An dieser Stelle eine Anmerkung in eigener Sache: Im Laufe dieses Kapitels werdet Ihr ein Gedicht entdecken. Ich habe meinem großen Bruder nur in groben Zügen geschildert, worum es in unserer Story geht (er hat nicht einmal die Bücher gelesen), und dann hat er sich hingesetzt und gedichtet. Und wie! Ich bin sehr stolz auf das, was er uns zusammengereimt hat, und so dankbar, wie man nur sein kann! DANKE, ATWAR:o)
WampeLampe
45.
Lucius Malfoy erschien, um sie abzuholen. Sie konnte es kaum erwarten, die Verse übersetzt zu sehen. Severus hatte es bestimmt geschafft, das Rätsel zu lösen. Sie war sich ziemlich sicher, dass das Alphabet korrekt war. Es musste einfach phönizisch sein! Der Blick in seine Augen, bevor sie sich schlafen gelegt hatte, hatte ihr die nötige Zuversicht gegeben.
Völlig in ihren Gedanken versunken bemerkte sie zunächst nicht, dass Lucius einen anderen Weg als üblich eingeschlagen hatte.
Bis er sich ihr zuwandte: „Nun, Miss Granger, mein lieber Freund Severus hat mir anvertraut, dass meine beiden Turteltäubchen hier schon ein gutes Stück vorangekommen sind." Er grinste schief.
Severus hatte was? Sollte er des Rätsels Lösung etwa tatsächlich bereits erarbeitet haben? Und dann hatte er es sofort Malfoy erzählt? Aber es war doch nur eine Theorie! Sie hatten doch nicht einmal die Möglichkeit gehabt, Versuche zu machen. Wie sollten sie auch? Sollte ein Trank hinter der phönizischen Schrift verborgen sein, wer sollte ihn trinken? Seit Werwölfe so dermaßen gejagt wurden, würde selbst Malfoy niemanden finden, der ihm freiwillig als Testobjekt zur Verfügung stand. Oder sollte er jemanden dazu gezwungen haben? Doch wie hatte Severus so schnell etwas brauen können?
Ihr Verstand überschlug sich.
„Miss Granger, es ist mir geradezu eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass ich ein geeignetes Testobjekt für ein paar praktische Versuche auftreiben konnte!" Einladend schwang Malfoy seinen Arm nun in einen Raum herein, der tief unten in den Kerkern verborgen war.
Unsicher trat sie ein. Tatsächlich – Malfoy hatte einen Werwolf gefangen! Oh, dieser Schuft!
Die arme Kreatur hockte in einer Ecke des Verlieses, in dem es untergebracht war. Merkwürdig, dieser Werwolf hier verhielt sich ganz ruhig. Sollte Malfoy ihn ruhig gestellt haben? Diese Augen…
Neben dem Gitter erschien Pansy Parkinson, noch breiter grinsend, als es Malfoy bereits tat. Sie hielt eine Spritze in der Hand. Was wurde hier nur gespielt?
„Severus, alter Freund, erhebe Dich und begrüße Deine kleine Freundin, wie es sich für einen gestandenen Werwolf gehört!" Malfoy unterdrückte ein Lachen nur halbherzig.
„Severus??" entfuhr es Hermine, bevor sie die Hände vor dem Mund zusammenschlug.
Der Werwolf – Severus – hob leicht den Kopf und blickte Hermine direkt in die Augen, bewegte sich ansonsten aber nicht.
Bei Merlin! Sie wollte das alles nicht glauben. Wie hatte Malfoy Severus nur – ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Pansy Parkinson zu sprechen begann.
„Hermine, Liebes, begrüße mit uns einen direkten Abkömmling des großen Fenrir Greyback! Ein wenig Blut dieses prächtigen Mannes mitten ins Herz, und es wird noch jeder zum Tier!"
Sie konnte sich vor Lachen kaum halten, fing sich aber rasch wieder, als Malfoy, diesmal in ernstem, geschäftigen Ton, wieder zu sprechen begann.
„Miss Granger, ich habe den gesamten Inhalt des Turmzimmers nunmehr hier nach unten bringen lassen. Ihre Aufzeichnungen liegen dort" – er wies auf einen Tisch in der Ecke des Raumes – „und alle Zutaten hier drüben. Ich erwarte, dass sie Versuchsreihen erstellen und diese auch durchführen. Severus wird alles zu sich nehmen, was Sie ihm geben, nicht wahr?" Er blickte zu Severus. Dieser nickte ergeben.
„Fangen Sie an, Miss Granger! Ich erwarte Ergebnisse! Sollten Sie es tatsächlich schaffen, dieses treue Fellknäuel hier zurückzuverwandeln, erwarte ich, dass Sie umgehend damit beginnen, eine Umkehr des Zaubers zu erarbeiten! Ich dulde keine Verzögerungen mehr!"
Mit diesen Worten verließ er den Raum, Pansy Parkinson ihm dicht auf den Fersen.
Sie ließ sich vor dem Gitter, hinter dem Severus kauerte, auf die Knie fallen.
„Severus?" Sie hielt einen Arm in seinen Käfig hinein, wohl wissend, dass sie dabei eben diesen Arm riskierte.
Die Kreatur kam bedrohlich langsam auf sie zu, machte dann jedoch kurz vor ihrer Hand halt, um sich von ihr berühren zu lassen. Seine Augen waren auf die ihren fixiert.
Sie strich ihm über die Wange, Tränen liefen ihr über das Gesicht. „Severus… Dieser Mistkerl! Was soll ich denn jetzt machen? Wie stellt der sich das vor? Soll ich ein bisschen rumexperimentieren, ein paar Kräuter hier, ein paar Wurzeln da, und dann einfach an Dir rumprobieren?" Ihr anfängliches Entsetzen wich einer Wut, die sie so noch nie gefühlt hatte. Sie erhob sich, ihren Blick durch den Raum wandernd; der Stuhl, der das Pech hatte, zu dicht an ihrem Standort zu sein, flog mit einem lauten Schrei an die Wand und zerbarst in zahlreiche kleine Teile.
Ihr Schluchzen bahnte sich einen Weg ihre Kehle hinauf, und tränenüberströmt ließ sie sich schließlich mit dem Rücken zu Severus an seinen Gittern hinabsinken.
Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte; irgendwann war Severus zu ihr herübergekommen und hatte sich hinter sie gelegt, so dass sie seine Körperwärme durch die Gitterstäbe fühlen konnte. Sie beruhigte sich, strich Severus über das Fell und erhob sich wieder.
„Verzeih, Severus. Ich werde mich jetzt an die Arbeit machen."
Mit diesen Worten zauberte sie den Stuhl in seinen Ursprungszustand zurück und vergrub sich in ihren Notizen mit den phönizischen Zeichen und ihrem Übersetzungs-Alphabet.
Stunde um Stunde verging; Hermines Kopf war hochrot, mit Feuereifer war sie in ihrem Element. Der Werwolf konnte nur staunend zur Kenntnis nehmen, wie sie offenbar keine Mühe hatte, stundenlang ohne Nahrung oder Wasser zu arbeiten, um Zeit zu sparen.
Nach einer halben Ewigkeit, so schien es ihm, sah sie triumphierend auf, packte ihre Unterlagen und kam zu ihm an das Gitter.
„Severus, ich denke, ich habe es. Die Zutaten sind nicht gerade ein Zuckerschlecken, und ich hätte niemals von mir selbst gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber ich denke, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen müssen, wenn wir Dir helfen wollen. Wenn Du es doch nur durchsehen könntest… Ich werde es Dir vorlesen:
Klumpfußens Trunke wider dem Tiere
Geschieht es nun, dass dem sonst friedlichen Kerle
nächtens, bei des Firmaments voll stehender Perle
sprießen das Fell, die Klauen und die Reißer,
so gib ihm, darauf achte gut,
bevor er sich verwandeln tut,
folgenden Trunke zwischen die Beißer:
Zufürderst nimm der alten Jungfer Blut
auf dass es das Tier beruhigen tut
denn dies entbehrt der animalischen Triebe
auf Grund von niemals erfahrener Liebe.
Als zweites gib des Karpfens Auge hinzu,
trüb und alt, so bleibt des Hasses Lodern kalt,
auf dass das Tier erblinde im Manne,
und rühr es unter in erzener Wanne.
Gegen des Tieres schauerlich Körperkraft
hilft des Klatschmohns heißer Blütensaft.
Dies rühr als Drittes dem Trunke nun zu,
auf das Du hast vor dem Tiere die Ruh.
Auf diese Weise, verwirrt und gebannt,
ist das Tier an Herz, der Seel und der Hand,
doch beachte tunlichst folgende Sache,
auf dass der Kerl nicht werde zum Greise
und trotz des Trunks noch jugendlich lache.
Der alten Jungfer Blut entnimm gegen acht
direkt vor des Neumonds versteckter Pracht,
ob freiwillig oder unter Zwang
ist hierbei nicht von Belang,
mit einem schartig Messer voll Rust
direkt aus der noch schlagenden Brust.
Entnimm dem Karpfen, dem alten Fisch,
stets von den Augen das Linke
auf einem bemoosten, steinernen Tisch.
Denn nimmst Du der Augen das Recht
auf einem Tisch aus anderm Geflecht
des Trunkes starke doch unheilige Macht
verschwindet in dem er lauthals zerkracht.
Den Mohn für die dritte Zutat im Extrakt
stets bei Vollmond gut in Jute einpack
Um die Blüten aber lauf im Kreise
gegen die Zeit, rückwärtigerweise
dreimal, bevor Du sie der Erde entrupfst
und sie dabei mit Deinem Schweiße betupfst.
Nach der beschriebnen Zubereitungsweise
sei Dir nun hier noch geschildert:
Des Blutes bedarf es zweier des Ganzen eines Liter
auf dass der Kerl nicht mehr verwildert,
des Auges, nicht vertrocknet, eines an der Zahl
ein Dutzend nimm von des Klatschmonds Blüten
und gelindert wird sein die verfluchte Qual.
Am Ende dieser Schrift, zum Schluss
ein wichtig Anmerk vom Klumppfuß,
Meister der Trunkesalchemie
hinsichtlich moralischer Bedenken:
Du tauschst ein altes Leben gegen neu
auf dass es wieder Dein Herz erfreu,
drum kannst Du sie Dir schenken.
Was meinst Du? Soll ich Lucius die Zutaten besorgen lassen?"
Die Augen des Werwolfes waren weit aufgerissen. Hermine musste lächeln; für einen kurzen Moment schien es, als hätte Severus die Kontrolle über seinen animalischen Körper verloren. Hatte er gerade tatsächlich mit dem Schwanz gewedelt? Doch dieser Moment war so schnell vorbei, wie er gekommen war, und der Werwolf neigte den Kopf als Zeichen seiner Zustimmung. Sie berührte ihn an der Wange; ihre Augen trafen sich.
Und dann trug sie der Wache, die draußen vor der Tür wartete, auf, nach Lucius schicken zu lassen.
