Burgas, den 4. November

Professor Snape,

ich möchte und muss Ihnen so viele Dinge berichten und schreiben, dass ich gar nicht weiß, womit ich beginnen soll. Ich bin bereits bei Ihrer Schwester angekommen, bevor mich dieser kleine Sperlingskauz erreicht hat. Ich bin Mephisto gefolgt, so merkwürdig das klingen mag. Er hat solch eine Ruhe ausgestrahlt und sich zielstrebig seinen Weg gesucht, dass ich mich tatsächlich sicherer gefühlt habe und irgendwie auch gewusst habe, dass ich ihm nur folgen muss. Ich danke Ihnen so sehr, Professor, dafür, dass sie mir Mephisto geschickt haben. Wer weiß, was mir ohne ihn sonst zugestoßen wäre. Ich bekomme immer mehr den Eindruck, und Ihre Schwester bestätigte mir dies inzwischen, dass Zauberer hier überaus unbeliebt sind. Und selbst die Zauberer und Hexen untereinander sind irgendwie verschiedenen Gruppen zugehörig und versuchen, sich gegenseitig zu schaden. Es ist fast so, als – nein. Das kann nicht sein.

Jedenfalls, Ihre Schwester war so freundlich, mich aufzunehmen und mir ein Quartier anzubieten. Ich war überaus erstaunt, dass Sie überhaupt eine Schwester haben. Wobei, schrieben Sie mir nicht bereits von einer Schwester? Ich bitte um Entschuldigung, Professor, irgendwie bin ich nicht so richtig bei mir heute…

Sie war über meine Ankunft allerdings auch sehr erstaunt; Ihre Post scheint sie auch erst heute erhalten zu haben. Ich kam noch nicht dazu, ausführlich mit ihr zu sprechen. Sie hat, nachdem Ihre Briefe eingetroffen waren, das Haus verlassen und ist noch nicht wieder zurück. Sie bat darum, dass ich bis zu ihrer Rückkehr warte.

Sie erinnert mich an Sie, Professor; sie hat ähnliche Gesichtszüge, und sie hat auch diese etwas unterkühlte Art an sich. Das soll nicht negativ klingen, denn schließlich haben Mephisto und Ihr Name ausgereicht, um mir zu helfen.

Die Worte Ihres letzten Briefes, Professor – sie haben mich sehr berührt. Und doch weiß ich nicht so recht, ob ich irgendwelche Nebenwirkungen des Teebaumöls versehentlich unterschätzt haben sollte… Sie bieten mir wahrlich einen Platz an Ihrem Kaminfeuer? Sie wünschen sich nächtelange Diskussionen? Ich muss gestehen, dieser Gedanke fasziniert mich. Obwohl ich vermutlich in Ihren Augen viel zu wenig Wissen mitbringen würde.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich mich Ihnen von Angesicht zu Angesicht so öffnen könnte, wie ich es bereits in schriftlicher Form tat. Würde ich nicht in das Verhalten einer Schülerin zurückfallen, die sich leicht von Ihnen provozieren lässt? Es ist so viel Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal persönlich begegnet sind... Doch habe ich das Gefühl, Ihnen näher gekommen zu sein, als es bisher jemals möglich war.

Professor Snape, vergessen Sie nie, dass ich immer versuche, den ganzen Menschen in Ihnen zu sehen. Wie bereits erwähnt, möchte ich nichts, was geschehen ist, schönreden, und doch leide ich mit Ihnen, wenn Sie mir von Ihren Konversationsversuchen berichten.

Ich habe meine Meinung, die ich als Schülerin in Hogwarts von Ihnen hatte, von Grund auf revidiert, und es trifft mich, zu lesen, wie unglücklich Sie zu sein scheinen.

Seien Sie versichert, falls ich tatsächlich jemals bei Ihnen am Kamin sitze, ich würde versuchen, ein Lächeln in Ihr Gesicht zu bekommen.

Unsere Konversation tut mir so gut, Severus! (Ich wage diese Anrede, da Sie es mir gleichtaten in Ihrem letzten Brief; obwohl ich mir das niemals hätte träumen lassen.)

Und ich hoffe sehr, wir finden einmal die Gelegenheit, uns persönlich zu unterhalten. Obwohl mich dieser Gedanke gleichzeitig ängstigt, da ich nicht weiß, wie wir uns in natura verhalten würden.

Hätten wir nicht unsichtbare Grenzen zu überwinden? Denn immerhin war ich jahrelang eine Ihrer Schülerinnen…

Meine Gedanken verzetteln sich; was hat mir Ihre Schwester nur für einen Tee gebrüht?

Inverness, Severus – was führt Sie nur nach Schottland? Ich schrieb Ihnen doch bereits, dass sich an der schottischen Küste mein eigentliches Zuhause befindet? Ich habe mir ein kleines Häuschen an der Steilküste bei Nairn gekauft, also ganz in der Nähe von Inverness. Ich habe leider noch nicht die Zeit gefunden, es auch so einzurichten, dass man von einem Zuhause sprechen kann; normalerweise übernachte ich in der Winkelgasse, weil so viel zu tun ist. Und außerdem fühle ich mich allein dort nicht sonderlich wohl. Es ist geradezu so, als würde mir dort etwas fehlen.

Nun, was bringt Sie während des laufenden Schuljahres in die Highlands, Severus? Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Und diese süße Eule... Sie passt wahrlich zu Professor Flitwick.

Ich werde nun versuchen, Viktor zu erreichen; vielleicht kann ich mir die Weiterreise nach Rumänien ja ersparen, weil er Neuigkeiten in Bezug auf den Codex für mich hat.

Ich wünsche Ihnen nur das Beste

Ihre Hermine Granger