38.

Wieder wurde Snape in das Turmzimmer geführt. Die Tür fiel mit einem Krachen ins Schloss. Wenigstens hatte man ihn gut behandelt. Keine weiteren Folterungen und auch annehmbares Essen. Doch verging fast vor Sorge um Hermine. Bis auf die Erinnerungen aus dem Denkarium hatte er keine Nachricht von ihr und auf seine Fragen erhielt er keine Antworten.

Mit einem Seufzen trat er an den Labortisch heran. Merkwürdig, so hatte er seine Notizen nicht hinterlassen. Er unterzog sie einer näheren Betrachtung. Das oberste Blatt sah auf den ersten Blick wie einer seiner Notizen aus. Er nahm das Blatt in die Hand und fing an zu lesen.

Snape gab einen kleinen erstickten Schrei von sich, denn während er las, verschwammen die Buchstaben, geschrieben in seiner gestochen scharfen Handschrift und veränderten sich zu einer anderen, runderen Handschrift und formten neue Wörter. Es war Hermines Handschrift.

Sie lebte, sie war in diesem Raum gewesen. Rasch überflog er ihre Zeilen. Sein Körper erbebte. Und dann geschah etwas, von dem er geglaubt hätte, das dies nie wieder in seinem Leben geschehen würde, was das letzte Mal passiert war als seine Mutter starb.

Er weinte. Alles in ihm brach sich Bahn, alles, was sich in den letzten Jahrzehnten in ihm angestaut hatte. Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Gab sich ihnen hin, weinte wegen Hermine, weinte um die Toten, die Verletzten, die Verlorenen, die ganze Welt.

So stand er scheinbar endlos da, bis der Tränenstrom versiegte. Er gönnte sich noch einen kurzen Moment der Besinnung, dann nahm er ein neues Blatt und fing an zu schreiben.

Geliebte Hermine,

mir geht es gut. Momentan sind sie wohl zu sehr auf uns angewiesen. Solange wir unsere Nützlichkeit beweisen, wird das wohl auch so bleiben. Ja Hermine, Lucius hat mir seine Erinnerung gezeigt, ich war da, ich konnte Dich fast berühren. Hermine Du bist wunderschön.

Verzweifle nicht, wir werden es schaffen. Doch zu einer schlechten Nachricht. Ich war kurz nach dem Angriff in Deinem Geschäft. Harry war am Leben, jedoch ohnmächtig. Ron ist tot. Es tut mir leid. Ich weiß er war Dein Freund. Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Harry wurde ins St. Mungos gebracht. Mehr weiß ich leider auch nicht.

Deine Notizen haben einen interessanten Ansatz. Ich werde es weiterverfolgen. Lass uns nicht nur nach dem Trank für Lucius suchen, sondern auch gleich nach einem Gegenmittel.

Ach Hermine, Du fragst warum ich hergekommen bin? Ich hatte nie eine Wahl mein Herz.

Ich liebe Dich. Ich würde mein Leben für Dich geben.

Dein Severus

Dann legte er das Blatt auf den Tisch und trat ans Fenster. Kurze Zeit später erklang von draußen ein leises „krah". Mephisto landete auf dem Fenstersims.

Einige Minuten schauten sich Mensch und Tier intensiv in die Augen, dann erhob sich der Rabe von seinem Platz und flog in die Dämmerung davon, einen tief ins sich versunkenen Severus Snape zurücklassend.