36.
Mit einem leisem „plopp" apparierte Snape vor dem großen Tor der Burg Tintagel. Mit dem geübten Blick des Spions sah er sich prüfend um. Soweit er das in der Dunkelheit beurteilen konnte, war er allein. Nun ja, fast. Über sich vernahm er ein kehliges „krah". Den dunklen Körper des Raben konnte er am wolkenverhangenen Nachthimmel nicht ausmachen, aber er war da.
Er verharrte noch kurz, wieder um sich zu versichern, dass er das Richtige tat und setzte sich in Bewegung. Vor dem Tor angekommen, sprach er das Passwort „Nachtschattengewächs".
Es war Wahnsinn, was er hier tat. Er begab sich direkt in die Hände des Feindes. Doch er hatte keine Wahl. Malfoy hatte Hermine.
Langsam öffneten sich die großen Flügeltüren und rasteten schließend mit einem lauten Krachen ein. Snape ging mit langsamen Schritten hindurch in den Burghof. Auch hier war keine Menschenseele zu sehen. Hinter ihm fiel das große Tor mit einem lauten Poltern zu.
Jetzt war er hier gefangen, das wusste er.
Direkt gegenüber vom Tor befand sich der Eingang zum Hauptgebäude. Aus der nur angelehnten Tür drang ein Lichtschein und setzte sich auf dem Pflaster des Hofes fort.
Die Schritte seiner Stiefel hallten laut durch den Burghof. Schließlich erreichte er die breite Treppe, die zur Tür hinaufführte. Er erklomm die Stufen mit wenigen Schritten und stieß die Tür auf.
Am anderen Ende der Halle stand Lucius Malfoy und blickte in ein Kaminfeuer während er ihm den Rücken zuwandte.
„Pünktlich wie immer Severus mein alter Freund."
Mit diesen Worten wandte Malfoy sich um.
Snape trat näher. Mit einem verächtlichen Zischen antwortete er.
„Ich komme nie zu früh oder zu spät, ich bin immer genau dann da, wenn ich da sein will (1). Und den Freund kannst Du vergessen Lucius. Du warst damals ein Monster und Du bist es noch heute. Du bist einfach nur verabscheuungswürdig. Wie kann man nur so tief sinken."
„Nicht doch, nicht doch so heftig Severus. Ich dachte wir hätten einen Deal mein Lieber. Wer wird denn so unkooperativ sein? Tsts, das wird Crabbe und Goyle aber gar nicht gefallen. Sie sind so unbeherrscht. Und so ganz allein mit Miss Granger."
„Wo ist sie, ich will sie sehen."
Unterdrückte Wut schwang in Snapes Stimme mit. Er sah sich suchend um.
„Aber Severus, Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich das kleine Schlammblut hier deponiere, damit Du sie einfach mitnehmen kannst? Noch geht es ihr gut. Wenn Du sie sehen willst, da."
Malfoy wies auf ein Denkarium, das seitlich neben dem Kamin in einer Ecke stand.
„Ich habe Granger erst vor einer halben Stunde gesehen, überzeuge Dich davon, dass es ihr gut geht. Noch."
Snape trat an das Denkarium und sah hinein. Er fühlte, wie er in fremde Gedanken gezogen wurde. Er stand jetzt neben Lucius Malfoy, der laut lachte. Nein, er lachte aus. Jemanden. Er blickte in die Richtung, in die Malfoy lachte. Da stand sie. Hermine. So wie er sie in Erinnerung hatte. Und doch auch wieder nicht. Sie hatte sich verändert. Aber es waren nur kleine Details. Natürlich, sie war erwachsener geworden. Ihre Gesichtszüge waren eindeutig nicht mehr kindlich. Und, oh Merlin, auch der Rest ihres Körpers, er war eindeutig weiblicher geworden. Sie sah Malfoy sehr wütend an.
„Sie mieses Schwein. Professor Snape wird niemals auf ihre Bedingungen eingehen. Eher würde er sterben."
„Nein Miss Granger, er wird, denn sonst werden SIE sterben."
„Ihm liegt nichts an mir. Ich bin nur eine ehemalige Schülerin von ihm. Warum sollte er das also tun?"
Sie sah bezaubernd aus, wenn sie wütend war, das war schon früher so, dachte Snape bei sich. Nur lügen, das konnte sie nicht. Dazu hätte es keines Malfoys bedurft.
„Miss Granger, versuchen Sie gar nicht erst es zu verleugnen. Ich kenne Severus länger als Sie leben. Es gibt nicht wirklich viel, was er vor mir verbergen kann. Es liegt ihm etwas an Ihnen. Sie scheinen die erste Frau seit Lilly Potter zu sein, die ihm wieder etwas bedeutet. Ich habe ihn damals erlebt. Er hat alles für sie getan und er würde auch für Sie alles tun. So ist er, wenn er etwas tut, tut er es richtig."
Malfoy näherte sich ihr, fasste Hermine unter das Kinn und blickte ihr tief in die Augen.
„Also Miss Granger, seien Sie ein liebes Mädchen und benehmen Sie sich. Ach, ich vergaß, ich werde Severus diese Erinnerung zeigen. Also wenn Sie klug sind, sagen Sie jetzt das Richtige."
Malfoy ließ sie los und trat einige Schritte zurück.
Hermines Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig, die Züge wurden weicher.
„Severus…"
Es war nur ein Flüstern.
Snape trat nun ganz dicht an Hermine heran. Er berührte mit der Hand ihre Wange. Er wusste, es war nicht real, aber er konnte nicht anders. Fast war es als fühlte er ihre weiche Haut.
Hermine sah orientierungslos in den Raum, als suche sie jemanden, von dem sie nicht wusste, wo er war.
„Severus, bitte verzeih mir. Ich habe versucht mich zu wehren, aber…"
Sie brach ab. Tränen traten in Ihre Augen.
„Severus ich liebe Dich, was immer Du tust."
Ein befriedigender Ausdruck erschien auf Malfoys Miene.
„So ist es richtig, Granger. Ich hoffe Ihr kleiner Gefühlsausbruch wird Severus davon überzeugen für uns zu arbeiten. Seien Sie also weiterhin mein Gast."
Damit brach die Erinnerung ab und Snape fand sich in der Eingangshalle wieder.
Malfoy trat auf ihn zu.
„So Severus, wie hast Du Dich entschieden? Wie gesagt, solange Du das Richtige tust, wird die kleine Miss Granger unversehrt bleiben, andernfalls…"
Snape schaute Malfoy grimmig an.
„Habe ich denn eine Wahl Lucius? Ich mache es."
„Nun gut alter Freund. Dann begleite mich."
Malfoy führte Snape zu einer Treppe und zusammen stiegen sie die Stufen hinauf.
„Leider sind die Kerker unbenutzbar. Offenbar treiben sich dort ein Paar sehr renitente Geister herum. Man könnte fast meinen, es wären Verwandte von Peeves. Jedenfalls gebärden sie sich ähnlich wild. Ich habe deshalb das Labor im Turm untergebracht."
Mit diesen Worten erreichten sie den obersten Treppenabsatz und blieben vor einer schweren Eichentür, die mit Eisenbeschlägen verstärkt war, stehen. Malfoy öffnete die Tür und sie traten in einen großen Raum, der mit einem kompletten Labor ausgestattet war. Auf dem Tisch lag ein großer Foliant, eingeschlagen in schwärzliches Leder. In großen silbernen Lettern stand dort „Codex Lupus".
Snape zog die Luft scharf ein als das Buch sah.
„Ja mein Lieber, ein echter Schatz nicht wahr. Und falls Du Dir Gedanken wegen einer Flucht machst, vergiss es. Wie Du Dich vielleicht noch erinnern kannst, ist die gesamte Burg mit einer unsichtbaren Mauer umgeben. Durch die Fenster kann also nichts rein und nichts raus. Und die Tür ist ebenfalls mit einem Zauber belegt. Nur für den Fall, dass Du eventuell die Idee hattest das Buch verschwinden zu lassen."
Malfoy ging zur Tür.
„Ich werde Dich jetzt alleine lassen, damit Du Dich Deinen Studien widmen kannst. Ich werde in ein paar Stunden wiederkommen. Lass Dir also nicht zuviel Zeit. Ich erwarte Ergebnisse."
Mit diesen Worten schritt Malfoy durch die Tür und ließ sie ins Schloss fallen.
Snape sah sich um, dann schloss er die Augen. Er sah in seinem Geiste erneut Hermine vor sich, wie ihr Mund die Worte formte.
„Ich liebe Dich…"
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A/N: (1) Na? Erkannt? Ein etwas abgewandeltes Zitat aus einem meiner absoluten Lieblingsbücher/filme. Ein anderer ebenfalls berühmter Zauberer, Gandalf spricht diese Worte.
