8.
Stara Sagora, den 01. November
Sehr geehrter Herr Professor,
ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür, dass Sie mir Mephisto gesandt haben. So sehr ich mich zunächst über seinen Besuch gewundert habe, umso dankbarer bin ich inzwischen, dass er mit einem solch wachen Geist ausgestattet ist.
Es gibt erstaunlich merkwürdige Gestalten hier in Bulgarien, und Mephisto hat so eine Art Frühwarnsystem, die es mir leichter macht, vertrauensunwürdige Personen zu erkennen, bevor sie mir gefährlich werden können.
Ich bin Ihnen so dankbar; ich konnte nicht erahnen, was mich hier erwartet. Ich sehne mich nach meinem warmen Heim, einem wohligen Kaminfeuer und einem Glas Wein, zu dem ich einen Ihrer Briefe lese. Ja, Professor, wundern Sie sich ruhig, ich kann es mir selbst kaum erklären. Ihre Briefe erfreuen mich jedes Mal, auch wenn Ihre Metapher mit dem "Dampf" hin und wieder äußerst zutreffend ist. Aber vielleicht ist es gerade das? Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal so verhalten würde, aber ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn Sie versuchen, mich zu provozieren, um zu sehen, wie ich reagiere.
Nein, eigentlich weniger wie ein kleines Kind; es ist tatsächlich eher das Gefühl, als wollten Sie mich necken. Aber nicht böswillig, eher verschmitzt. Ist das nicht merkwürdig? Sollte das tatsächlich möglich sein?
Nun, vielleicht bringt die hier herrschende Kälte und Einsamkeit meine Gedanken auch nur auf Abwege. Allerdings, manchmal ist es ja so, dass man erst merkt, was man hat, wenn man weit davon entfernt ist.
Aber Mephistos Anwesenheit beruhigt mich, er gibt mir fast das Gefühl, Sie wären bei mir.
Und das beruhigt mich tatsächlich - das hätte mir mal jemand zu meinen Schulzeiten erzählen sollen.
Was ist nur los mit mir?
Ich sitze hier in meinem "Zimmer" der einzigen Herberge eines Ortes namens Stara Sagora, kann kaum noch etwas sehen, da außer meinem Zauberstab hier nichts mehr leuchtet - weder elektrisches Licht noch Kerzen scheint es hier zu geben - , und sehne mich zurück nach Hause. Doch leider wartet zu Hause niemand auf meine Rückkehr; niemand schließt mich in die Arme, sollte ich dieses Abenteuer hier hinter mich bringen. Welch trostloser Gedanke. Jedoch spenden Ihre aufmunternden Worte ein wenig Trost, Professor; sollte es tatsächlich auf diesem Planeten noch ein männliches Wesen geben, das merkt, dass auch ich nur ein normales Wesen mit Gefühlen, Ängsten und Bedürfnissen bin?
Horatio jedenfalls ist meinen komplizierten Gefühlen in keiner Weise gewachsen; wie bereits erwähnt, wir arbeiten nur zusammen. Ich hoffe, er hält den Betrieb während meiner Abwesenheit vernünftig aufrecht; ich habe ihm zwar eine Liste zurückgelassen, aber für Bücher und deren Bedeutung für manche Kunden hat er tatsächlich überhaupt nichts übrig. Lediglich für den trockenen Papierkram. Naja, trocken; das trifft seinen Charakter tatsächlich sehr gut. Nüchtern irgendwie. Jedenfalls fehlt ihm das Feuer in den Augen, das mir die Wärme, die mir so sehr fehlt, womöglich geben könnte.
Herrje, ich sollte mich auf meine Aufgabe hier konzentrieren... Ich befinde mich also auf dem Weg an die Küste des Schwarzen Meeres. Ich kann jedoch nur nachts reisen, da Zauberer hier nicht gern gesehen sind und alles ziemlich gut von irgendwelchen Banden kontrolliert wird. Ich hoffe jedoch, morgen dort einzutreffen, und dann wird sich hoffentlich zeigen, ob sich mein Weg hierher gelohnt hat.
Leider, Professor, werde ich von Ihrem Angebot Gebrauch machen müssen, was meine finanzielle Unterstützung in diesem Unterfangen betrifft. Ich habe zwar eine recht zuverlässige Quelle hier aufgetan; diese ist jedoch nur so zuverlässig wie die Höhe des entsprechenden Bestechungsgeldes. Seien Sie versichert, ich würde Sie nicht darum bitten, wenn meine Ersparnisse nicht bereits zur Neige gehen würden. Ich habe diese bereits investiert, weil ich es als meine Pflicht ansehe, dies zu tun, wenn es unserem Freund auch nur in irgendeiner Weise helfen kann.
Ich möchte Ihnen jedoch ungern Mephisto für den Transfer zurücksenden, ich würde mich einsam fühlen ohne ihn. Bitte sehen Sie mir dies nach; ich hoffe, Sie verstehen.
Vielleicht können Sie ja eine Schuleule schicken?
Nochmals, es ist mir äußerst unangenehm, Sie darum bitten zu müssen. Ich werde es Ihnen selbstverständlich zurückzahlen.
Es freut mich sehr zu lesen, dass es Ihnen und Ihrem Kopf besser geht. Ich hatte, das muss ich ehrlich zugeben, den eigentümlichen Geschmack der Arznei vergessen; aber nehmen Sie es sportlich; Sie leben noch.
Nein, bitte verzeihen Sie mir diese Geschmacklosigkeit. Es liegt mir fern, mich über Ihre Gesundheit lustig zu machen, Professor. Vielmehr kann es doch nur von Vorteil sein (auch für die Schüler Gryffindors...), wenn es Ihnen besser geht.
Ich hoffe wirklich, es geht Ihnen gut. Und ich glaube tatsächlich an das Gute in Ihnen. Es hat, das muss ich Ihnen zugestehen, in der Vergangenheit doch oft genug Momente gegeben, in denen diese Seite an Ihnen zum Vorschein gekommen ist. Lassen Sie sich nicht von dem entmutigen, was Ihnen widerfahren ist und was Sie unter bösem Einfluss getan haben. Es hat sich letztlich auch durch Ihr Handeln einiges zum Guten gewendet. Und bitte, denken Sie nicht, ich wollte mir anmaßen, Ihre Person zu beurteilen und so zu tun, als wäre alles "nicht so schlimm" gewesen. Niemals könnte ich das.
Es ist nur so, ich... Wie soll ich das erklären... Ich wünschte mir, es würde Ihnen gut gehen, und Sie würden sich wirklich besser fühlen.
Die Sonne ist inzwischen vollständig untergegangen; ich werde also gleich aufbrechen.
Wünschen Sie mir Glück, Professor.
Ihre Hermine Granger
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A/N: Hey Leute, lieben Dank für Eure Reviews! Es macht gleich viel mehr Spaß so!
Vielleicht sollten wir noch erwähnen, dass wir nur die groben Umrisse (also eigentlich mehr oder weniger nur dass, was am Anfang des ersten Kapitels steht) abgesprochen haben. Unsere jeweiligen Charaktere entwickeln sich seitdem irgenwie von selbst, je nachdem, worauf wir jeweils reagieren müssen.
Wir wollten die Briefform eigentlich konsequent beibehalten... Nun, im weiteren Verlauf der Story werdet Ihr mit uns entdecken, dass rasante und turbulente Entwicklungen zu der ein oder anderen Zwischenszene ohne Briefe führen werden...
Aber mehr wird nicht verraten - lasst Euch überraschen:o)
(Und sagt uns Eure Meinung...)
