48.
Hermine erwachte von sanften Berührungen auf ihrer Haut. Genießerisch hielt sie ihre Augen geschlossen und genoss die Wärme, die sein Körper, dicht an ihren Rücken geschmiegt, an sie weitergab.
Sie wusste, wer sie da sanft liebkoste; es waren keine Worte nötig. Oh, sie hatte diese Nähe so gebraucht.
Nun konnte sie endlich, endlich mit ihm zusammen sein.
Letzten Endes hatte sich alles zum Guten gewendet, und ihre Sinne konnten sich erstmals seit langem wieder richtig entspannen. Sie ließ sich fallen, genoss jede seiner Berührungen.
Sie konnte es noch gar nicht richtig glauben... Doch seine Hände, die langsam und erforschend über ihren Körper strichen, belegten es. Sie schmiegte sich enger an ihn, soweit dies überhaupt noch möglich war. Sie wollte seine Nähe fühlen, seine Erregung, die sich ihr unmissverständlich entgegenstreckte.
Sein warmer Atem in ihrem Nacken weckte Gefühle in ihr, die sie so noch nie erlebt hatte. Seine Hand wanderte wie beiläufig zu ihren Brüsten, liebkoste ihre Nippel, um sich dann auf den Weg zu ihrem Lustzentrum zu machen. Wohlige Schauer durchliefen ihren Körper.
Er setzte sanfte Bisse in ihren Nacken, und sie spürte, wie sein Atem schneller wurde. Sie fühlte ihre eigene Erregung steigen, und sie hielt es nicht mehr aus. Sie musste in seine Augen sehen, seine Küsse fühlen. Sanft wandte sie sich um - nur um direkt in die vorwurfsvollen Augen von Ron zu blicken.
"Warum hast Du mir nicht geholfen, Hermine? Ich musste sterben, weil Du zu feige warst!"
Entsetzt hielt sie die Luft an. "Wie... Severus? Wo ist...?" Sie verstand überhaupt nichts mehr. Was bei Merlin tat Ron in ihrem Bett?
"Nein, Hermine", und die Stimme von Ron wurde immer bedrohlicher, "Dein Severus ist nicht hier. Lauf doch zu ihm, wenn Du kannst, Hermine! Lass mich ruhig noch einmal im Stich! So wie Du es immer getan hast! Hermine, wie konntest Du nur! Hermine! Miss Granger! Miss Granger!"
Miss Granger? Wieso nannte er sie zu allem Überfluss auch noch bei ihrem Nachnamen? Was hatte das alles zu bedeuten? Unsanft rüttelte er an ihrer Schulter. Was...?
"Miss Granger! Wenn Sie nun die Freundlichkeit hätten, mir Ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken!"
Endlich öffnete sie ihre Augen und blickte direkt in die von Lucius Malfoy, der bedrohlich nahe war für ihren Geschmack, und nicht besonders gut gelaunt.
"Wir haben keine Zeit für Tagträume, Miss Granger! Wenn ich Sie nun also bitten dürfte..."
Ganz, ganz langsam klärten sich ihre Gedanken. Sie musste vor Severus' Käfig eingeschlafen sein; sein Atem musste es gewesen sein, seine Nähe, durch die Gitter hindurch. Gänsehaut überkam sie, als ihr das vorwurfsvolle Gesicht von Ron wieder einfiel. Doch Malfoy ließ ihr keine Gelegenheit, über den Ausgang ihres Traumes weiter nachzudenken.
Malfoy riss sie nach oben, so dass sie neben ihm zu stehen kam.
Ihr Blick fiel auf den Mann, den sie liebte; der Mann, der immer noch, in der Gestalt eines Werwolfs gefangen, in einem Käfig eingesperrt war.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihm; sein Blick erschien ihr irgendwie verklärt, abwesend. Er schien sowohl sie als auch Malfoy selbst überhaupt nicht richtig wahrzunehmen.
Wie ein nervöses Raubtier wanderte er immer am Gitter endlang, hin und her, hin und her, als schien er etwas zu suchen.
„Miss Granger, da Sie nun wieder im Vollbesitz ihrer verbliebenen geistigen Kräfte zu sein scheinen, hören Sie mir genau zu. Ich werde alles nur einmal sagen. Verstanden?"
Sie wandte sich wieder Malfoy zu und nickte. Sie war sich nicht sicher, ob sie eigentlich hören wollte, was dieser Widerling ihr zu sagen hatte. Ihr graute davor, den Trank brauen zu müssen, doch hatten sie alle keine andere Wahl.
„Miss Granger, Miss Granger. Wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Müsste nicht all Ihre Aufmerksamkeit Ihrem pelzigen Liebling hier gehören?" Er wies mit einer Hand in Severus' Richtung, der immer noch bedrohlich umherlief. „Wie Sie als gryffindorsche Musterschülerin ja sicher wissen, werde ich zur Beschaffung der mitunter äußerst faszinierenden Zutaten für Ihr Gebräu Zeit benötigen. Unser lieber Freund hier wird allerdings im Laufe der nächsten Stunden und Tage einige Schwierigkeiten bekommen. Je mehr Zeit vonnöten ist, den Trank zu brauen, desto schwieriger wird es für ihn, sich an seine menschliche Natur zu erinnern, verstehen Sie? – Ach, das wussten Sie wohl noch nicht?" Lucius musste grinsen als er sah, wie Hermine versuchte, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten.
„Je länger er also dort drin ist, desto weniger wird er sich auch an Sie, sein Herzblatt, erinnern können. Seien Sie also vorsichtig ihm gegenüber; wir wollen doch nicht, dass Sie als Mittagessen für ein wildes Tier enden, nicht wahr? Obwohl ich zugeben muss, dass dies ein phantastisches Schauspiel darstellen müsste…" Pansy Parkinson, die neben dem Käfig stand, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dieses Miststück!
Hermine konnte nicht glauben, was sie da hörte. Es waren sicher noch einige Tage, bis Lucius alles beschaffen konnte; sie hatte jedes Zeitgefühl verloren und war sich nicht mehr sicher, wann das letzte Mal Vollmond gewesen war. Severus sollte vergessen wie es ist, Mensch zu sein? Was würde dann aus ihm? Und aus ihr? Und aus ihnen beiden?
Tränen stiegen ihr in die Augen, so sehr sie auch versuchte, sie wegzublinzeln.
„Aber aber, meine Liebe, nicht doch. Ich bin ja kein Unmensch. Und weil ich heute besonders gute Laune habe" – er grinste in Pansys Richtung – „werde ich Ihnen und meinem alten Freund Severus hier einen Gefallen tun. Sie werden heute Nacht die Möglichkeit erhalten, ein wenig frische Luft zu atmen. Nach Einbruch der Dunkelheit wird man Sie beide hier abholen und in den Hof des Schlosses bringen. Ein wenig Bewegung wird Severus sicher gut tun. Nehmen Sie sich in Acht, Miss Granger. Kommen Sie ihm lieber nicht zu nahe, sonst gehen mir noch Köchin und Vorkoster meines neuen Lieblingstrankes verloren…."
Mit einem kurzen Auflachen überließ er sie wieder den Kellerräumen.
Die Nacht war klar und angenehm. Hunderte Sterne waren am Himmel zu sehen, und wäre die Situation nicht so entsetzlich gewesen, Hermine hätte beinahe einen Sinn für Romantik entwickelt.
Doch so hielt sie die Luft an – Lucius hatte sein Wort gehalten und sie abgeholt. Severus war ein paar Minuten vorher in Ketten gelegt und hinausgebracht worden. Er hatte so furchtbar ausgesehen. Wie ein gequältes Tier – sie musste lachen über diese Ironie – war er auf und abgewandert, bis sie ihn holten. Er hatte sich gegen die Ketten gewehrt (einem so wütenden Werwolf wollte sie niemals allein begegnen), doch ein paar Zaubersprüche hatten es Malfoys Helfern einfacher gemacht.
Lucius Malfoy persönlich hatte nun sie nach draußen begleitet. Ihr war nicht ganz klar, weswegen auch sie hinaus sollte. Was hatte der Bewegungsdrang eines Werwolfes mit ihr zu tun? Sie hatte Angst vor Severus, seit dieser so ausgerastet war, und sie war sich nicht sicher, ob sie allein mit ihm im Hof des Schlosses sein wollte.
Doch wahrscheinlich war es genau dies, was Malfoy dazu bewegte, sie hinauszubringen. Dieser kranke Geist! Er genoss es sicher noch, ihr aus sicherer Entfernung dabei zuzusehen, wie sie vor ihrem geliebten Severus davonlief. Ja, er hätte wohl seinen Spaß an diesem makabren Spiel.
„Nun, Miss Granger, ich hoffe, Sie genießen diese wundervolle Nacht hier draußen. Der Himmel ist klar, und es wird nicht regnen. Machen Sie es sich also mit ihrem Flohzirkus hier gemütlich; ich werde in ein paar Stunden nachsehen, ob noch etwas von Ihnen übrig ist."
Mit diesen Worten hatte er sie allein gelassen.
Sie sah sich um; der Hof war weitläufig und unübersichtlich, so weit sie das im Sternenlicht ausmachen konnte. Sie hatte keinen Zauberstab und konnte sich also weder Licht zaubern, noch – im schlimmsten Fall der Fälle – gegen Severus verteidigen.
Er musste hier irgendwo sein, doch sie konnte nichts entdecken. Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals, als sie langsam auf eine Bank zuging, die einige Meter entfernt von ihr stand.
Sie sah sich immer wieder um, doch als sie keine verdächtige Bewegung ausmachen konnte, ließ sie sich dort nieder.
Immer und immer wieder schwirrten ihr die Bilder der letzten Tage vor ihren Augen. Ron, der in ihren Träumen aufgetaucht und ihr Vorwürfe gemacht hatte; das Zaubertrankrezept, das so furchtbare Zutaten wie Blut verlangte; Severus, wie er sich als Werwolf quälte...
Hermine konnte einfach nicht mehr. Sie hielt sich die Hände vor ihr Gesicht und schluchzte. Wie waren sie nur hier gelandet? Wie hatte das alles passieren können? Severus schien sie zu vergessen, ihre Freunde waren tot oder schwerverletzt, Horatio ein Verräter… Vielleicht war es am einfachsten, Severus zu einem Angriff zu provozieren. Wie sollten sie hier jemals wieder wegkommen?
Ein knackendes Geräusch wie von einem brechenden Zweig ließ sie aufhorchen.
Langsam ließ sie die Arme sinken, um sich umsehen zu können. Sie erstarrte. Direkt vor ihren Augen hatte sich Severus zu seiner vollen Größe aufgebaut. Weshalb hatte sie ihn nur nicht kommen hören? War das nun das Ende? Bei Merlin, was sollte sie nur tun?
Severus knurrte leise, bewegte sich aber nicht. Sie konnte Kratzer und Wunden an seinen Beinen sehen; offensichtlich hatte er seinem Bewegungsdrang bereits nachgegeben. War das Blut an seinem Maul? Sollte er seine Bewacher…?
Sein Blick schien klarer zu sein als zuvor. Diese Augen… Eine unvorstellbare Traurigkeit lag in ihnen, Qualen, Lied, Hoffnungslosigkeit. Noch nie hatte sie so viele tiefe Gefühle in einem einzigen Blick gesehen. Sie musste es versuchen.
„Severus, bitte… Ich bin es, Hermine." Er hörte auf zu knurren und legte den Kopf schief, so als hörte er ihr zu.
„Severus… Erkennst Du mich? Weißt Du, wer ich bin?" Zögerlich streckte sie die Hand nach ihm aus. Sollte er es nicht mehr wissen, konnte sie sich wohl von ihrem Arm verabschieden, doch seine Augen gaben ihr Hoffnung.
Und sie hatte Glück; er ließ es zu, dass sie ihm mit der Hand sanft über sein Fell strich. Er machte noch einen Schritt weiter auf sie zu, doch dann heulte er auf und ging einige Schritte rückwärts.
Sie erhob sich und ging auf ihn zu, doch er wich vor ihr zurück, in seinen Augen jetzt Panik und Entsetzen. Er wollte ihr nichts antun, also mied er ihre Nähe. Er war noch irgendwo da drin – sie hatte ihn nicht verloren. Noch nicht.
„Severus, bitte – ich habe keine Angst." Sie glaubte sich beinahe selbst nicht, doch sie wollte in seiner Nähe sein, bei dem Wesen, das einmal der Mann gewesen war, den sie liebte.
Sie sah ihm an, dass er mit sich kämpfte, ob er ihre Nähe zulassen konnte. Wieder heulte er auf, doch schließlich kam er langsam, vorsichtig zu ihr zurück.
Sie sank wieder auf die Bank zurück und hielt ihren Blick standhaft auf seine Augen gerichtet. Sie wollte diesen Blick in sich aufnehmen, der ihr doch so viel geben konnte und der im Augenblick alles war, was ihr von ihrem einstigen Professor geblieben war.
Vorsichtig stupste er sie an. Ebenso wie sie seine Nähe brauchte, schien er ihre zu suchen, und schließlich leckte er ihr mit seiner warmen, weichen Zunge sanft über ihre Hand.
„Oh Severus…" Sie schlang die Arme um seinen Hals und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.
