich den ReviewerInnen immer per Reply-Funktion antworte, gibt's hier keinen Antworten-Marathon mehr – nur die Erwähnungen der lieben Leute, die anonym und ohne eMail-Addy reviewt haben.

Maureen: Hat dir das Kapitel eigentlich gefallen? Ist mir nicht ganz klar geworden. °gg° Aber ich geh einfach mal davon aus. ;)) Dank dir jedenfalls. °wink°

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