16.
Burgas, den 7. November
Mein lieber Bruder,
ich fasse mich kurz, denn ich habe schlechte Nachrichten und wenig Zeit.
Ich habe Hermine Granger verloren.
Ich habe sie gestern zu ihrem Treffen mit diesem Unterhändler der Atanasoffs begleitet, und ich muss sagen, zum Glück, denn hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, ich hätte es nicht geglaubt.
Die gute Nachricht ist, die Atanasoffs besitzen tatsächlich eine Abschrift des Codex. Auch diese habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Zumindest wissen wir also, dass noch Hoffnung besteht. Du tust jedoch besser daran, nicht auf weitere Nachricht aus Osteuropa zu warten - sieh zu, dass Du Deinen Freund so schnell wie möglich außer Landes oder zumindest in ein gutes Versteck schaffst.
Aber ich beginne lieber beim Anfang dieser unglaublichen Geschichte.
Miss Granger hat mir also von Eurem gemeinsamen Freund und seinen Sorgen berichtet. Ich hätte nie geglaubt, dass das Ministerium bei Euch zu so etwas fähig wäre, aber nach gestern glaube ich alles.
Nun, wir haben uns also zur verabredeten Zeit auf den Weg zu diesem Unterhändler, einem gewissen Romarius, gemacht. Er war nicht allein, doch ist seine Begleitung zunächst kaum in Erscheinung getreten, so dass wir, leider einschließlich Mephisto, zunächst nichts bemerkt hatten.
Dieser Romarius zeigte uns also den Codex und erkundigte sich danach, weshalb wir extra für dieses Buch so weit gereist seien. Dieser Handlanger hatte also tatsächlich keine Ahnung, was er da für einen Schatz in den Händen hielt.
Miss Granger tischte ihm eine sorgfältig zurechtgelegte Geschichte auf, sie käme direkt vom Ministerium, sie sei mit der Aufgabe betraut worden, geeignete Exemplare für dieses Bestiarium einzusammeln, sie wolle sich bestmöglich vor Übergriffen dieser Kreaturen schützen, so etwas in der Art.
Nun, ich hätte es ihr geglaubt, sie war sehr überzeugend.
Leider trat plötzlich die Begleitung dieses Kerls aus dem Schatten, und sie lachte furchtbar laut und unangenehm. Sofort veränderte sich das Verhalten des Unterhändlers. Er wich ehrfurchtsvoll zurück, stammelte etwas von einer Lady Parkinson und verschwand durch eine Tür, und mit ihm der Codex.
Nun, mit diesem einen, armseligen Weibsbild hätten wir es ja aufnehmen können; sie hatte nicht den Hauch einer Chance, als sie mit ihrem auf uns gerichteten Zauberstab auf uns zustürmte.
Doch leider, als wir die Verfolgung dieses Romarius aufnehmen wollten, erschien ein Mann Deines Alters mit furchtbar langen, weißblonden Haaren in der Tür und versperrte uns den Weg. Nach dem Entsetzen, das ich im Gesicht von Miss Granger ablesen musste, kannte sie diesen Mann. Sie erstarrte vor Schreck und rührte sich nicht mehr.
Ich musste mich vor den Handlangern dieses Mannes verstecken und mitansehen, wie sie Miss Granger packten und alle zusammen vor meinen Augen apparierten.
Ich hoffe, Mephisto findet einen Anhaltspunkt dafür, wo sich Miss Granger im Moment aufhält. Er sucht sie bereits.
Weit können sie noch nicht gekommen sein, denn die hiesigen Behörden haben das Apparieren über die Landesgrenzen hinaus mit einem Zauber blockiert.
Ich selbst werde mich ebenfalls gleich auf die Suche machen. Dieser Viktor, der ebenfalls zu dem Treffen erscheinen sollte, hat sich im übrigen nicht blicken lassen. Wenn er einige Augenblicke vor uns dort eingetroffen ist, will ich mir gar nicht ausmalen, was ihm zugestoßen sein könnte, wenn sie ihn entdeckt haben.
Ich bedaure sehr, dass ich Dir keine besseren Nachrichten überbringen kann.
Wie bereits erwähnt, verstecke Deinen Freund, so gut es geht. Und wende Dich vorerst nicht an das Zaubereiministerium.
Dieser Mann gestern trug einen Siegelring des Ministeriums. Ich habe das Symbol wiedererkannt. Ich werde es nie wieder vergessen. Es leuchtete auf dem Brief, mit dem man damals meine Eulerei nahe London geschlossen hatte, erinnerst Du Dich?
Ich warne Dich ausdrücklich, Bruder; lass äußerste Vorsicht walten. Du kannst niemandem trauen.
Ich melde mich wieder, sobald ich Neuigkeiten habe.
Malicia
P.S.: Benutze für Deinen nächsten Brief an mich unbedingt die Eule, die Dir diese Zeilen überbracht hat; sie ist eine meiner kräftigsten und wird mich auch noch finden, sollte ich mich nicht mehr in Bulgarien aufhalten.
