54.

Mein lieber Severus,

wie geht es Dir? Bist Du mit Mephisto nach Hogwarts zurückgekehrt, nachdem Du mich in der Winkelgasse abgesetzt hast? Ich hoffe, meine Eule findet Dich dort. Ich möchte wissen, wo Du bist, Severus. Ich wäre so gern bei Dir... Ich möchte nie wieder ohne Dich sein.

Was wir zusammen erlebt haben – das bringt uns für immer zusammen, meinst Du nicht? Ich bin mir meiner Gefühle für Dich jetzt so sicher… Es ist unbeschreiblich.

Wie ist das nur alles so schnell gegangen? Wie haben Tonks und die anderen uns letztlich noch gefunden? Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit Harry zu sprechen; er hat mir ausrichten lassen, er hätte noch etwas Internes im Ministerium zu klären. Merkwürdig, aber was soll ich machen. Ich bin mir eh nicht so sicher, wie ich ihm gegenübertreten soll. Auf der einen Seite ist er mein bester Freund; auf der anderen Seite habe ich so lange schon nicht mehr ernsthaft mit ihm gesprochen. Weder weiß ich, wie es in ihm aussieht, noch, ob er den Tod von Ron überhaupt schon verarbeitet hat.

Obwohl, wie sollte er das? Er und auch wir haben im Augenblick ja keine ruhige Minute; die Gefahr wird immer größer, was Malfoy und dieses widerliche Bestiarium angeht.

Wie sollen wir Remus nur helfen, Severus? Wie können wir ihn finden? Und möchte er überhaupt dauerhaft menschliche Gestalt annehmen? Haben wir das Recht, ihm etwas vorzuschreiben? Doch letzten Endes ist diese Endgültigkeit vermutlich das einzige, was Remus dauerhaft vor den Malfoys beschützt und ihm ein verhältnismäßig ruhiges Leben bescheren kann.

Auch wenn der Codex noch immer bei Lucius sein sollte; diese spezielle Rezeptur hat sich mir in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich werde es vermutlich jederzeit im Schlaf rezitieren können. Von der rein wissenschaftlichen Seite her betrachtet würde ich gern mehr Zeit haben, um den Codex näher und ohne Druck untersuchen zu können. Wer weiß, welche Geheimnisse sich noch in ihm verbergen? Doch wenn er, so wie jetzt, in die falschen Hände gerät – wir sehen ja gerade, was Schlimmes passieren kann.

Severus, spürst Du noch Nachwirkungen? Wie fühlst Du Dich rein körperlich? Hat der Trank Nebenwirkungen? Wie es in Deinem Geist aussieht, wage ich kaum zu fragen. Was fühlst Du? Du musstest so viel schwereres Leid ertragen als ich, und das alles nur wegen mir. Gäbe es mich nicht, hätte ich nicht so unvorsichtig gehandelt, Du wärest Malfoy doch niemals in die Fänge gegangen.

Es tut mir so unendlich leid.

Eigentlich möchte ich hier gar nicht sein; hier, in meinem Geschäft, das immer noch so verwüstet aussieht wie nach dem Überfall; in dem ich immer wieder an der Stelle angelange, an der Ron zu Boden gesunken ist; ich fühle mich so unwohl hier. Vielleicht sollte ich alles verkaufen, was noch übrig ist. Die Lage ist ja nicht übel; vielleicht findet sich ein Käufer.

Nur, wohin soll ich gehen? Was soll ich mit meinem Leben anfangen, Severus? Ich fühle mich so allein… Was wäre, wenn ich mit dem Erlös aus dem Verkauf nach Nairne ziehe? Würdest Du auch dorthin wollen, Severus? Dort, an der einsamen Küste, hätten wir wohl die Ruhe, die wir beide sicher dringend nötig haben. Wir hätten die Gelegenheit, alles von Angesicht zu Angesicht aufzuarbeiten; darüber zu reden würde uns sicher gut tun, meinst Du nicht auch?

Wir könnten wundervolle Stunden lesend und redend vor dem Kamin verbringen, so, wie wir es uns immer vorgestellt haben.

Ich finde diesen Gedanken so verlockend… Ich könnte meine Studien wieder aufnehmen, und Du – nach Hogwarts apparieren, wann immer es nötig wäre.

Severus – wir beide, zusammen… Dieser Gedanke hat mich in der letzten Zeit so oft aufgefangen, wenn ich bereits aufgeben wollte. Und dann, dieser letzte Moment, bevor der Turm angegriffen wurde… Ich habe mich so begehrt, so geliebt gefühlt… Und so sicher in Deinen Armen… Ich würde dieses Gefühl so gern wieder erleben.

Ich liebe Dich, Severus.

Deine Hermine