London, den 26. November
Lieber Severus,
einen solchen Gefühlsausbruch hätte ich Mephisto gar nicht zugetraut; ich dachte, er wäre eher wie der „alte" Severus veranlagt…
Nun, damit Du Deine Rasselbande wieder vollständig zusammen hast, habe ich Phoebe mit diesem Brief losgeschickt. Gib ihr als Belohnung einen der Haselnusskekse, die ich Dir beigelegt habe. Ich fürchte, Phoebe ist mit der Zeit süchtig geworden nach diesen Keksen… Das ist ein altes Rezept meiner Familie, und hin und wieder begebe ich mich tatsächlich in meine Küche. Auch hier in der Winkelgasse gibt es eine Küche; in meinem richtigen Zuhause war ich schon sehr lange nicht mehr.
Aber ich schweife ab. Nun, Phoebe wird tatsächlich etwas anhänglich, wenn sie keinen solcher Kekse bekommt; Du wirst vermutlich noch zu spüren bekommen, was ich meine. Das war nicht meine Absicht, und es gibt auch sicher einen Zauber, der das wieder rückgängig machen könnte, aber dafür hatte ich bisher leider keine Gelegenheit.
Ich habe Phoebe versprochen, meine Briefe an Dich von Zeit zu Zeit durch ihre Freundin Hedwig überbringen zu lassen. Ja, das war die Eule von Harry. Aber ich sende ihn Dir ja nicht persönlich, nicht wahr?
Eigentlich war Hedwig auch schon wieder zu Harry zurückgekehrt, nachdem dieser nun wieder in London ist. Allerdings ist auch Hedwig regelrecht süchtig nach diesen verfluchten Keksen, und so hat Harry sie mir wieder vorbeigebracht. Er hatte wohl keine Lust mehr auf ein paar weitere Kratzer… Ich muss unbedingt etwas dagegen unternehmen.
Nun, bis ich Zeit und Muße gefunden habe, einen entsprechenden Zauber zu finden oder zu entwickeln, überbrücke ich die Zeit eben damit, wie eine Verrückte Kekse für die beiden Eulen zu backen.
Noch so ein Argument, weshalb ich mich vielleicht doch einmal für eine Überprüfung nach St. Mungos begeben sollte…
Es freut mich zu lesen, dass Du wieder unterrichtest. Bedeutet es doch, dass es Dir einigermaßen gut geht. Wenn ich jedoch lese, was dieses arme Ding als Strafarbeit verrichten muss – Severus, also wirklich. Auf die Idee mit dem Rattendung wäre vermutlich nicht einmal der alte Filch gekommen.
Es ist allerdings durchaus ein interessanter Gedanke, die Menge an Drachenleber im Aufmunterungstrank zu erhöhen. Vielleicht nicht gleich eine vollständige Leber; aber ein wenig mehr als eine Unze müsste den Einnehmenden doch zu Höhenflügen bringen.
Diese Idee muss ich mir unbedingt aufschreiben.
Nun, ich kann Dir sicher nicht vorschreiben, wie Du mit Deinen Schülern umgehen sollst oder kannst. Doch den Ehrgeiz der armen Miss O'Donnaghue hast Du mit dieser Maßnahme sicher nicht geweckt. Sie wird sich einreihen in die Masse der Schüler, die Angst vor Dir haben.
Ist es das, was die Schüler tun sollen, Severus?
Nur aufgrund etwas menschlicherer Strafarbeiten werden sie Dir nicht gleich auf der Nase herumtanzen, Severus. Da würde ich mir an Deiner Stelle keine Sorgen machen.
Severus, mir stiegen die Tränen in die Augen, als ich von Deiner Vorstellung eines gemütlichen Kaminabends las. Wie gern würde ich dies tun, Severus. Wie gern säße ich dort mit Dir, ein gutes Buch in der Hand, eine Tasse Tee, und wir könnten gemeinsam reden, lachen, diskutieren. Halte an dieser Vorstellung fest, Severus, so wie ich es tue.
Eines Tages wird sie Wirklichkeit werden, ich verspreche es Dir.
Ein Blick hinter Deine Fassade, wie Du schreibst – niemals wäre es ein Blick in die Hölle, Severus. Niemals! Das glaube ich einfach nicht. Könnte ich in Deine Seele blicken? Könnte ich Deine wahren Gedanken und Gefühle erkennen? Augen lügen nie, nicht wahr?
Auch ohne Dir in die Augen gesehen zu haben: Ich weiß, dass Du nicht so bist, wie Du es nach außen darstellst. Ich weiß es einfach. Und mir ist dieser Severus, den sonst vermutlich niemand zu Gesicht bekommt, so sehr ans Herz gewachsen, dass es schmerzt, hier sitzen zu müssen und Dir nur schreiben zu können.
Meine „Leibwache" ist immer noch hier, und irgendwie scheint der gesamte Orden beschlossen zu haben, mich aus allem raushalten zu wollen. Tonks weicht meinen Fragen aus, und Ron und Harry ignorieren meine Fragen einfach.
Und nicht nur das – gestern Abend haben die beiden mich doch allen Ernstes „auf andere Gedanken bringen" wollen, wie sie es nannten.
Sie haben mir einen Mann namens Juan vorgestellt, den Harry wohl im Ministerium kennen gelernt hat. Er arbeitet für das spanische Zaubereiministerium, nachdem er in Barcelona auf der Zauberschule war, und ermittelt hier in irgendeinem internationalen Verbrechen.
Und ich hatte den Eindruck, sie wollten mich allen Ernstes verkuppeln! Sie hatten sogar beide ihre Freundinnen dabei, damit es im Restaurant nach drei „glücklichen Paaren" aussah. Ich kann es immer noch nicht glauben. Meine Freunde kennen mich offensichtlich noch weniger, als ich dachte!
Nun, das wollte ich jedoch nicht an diesem armen Juan auslassen, der genauso ein Opfer zu sein schien, wie ich.
Aber jede noch so erzürnte Hermine Granger aus Schulzeiten wäre ein Schmusekätzchen im Vergleich zu dem, was diese beiden Herren sich auf dem Rückweg anhören mussten. Ich befürchte fast, ich habe all meinen Frust in diesen Ausbruch gelegt, auch wenn die beiden es sicher nur gut gemeint haben. Aber andererseits habe ich wohl jetzt meine Ruhe.
Severus, ich bin hier zur Untätigkeit verdammt! Es quält mich, hier sitzen zu müssen, in der Gesellschaft von zwei Möchtegern-Partner-Vermittlern, während die Malfoys scheinbar unbehelligt ihr Unwesen treiben und nicht nur Remus in großer Gefahr ist!
Gibt es denn gar nichts, was ich tun kann? Ich werde noch verrückt hier!
Ach, Malicia hat geschrieben. Sie hat einen Trank entwickelt, der die Wunden ihres Freundes und meines Lebensretters Balthasar heilen konnte. Ihr Rezept habe ich Dir ebenfalls beigelegt. Die Wunden von Balthasar waren ja magisch verändert, vielleicht nützt dieses Rezept dem Orden etwas.
Sie schreibt außerdem, dass sie demnächst für ein paar Tage nach England kommen möchte.
Ich hatte sie eingeladen, mich zu besuchen, aber sie ist sich nicht sicher, ob jetzt ein günstiger Zeitpunkt wäre. Sie hatte irgendwie Vorbehalte, Dir das zu schreiben, und hat sich daher an mich gewandt. Hattet Ihr über einen solch langen Zeitraum keinen Kontakt mehr, dass es ihr schwer fällt zuzugeben, dass sie ihren Bruder wieder sehen möchte?
Was denkst Du darüber? Sie hat ihre Hilfe angeboten im Kampf gegen das Bestiarium; ich denke, seitdem Balthasar getroffen wurde, und weil sie weiß, dass Du dagegen kämpfst, sieht sie diese Sache irgendwie persönlich.
Ich habe sie jedenfalls hierher eingeladen; wenn ich hier schon festsitze, dann wenigstens in guter Gesellschaft…
Severus, bitte berichte mir, wie es Dir geht. Schreib mir, was Du fühlst. Und bitte, schreib mir auch, was Du Neues weißt. Hat Mephisto tatsächlich etwas gefunden? Und hat es wirklich mit Horatio zu tun?
Ich sehne mich nach Dir.
Deine Hermine
P.S.:
Bitte, sei etwas nachsichtiger zu Deinen Schülern… Ich schreibe ja nicht, dass Du gleich NETT sein sollst…
