41.
Sie dachte einen Moment über das Gelesene nach.
Sie sollte Lucius Malfoy berichten, was Horatio mit ihr angestellt hatte? Was sollte das bringen? Wahrscheinlich würde er es diesem Mistkerl eher noch gleichtun!
Und doch... Wenn sie es geschickt anstellte, konnte sie Lucius vielleicht wirklich dazu bewegen, dafür zu sorgen, dass sie in Zukunft in Ruhe gelassen wurde.
Doch wollte sie Horatio dann dem Zorn von Lucius ausliefern? Er war ihr doch ein guter geschäftlicher Partner gewesen... Hatte er vielleicht unter einem Imperius gestanden? War er vielleicht von Lucius selbst beeinflusst oder beauftragt worden? Oder doch nicht?
Doch letztlich hatte Severus wohl Recht; sie konnte so nicht arbeiten. Sie brauchte ihre volle Konzentration für die schwierigen Aufgaben, die noch vor ihnen lagen. Wenigstens in den Pausen zwischen ihren Arbeitseinsätzen musste sie sicher sein, damit sie zur Ruhe kommen und ihre Gedanken ordnen konnte.
Das sollte auch ein Lucius Malfoy nachvollziehen können, oder?
Sie straffte ihre Robe, richtete ihre Haare, ließ den Ausschnitt ihres Oberteils magisch ein wenig tiefer reichen.
Oh, wie sie das alles hasste!
In diesem Augenblick erschien Lucius in der Tür, um sie zurück zu ihrer Kammer zu bringen.
Sie atmete tief durch und begann das perfide Spiel.
"Mein lieber Lucius", erhob sie das Wort.
Die Tatsache, dass ihn diese Granger auf einmal mit seinem Vornamen ansprach, und dann auch noch in diesem freundlichen Ton, verwirrte den eintretenden Mann lange genug, um Hermine Gelegenheit zu geben, direkt vor ihn zu treten.
Ihr angenehmer Duft umschwirrte seine Nasenflügel, und seine Verwirrung wuchs.
"Ich muss Dir leider eine unerfreuliche Mitteilung machen, mein Lieber" - "Was ist hier los?!" unterbrach er sie unwirsch.
"Aber, aber, Lucius, diesen Ton kannst Du Dir für Deine unfähigen Handlanger bewahren, nicht wahr?" flötete Hermine und zog ihn weiter in den Raum hinein, in Richtung des Arbeitstisches.
Sie drückte ihn auf den einzigen Stuhl, der am Tisch stand und positionierte sich vor ihm, indem sie auf der Tischkante Platz nahm.
"Was willst Du damit sagen, Granger?" fauchte Lucius sie an. Er wollte aggressiv und genervt klingen, doch angesichts dieses beeindruckenden Anblicks, der sich ihm bot, als sich Hermine zu ihm beugte, klang seine Stimme erregter, als er es zugeben wollte.
Hermine wusste, sie hatte ihn. Und sie hob an, plötzlich lauter und gekränkt.
"Lucius! Wie kannst Du es nur wagen! Wie kannst Du Deinen Möchtegern-Helfern nur erlauben, mir gegenüber aufdringlich zu werden? Wie soll ich mich darauf konzentrieren können, an der Behebung Deines Problems zu arbeiten, während ich befürchten muss, dass man in meiner Kammer über mich herfällt?"
Er konnte ihr nicht folgen. Sollte etwa jemand -
"Miss Granger! Ich kann Ihnen versichern, dass ich niemanden angewiesen habe - "
"Nun, verboten wohl aber doch offensichtlich auch nicht!" schmollte sie, ihre Stimme wieder leiser, aber bestimmt.
"Wie sollte es wohl sonst zu erklären sein, dass dieser Mister Blohm es sich erlauben kann, mich zu bedrängen? Mir die Kleider vom Leib zu reißen und mir weismachen zu wollen, das alles wäre nur zu meinem Besten?"
Lucius' Gedanken arbeiteten fieberhaft. Dieser Idiot! Er konnte ja verstehen, dass Horatio auf Hermine stand; hätte die gesamte Angelegenheit nicht solch einen ernsten Hintergrund, hätte er mit Sicherheit längst selbst Hand an die Granger gelegt... Aber so... Nichts durfte gefährden, dass Severus und dieses Weibsbild rechtzeitig fündig wurden.
Einfach nichts! Wie stand er denn sonst vor dem Ministerium da? Immerhin hatte er doch leichtfüßig behauptet, dass bis zur nächsten Sitzung des Zaubergamots alles längst geregelt sei und keine Gefahren mehr bestünden!
Nun, er konnte Horatio befehlen, bis nach der entscheidenden Entdeckung zu warten; immerhin hatte er ihm ja bisher gute Dienste geleistet und ihn mit wichtigen Informationen versorgt...
Hermine konnte sehen, dass Lucius darüber nachdachte, wie er vorgehen sollte. Sie begriff, dass sie alles auf eine Karte setzen musste, um in Ruhe gelassen zu werden; Horatio hin oder her, sollte sie jetzt nicht alle Karten ausspielen, würde ein erneuter Übergriff sicher nur eine Frage der Zeit sein.
Spätestens nach getaner Arbeit - sie durfte gar nicht darüber nachdenken.
Also erwähnte sie leise, mit dem Gesicht dicht vor seinem, ihr wichtigstes Argument.
"Weißt Du, Lucius", er konnte seine Augen kaum von diesem Ausblick abwenden, um ihr in die Augen zu sehen, "als wenn das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre, wollte er mir auch noch weismachen, dass er mich damit vor Dir retten könnte."
Stille. Doch dann fuhr Lucius plötzlich auf, seine sonst so blasse Gesichtsfarbe deutlich errötet, und Zorn war aus seinen Augen zu lesen. "Was hast Du da gerade gesagt?" Er packte sie an den Schultern.
"Nun, Lucius, Du hast mich schon verstanden." Es kostete sie so viel Mühe, ruhig zu bleiben und ihre Atmung unter Kontrolle zu behalten. Sollte das doch keine so gute Idee von Severus gewesen sein? Doch jetzt hatte sie keine Wahl mehr.
"Er hat mir versprochen, dass er mich retten und befreien würde, wenn ich mich ihm nur hingegeben hätte. Kannst Du Dir das vorstellen?" Sie versuchte, eine unschuldige Miene aufzusetzen und sah ihm direkt in die Augen.
"Was hat er sich nur dabei gedacht! Ihm musste doch klar gewesen sein, dass er sich niemals mit Dir messen könnte, Lucius! Auch mir ist das natürlich klar gewesen. Ich habe ihn ausgelacht, Lucius. Ihm gesagt, Du würdest ihn niemals entkommen lassen. Zum Dank hat er mir das hier angetan!"
Jetzt kam das Schlimmste. Sie musste ihre Bluse öffnen, so dass er sehen konnte, was Horatio angerichtet hatte, als er versucht hatte, Hermine zu vergewaltigen.
Wenn sie mit ihrer Einschätzung richtig lag, würde ein Lucius Malfoy sich so etwas niemals gefallen lassen.
Es käme ihm sicher nicht grundsätzlich so sehr darauf an, dass man der Person Hermine Granger etwas angetan hatte; vielmehr verlangte sein übergroßes Ego von Lucius Malfoy, dass er der alleinige Herrscher über seine Gefangenen war.
Und dann wollte sich auch noch einer seiner Gefolgsleute hinter seinem Rücken sexuelle Befriedigung mit einer seiner Gefangenen holen! Das konnte er nicht auf sich beruhen lassen. Hoffte sie.
Also öffnete sie ihre Bluse. Und behielt Recht.
Er starrte einen für sie entsetzlich langen Augenblick auf ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Schultern; überall Prellungen und Kratzer, teilweise noch offen und blutend.
"Dieser, dieser – so etwas wird nicht noch einmal geschehen! Warten Sie hier!"
Seinen Zorn kaum noch unter Kontrolle haltend verließ Lucius den Raum.
