13.
Hogwarts, den 4. November
Hermine,
dieser Name scheint mir schon so vertraut und ich nehme Ihren letzten Brief zum Anlass ihn auch weiter zu benutzen und ich bitte Sie den Professor Snape ad acta zu legen, denn Sie sind nicht mehr meine Schülerin und die letzten zwei Wochen haben ganz sicher eine grundlegende Veränderung unseres Verhältnisses zueinander bewirkt. Wie gesagt, erwarten Sie nicht zuviel von mir. Das ist alles Neuland für mich, aber die Benutzung Ihres Vornamens erschien mir...richtig.
Wie ich bereits meiner Schwester im beigefügten Brief mitteilte, tut es mir leid, dass sowohl die Eule an Sie als auch an Malicia nicht mehr rechtzeitig ankamen. Es ist einfach so, dass Malicia eine hervorragende Eulenzüchterin und Abrichterin ist. Ich bin von Phoebe einfach anderes gewöhnt.
Mittlerweile ist Komet, das ist der Name des Sperlingskauzes, wieder wohlbehalten bei seinem Besitzer eingetroffen. Professor Flitwick war so liebenswürdig mir seine Eule zu leihen, leider scheint sie Bulgarien nicht viel abgewinnen zu können, oh, ich habe wirklich böse Blicke von dieser kleinen tapferen Eule geerntet.
Ich beglückwünsche mich jedoch immer wieder Ihnen Mephisto geschickt zu haben. Ich wusste, er würde mich nicht enttäuschen und Sie beschützen. Es ist, als würde durch ihn eine unsichtbare Brücke zwischen uns bestehen. Und es beruhigt mich.
Es verwundert Sie, dass ich eine Schwester habe? Korrigieren Sie mich, Hermine, aber hat sich überhaupt ein Schüler jemals dafür interessiert, ob ich eine Familie habe oder ob ich in meiner Freizeit etwas anderes mache wie als Fledermaus an der Decke meines Kerkers zu hängen? Oh, ja Hermine, ich weiss genau, was die Schüler über mich denken. Dass ich Weihnachten und Ostern für ansteckende Krankheiten halte und meine Ferien in einem Sarg verbringe. So ist es doch, nicht wahr?
Wie auch immer, hätte mich jemand gefragt, es hätte nicht nur Punktabzug gehagelt.
Nun, da Sie gefragt haben, und sind ja nun keine Schülerin mehr, die Familie Snape ist in der Tat recht groß und es ist eine alte Zaubererfamilie. Ich habe jede Menge Cousins und Cousinen, unzählige Tanten und Onkel und meine Großmutter Cecilia lebt auch noch, sie ist das Oberhaupt der Familie. Eine großartige alte Dame, sie war eng mit Albus befreundet, vielleicht lernen Sie sie ja eines Tages kennen. Meine Eltern leben nicht mehr und nein, Fragen dazu beantworte ich nicht.
Lassen Sie sich durch das Äußere meiner Schwester nicht täuschen, sie mag manchmal etwas unterkühlt wirken, aber alle Snape-Frauen haben das Herz am rechten Fleck, haben Sie erst einmal ihr Vertrauen gewonnen, sind sie die besten Freundinnen, die man sich wünschen kann und Malicia ist da keine Ausnahme.
Hermine, Hermine, machen Sie sich nicht kleiner als Sie sind. Selten ist mir so ein wacher Geist begegnet. Und was Ihnen noch an Wissen fehlt, gleichen Sie mit Wissbegierde aus und mit 19 Jahren sind Sie geistig Ihren Altersgenossen um Längen voraus. Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht mein heutiges Wissen bei Ihnen voraussetze, wie könnte ich. Und gerade dies ist ja das Reizvolle. Es gibt so viel, was ich Ihnen beibringen und erzählen kann und sicher, ja widersprechen Sie nicht, ist es auch umgekehrt so.
Allerdings muss ich gestehen, dass eine persönliche Begegnung auch mir etwas Angst macht. Und zwar genau aus den Gründen, die Sie bereits nannten. Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob ich in alte Verhaltensmuster fallen würde. Dieser Gedanke erschreckt mich, denn ich möchte es nicht, ich möchte nicht, dass Sie wie eine verängstigte Schülerin vor mir stehen, weil ich mich mal wieder nicht beherrschen konnte. Ob zwei Jahre Abstand reichen, um sieben Jahre Zaubertrankunterricht vergessen zu machen? Ich hoffe es. Bitte lassen Sie uns beide an diese Aussicht klammern.
Unglücklich? Ja ich war lange unglücklich, aus den verschiedensten Gründen. Meine Unfähigkeit offen auf andere Menschen zuzugehen, nicht immer so misstrauisch zu sein. Alle von mir wegzustoßen, damit keiner an mich, Severus, herankommt. Das Leben, so dachte ich, wäre so viel einfacher. Was für ein Trugschluss. Langsam werden mir die Augen geöffnet, Sie öffnen sie mir. Langsam nimmt meine Umwelt wahr, dass sich in meinen Mauern eine Lücke auftut. Und siehe da! Das Leben gestaltet sich zwar schwieriger, aber es macht….Spaß.
Habe ich das gerade wirklich geschrieben?
Ich habe einige der besten Menschen in meiner Umgebung, Minerva, Filius, Pomona, Remus, Nymphadora um nur einige zu nennen, sie alle geben sich unheimlich Mühe mich aus meinem Schneckenhaus zu holen. Erwähnte ich, dass Remus und Nymphadora mir eine schwarze Katze zu meinem Geburtstag im September geschenkt haben? Das arme Wesen hat leider immer noch keinen Namen. Wie wäre es, hätten Sie vielleicht einen Vorschlag? Langsam mache ich wohl einen Zoo auf.
Und was meine Einladung betrifft, ich hoffe eines Tages nehmen Sie sie an und bereuen es nicht. Denn das würde bedeuten, dass Sie Ihr Abenteuer gut überstanden haben. Unsere selbstgezogenen unsichtbaren Grenzen müssen nicht für ewig ein Hindernis sein.
Ach, übrigens, Malicia ist die Schwester eines Zaubertrankmeisters, Sie könnten Recht mit Ihrer Einschätzung hinsichtlich des Tees haben fürchte ich.
Sie fragten mich, was mich nach Inverness treibt? Unser gemeinsamer Freund, natürlich Remus, kennt dort einen befreundeten Leidensgenossen. Dieser berichtete ihm, dass er ebenfalls einen Trank einnimmt, um die Verwandlung abzumildern, aber es wäre nicht der Wolfsbanntrank. Meiner Neugier folgend, suchte ich den Herrn natürlich auf. Eine derart kurze Reise ist mir trotz des laufenden Schulbetriebs möglich. Der Mann zeigte mir das Rezept, Sie können sich meine Enttäuschung vorstellen, als ich feststellte, dass es sich um ein nicht annähernd so wirksames Rezept handelte. Jedoch sind zwei Bestandteile dieses Trankes einer genaueren Untersuchung wert. Doch ich langweile Sie.
Nairn, Hermine, ich kenne dieses kleine Städtchen. Wie oft hat Albus mich in den Ferien über ein verlängertes Wochenende dorthin geschleift. Keine Zauberer, nur Muggel, dort konnte ich ein kleines bisschen ich selbst sein. Wir sind dort viel gewandert. Lachen Sie nicht. Vielleicht habe ich Ihr Haus ja gesehen? Wenn es nur annähernd so aussieht, wie all die gemütlichen Cottages, die ich dort sah, weiß ich, ich würde mich sofort wohlfühlen. Allerdings, kommt das Wort „allein" auch in meinen Gedanken nicht vor. Wer weiß Hermine…hat es einen Kamin? Eines weiss ich mit Sicherheit, es wird eine riesige Bibliothek aufweisen, denn es ist das Heim von Hermine, dem Bücherwurm.
Also doch Viktor Krum, wie ich schon vermutete. Hermine, auch hier ist Vorsicht geboten. Mr. Krum stammt aus einer reinblütigen bulgarischen Familie, Sie wissen, was ich damit andeuten will? Seien Sie auf der Hut. Er mag Ihr Freund sein (ist er das für Sie?), seine Familie ist es ganz sicher nicht. Sollte er Ihnen auch nur ein Haar krümmen, lädt er den Zorn der ganzen Snapefamilie auf sich.
Befragen Sie Malicia ob sie die Krums kennt. Vielleicht kann sie Ihnen irgendwelche Informationen geben.
Und Malicia hat Recht, Zauberer sind dort sehr unbeliebt, wie überhaupt auf dem Balkan. Raten Sie mal was Dracula war…
Meine Gedanken begleiten Sie,
Severus
Schon wieder hatte er einen Brief geschrieben, in dem er mehr von sich preisgab als er eigentlich vorhatte. Wie schaffte es diese kleine Hexe nur immer wieder? An seinem Schreibtisch sitzend starrte er fast schon hypnotisiert in das flackernde Feuer seines Kamins. Seine Katze saß schnurrend auf seinem Schoß, die Nähe ihres Menschen genießend. Bilder erschienen wieder und wieder vor seinem inneren Auge, Hermine und er, vor dem Kamin. Sollte es diese Chance wirklich für sie eines Tages geben? Er seufzte laut. Er fühlte...Angst. Er rollte mit den Augen, es war einfach zu lächerlich, er, eiskalter Doppelspion, jahrelang im Angesicht des Dunklen Lords dem Tod ins Auge schauend ohne mit der Wimper zu zucken.
Und jetzt hatte er Angst. Angst, Hermine näher an sich heranzulassen, Freundschaft oder mehr zuzulassen. Ja, das war es, dieses "mehr" verursachte ihm fast Übelkeit, denn er wusste nicht, ob er dazu fähig war. Und was noch schlimmer war, wollte sie auch dieses "mehr"? Wie sollte er das wissen? Konnte es denn überhaupt sein? Er verfluchte sich einmal mehr wegen seiner verdammten Unfähigkeit auf dem Gebiet zwischenmenschlicher Kommunikation.
Er sah das Tier auf seinem Schoß an. Kraul mich, schienen ihre Augen zu sagen. Wortlos gehorchte er.
"Es hilft wohl alles nichts Katze. Da muß ich jetzt durch. Wir werden sehen, wohin der Wind uns treibt. Und lass uns hoffen, das Hermine ein guter Name für Dich einfällt."
Ein lautes Schnurren erfüllte den Raum.
A/N: Den Ort Nairn gibt es tatsächlich. Er liegt an der schottischen Küste, östlich von Inverness und ist im Sommer ein vielbesuchter Badeort. Wer die Reise nachverfolgen will, kann das sehr gut mit Google Earth machen, alle beschriebenen Orte gibt es wirklich und sind dort nachrecherchiert worden.
