52.
"Harry!"
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
"Harry, träumst Du? Ich stehe hier schon eine Weile und habe Dich bereits zweimal gefragt, ob ich mich zu Dir an den Tisch setzen kann!"
Der Angesprochene sah verwundert auf. Noch immer konnte er die Stimme nicht einordnen; seine Sorgen um Hermine, seine Trauer, all das hatte ihn gerade in Gedanken weit weg getragen. Er konzentrierte sich.
"Juan? Ach, Du bist es! Entschuldige bitte. Na klar kannst Du Dich setzen. Bitte." Er machte mit dem Arm eine auffordernde Geste zum Sitzplatz ihm gegenüber.
Das Essen vor ihm war inzwischen sicher auch kalt; naja, bei dem Essen in der Ministeriumskantine konnte er das verschmerzen. Das Tablett schob er beiseite.
Juan Escobar Sanchez, der spanische Arbeitskollege, nahm Platz.
"Harry, geht es Dir nicht gut? Du hast ja gar nichts gegessen! Du hast doch sonst einen gesunden Appetit", lachte Juan. Ach, wie recht dieser Spanier doch hatte... Harry konnte sich kaum noch konzentrieren und hatte sich schon öfter gefragt, wie er seiner Arbeit bisher noch ohne schwere Fehler hatte nachgehen können. Zumindest war noch niemandem im Ministerium etwas aufgefallen. Naja, oder niemand sagte etwas. Er schlief kaum noch; er konnte nicht fassen, dass er nie wieder mit Ron Zauberschach spielen oder über Quidditch reden sollte - Ron war doch seit seinem ersten Schuljahr in Hogwarts sein bester Freund gewesen. Sicher, sie waren nicht immer einer Meinung gewesen, aber sonst wäre es doch auch langweilig gewesen... Und nun lief er auch noch Gefahr, Hermine zu verlieren.
Sie hatten einfach keine Ahnung mehr, wo sie noch suchen sollten. Sie konzentrierten sich auf Südengland, weil irgendein Rabenvogel der Schwester von Snape irgendetwas eingeimpft hatte. Na bestens. Konnte er dem Vogelvieh trauen? Konnte er der Wahrnehmung von Snapes Schwester trauen? Konnte man dieser Malicia überhaupt trauen? Wie war sie in alles verwickelt? Und seit wann hatte sein ehemaliger Zaubertrankprofessor überhaupt Verwandte?? Er wusste nicht mehr, was er noch denken sollte.
Der Orden hatte ihm untersagt, Alleingänge zu unternehmen, und so schleppte er sich jeden Morgen zur Arbeit, um nicht aufzufallen, und konnte die Abende kaum abwarten, um Hermine und Snape weiter zu suchen. Snape! Ausgerechnet der verhasste Tränkeprofessor hing da irgendwie mit drin! Was hatte er nur mit Hermine gemacht? Wie war nur der Kontakt zwischen beiden zustande gekommen? Er war ja wohl nicht zufällig in ihren Laden spaziert, um ein wenig zu shoppen...
"Harry, sag mal, mit Dir ist wirklich was nicht in Ordnung, oder?" Juan unterbrach seine Gedanken erneut.
"Hm? Was? Ach so. Ich habe gerade an Hermine -" schnell unterbrach er sich. Er konnte doch nicht mit jedem Kollegen über die ganze Angelegenheit sprechen! Er musste vorsichtig sein mit dem, was er wem erzählte, so viel war sicher.
"Aber sag mal, Juan", versuchte er das Gespräch in sichere Bahnen zu lenken, "was treibst Du denn noch hier? Ich dachte, Du wärst schon längst wieder in Valencia?" Oder kam Juan aus Barcelona? Verdammt! Es war ihm einfach unmöglich, sich vernünftig zu konzentrieren.
"Harry Potter - was haben sie nur mit Dir gemacht?" Juans Verwunderung war in seinem Gesicht abzulesen.
"Erstens komme ich aus Barcelona" - oh nein, hätte er doch nur einfach Spanien gesagt - "und zweitens bin ich noch mindestens 2 Wochen lang hierher abkommandiert, bis die Ermittlungen zu dem Fall, den ich untersuche, abgeschlossen sind. Vielleicht auch länger. Aber das hatte ich doch alles neulich beim Essen mit Hermine erzählt? Okay, Du hattest nur Augen für Deine Freundin, aber ein wenig hättest Du mir ja zuhören können. Immerhin war das Essen Eure Idee!"
Das schlechte Gewissen in Harry keimte auf. Sein spanischer Freund hatte ja Recht. Sie hatten den feurigen Andalusier eigentlich mit Hermine verkuppeln wollen, doch sie hätten ihre Freundin, die nur mit Äußerlichkeiten nicht zu beeindrucken war, besser kennen sollen. Sie - das war jetzt auch für immer vorbei... Ron...
Juan strich sich eine Strähne seines schwarzen Haares aus dem Gesicht. Schien er nicht irgendwie nervös? "Wo wir gerade von ihr reden - wie geht es denn Hermine eigentlich? Weißt Du, wo sie ist? Ich habe versucht, sie zu erreichen, aber ihr Laden ist zugeschlossen! Ich finde das sehr merkwürdig. Stimmt die Geschichte mit dem Zeichen am Himmel? Hast Du es gesehen? Die Leute in der Winkelgasse erzählen -"
"Was erzählt man sich, Juan? Was weißt Du?" Harry horchte auf. Wusste sein Gegenüber etwas? War er vielleicht sogar beteiligt? Oder sah er schon überall Gespenster? Und was für einen wichtigen Fall bearbeitete der Spanier eigentlich, dass man ihn extra hierher geschickt hatte?
Die Augen des Spaniers weiteten sich.
„Ach, nichts Besonderes eben", stotterte dieser plötzlich, „jemand, jemand wäre bei Hermine eingebrochen, glaube ich, und man soll sie mitgenommen haben. Ja, das war es, was die Leute dort erzählen." Er machte eine Pause und beobachtete Harry ganz genau. Diesem waren die Qualen deutlich in seinem Gesicht anzusehen. Die Erinnerungen an diese grauenvolle Nacht kamen wieder hoch. Unbewusst rieb sich Harry Potter den Arm, an dem ihn ein Fluch seiner Gegner getroffen hatte.
Juan registrierte diese Bewegung. Und – er lächelte plötzlich!
„Tut es noch sehr weh?" Harry erstarrte mitten in der Bewegung. Woher sollte Juan wissen, dass man ihn am Arm getroffen hatte?? Poppy hätte sicher niemandem etwas erzählt, er selbst auch nicht – also musste Juan dabei gewesen sein!
Harry sprang auf und warf dabei den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, lautstark zu Boden, so dass die Kolleginnen und Kollegen aus dem Ministerium, die in der Nähe saßen, verwundert aufblickten.
„Harry Potter!" Juan Escobar Sanchez sprach ruhig, aber bestimmt, und diese Wandlung seines angeblichen Bekannten veranlasste Harry dazu, langsam wieder Platz zu nehmen.
„So ist es brav. Wir wollen doch keine schlafenden Hunde wecken. An Deiner Stelle würde ich mich zurückhalten. Du willst Deine Freundin doch sicher wieder sehen? Wenn Du sie auch noch im Stich lässt, bist Du sonst ganz allein!" Ein mieses Grinsen wanderte über das Gesicht des Spaniers.
„Wer bist Du wirklich? Und was hast Du mit der ganzen Sache zu tun?" Harry konnte seinen Zorn nur schwer kontrollieren. All die Trauer, die Sorgen, die er vor ein paar Minuten noch verspürt hatte, schienen sich in Hass gegen den einen Mann zu verwandeln, der ihm immer noch ganz ruhig gegenübersaß.
„Das tut nichts zur Sache." Juan fixierte Harrys Blick mit seinen Augen. „Ich bin hier, um Dir einen Rat unter Freunden zu geben. Halte Dich da raus, Harry, Du wirst es sonst bereuen! Sollte Mister Malfoy Dich oder ein anderes Mitglied Eures unsäglichen Ordens in Tintagel erblicken, sind seine beiden Geiseln des Todes! Ich mache keine Scherze, Harry – ich möchte doch einen so guten Freund, wie Du einer bist, nur ungern verlieren! Denk an meine Worte!"
Mit einem Kopfnicken erhob sich Juan Escobar Sanchez und schritt erhobenen Hauptes aus dem Saal.
Harry blieb nur eines – er musste zurück nach Hogwarts.
