29.
Hogwarts, den 22. November
Hermine, Hermine,
Du warst hier.
Meine Hände zittern bei diesem Gedanken. Ja ich sage Du Hermine. Es wäre lächerlich jetzt noch den Anschein aufrecht zu erhalten als wären wir noch beim Sie. Innerlich sind wir doch schon längst zum Du übergegangen. Lass es uns zumindest probieren, ja?
Soviel ist in diesen Wochen passiert. Niemals hätte ich mir das vorstellen können.
Du warst bis dahin Hermine Granger, die Besserwisserin, meine Schülerin, und was auch immer ich damals vielleicht tief in mir drin gespürt haben mag, ich war Dein griesgrämiger Lehrer. Gedanken darüber hinaus konnte und wollte ich mir nicht erlauben. Und Du warst, bist, so jung. Und jetzt…hat sich alles geändert. Ich habe mich geändert, Du hast mich geändert.
Auch wenn es merkwürdig klingt, durch Deine Briefe bist Du einfach ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Wie oft sehe ich Dich vor mir, wie Du mich z.B. tadelnd anschaust, wenn ich Remus mal wieder anblaffe, oder Deine glänzenden Augen, wenn ich am Zaubertrankbrauen bin.
Es tut weh Deine Briefe zu lesen, besonders den letzten. Ein Lebewohl? Oh Hermine, Du solltest mich besser kennen. Ich versuche immer erst einmal allein mit dem Geschehenen klar zu kommen. Du weißt, wie ich sein kann. Bisher hat das auch immer gut funktioniert. Ich will nicht alles gleich wieder kaputt machen. Ich habe schon beim Schreiben meines letzten Briefes gemerkt, dass es mir merkwürdigerweise hilft, wenn ich mir alles von der Seele schreiben kann und zwar Dir, nur Dir allein.
Mein Brief war niemals als Abschied gedacht, und wenn Du glaubst ich würde nur weitermachen wegen Remus, dann hast Du Dich getäuscht. Er war natürlich der Grund für das Ganze, aber während dieser ganzen letzten Wochen habe ich etwas gefunden, was ich nie für möglich gehalten hätte. Und das bist Du.
Ich habe Dir verboten mich zu besuchen, doch nur, damit Du nicht mit dem Severus konfrontiert wirst, der seine schlechten Launen an Dir auslässt und der im Moment wirklich (nein, Du kannst sagen, was Du willst, es ist so) ganz jämmerlich aussieht. Das wollte ich ausgerechnet Dir ersparen. Und vielleicht auch mir.
Wenn wir uns wieder sehen, dann soll es der richtige Ort, die richtige Zeit sein.
Mach Dir niemals, wirklich NIEMALS Vorwürfe, weil mir das geschehen ist, was mir eben geschehen ist. Ich habe bin alt genug und habe diese Entscheidung aus freien Stücken getroffen. Ich werde lernen, damit zu leben und die Hoffnung, dass es irgendwann ein Wiedersehen mit Dir gibt, wird mir die nötige Stärke dafür geben. Eine Narbe mehr oder weniger auf meiner Seele, was macht das schon aus?
Ich halte Deine Haarspange in der Hand, es ist doch Deine, oder? Ich frage das, weil…nun ja sie ist sehr slytherin, nicht wahr? Silber mit grünen Einlegearbeiten und sie sieht schon etwas älter aus. Ehrlich gesagt, das überrascht mich doch ein wenig. Doch sie passt bestimmt zu Deinem Haar. Eines davon ist in der Spange hängen geblieben. Es ist völlig verdreht, Hermine, es ist immer noch so, wie ich es in Erinnerung habe, oder? Kaum zu bändigen.
Ich werde Beides immer bei mir tragen. Somit habe ich etwas ganz Persönliches von Dir mein Herz. Wenn es mir schlecht geht, hole ich es hervor und wer weiß, es wird dann bestimmt besser gehen.
Mach Dir auch keine Gedanken wegen Deines etwas verwirrten Briefes aus Deiner Gefangenschaft. Wiewohl ich weiß, dass Du unter dem Einfluss von Drogen standest, ist mir klar, dass es doch Deine tatsächlichen Gefühle und Gedanken waren. Ich hätte vielleicht nicht diese Zeilen hingekriegt, wenn Du nicht so offen auch in Deinen letzten Briefen gewesen wärst.
Doch zu etwas anderem. Der Codex befindet sich in der Hand von Lucius Malfoy. Ob er sich noch auf Malfoy Manor aufhält, bezweifle ich nach der Rettungsaktion. Leider konnte ich und auch die anderen noch nicht herausfinden, wo sich sein heimliches Hauptquartier befindet, ich weiß nur, irgendwo in Südengland. Die Firmenadresse von Pure M. Ltd. erwies sich als reine Briefkastenanschrift in der Nokturngasse.
Alle Fäden laufen zu Lucius, er ist der Schlüssel zu dem Ganzen. Haben wir ihn, haben wir auch den Codex.
Ich soll Dir von Tonks ausrichten Remus geht es gut.
Eins noch, ich kann es nur immer wieder betonen, Mr. Blohm verbirgt etwas. Sei vorsichtig in seiner Gegenwart.
Poppy sieht schon wieder sehr böse aus, ich habe ihr allerdings abgerungen, dass sie mich morgen entlässt, dafür muss ich mich bis dahin ihren Weisungen fügen.
Bitte Hermine, glaube nicht alles, was ich an Bitterkeit von mir gebe. Ohne Nachricht von Dir zu sein, wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte. Der Gedanke an Dich lässt mich alles überstehen.
Die Sonne geht unter, der Himmel ist rot und wundervoll anzusehen. Morgen wird ein schöner Tag.
Severus
