London, den 23. November
Lieber Severus,
es gibt so vieles zu sagen, und doch - ich bin sprachlos angesichts Deines letzen Briefes.
Ich habe einen ganzen Tag damit verbracht, mir eine Antwort an Dich zurechtzulegen; doch jetzt, wo ich begonnen habe, sind all meine wohldurchdachten Formulierungen vergessen.
Du bist wohlauf - ich danke dem Himmel dafür. Und Du bist nicht wütend auf mich. Und - Du hast mich überrascht, Severus. Doch Du hast Recht; in meinen Gedanken bin ich tatsächlich schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, Dich "per Du" zu verfluchen, anzuschreien, Dich um Rat zu bitten oder Dir einfach nur zu sagen, was Du mir bedeutest.
In meinen Gedanken habe ich das so oft getan. Aber ob ich es kann, wenn Du direkt vor mir stehst und mir einen dieser Blicke schenkst...
Ich habe das Gefühl, Dich inzwischen besser kennen gelernt zu haben, als während meiner gesamten Schulzeit; ich danke Dir für Deine Offenheit in Deinen Briefen, die mich erahnen lassen, wie es in Dir aussehen muss.
Hätte man mir zu Beginn meiner Schulzeit gesagt, ich würde Briefe an meinen Zaubertränke-Lehrer schreiben, in denen ich ihm mein Herz ausschütte, ich hätte ihn wohl direkt nach St. Mungos bringen lassen.
Jetzt denke ich manchmal, ich selbst wäre reif für einen Besuch dort.
In mir herrscht ein einziges Chaos. Gedanken vermischen sich mit Erinnerungen, Gefühlen, und manchmal wünsche ich mir, ich würde aufwachen, und alles wäre so wie früher. Doch selbst das stimmt nicht ganz; denn dann hätten wir uns niemals diese Briefe geschrieben, und das Gefühl der inneren Leere wäre wieder da.
Doch zu welchem Preis geschieht das alles, Severus? Was hat man Dir nur alles angetan...
Es ist sehr freundlich von Dir, wenn Du schreibst, ich solle mich nicht schuldig fühlen. Und dennoch – das tue ich. Es vergeht keine Minute, in der ich nicht Deine Schilderungen vor meinem inneren Auge habe, und ich kann Deine Schmerzen, zumindest die körperlichen, fast fühlen.
Du hast mir Mephisto geschickt, mich mit Deiner Schwester beschützt – und Dich selbst konnte niemand schützen, niemand Dir helfen. Ich konnte Dir nicht helfen.
Oh, wie ungerecht das Leben doch ist! Und diese widerlichen Malfoys benehmen sich, als wären sie Könige!
Deine körperlichen Wunden werden heilen, wenn Madame Pomfrey nicht bereits jetzt schon ganze Arbeit geleistet hat; doch Du hast von den Narben auf Deiner Seele geschrieben. Es soll nicht eine einzige Narbe mehr dazukommen, Severus! Es ist nicht egal, es kann und darf mir nicht egal sein, ob noch weitere hinzukommen.
Wenn ich sie doch heilen könnte! Oder zumindest dafür sorgen könnte, dass sie Dich nicht mehr schmerzen.
Dem alten Professor Snape, den ich aus den Gewölben von Hogwarts in Erinnerung habe, hat man so gut wie nie eine Gefühlsregung angesehen; er war immer kühl, abweisend, spöttisch.
Doch Du, der neue Severus, Du schreibst mir Deine Gedanken, Deine Gefühle. Du lässt mich so an Deinem Leben teilhaben, wie ich es nie zu hoffen gewagt habe, und ich danke Dir dafür. Ich danke Dir dafür, dass Du mir vertraust und mir all diese Dinge schreiben kannst.
Und Du, ausgerechnet Du, nimmst mich noch in Schutz und machst Dir Sorgen um mich, nach all dem, was Dir widerfahren ist.
Im Augenblick bin ich relativ sicher vor Lucius, denke ich; ich kann meinen Laden nicht verlassen, und direkt hierher werden sie sich wohl nicht wagen.
Zum einen komme ich hier nicht raus, weil sich mein lieber Kollege und Partner Horatio spontan ein paar Tage freigenommen hat und ich jetzt alles allein bearbeiten muss. Er dachte wohl, ich hätte Urlaub in Osteuropa gemacht und hat beschlossen, dass ihm nun dasselbe zusteht.
Also sitze ich mit der ganzen Arbeit hier fest, während er durch Südengland wandert. So brauchst Du Dich wenigstens nicht damit zu quälen, ob Horatio mir gefährlich werden könnte; er ist nicht hier, sondern weilt in Tintagel, um die Ruhe dort zu genießen.
Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass er mir irgendetwas Böses will; ich war eigentlich der Meinung, ich könnte die Menschen, die um mich herum sind, relativ gut einschätzen.
(Immerhin habe ich selbst in Dir schon immer etwas Faszinierendes, Menschliches gesehen - und hatte ich nicht Recht?)
Zum anderen komme ich aber auch nicht hier weg, da Tonks Harry mehr über meinen "Ausflug" nach Osteuropa erzählt hat, als mir lieb sein konnte. Nun sitzen hier also abwechselnd Harry und Ron mit mir im Laden und halten Wache. Und sie halten mich davon ab, auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. Nicht mal solch banale Sachen wie Einkaufen darf ich allein.
Ganz zu schweigen von den Vorwürfen, die ich mir nun die ganze Zeit anhören darf.
Aber ich gebe zu, und dies nur ungern, dass die beiden ja irgendwie Recht haben. Ich hätte die Suche nach dem Codex nicht allein antreten dürfen. Ich hätte besser nachdenken müssen. Was hätte ich alles verhindern können, wäre ich nicht gleich losgestürmt. Himmel, es ist so schwer, mit dieser Erkenntnis zu leben.
Das Hauptquartier von Malfoy liegt in Südengland? Nun, ich werde Horatio - unauffällig - befragen, wenn er wieder hier ist. Vielleicht hat er etwas mitbekommen, das uns weiterhelfen könnte. Auch wenn ich das nicht wirklich erwarte; Horatio ist nicht gerade das, was man als aufmerksamen Beobachter bezeichnen würde.
Er wird allerdings erst Montag wieder hier sein. Bis dahin sitze ich hier wohl fest; ich male mir lieber gar nicht erst aus, wie "wunderbar" mein Wochenende werden wird, wenn ich den Laden zwar schließen kann, aber sicherlich weder Harry noch Ron loswerde.
Obwohl ich dringend einmal Zeit für mich bräuchte, um meine Gedanken zu ordnen. Und mich auf den Codex zu konzentrieren. Mir will einfach nichts mehr einfallen, was ich noch tun könnte, um Remus zu helfen. Wenn Du etwas weißt, sag es mir bitte; hier untätig zu sitzen und mir das Hirn zu zermartern, macht es auch nicht gerade angenehmer.
Aber genug von mir. Wie geht es Dir, Severus? Und bitte, antworte ehrlich. Benötigst Du noch Tränke, um Ruhe zu finden? Kann ich irgendetwas tun, was Dir helfen würde? Ich mache mir solche Sorgen um Dich.
Du trägst meine Haarspange bei Dir? Ja, mein Haar sieht tatsächlich noch so aus wie damals, etwas länger vielleicht, aber genauso schwer zu bändigen... Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es manchmal auf meinem Kopf aussieht, wenn ich nach einer dieser unruhigen Nächte aufschrecke.
Ich bin bisher nicht auf die Idee gekommen, meine Haarspange mit den Slytherin-Farben in Verbindung zu bringen; aber tatsächlich, Du hast Recht. Nun, vielleicht würde das meine Vorliebe für Zaubertrankmeister aus diesem Hause erklären... Bewahre sie gut auf, Severus, es ist eine meiner Lieblingsspangen.
Vielleicht kannst Du sie mir, wenn wir es uns irgendwann vor einem wohligen Kaminfeuer gemütlich machen, wiedergeben? Zusammen mit dem Foto, das ich Dir einst schickte? Es kommt mir vor, als wäre das bereits Jahre her. Ich hoffe, Du bewahrst es noch auf?
Wie gern hätte ich etwas von Dir, was mich an Dich erinnern und beruhigen würde. Aber ich kann mir schlecht Mephisto in die Taschen meiner Robe stopfen, nicht wahr?
Wenn ich ihn ansehe, ist es, als würde ich direkt in Deine tiefgründigen Augen blicken, Severus, und meine Gedanken entfernen sich von allem, was mich belastet. Und manchmal halte ich seinem Blick kaum stand und schäme mich für die Gedanken, die ich dann zurückdrängen muss...
Ich werde mich nun wieder mit Ron beschäftigen müssen; ich sehe ihm schon an, dass er sich lang genug auf seinem Stuhl sitzend zurückgehalten hat. Ich hatte ihn um etwas Ruhe gebeten, um einen wirklich wichtigen Brief schreiben zu können. Ich habe ihm jedoch nicht gesagt, an wen; ich denke, er würde es nicht verstehen, und mir fehlt die Kraft für Diskussionen.
Dann werde ich mir nun also brav die neuesten Quidditch-Geschichten anhören...
In Gedanken nur bei Dir
Hermine
