46.

Verwirrung, Schwindel, Übelkeit. Was war geschehen? Er konnte kaum klar denken. Er fühlte sich…wild, aggressiv. Er öffnete die Augen. Ein roter Schleier lag über seinem Blick. Ihn überkam die unbändige Lust zu verletzen, zu töten. Er verstand das alles nicht. Er versuchte sich zu erinnern. Was genau war mit ihm geschehen? Lucius, Parkinson, Crabbe, Goyle, eine Spritze, die immer näher kam, kaltes Metall auf und in seiner Brust, Schmerz, entsetzlicher Schmerz, grausames Lachen und eine gnädige Ohnmacht die ihn umschloss.

Ja das war es, das Blut des Fenrir Greyback laut Lucius. Und Parkinson, die ihm eine Spritze mit dem Blut direkt in sein Herz stieß. Er blickte an sich hinab und erstarrte. Kein Stoff und auch nicht seine blasse Haut mit den vielen feinen Narben. Er sah…Fell. Schwarzes Fell. Panik erfasste ihn. Er war ein Werwolf! Und saß in einem Käfig.

Nein, er wollte schreien, doch alles, was aus seinem Mund kam war ein lang gezogenes Heulen. Unbändige Wut überkam ihn, alles was noch Mensch in ihm war, setzte in diesem Moment aus und er verfiel in Raserei. Er warf sich gegen die Gitterstäbe, immer und immer wieder, verletzte sich selbst dabei, aber sie verbogen sich keinen Millimeter.

Langsam ebbte sein Blutrausch ab. Erschöpft sank er in einer Ecke seines Käfigs zusammen. Welch Ironie, er, der Schöpfer des Wolfsbanntrankes selber ein Werwolf. Hätte er es in seiner derzeitigen Gestalt gekonnt, er hätte ob der Situation gelacht. Doch dann wurde er stutzig. Er war nun ein Werwolf, keine Frage, aber er verhielt sich nicht wie die Werwölfe, die er kannte und außerdem war definitiv kein Vollmond. Lag es an Greybacks Blut? Er wusste, Fenrir war kein gewöhnlicher Werwolf gewesen. Soweit er ihm bekannt war verwandelte dieser sich zwar wie alle anderen an Vollmond in einen Werwolf, aber auch in seiner menschlichen Gestalt war sein Verhalten das eines Werwolfs und er hatte als Mensch andere Menschen verletzt und auch diese zu Wölfen gemacht.

Merkwürdig, vielleicht hatte dieses Blut auch auf ihn Auswirkungen, die ihn von anderen Werwölfen unterschieden. Er versuchte zu sprechen. Ein Heulen erklang. Nein, Sprechen ging wohl nicht. Lesen eventuell. Er sah sich um. Da auf dem Tisch lagen ihre Aufzeichnungen, ein Buch war aufgeschlagen. Er versuchte etwas zu entziffern, nein die Zeichen blieben unverständlich für ihn. Wieder ein Fehlschlag. Zaubern? Er versuchte einen einfachen Zauber, der weder Stab noch Spruch erforderte. Normalerweise einer seiner leichtesten Übungen. Nichts, es ging nicht. Frustration machte sich in ihm breit.

Aber vielleicht ging ja…, er versuchte sich zu konzentrieren, versuchte sich die vertraute Gestalt vorzustellen. Versuchte das Bild auf seine vor ihm erhobene Hand zu projizieren. Und tatsächlich, er vermeinte einzelne Federn zu erkennen, doch schnell verwandelten sie sich wieder in das schwarze Fell eines Werwolfes zurück. Immerhin ein kleiner Erfolg, doch es kostete ihn Kraft. Er beschloss es später wieder zu probieren.

Wie würde er sich Menschen gegenüber verhalten? Er wusste es nicht und so musste er abwarten bis er die Gelegenheit bekam. Und so machte er es sich in einer Käfigecke so gemütlich wie möglich und sank in einen unruhigen Halbschlaf.

Er erwachte vom Öffnen der Kerkertür. Verschlafen blickte er auf und sah Malfoy, Parkinson und Hermine eintreten. Nein, nicht Hermine. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Was hatten sie vor mit ihnen?

Lucius trat vor und fing an zu sprechen.

„Severus, alter Freund, erhebe Dich und begrüße Deine kleine Freundin, wie es sich für einen gestandenen Werwolf gehört!"

Ein fieses Lachen entkam Malfoys Kehle.

Hermine schien langsam die Erkenntnis zu überkommen, wer dieser Werwolf war, erschreckt riss sie die Augen auf und schlug die Hände vor dem Mund zusammen.

„Severus??"

Er, der Wolf, konnte alles verstehen, wenigstens etwas. Er hob leicht den Kopf und sah Hermine an.

Malfoy und Parkinson sprachen zu Hermine, doch Severus hörte nicht hin, unverwandt starrte er Hermine an. Unerreichbar war sie, denn er war nun ein Wolf, eine Last, ein Ungeheuer, keine Hilfe. Sie würde sich von ihm abwenden.

Doch sobald sich die Tür hinter Malfoy und Parkinson schloss, eilte Hermine zu seinem Käfig und sank nieder.

„Severus?"

Dabei streckte sie ihren Arm durch die Gitterstäbe.

Severus erstarrte. Sie musste doch wissen, dass sie viel riskierte, zuviel. Er war ein Werwolf!

Er versuchte sich zu beherrschen, doch, Merlin, er stellte fest, dass er das gar nicht musste!

Seine Gefühle Hermine gegenüber waren immer noch dieselben, es waren seine menschlichen Gefühle. Wie konnte das sein? Er hatte keine Erklärung dafür. Oh, wie wünschte er sich Hermine mitteilen zu können.

Langsam näherte er sich der ausgestreckten Hand, bis Hermine ihn berühren konnte, dabei fixierte er ihre Augen, um ihr ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.

Und da, sie berührte ihn, berührte ihn so wie er es nie für möglich gehalten hätte. Nicht als Mensch und schon gar nicht als Wolf. Sanft strich sie ihm mit ihrer Hand über seine bepelzte Wange. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Severus… Dieser Mistkerl! Was soll ich denn jetzt machen? Wie stellt der sich das vor? Soll ich ein bisschen rumexperimentieren, ein paar Kräuter hier, ein paar Wurzeln da, und dann einfach an Dir rumprobieren?"

Ruckartig erhob sie sich und fing an die Einrichtung des Kerkers zu demolieren. Schließlich ließ sie sich mit dem Rücken am Käfig niedersinken.

Severus fühlte sich hilflos, schon als Mensch wäre er mit dieser Masse an Emotionen überfordert gewesen, wie sehr dann als Wolf. Er konnte ihr keine beruhigenden Worte spenden, sie nicht in den Arm nehmen und festhalten. Ihm blieb nur ebenfalls am Gitter zu kauern, und so lag er dort und versuchte ihr Wärme und Geborgenheit zu vermitteln. Mehr konnte er nicht tun. So hilflos und ganz und gar nicht wölfisch.

Wie es schien nach einer halben Ewigkeit sprang Hermine auf und fing an zu arbeiten. Sie vergrub in ihre Aufzeichnungen, las etwas hier und überprüfte es dort. So verging wiederum Stunde um Stunde und Severus blieb nichts anderes übrig als staunend der kleinen zarten Person zuzusehen, die geschäftig hin und herwuselte.

Schließlich erhob sie sich mit einem triumphierenden Blick und trat zum Käfig.

„Severus, ich denke, ich habe es. Die Zutaten sind nicht gerade ein Zuckerschlecken, und ich hätte niemals von mir selbst gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber ich denke, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen müssen, wenn wir Dir helfen wollen. Wenn Du es doch nur durchsehen könntest…

Sie las ihm ein Rezept vor, wie er es selbst als erfahrender Tränkemeister noch nie gehört hatte.

Zumindest einige der Zutaten und ihrer Gewinnung und Verwendung waren im besten Falle… abenteuerlich.

„Was meinst Du? Soll ich Lucius die Zutaten besorgen lassen?"

Hermine sagte es in einem Tonfall, als würde es sich um das Rezept einer Schwarzwälder Kirschtorte handeln. Aber ja, es könnte klappen, warum nicht? Severus sah Licht am Ende des Tunnels. Unwillkürlich fing er an mit dem Schwanz zu wedeln. Hermine streichelte noch einmal seine Wange und ließ dann nach Lucius rufen.