43.

Der Westwind trug Mephisto über die schottischen Highlands. Er liebte dieses Dahingleiten. Dabei konnte er seine Gedanken frei wandern lassen. Und für einen Vogel hatte er erstaunlich viele. Aber schließlich war er ein Rabe, nicht irgendein Vogel. Mephisto war sich dieser Tatsache durchaus mit einigem Stolz bewusst. Vielleicht waren Raben nicht die schönsten oder die schnellsten Vögel. Aber er und seine Verwandten waren mit Sicherheit die intelligentesten Vögel auf diesem Erdenrund.

Mephisto hatte bisher neunzehn Mal den Winter kommen und gehen sehen. Damit zählte er unter dem Rabenvolk als Erwachsener, noch lange reichte er jedoch nicht an die Weisheit der alten Raben heran, die teilweise 30 oder 40 Winter gesehen hatten. Doch er war nun in einem Alter, wo er spürte, dass er nicht weiter allein bleiben wollte. Es musste mehr geben.

Sicher, der große Rabe hatte es doch ganz gut mit ihm gemeint. Nach einer kurzen traurigen Zeit als Küken, war er bei seinem Meister aufgewachsen, einen besseren konnte er sich nicht wünschen. Sein Meister beschäftigte sich viel mit ihm, brachte ihm Dinge bei, die wohl kaum ein anderer Rabe je lernen würde. Und er war so neugierig, bemühte sich immer alles zu verstehen, denn das Leben bot soviel. Und sein Meister war ihm immer ein geduldiger Lehrer gewesen.

Irgendwann merkte er das erste Mal, dass sein Meister in seinen Gedanken war. Anfangs ein gruseliger Gedanke, doch bald merkte er, dass er sich auf diese Art und Weise noch besser mit seinem Meister verständigen konnte. Seine ganze Denkstruktur war Mephisto dem Raben zunächst sehr fremd, doch nach einiger Zeit konnten Mensch und Rabe auf einer Ebene miteinander kommunizieren, wie es weder sie noch jemand anders kaum für möglich gehalten hätte. Sie erlebten viele gemeinsame Abenteuer und wurden ein eingeschworenes Team.

Und so bemerkte Mephisto auch, wie einsam sein Meister war. Seltsam, zu ihm war er immer nett und freundlich, zugegeben manchmal auch streng, doch er war sein Freund. Doch außer ihm hatte sein Meister kaum Freunde. Da war nur der alte Mensch mit dem langen Backengefieder. Er war so etwas wie ein Vater für seinen Meister. Doch der war irgendwann nicht mehr da, sein Meister litt sehr darunter. Dann war da noch die Schwester des Meisters. Sie hatte eine Art an sich auf die Mephisto sofort ansprang, er wusste, wäre sie ein Rabe, er wäre ihr verfallen. Doch leider waren ihre Besuche so selten. Irgendwann freundete sich sein Meister mit einem, ja, was, Menschen an. Sein tierischer Instinkt sagte ihm, dass dieser Mensch nicht nur das zu sein schien, da war mehr.

So wurde aus seinem Meister ein verbitterter einsamer Mensch mit wenigen Freunden. Umgeben von vielen jungen und älteren Menschen in dem Steinnest, das sich ihr Zuhause nannte und doch so allein. Sein Meister hatte ihm einmal auf seine gedachte Frage geantwortet, dass er nicht der Typ für schnelle Bekanntschaften sei und dass es die meisten Menschen sowieso nicht wert wären sie näher kennen zu lernen.

Oft regte sich über die menschlichen Küken auf, die er unterrichtete. Offensichtlich waren sie nicht so intelligent wie er, Mephisto. Er schlug seinem Meister ein ums andere Mal vor, doch die gleiche Methode wie bei ihm zu verwenden, doch sein Meister konnte dann nur gequält lächeln und Worte denken wie „naturblond" oder ähnliches. Mephisto konnte diesen Ausdruck nicht begreifen, aber es klang nicht sehr nett.

Es gab unter den Küken praktisch nur eines, was sein Meister auch einmal lobte, sich aber auch oft über es aufregte. Es schien ein weibliches Küken zu sein. Federn wie ein Nest?

Selbst Mephisto musste darüber lachen, wie sollte das wohl aussehen? Das Küken schien weit intelligenter als die anderen. Aber zum Unmut seines Meisters war es wohl auch ein, wie nannte er es? Penetranter Besserwisser? Manchmal verstand Mephisto seinen Meister nicht. Was, bitteschön, wollte er denn nun? Das Küken war genau wie sie beide selber. Das teilte er seinem Meister auch mit. Warum sie nicht befreundet waren?

Und das erste Mal war sein Meister sprachlos. Seine Antwort ließ lange auf sich warten, als ob sich selber nicht sicher wäre, was er denn nun fühle und denke. Schließlich kam die Erklärung. Man kann nicht einfach mit einem weiblichen Küken befreundet sein, das gehe in der Welt der Menschen nicht. Das Küken dürfe es nie erfahren, dass sein Meister es mochte.

Oh, er mochte es. Dann solle er doch warten bis es ausgewachsen sei und dann eine Familie mit ihm gründen. Jeden anderen hätte seine Meister wohl ins Koma gehext, doch sein Meister sah ihn nur mit einem undeutbaren Blick an und seine Gedanken teilten ihm traurig mit, dass das wohl nie der Fall sein werde, denn es werde ihn nie mögen.

Dann kam der Tag vor zwei Sommern, sein Meister stürmte in ihr Nest und nahm sich von dem Alkohol, etwas was in der Wirkung wie überreife Früchte war, es verwirrte einen. Sein Meister hatte ihm erklärt, dass die Menschen diese Wirkung noch verstärken konnten. Immer und immer wieder nahm er sich und trank es. Mephisto versuchte sich seinem Meister mitzuteilen, doch das einzige, was er immer wieder heraushören konnte war „Sie ist weg".

Mephisto fragte sich wer „sie" war. Endlich bekam er es aus seinem inzwischen sehr indisponierten Meister heraus. Das weibliche Küken, es war weg, es war fertig mit Lernen und zog aus dem großen Nest aus, um woanders noch mehr zu lernen. Wie konnte sie das? Man konnte doch nicht mehr lernen als bei seinem Meister?

Und doch war sie weg. Es traf seinen Meister hart. Mephisto bat den Menschen, der auch ein Tier in sich hatte, Remus nannte sein Meister ihn, zu helfen. Gemeinsam schafften sie es, seinen Meister wieder einigermaßen auf die Beine zu bekommen. Mephisto wusste, dieser Mensch war ein echter Freund und seit diesem Tag hatte er bei dem Raben eine Feder im Flügel.

Die nächsten zwei Sommer kamen und gingen, sein Meister wurde umgänglicher, aber Mephisto wusste, sein Meister dachte immer wieder an das Küken, verglich die anderen immer wieder mit ihm. Und keines konnte bestehen. Dann eines Tages, die Blätter fielen von den Bäumen, kam Phoebe, die Eule seines Meisters mit einem Brief und von diesem Tag an fingen seine Augen wieder an zu leuchten. Es war ein Brief des Kükens. Die Laune seines Meister wurde von Tag zu Tag besser. Und schließlich schickte sein Meister ihn, Mephisto, zu dem Küken. Doch es war kein Küken mehr. Und auch kein Nest auf dem Kopf. Für einen Menschen fand Mephisto das Weibchen attraktiv.

Es nahm ihm den Brief ab und sagte „Hallo, mein Name ist Hermine Granger und wer bist Du mein schöner Rabe?"

Jetzt wusste Mephisto, warum sein Meister sich in dieses Wesen verliebt hatte.

Aber das ist eine andere Geschichte…


A/N: Vielleicht hat es schon die eine oder andere gemerkt, wir haben das Posten auf einen Viertagesrythmus geändert. Leider gehen uns langsam die Kapitel aus. Aber wir bleiben dran und die Story wird weitergehen.