42.
Liebster Severus,
ich war mir erst nicht sicher, ob Deine Idee, mit Malfoy zu sprechen, so gut sein würde; es gibt kaum jemanden, der mir mehr Angst macht und den ich noch schwerer einzuschätzen vermag, als Lucius Malfoy.
Doch letzten Endes erwies es sich als gute Entscheidung, Deinen Rat zu befolgen. Der Weg bis zum Ziel war zwar furchtbar und beschämend, doch ich denke, ich habe vorerst meine Ruhe.
Ich musste ihm schöne Augen machen, Severus! Da versucht dieses Möchtegern-Buchhandlungs-Genie, mich zu vergewaltigen, und „zum Dank" muss ich mich dann auch noch meinem schlimmsten Feind an den Hals werfen! Ich ertrage das alles nicht, Severus…
Aber ich werde Dir alles berichten, der Reihe nach.
Wie Horatio in meine Kammer kam, hatte ich Dir ja geschildert. Am Ende konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich war so wütend! Ich habe ihn ausgelacht, angeschrieen, für wen er sich denn halte, mich dermaßen zu hintergehen und mich glauben machen zu wollen, es wäre eine Leichtigkeit, mit Lucius fertig zu werden.
Ich werde wohl den wunden Punkt seines Egos getroffen haben; was dann kam, ging so schnell, dass ich es gar nicht erst fassen konnte. Er hatte plötzlich diesen unglaublichen Hass in den Augen und ist auf mich losgegangen, wollte sich mit Gewalt nehmen, was er freiwillig nicht haben konnte. Ich konnte mich jedoch wehren und habe ihm mein Knie in seine Leistengegend gerammt. Er hat daraufhin von mir abgelassen und sich aus dem Staub gemacht.
Lucius habe ich versucht, um den Finger zu wickeln; habe ihm erklärt, er hätte seine Untergebenen nicht unter Kontrolle, er würde sein Vorhaben riskieren, wenn ich nicht in Ruhe arbeiten könnte… Doch ich habe in seinem Gesicht gesehen, dass er mir nicht glauben wollte, nicht sicher war, ob er mir trauen konnte, was er unternehmen sollte.
Also musste ich zum letzten Mittel greifen. Oh Severus, es war so furchtbar.
Ich habe meine Bluse geöffnet, um ihn meine Verletzungen, die Horatio mir zugefügt hat, sehen zu lassen. Ich werde Dir nicht im einzelnen schildern, wie ich derzeit unter meiner Kleidung aussehe, Severus; doch sei gewiss, es hat ausgereicht, um Lucius wild fluchend aus dem Raum laufen zu sehen. Er hat mir versprochen, ich hätte jetzt die erforderliche Ruhe.
Immerhin habe ich diese Ruhe jetzt. Lucius müsste eigentlich bald wieder hier sein; er hat mich angewiesen, hier auf ihn zu warten.
Ich bin mir nicht sicher, was er mit Horatio macht; ich bin mir allerdings auch nicht sicher, ob ich es erfahren möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich dann fühlen würde. Hätte ich Mitleid? Wäre es mir eine Genugtuung? Ich weiß es ehrlich nicht, Severus. Ich bin so müde.
Hat Mephisto inzwischen den Weg zu Dir zurück gefunden? Ich habe ihn bisher nicht gesehen. Weiß er, wie es Harry geht? Wenn er auch noch stirbt, was mache ich dann? Severus, es freut mich wirklich sehr, dass Du versuchst, ihn in einem etwas anderen, besseren Licht zu sehen; ich bin Dir dankbar dafür, dass Du mir Deine Gedanken mitteilst. Irgendwo in diesem gepeinigten Tränkemeister, wie Du Dich selbst bezeichnest – ich sehe das etwas anders – steckt ein großes, mildes Herz.
Doch was ist, wenn Ihr keine Möglichkeit mehr findet, Euch vielleicht sogar ein wenig anzufreunden? Ich darf gar nicht darüber nachdenken…
Ich versuche also lieber, mich auf das Entscheidende für unsere derzeitige Situation aus Deinem letzten Brief zu konzentrieren. Die Schrift.
Severus, ich konnte kaum glauben, was Du da berichtet hast. Zu gern hätte ich die Verwandlung des Bildes mit eigenen Augen gesehen, und Deine Aufzeichnungen wirklich sehr präzise. Gut, dass Du den Einfall hattest, Dir das Bild näher anzusehen.
Und – Severus, ich kenne diese Schrift! Ich habe vor ein paar Monaten mal ein Werk über den alten Orient mit seinen Kulturen, Gebräuchen und auch seinen Sprachen für einen ägyptischen Kunden bestellt. Und ich gestehe es freimütig: Der Bücherwurm in mir hat gesiegt, und ich habe mir das Buch genauer angesehen, bevor ich es meinem Kunden ausgehändigt habe. Nun, das entspricht zwar eigentlich nicht meinen Prinzipen, aber vielleicht hilft es ja.
Es muss phönizische Schrift sein, Severus! Ich habe Dir eine Liste erstellt mit den Schriftzeichen, an die ich mich noch erinnern konnte. Ich habe die Umsetzungen stichprobenartig an einigen Worten ausprobiert, und ich habe unter anderem das Wort „Werwolf" übersetzen können. Ich habe dieses Wort in Deinen Aufzeichnungen angestrichen.
Ich bin jedoch leider nicht dazu gekommen, mir den Text genau anzusehen; leider fiel mir erst sehr spät wieder ein, wo ich diese Zeichen schon einmal gesehen hatte, und ich bin mir auch nicht sicher, ob alle Zeichen korrekt sind; doch vielleicht kannst Du etwas entdecken, dass uns weiterhilft. Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren, Severus… Diese Müdigkeit… Ich hoffe tatsächlich, dass ich bald wieder in meine Kammer gebracht werde.
Wenn Du mich nur halten könntest…
Deine Hermine
Ein paar Augenblicke, nachdem Hermine den Brief beendet und verzaubert hat, erscheint Lucius wieder in der Tür, um sie in ihre Kammer zu bringen. Er spricht nicht, doch auf seinem Gesicht spiegeln sich unendliche Genugtuung und Zufriedenheit.
Erschaudernd folgt sie ihm.
Auf halber Strecke kommt ihnen überraschenderweise Severus mit seinem Bewacher entgegen, um in den Turm zu steigen. Lucius' Gesichtsausdruck verdunkelt sich. „Kein Wort!" faucht er, sicher, dass beide ihn hören können.
Doch beiden genügt ein kurzer Blick in die Augen des anderen. Severus, besorgt wegen ihres letzten Berichtes, versucht, in ihrem Gesicht ihre Verfassung zu erkennen. Sie sieht so erschöpft aus. Doch irgendwie auch – zufrieden? Hoffentlich hat sie etwas entdeckt. Doch dann wird er einiger ihrer Verletzungen gewahr, die sie nicht schnell genug vor ihm verbergen kann. Sämtliche Farbe verlässt sein Gesicht, doch er reißt sich zusammen. Er schenkt ihr einen Blick, in den er all seine Gefühle für sie zu legen versucht, um ihr zu zeigen, dass sie nicht allein ist. Doch der Moment vergeht so schnell, wie er gekommen ist, und er ist wieder allein.
Hermine ist überrascht und zugleich hocherfreut, Severus zu sehen; Lucius hatte wohl zu viel Zeit mit Horatio verbracht, um dieses Aufeinandertreffen zu verhindern. Severus hatte dunkle Ringe unter den Augen, doch seine Gegenwart, seine tatsächliche Nähe, auch wenn sie nur einige Sekunden währte, gab ihr die Kraft, die sie so dringend benötigte.
Er strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, und sein tiefer Blick ließ Schmetterlinge in ihrem Bauch fliegen, die sie schon verloren geglaubt hatte, so wie sie alles schon verloren geglaubt hatte. Sie lächelte, wollte aufmunternd, zuversichtlich erscheinen, jedoch nicht Lucius' Argwohn auf sich ziehen. Er würde den Text sicher übersetzen und deuten können.
Vielleicht hatten sie es bald geschafft.
Voller Zuversicht fiel sie in ihrer Kammer in einen tiefen Schlaf.
