37.
Sie konnte es noch immer nicht glauben. Wie hatte das hier alles nur geschehen können? Hatte sie nicht gerade noch am Fenster gestanden und sehnsüchtig auf ein Zeichen von ihm gewartet? Harry hatte sie dann vom Fenster weggezogen, da es für sie nicht sicher sei.
Sie hatte noch gedacht, dass ihre beiden Aufpasser es mit ihrer Sorge doch ein wenig übertrieben - und dann ging plötzlich alles viel zu schnell.
Die Tür zu ihrem Laden wurde aufgerissen; mehrere vermummte Gestalten stürmten ihre Räume. Sie konnten sich gerade noch im Hinterzimmer verbarrikadieren, als bereits die ersten Flüche in ihre Richtung flogen, sie glücklicherweise jedoch nicht trafen.
Das Glück hielt jedoch nicht an; sie blieben nicht lange unentdeckt, und ein erbitterter Kampf entbrannte. Harry und Ron versuchten noch, sie so gut wie möglich abzuschirmen und sich gleichzeitig gegen die Angreifer zu verteidigen. Doch es waren viel zu viele. Erst wurde Ron getroffen; sie konnte nicht genau sehen, was ihm geschehen war und hoffte nur, dass er noch lebte; dann sank Harry vor ihr zu Boden, und eine Hand packte sie energisch am Arm und riss sie auf die Beine, ehe sie ihren Freunden zu Hilfe eilen konnte.
Sie starrte in das triumphierende Gesicht von Lucius Malfoy.
„Miss Granger, meine Liebe, würden Sie wohl so freundlich sein mich zu begleiten?"
Er riss sie an sich, um mit ihr zu apparieren, und nun war sie hier.
Wo auch immer dieses „Hier" war.
Er hatte sie angeschrieen, ihr ins Gesicht gelacht, sie als Schlammblut bezeichnet – doch all das wäre für sie zu ertragen gewesen, wenn Malfoy nicht plötzlich auf Severus zu sprechen gekommen wäre. Severus – sie fühlte einen Stich in ihrem Herzen.
Malfoy schien viel zu gut Bescheid zu wissen. Severus würde alles für sie tun? Er hätte seit Lilly nicht mehr so für jemanden empfunden?
Eine solche Liebeserklärung, und dann aus dem Munde ihres schlimmsten Feindes? Er wollte sie doch sicher nur gefügig machen…
Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Malfoy auf einmal dicht vor ihr stand und sie mit einer Handbewegung dazu zwang, den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu sehen.
„Also Miss Granger, seien Sie ein liebes Mädchen und benehmen Sie sich. Ach, ich vergaß, ich werde Severus diese Erinnerung zeigen. Also wenn Sie klug sind, sagen Sie jetzt das Richtige."
Malfoy ließ sie los und trat einige Schritte zurück.
Er würde Severus diese Erinnerung zeigen?
„Severus…" Es war nur ein Flüstern.
Sie sah orientierungslos in den Raum. Würde er in ihre Augen sehen können?
„Severus, bitte verzeih mir. Ich habe versucht mich zu wehren, aber…"
Sie brach ab. Tränen traten in ihre Augen. „Severus ich liebe Dich, was immer Du tust."
Ein befriedigender Ausdruck erschien auf Malfoys Gesicht.
„So ist es richtig, Granger. Ich hoffe, Ihr kleiner Gefühlsausbruch wird Severus davon überzeugen, für uns zu arbeiten. Seien Sie also weiterhin mein Gast."
Mit diesen Worten ließ er sie allein. Allein in einem dunklen Raum mit einem kleinen Fenster und einer Liege darunter. Allein mit Tausenden von Gedanken, die gleichzeitig auf sie einstürmten. Wie es wohl Harry und Ron ginge? Lebten sie noch? Was hatte dieses miese Schwein ihren Freunden angetan? Würde Severus sie retten können? Würde er sich wirklich auf diesen abscheulichen Deal mit Malfoy einlassen? Ihr zuliebe? Hatte er wirklich solch tiefe Gefühle für sie? Konnte das sein?
Mit einem leisen „Plopp" erschien ein Hauself vor ihr, stellte ein Tablett mit Essen vor ihren Füßen ab und verschwand sofort wieder.
Na wunderbar, sie würde sich also auf einen längeren Aufenthalt hier einrichten können.
Einem plötzlichen Impuls folgend warf sie das Tablett wütend an die nächste Wand. Sie war so dermaßen wütend. Auf sich selbst, auf ihre Unachtsamkeit. Auf Malfoy, der es gewagt hatte, sie hier festzuhalten und Severus so unter Druck zu setzen.
Severus – sie konnte ihre Tränen nicht mehr länger zurückhalten und sank schluchzend mit dem Rücken zur Wand auf den Boden. Sie würde hier niemals lebend wieder rauskommen. Malfoy würde schon dafür sorgen, dass man sich ihrer entledigte, wenn ihre Arbeit getan war.
Hoffentlich kam er ihr nicht zu nahe; sie wäre ihm hilflos ausgeliefert.
Resignierend sammelte sie das Essen ein und begann, es hastig zu verschlingen. Sie wollte wenigstens bei Kräften sein, wenn sie ihrem Schicksal entgegentrat.
Die Stunden vergangen, es dämmerte bereits, und nichts passierte. Weshalb ließ man sie nur so lange warten? War Severus hier irgendwo? Versuchte man, sie zu befreien? Würde man es überhaupt versuchen?
Müdigkeit überkam sie, und schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf, in dem sie die Bilder des vergangenen Tages immer wieder einholten.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. „Miss Granger?" Sie war sofort hellwach und richtete sich kerzengerade auf. Severus?
„Miss Granger, wenn Sie wohl die Güte hätten, mich zu begleiten?" Das schleimige Grinsen von Lucius Malfoy ließ sie innerlich brodeln, doch sie hielt es für besser, sich nicht zu widersetzen. Vorerst.
Sie folgte ihm durch viele Gänge hinauf in einen Turm, der sich als Labor entpuppte.
„Nun, Miss Granger, wie Ihr klarer Verstand sicher bereits bemerkt hat, liegt dort der Codex. Unser lieber Freund Severus hat die ganze Nacht daran gearbeitet. Ich habe ihn angewiesen, seine Ergebnisse dort drüben" – er wies auf einen kleinen Tisch in der Ecke des Raumes – „zu deponieren, damit Sie fortfahren können. Sie werden sich nun täglich abwechseln und hoffentlich bald zu einem Ergebnis kommen, nicht wahr, Miss Granger?"
Ihre Gedanken überschlugen sich. Severus war tatsächlich hier gewesen und hatte für Malfoy gearbeitet? Warum hatte er nicht versucht, ihr zu helfen? Warum hatte er sich nicht bemerkbar gemacht? Hatte Malfoy ihn von seinem Vorhaben etwa überzeugen können?
„Was haben Sie mit ihm gemacht, Sie…" brüllte sie ihn an, doch Lucius fiel ihr schneidend ins Wort. „Miss Granger, hüten Sie Ihre Zunge. Severus stimmt mit mir überein, dass der Codex der einzig richtige Weg ist. Wenn Sie sich nun an die Arbeit machen würden? Ich erwarte Fortschritte, wenn ich in ein paar Stunden wiederkomme!"
Mit diesem Satz ließ er eine völlig verwirrte Hermine allein im Labor zurück.
Zögernd ging sie zu den Aufzeichnungen ihres ehemaligen Lehrers hinüber. Sollte er wirklich in Malfoys Sinne im Codex gelesen haben? Sie konnte das nicht glauben.
Resignierend machte sie sich daran, seine Aufzeichnungen mit dem Codex abzugleichen. Er hatte bereits gute Arbeit geleistet und einige Entdeckungen notiert, die ihnen vielleicht weiterhelfen konnten. Wäre sie nicht in dieser ausweglosen Situation gewesen, hätte sie es sogar genossen, in diesem alten Werk der Zauberei forschen zu dürfen.
Wenigstens konnte sie so vielleicht das Mittel entdecken, mit dem Remus noch geholfen werden konnte.
Ob Malfoy überhaupt verstand, was Severus dort aufgeschrieben hatte? Hoffnung keimte in ihr auf. Vielleicht konnten sie beide ja heimlich das richtige Mittel für Remus finden?
Sie dachte nach. Man hatte ihr ihren Zauberstab für ihre Forschung wiedergegeben mit dem Hinweis, dass jeder Fluchtversuch zwecklos sei und haufenweise Schutzzauber über dem Laborraum lagen.
Nun, vielleicht konnte sie Severus eine Nachricht zwischen die Aufzeichnungen legen, die nur er lesen konnte?
Einen Versuch war es wert, und was sollte Malfoy ihr schon tun, wenn er es herausfand? Noch brauchte man sie.
Also schrieb sie eine kurze Notiz:
Severus,
weshalb bist Du nur hergekommen? Geht es Dir gut? Was haben sie Dir angetan? Weißt Du, wie es Harry und Ron geht? Malfoy hatte so ein triumphierendes Lächeln im Gesicht…
Hat er Dir wirklich seine Erinnerung gezeigt? Severus, es tut mir so unendlich leid, dass ich es so weit habe kommen lassen. Ich hätte vorsichtiger sein müssen.
Ich habe diese Notiz so verzaubert, dass sie aussieht wie eine Deiner Aufzeichnungen, so lange nicht Du selbst sie liest. Ich hoffe daher, dass Malfoy sie nicht entdeckt.
Er sagte, wir sollten abwechselnd arbeiten. Er denkt wohl, er könnte sein Ziel so eher erreichen. Severus, wir dürfen das nicht zulassen! Können wir den Codex nicht doch noch nutzen, um Remus und all den anderen zu helfen? Ach Severus, was soll ich nur tun?
Wenn ich nur mit Dir reden könnte…
Hermine
Sie hörte draußen Schritte näher kommen; schnell murmelte sie den entsprechenden Zauber, legte die Notiz ganz oben auf den Stapel und beugte sich wieder über den Codex, auf der Suche nach der Lösung.
