Disclaimer: Siehe Kapitel 1.

A/N: Ihr Lieben – wenn ihr nicht so beharrlich Reviews und Mails schreiben und mich dadurch an diese Geschichte erinnern würdet, hätte ich die ganze Angelegenheit glatt verdrängt. °g° Es ist wirklich ganz zauberhaft, wie hartnäckig ihr seid – und vor allem, wie treu ihr dieser Geschichte bleibt. Und die Reviews für das letzte Kapitel waren wirklich außergewöhnlich und absolut umwerfend. :)

Dieses Kapitel ist Besserweiss und Chrissie Chaos gewidmet. Wer ihre umwerfenden Reviews gelesen hat, weiß, warum. :o)

Lassen wir das Geschwafel – rein ins Vergnügen.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 36

Diese Gemeinschafts-Schlafräume waren der reine Alptraum, wenn es einem beschissen ging. Da lag Hermine mit offenen Augen im Bett und wartete verzweifelt darauf, dass der Schlaftrank wirkte, den sie eingenommen hatte; ihre Mitschülerinnen kicherten miteinander, schliefen irgendwann ein, schnarchten und murmelten im Traum – und Hermine lag nur da und konnte nicht fassen, was ihr heute passiert war. Da war es wieder, dieses surreale Gefühl, als würde sie gleich aus dem Bild heraustreten, den Bilderrahmen verlassen und in ihre eigene Realität zurückkehren können. Durch den Spiegel gehen, die Parallelexistenz wiederfinden, die zu einem gehört ... Aber das waren nur flüchtige Gedanken, die ihr auch nicht weiterhalfen. Denn sie wusste, dass der vergangene Tag zu ihrer Wirklichkeit gehörte, zu ihrem realen Leben – das alles war wirklich passiert.

Und gerade, als sie vollends sicher war, dass sie keine Sekunde in dieser Nacht würde schlafen können, schlief sie doch ein. Und sie träumte. Der Traum gab fast exakt die Situation bei Florish & Blotts wieder – alles, was damals passiert war. Der Traum war fast zu real für einen Traum, alles war so greifbar und furchtbar wie damals; sie konnte sogar Florishs üblen Atem riechen. Sie schrak aus dem Traum auf und wusste, dass sie geschrieen hatte; die anderen Mädchen murmelten in ihren Betten irgendetwas von „Halt die Klappe" oder einfach nur „och nö", bevor sie die Gesichter wieder in die Kissen drückten und weiterschliefen. Sie überließen Hermine sich selbst, die müde ins Dunkel starrte und vergeblich versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Was ist jetzt schlimmer, Alpträume haben oder wach herumliegen und nachdenken? Ich kann das gar nicht mehr sagen.

Sie fühlte sich so daneben, dass ihrem Körper nichts Gescheites mehr einfiel, um darauf zu reagieren. Wenn sie allein gewesen wäre, hätte sie vielleicht mit sich selbst geredet, irgendetwas kaputt gemacht oder wäre zumindest im Zimmer auf und ab gegangen. Aber Hermine wollte ja niemanden stören – braves Mädchen, das sie war. Also blieb sie liegen und überließ sich erneut ihren Purzelbäume schlagenden, sinnlos kreisenden Gedanken und Empfindungen.

Er hat mich berührt ... Und er hat mich geküsst. Er hat mich angesehen, als wäre ich ... als würde er mich ... oh Himmel, ich weiß es nicht. Er war so aufgewühlt. Was hat er jetzt nur vor? Ich habe solche Angst.

Ja, sie hatte Angst. Angst um Snape, Angst vor Snape. Angst um ihren Zauberstab, um sich selbst. Angst VOR sich selbst. Den ganzen Horror mit Mr Florish hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt in Snapes Büro völlig vergessen. Diese Episode war ausgeblendet gewesen, weggelegt in einen hinteren Bereich ihres Bewusstseins, an den sie selbst nicht heran gekommen war. Kontrollverlust auf der Ebene des Bewusstseins! Das war erschreckend. Am liebsten hätte sie das Unterbewusstsein mit allem Drum und Dran aus der menschlichen Natur gestrichen. Und WENN es das Unterbewusstsein und die Verdrängung schon gab, warum funktionierte dieser blöde Kram dann nicht, wenn man ihn dringend brauchte? Ihr Verdrängungsmechanismus hatte reibungslos funktioniert, jahrelang – aber jetzt hatte er kläglich versagt, und Hermine erinnerte sich an alles.

Was habe ich nur getan, ich habe ein Buch gestohlen, mich erwischen lassen und den Mann obliviert. Wie konnte ich das nur vergessen? Und gleichzeitig habe ich immer so getan, als sei ich unfehlbar. Ich bin doch das Letzte.

Und Snape wusste das alles jetzt ... Was, wenn er sie nun doch verachten würde? Oder ihr Vergehen sogar melden würde? Sie hatte doch gar keine Ahnung, wie er darüber denken würde, wenn ein wenig Zeit vergangen war. Sie verfluchte ihr loses Mundwerk und ihr Unvermögen, auf Herausforderungen anders als mit der gedankenlosen Flucht nach vorne zu reagieren. Merlin, was hatte sie da nur alles preisgeben, innerhalb weniger Minuten?

Ich habe ihm doch nicht wirklich gestanden, dass ich in ihn verliebt bin? Neinneinnein ... NEIN. Das kann ich nicht gesagt haben. Oder ... Vielleicht hat er es ja nicht gehört. Nicht verstanden. Oder wieder vergessen! Oh heilige Scheiße. Ich habe es ihm gesagt. Professor Snape weiß, dass ich in ihn verknallt bin.

Ich möchte mich in Luft auflösen.

Und was hatte er nur mit diesem kryptischen Abschiedssatz gemeint? „Morgen wird alles vorbei sein." Das hatte so endgültig geklungen, dass ihr die Angst den Hals zuschnürte, auch wenn sie sich ganz sicher war, dass Severus Snape nicht Selbstmord begehen würde ... nun ja, fast sicher.

Nein ... er wird nicht ... Nein. Er will einen Schlussstrich ziehen, aber welchen? Will er mich ab morgen so behandeln, als wäre all das nicht passiert? Will er mich oblivieren? Bitte nicht, nicht auch noch das. Das darf er nicht. Oder will er mir einfach mein Tagebuch wieder geben? Nein ... da war noch mehr ... ich habe es in seinen Augen gesehen ... aber was?

Was???

Ihre Gedanken kreisten lange um den Gedächtniszauber, vor dem sie sich so fürchtete. Erneut wurde ihr klar, dass sie diesen Mann nicht einschätzen konnte. Sie wusste inzwischen, dass er ihr eigentlich nichts Böses wollte, aber was bedeutete das bei Severus Snape? Nicht viel. Was er auch immer vorhatte, es lief immer wieder auf Verletzungen hinaus, auf Kränkungen, auf Enttäuschungen. Das war sein Spezialgebiet, und für wen war das eigentlich etwas Neues? Dieses Verhalten gehörte zu Snape wie der Schnee zum Winter.

Vor ein paar Tagen, draußen am Schlosseingang, hatte sie versucht ihm klarzumachen, dass er ihr weh tun konnte, dass er Macht über sie hatte – und sie hatte gehofft, dass sein Verhalten ihr gegenüber sich dadurch ändern würde. Sie hatte sich so geirrt. Er verletzte sie nicht vorsätzlich – nein. Aber er tat es dennoch, immer wieder.

Da war fast noch schlimmer.

Wie, grübelte sie, hatte es nur dazu kommen können, dass sie von ihm so etwas wie Sensibilität erwartete? Von PROFESSOR SEVERUS SNAPE?! Wie hatte sie nur solchen Größenwahn entwickelt um sich tatsächlich zu wünschen, dass ausgerechnet dieser spöttische, allzu oft herzlos und kalt wirkende Mann sie als Mensch wahrnahm, ihr wenigstens ab und zu ein Signal gab, dass er ihre Gefühle respektierte? Wie abwegig, wie vermessen. Und doch ... Sie wünschte es sich. Sie wünschte sich, dass Severus Snape einen Schritt auf sie zuging, sich ihr öffnete - auch wenn das Wahnsinn war.

Aber er empfindet etwas für mich. Irgendetwas. Ich weiß es, aber was sagt das schon aus, wenn er mir immer wieder weh tut? Er wird es immer wieder tun. Er kann gar nicht anders.

Ich hasse ihn.

Ja, es gab Augenblicke, da wollte sie ihn in der Luft zerreißen dafür, dass er sie so leicht verletzen konnte. Dafür, dass sie sich ihm so ausgeliefert fühlte. Und dafür, dass es ihm so leicht fiel, sie aus der Reserve zu locken und Dinge preiszugeben, die sie niemals hätte sagen dürfen ... Sie hatte sich schon seit dem Verlust ihres Tagebuchs sehr verletzlich gefühlt, aber jetzt, nach all diesen Geständnissen, fühlte es sich an, als hätte sie gar keine Haut mehr, die sie schützte – als könnte man ihre Vergangenheit, ihre Gefühle und Gedanken an ihrer Stirn ablesen.

Ich kann ihm niemals wieder unter die Augen treten.

Sie gab einen leisen frustrierten Laut von sich. Natürlich würde sie ihn wiedersehen. Gleich morgen, aller Voraussicht nach. Aber ihr stolzes, wütendes Selbst wies sie an, diesen Mann fortan zu meiden, wann immer es ihr möglich sein würde. Sie hatte ihr Innerstes nach außen gekehrt, und das war kein besonders angenehmes Gefühl, wenn man dabei Severus Snape gegenüber stand. Er würde wohl kaum soweit gehen, ihre Offenbarungen an die große Glocke zu hängen, aber er würde sie ihr immer wieder unter die Nase reiben und Situationen finden, um dieses Wissen zu seinem Vorteil zu nutzen. Nein, sie musste sich von ihm entfernen, um sich zu schützen.

Andererseits ... Er hatte sie getröstet. Und zwar NACH ihren Geständnissen. Er hatte sie nicht beschimpft und nicht verurteilt – er hatte es zugelassen, dass sie sich in seinen Armen ausheulte.

Und er hatte sie geküsst.

Aber das war eine Ausnahmesituation. Er war kaum er selbst, in diesem Moment.

Aber wann war denn eigentlich Severus Snape „er selbst"? Sie wusste es nicht; ihr wurde noch einmal klar, dass sie gar nicht beurteilen konnte, wie er wirklich war.

Aber ich kann beurteilen, wie ich ihn kennen gelernt habe. Und der Severus Snape, den ich kenne, ist voller Wut und Enttäuschung, immer bereit, seinen Frust über andere auszuschütten. Er hat keine Ressourcen übrig für Mitgefühl, sein Misstrauen überlagert alle anderen Gefühle. Ich weiß, dass er auch anders sein kann – aber das macht alles nur noch schlimmer. Es tut so weh, zu sehen, was man niemals haben kann. Er wird niemals so sein, wie ich ihn mir wünsche.

Während sie so über ihn nachdachte, sah sie ihn vor sich. Sie sah sein scharfes Profil, sein spöttisches Lächeln, die schiefen Zähne ... sie meinte sogar, seinen eigentümlichen, wundervollen Duft wahrzunehmen. Wie seltsam die Erinnerung doch funktionierte. Es war, als sei er bei ihr. Aber das Gefühl war nicht gut; der Gedanke an Snape brachte sie im Augenblick nur durcheinander. Er würde niemals wirklich bei ihr sein, dachte sie; wahrscheinlich gab es überhaupt niemanden, dem er sein ganzes Vertrauen schenkte. Oder sogar Liebe.

Hermine rollte sich im Bett zu einer Kugel zusammen. Es war unerträglich darüber nachzudenken, wie unglücklich und lieblos das Leben von Severus Snape war. Sie selber hätte nie von sich gesagt, dass ihrem Leben besonders viel Glück beschieden war, aber sie war doch dankbar für die Liebe und die Freundschaft, die sie erhalten hatte. Gegen Snape war sie ein echter Glückspilz. Dabei war dieser Mann doch mit enormen Talenten, mit überdurchschnittlicher magischer Stärke und beeindruckender Intelligenz gesegnet. Es war so unfair, dachte sie. Das Leben hatte ihm übel mitgespielt, er hatte im Rahmen seiner Möglichkeiten auf dieses Pech reagiert und war ein wütender, bitterer Mann geworden, der seine Gefühle unterdrückte, wo er nur konnte.

Was macht er jetzt? Ich sehe ihn in seinem Bett liegen, genau wie ich ... Er hat sich mir gegenüber so verletzlich gezeigt, so empfindsam. Er wird es hassen. Er wird diese ganze Situation genau so verfluchen wie ich.

Mit einer heftigen Bewegung schob Hermine die Bettdecke von sich. Es war alles so lächerlich! 'Hätte ich doch dies nicht, wäre doch das anders, könnte ich doch ...' Blablabla. Die Dinge waren aber nicht anders, sie waren so, wie sie waren. Und sie hatte nun einmal im Eifer des Gefechts Dinge erzählt, die sonst niemand wusste ... Es war zu spät, sich darüber Gedanken zu machen.

Wenn er mich dafür verachtet, dass ich mich gegen Mr Florish gewehrt habe, will ich sowieso nichts mehr mit ihm zu tun haben. Das war Notwehr. Florish hatte schon seine Hand an meinem Rock! Diese elende Ratte. Ich hatte das doch auch gar nicht geplant, es war eine Kurzschlusshandlung, ich musste mich schützen. Ah, ich wollte nie, nie wieder daran denken.

Plötzlich fiel ihr etwas ein – die Situation, in der er sie getröstet hatte, kam ihr wieder ins Gedächtnis. Sie erinnerte sich an den kalten Steinfußboden in seinem Büro, sie hatte Snape nicht ansehen wollen – und dann hatte sie seine kühlen Finger gespürt, und er hatte ihr Madam Malfoys Stein in die Hand gedrückt. Und fast umgehend war es ihr besser gegangen. Warum vergaß sie die heilende Kraft dieses Steins nur ständig?

Sie beschloss aufzustehen. Ihre Zimmerkameradinnen atmeten jetzt gleichmäßig; es war kein Problem unbemerkt den Raum zu verlassen. Normalerweise hätte Hermine sich mit ihrem Zauberstab ein wenig Licht verschafft; so tappte sie ziemlich hilflos im Dunkeln herum, bis sie ihren Umhang ertastet hatte. Sie warf ihn sich um, holte den Stein heraus und huschte aus dem Zimmer. Unten im Gemeinschaftsraum brannten noch die Kaminfeuer, und sie kuschelte sich in einen der Sessel.

Damit begann der zweite Teil der Nacht. Dieser Teil war besser. Der Stein war in ihrer Hand; das Feuer wärmte sie. Die unerträgliche Anspannung in ihrem Innern ließ nach. Zurück blieb ein Gefühl der Trauer und der Ausweglosigkeit; natürlich konnte der Stein nicht einfach negative Gefühle eliminieren, aber man schien sie anders wahrzunehmen. Sie waren einfach da, an der richtigen Stelle, und würden wieder vorübergehen.

Zuversicht. Mit diesem Gefühl schlief sie ein, und damit wachte sie auch wieder auf. Sie hörte jemanden die Treppe herunterkommen und öffnete halb die Augen; ein Mädchen aus der vierten Klasse starrte sie an, sagte schüchtern Guten Morgen und verschwand durch das Portraitloch nach draußen. Als Hermine sich aus dem Sessel schälte, tat ihr der Rücken weh; sie fühlte sich wie eine alte Frau. Pflichtbewusst kroch sie nach oben in den Schlafsaal, um dort im Bad zu verschwinden und sich optisch soweit herzurichten, dass keine Verwahrlosungstendenzen zu erkennen waren. Dann lief sie in die Große Halle, in der das Frühstück gerade begonnen hatte.

Der Morgen war seltsam. Sie nahm ihre Umwelt mit ihren fünf Sinnen wahr, dachte aber nicht viel darüber nach, was sie wahrnahm; sie nahm die Dinge einfach zur Kenntnis. Der Tee schmeckte gut, der Toast war warm, die Kerzen verbreiteten das sanfte Licht, das Hermine so liebte. Sie hatte ihre Ruhe, Snape saß nicht vorn am Lehrertisch und die Jungs nicht neben ihr, aber sie dachte über all das nicht nach. Sie dachte auch über ihren Zauberstab nicht nach. Ihr Verstand war wie auf Standby geschaltet, und das war eigentlich ein ganz angenehmes Gefühl.

Aber dann ging ihr flüchtiger Gedanke durch den Kopf und verdarb ihr die Stimmung; sie dachte kurz darüber nach, wie sie den Tag verbringen wollte, und schlagartig wurde ihr klar, dass sie heute nur eins zu tun hatte – sie musste darauf warten, dass Snape sie zu sich beorderte und mit ihr nach Hogsmeade ging. Ihr wurde heiß und kalt, wenn sie daran dachte. Sie wusste, die Zeit würde sich hinziehen wie Kaugummi, und die Aussicht darauf drückte ihre Stimmung nieder, so fest sie auch den Stein hielt, den sie in ihrer Umhangtasche verborgen in der Handfläche spürte.

„Morgen, Hermine", riss sie eine bekannte Stimme aus ihren Gedanken. Aus dem Augenwinkel sah sie Harrys strubbeligen Haarschopf und lächelte wortlos in seine Richtung; er lächelte zurück. Sie sah, wie prüfend sein Blick war; aber dann schien er selbst zu bemerken, dass er sie anstarrte. Er grinste entschuldigend und setzte sich auf seinen Platz.

Schweigend begann er zu essen. Eigentlich hatte Hermine gerade aufstehen wollen, aber sie wollte nicht unhöflich wirken und abhauen, sobald er neben ihr saß. Außerdem empfand sie Harrys Gegenwart als angenehm und beruhigend; er lenkte sie von unerfreulichen Gedanken ab.

„Und? Was hast du heute vor?", hörte sie Harry plötzlich zwischen zwei Brotbissen nuscheln.

Sie sah ihn verwirrt an. Die Frage war unverfänglich, und doch war ihr nicht klar, was sie antworten sollte.

„N-nichts." Sie überlegte kurz und fügte dann zögerlich hinzu: „Heute Nachmittag gehen, äh, gehen Professor Snape und ich nach Hogsmeade, um, ähm ... um die Sache mit meinem Zauberstab zu klären. Bis dahin muss ich einfach warten."

Sie hielt dem Blick aus den grünen Augen stand; er sah sie aufmerksam, aber nicht übertrieben neugierig an. „Klären ..." wiederholte er langsam. „Du meinst, ihr repariert ihn? Geht das denn?"

Sie zuckte die Achseln. „Ich hoffe doch. Neulich hat es nicht funktioniert, aber diesmal … ah, ich weiß nicht." Die Unruhe begann in ihr hochzukribbeln; sie atmete tief durch und schenkte Harry ein hilfloses Lächeln. „Ich werde dir davon erzählen, alle Einzelheiten, du weißt schon. Wenn die Zeit reif ist."

Sie erwartete Protest, eine Unmutsäußerung, zumindest weitere Fragen. Aber es kam keine.

„Ja, mach das."

Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Harry hatte ebenso wie sie zu Ende gegessen, und sie mochte den Gedanken nicht, dass sie beide ihrer Wege gingen und sie erneut ihren trüben Gedanken überlassen war. Aber im nächsten Moment gab es ein anderes Problem, denn Ron stand plötzlich neben ihnen.

Er setzte sich nicht. Er nickte Harry nur zu, starrte Hermine finster an und griff sich aus einer Schale einige Würstchen. Hermine wartete nur darauf, dass er das erbeutete Essen stehend verschlang, aber er häufte nur verschiedene Nahrungsmittel auf einen Teller. Offenbar hatte er kein Interesse an ihrer Gesellschaft.

„Warte, Ron", sagte sie schnell, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen sollte. Dann tauchte aus den Tiefen ihrer Erinnerungen ein Gedanke auf, der ihr weiter half. „Ich habe vergessen, mit dir über Professor Dumbledore zu reden … Professor McGonagall hat die Vertrauensschüler angewiesen, zu –"

„Weiß ich längst", fuhr Ron ihr ungnädig über den Mund. „Alle Vertrauensschüler sind seit gestern informiert, und sie haben es sicher nicht dir zu verdanken." Er musterte sie von oben herab. „Aber mach dir keine Sorgen, es gibt noch Vertrauensschüler, die nicht von enorm wichtigen Dingen von ihren Verpflichtungen abgehalten werden."

Damit drehte Ron sich um und verließ gemessenen Schrittes die Große Halle.

Harry stand ebenfalls auf. „Ron …", murmelte er. Aber dieser Versuch den gemeinsamen Freund zurückzuhalten war sehr halbherzig. Ron hörte ihn nicht mehr; er war schon halb durch die Tür zum Vorraum der Großen Halle.

Harry und Hermine starrten eine Weile schweigend Ron hinterher; als das Schweigen unbequem wurde, beschloss Hermine der Situation zu entfliehen, aber Harry wandte sich ihr zu und machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

„Hör mal", wandte er sich überraschend an sie.

Sie sah ihn misstrauisch an, ihr war jetzt nicht nach tiefschürfenden Gesprächen.

„Mal ganz was anderes, ich ... hm ... habe da ein Problem, das, naja, mit dem Unterricht zusammen hängt."

Sie lächelte über sein Gestotter und nickte nur.

„Natürlich", fuhr er fort, „weiß ich, dass du dafür eigentlich keine Zeit hast, aber … Naja, es geht um die letzte Aufgabe in Verwandlungen. Die Raumveränderung, du weißt schon. Ich bekomme es einfach nicht hin. Vielleicht, öhm, vielleicht kannst du irgendwann heute ein bisschen Zeit erübrigen, um mir …"

Hermine fiel ein Stein vom Herzen. Es war fast zu schön um wahr zu sein, dass Harry endlich mal wieder so etwas Triviales von ihr wollte. Sie unterbrach ihn fast lachend: „Harry, natürlich habe ich Zeit. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nichts Besonderes vorhabe."

Das Lächeln, das sie daraufhin erhielt, machte ihren gesamten Plan zunichte, den Rest des Vormittags schlechtgelaunt in irgendeiner Ecke zu sitzen.

Als wäre es die natürlichste Sache der Welt, schleppte er sie in eins der heute leeren Klassenzimmer und begann, ihr sein Problem zu erklären. Sie wusste, worum es ging; McGonagall hatte sie alle angewiesen, bis zur nächsten Stunde einen komplizierten Verwandlungszauber zu üben, der aus einem gewöhnlichen Klassenzimmer ein doppelt so großes Aufenthaltszimmer mit Kamin machte. Harry zeigte Hermine, woran genau er scheiterte; er führte den Zauber aus, und das Klassenzimmer verwandelte sich tatsächlich in einen gemütlichen Aufenthaltsraum, aber er war so klein, dass kaum vier Leute hineinpassten, und am Ende des Raumes gab es keinen Kamin, sondern es lag lediglich ein Häufchen Asche aus dem Boden, aus dem eine winzige Rauchsäule emporstieg.

Oh Harry.

Sie lachte Tränen; Harry schien es ihr nicht übel zu nehmen.

„Du kannst es, oder?" fragte er.

Sie lächelte nur wissend, wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht und zauberte einen SEHR großen Aufenthaltsraum mit einem IMMENS großen Kamin herbei, dessen Flammen hoch in den Kaminschacht hineinschossen. Harry war beeindruckt. Natürlich war er das. Und das beste war: Er wollte genau wissen, wie sie das hinbekommen hatte.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Fluge. Hermine war sich nicht sicher, ob Harry klar war, was er da tat. Er war nie einer dieser Freunde gewesen, die immer das richtige tun. Aber heute war er so ein Freund. Er tat genau das Richtige. Er bewunderte ihr Können, beobachtete, was sie tat, hörte ihren Erklärungen zu. Er verhielt sich wie ein vorbildlicher Schüler, der den Ausführungen seiner Lieblingslehrerin zuhörte.

Es war einfach wundervoll.

Und er wurde immer besser. Der Aufenthaltsraum, den Harry kreierte, wurde zusehends größer; das Häuflein Asche wurde zu einem imposanten Holzstapel, der zunehmend Rauch absonderte, was sich in einem Raum ohne Fenster als recht unerfreulich herausstellte. Schließlich bekam Harry es sogar hin, dass das Holz brannte, aber das aktivierte dummerweise den magischen Feuermelder der Schule und rief Filch auf den Plan. Hermine und Harry mussten ihre Übungen unterbrechen und verbrachten etwa eine halbe Stunde damit, in einem von Hermine herbeigezauberten Schrank auszuharren, den Filch nicht öffnen konnte. Schließlich zog er fluchend ab und gab damit den beiden die Gelegenheit, fröhlich kichernd abzuhauen und ihre Übungen in einem anderen Klassenzimmer in einem anderen Stockwerk fortzusetzen.

Über ihre Probleme sprachen beide während der ganzen Zeit über kein Wort. Harry erwähnte Snape und ihren Zauberstab nicht, während sie so tat, als gebe es keine Probleme mit Draco. Als sie später darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass sie auch gar nicht mehr daran gedacht hatte. Sie waren so mit ihren Übungen beschäftigt, dass sie um ein Haar das Mittagessen verpasst hätten. Aber zum Glück war Harry am Ende wirklich erfolgreich, und sie verließen hochzufrieden einen großen Aufenthaltsraum, der in Gryffindors Farben gestaltet war und in dessen Kamin ein akzeptables Feuerchen brannte.

Vergnügt rannten sie in die Große Halle um zu essen; sie aßen eilig und machten sich ebenso schnell wieder aus dem Staub. Keiner von ihnen sagte es laut, aber beide wollten möglichst eine weitere unangenehme Situation mit Ron vermeiden. Der Tag verging so friedlich; er sollte so bleiben.

Und vorerst blieb er so. Das Mittagessen lag schwer im Magen, und Harry und Hermine entschieden sich für einen Schneespaziergang. Sie folgten den ausgetretenen Wegen ihrer Mitschüler und Lehrer; ansonsten lag der Schnee so hoch, dass die meisten Wege unpassierbar waren. Und dann passierte es doch – Hermine musste an Snape denken, an seinen Zauber, der es ihnen möglich gemacht hatte über den tiefen Schnee hinwegzuschreiten wie über festgedrückte Watte. Sie dachte an seinen Wärmezauber, an die geteilte Tasse Kaffee und an seine schwarzen Augen, diesen ruhigen, fast sanften Blick ...

Wird er mich jemals wieder so ansehen?

... Und einen Wimpernschlag später landete ein Schneeball in ihrem Gesicht. Sie kreischte erschrocken auf und die Gedanken an Snape verpufften; es war gar nicht möglich an so etwas zu denken, während man versuchte einen durchtrainierten Quidditch-Spieler von hinten umzuwerfen und in den Schnee zu schmeißen.

Harry drehte den Spieß so schnell um, dass es durchaus beschämend war. Hermine fand sich im Tiefschnee liegend wieder, fluchend und lachend gleichzeitig. Ihre Chance kam aber dann doch noch, weil dieser Junge einfach zu siegesgewiss war, er lachte sie aus und stand so arglos neben ihr, dass es kaum Mühe bereitete, ihm von unten gegen die Beine zu kicken und ihn damit von den Füßen zu holen.

„Argh", machte Harry, als sie ihm einen Teil seines Halses mit Schnee eingerieben hatte und er keuchend neben ihr saß. „Das war hinterhältig!"

„Und du hast angefangen", versetzte Hermine selbstzufrieden.

„Pffft", erwiderte Harry und warf ihr noch ein bisschen Schnee an den Kopf. Der geschmolzene Schnee suchte sich seinen Weg in ihren Nacken, aber das machte ihr alles nichts aus. Sie und Harry keuchten und kicherten ausgelassen vor sich hin; der Schnee kühlte angenehm, denn Hermine war nach all dem Gerangel einfach nur warm. Sie wäre gern für immer dort sitzen geblieben.

PLOP.

Als Hermine den Kopf drehte, um den Ursprung des Geräusches zu erkunden, wusste sie es schon; der beste Teil des Tages war vorbei. Und tatsächlich, ein paar Meter von ihr und Harry entfernt hatte sich soeben ein Hauself materialisiert, der nun dahockte und Hermine anglotzte. Sie kannte ihn; es war Sparky, der schrumpelige graue Hauself mit den Triefaugen, der sie tags zuvor in Snapes Büro geweckt hatte.

Ach du heilige Scheiße. Bitte geh weg. Ich will nicht, ich will nicht.

„Oh", machte der Hauself und starrte peinlich berührt Hermine und Harry an, wie sie da im Schnee saßen, als hätte er sie bei sonstwas erwischt.

„Hallo, Sparky", sagte Hermine müde und rappelte sich auf. Sie spürte, wie das Wohlbefinden aus ihr heraussickerte; instinktiv griff sie nach dem Stein in ihrer Tasche, aber selbst seine Wirkung änderte nichts an der schlagartigen Ernüchterung, die sie empfand.

„Miss Granger", plärrte der Hauself. „Es ist ... Sparky will nicht stören, aber er muss ... Sie sollen ..."

Meine Güte, er hat kaum den Mund aufgemacht und geht mir schon wieder auf die Nerven mit seinem Gefasel.

„Ich weiß, Sparky. Es wird Zeit zu gehen", schnitt sie dem Hauselfen das Wort ab.

Sparky nickte eifrig. „Es geht hier entlang, Miss Granger", sagte er und zeigte mit einem dürren Finger ins Nirgendwo.

Voller Bedauern wandte Hermine sich an Harry, der ebenfalls aufgestanden war; sie wusste nicht, was sie sagen sollte, aber er schien auch gar nichts zu erwarten.

„Viel Glück, Hermine", sagte er nur. Ein ruhiger, aufmerksamer Blick aus grünen Augen traf sie. „Wir sehen uns später."

Sie nickte.

„Wenn du deinen Zauberstab wieder hast", ergänzte Harry lächelnd.

Sie grinste zurück; dieser Satz tat ihr gut, er war frei von den Zweifeln, von denen sie derart angefüllt war, dass sie kaum atmen konnte.

„Danke", sagte sie einfach.

Dann drehte sie sich um und stapfte hinter dem Hauselfen her, der ohne weitere Erklärung mit einem erstaunlichen Tempo davonzockelte. Er lief geradewegs zum Schloss zurück, bog um zwei Ecken und blieb vor einem alten rostigen Metalleimer stehen, der verloren an einer Hauswand stand. Dann griff er nach dem Eimer, stellte ihn sich direkt vor die Füße und wandte sich mit erwartungsvollem Blick Hermine zu.

Sie brauchte ein paar Sekunden, bis ihr klar wurde, dass der Eimer ein Portschlüssel war.

„Ich brauche keinen Portschlüssel, um nach Hogsmeade zu kommen", murmelte sie.

Der Hauself schüttelte nur stumm und mit großen Augen den Kopf. Er griff unter seine Schürze und zog ein weißes, erstaunlicherweise völlig knitterfreies Blatt Papier hervor, das einmal gefaltet war. Er übergab es Hermine und machte dann überflüssigerweise eine tiefe Verbeugung.

Das Papier war mit der kleinen gestochen scharfen Schrift beschrieben, die Hermine von unzähligen Kommentaren neben ihren Zaubertrank-Klausuren kannte.

°°°

Miss Granger,

wenn der Hauself Ihnen dies Papier aushändigt, gehen Sie wie folgt vor und beachten dabei GENAUESTENS meine Instruktionen:

1) Sie begeben sich an den durch den Portschlüssel bestimmten Ort.

2) Sie betreten das Haus, das unmittelbar vor Ihnen liegt.

3) In dem Haus geht vom Flur gleich links ein Badezimmer ab. Dort finden Sie in der unteren Schublade des Schrankes hinter der Tür einen hellblaue Glaskolben mit einem weißen Schild. Sie nehmen ihn und schütten dessen Inhalt in ein Whiskeyglas. Whiskeygläser stehen in der Vitrine im Wohnzimmer, das Wohnzimmer ist der letzte Raum, wenn Sie den Flur zuende gehen.

4) Sie geben mir das Glas und weisen mich an zu trinken.

5) Sie apparieren mit mir zum Ortseingang von Hogsmeade.

Sie werden sich exakt an diese Anweisungen halten.

S. Snape

°°°

Hermine knirschte fast hörbar mit den Zähnen, während sie las. Sie verstand kein Wort dieser „Instruktionen", ihre Hände waren bereits feucht vor Aufregung und zugleich ärgerte sie sich über den nüchternen, befehlenden Tonfall der Zeilen. Aber was sollte sie machen?

Sie sah auf den Hauselfen hinunter, der sie erwartungsvoll anstarrte, dabei unbewusst nervös von einem Fuß auf den anderen trat und sie ganz hibbelig machte. Sie seufzte.

OK. Lass die Show beginnen.

„Gut, Sparky", sagte sie. „Ich bin bereit."

t.b.c.


Huch. Ein Cliffhanger. Wo kommt der denn her? °kicher°

So, dieser alte schimmelige Eimer führt Hermine nun geradewegs zu – naja klar, zu unserm düsteren Tränkemeister, der in einer ganz bedenklichen Verfassung ist. °g° Ich hoffe, ihr seid gespannt und glaubt mir, dass das nächste Update nicht lange auf sich warten lässt. :P Ich gerate gerade wieder in Schreibfluss, also seid guten Mutes.

Ganz toll wäre jetzt noch eine kleines Review-Leckerli für die Autorin, die sich für euch am eigenen Schopf aus ihren Blockaden herausgezogen hat. °gg°

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Ohne die ReviewerInnen wäre die ganze Geschichte hier schon zuende. Durch eure Reviews fühle ich mich verpflichtet, mich zumindest wirklich zu bemühen, die Geschichte zum Ende zu bringen ... und das ist auch gut so. :P Ich bewerfe euch alle hochachtungsvoll mit Dankesbriefen, frischen Plätzchen, Kusshänden etc. :o) – ihr seid die Besten, aber das wisst ihr ja. Leider hatte ich zwischenzeitlich so massive Einloggprobleme, dass ich einen Teil der Reviews nicht beantworten konnte, und einige Reviews habe ich entsetzlich spät beantwortet. °hüstel° Ich hoffe, ihr verzeiht mir und hoffe mal ganz selbstsüchtig, ihr macht so weiter wie bisher. :P

Hier noch die Antworten an die ohne-mailaddy-Mädels:

Phania: Du hast Recht, die müssen zusammen kommen. Irgendwie, irgendwann. Ob ich es in dieser Geschichte noch hinkriege und ob dann alles gut geht, steht aber auf einem anderen Blatt. :P

Pesushi: Danke fürs Review, fürs Lob und die virtuelle Nahrung. Über die Sache mit der Voodoopuppe müssen wir nochmal reden. :P

Callista: Ach was, bis Kapitel 45 dauert das doch nicht mehr ... °bedeutsam grins° Wie immer vielen Dank für dein bombastisches Review und liebe Grüße:)

Su: Danke fürs Treubleiben, mal schauen, ob du auch noch nach diesem halben Jahr Pause dabei bist. ;))

Cornelius: Heißen Dank. :) Für ein Kapitel brauche ich unterschiedlich lange, zurzeit mag ich den Schnitt gar nicht errechnen. :( Aber es wird wieder besser, hoffe ich.

liz: Danke:) Ja ich weiß, darum bin ich in Bezug auf Happy End-Versprechen auch vorsichtig. Aber so ein bisschen Glück hätten die beiden schon verdient ...

Susanna: Das mit dem vorweihnachtlichen Kapitel wurde dann leider nichts. :( Ich hoffe, du hast dann als Ausgleich tonnenweise Weihnachtsgeschenke bekommen. :P Jedenfalls tausend Dank!

Schwarze Witwe: Vielen Dank – auch für den Hinweis, so etwas schätze ich sehr. :)

irene: Vielen Dank für die Blumen ... Aber ich habe nicht aufgehört, wie du siehst. ;)

solanacea: Danke, dass du mich seinerzeit an ein Lebenszeichen erinnert hast. :) Sonnige Grüße!

Phania: „Allzu lange" ist sehr relativ. :o) Ich bin jedenfalls froh, dass es nicht noch länger gedauert hat. °g°

little-witch-2612: Leider ist meine Zeit eins der Probleme, aber wie du siehst, habe ich es vorübergehend gelöst. ;)

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