55.
Immer wieder huschten seine Blicke über den Brief in seinen Händen. Ein undefinierbarer Ausdruck lag in seinen Gesichtszügen. Severus Snape gab ein leises Schnauben von sich.
Was war nur in Hermine gefahren? Und was hatte er sich nur dabei gedacht? Wie hatte er sie nur derart ermuntern können? Ja, sie war in Todesgefahr gewesen, er ja auch, aber er war das gewöhnt. Wie konnte er sich nur derart gehen lassen.
Und jetzt sprach Hermine gar von Liebe. L I E B E. Armes Mädchen, zu jung, sich der Bedeutung dieser Worte wahrscheinlich überhaupt nicht bewusst. In einer verzweifelten Geste strich er sich mit einer Hand durch seine Haare.
Das konnte einfach nicht gut gehen. Sie waren zu unterschiedlich, begriff sie das denn gar nicht? Sie waren in einer Gefahrensituation gewesen, da galten einfach andere Regeln. Wie konnte er ihr das nur klarmachen?
Seine Gedanken schweiften ab, er dachte an ihr Beisammensein in der Turmkammer. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Oh, nicht dass er Hermine nicht anziehend fand. Wäre der Orden nicht in diesem Moment…, sie war so weich, in ihren Augen stand ein Verlangen, wie er es bei einer Frau nur einmal und nur vor langer Zeit gesehen hatte.
Genug! Auch wenn der Dunkle Lord nicht mehr war, es gab genug andere Gefahrenpotentiale. In seinem Leben gab es einfach keinen Platz für eine Frau. Durch seine zahlreichen geheimen Aktivitäten, seine Lehrtätigkeit und nicht zuletzt, er war aufrichtig genug sich das einzugestehen, seinen wirklich nicht einfachen Charakter, war der Weg einer Beziehung mit ihm zwangsläufig vorgegeben. Es führte eher früher als später zu einer Trennung.
Severus musste zugeben, eine wirkliche Beziehung hatte er in dem Sinne nie geführt. Eigentlich waren es alle recht kurze sexuell orientierte Bekanntschaften gewesen. In den seltenen Fällen, wo eine Frau ihm gezeigt hatte, dass sie an mehr interessiert war, hatte er das Ganze umgehend beendet.
Und jetzt Hermine. Sie war so ganz anders als seine vorherigen Bekanntschaften. Kein Sex, aber Liebe. Severus war innerlich total blockiert. Er konnte, er wollte sich mit so etwas nicht befassen. Sein Verstand schrie förmlich Gefahr, Gefahr. Die leise Stimme in seinem Hinterkopf, die das Gegenteil behauptete, ignorierte er.
Laut seufzend setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann einen Brief.
Sehr geehrte Hermine,
Mephisto und ich sind unversehrt in Hogwarts angekommen. Dass der Orden so schnell eingreifen konnte, haben wir in erster Linie Mephisto zu verdanken. Deine Gedanken gab er an Malicia weiter, die sich dankenswerterweise in Hogwarts aufhielt.
Um Mister Potter würde ich mir an Deiner Stelle vorerst keine Gedanken machen. Er wird über den Tod von Mr. Weasley hinwegkommen, es wird nur eine Frage der Zeit sein, so ist es doch immer…
Wichtiger ist zurzeit natürlich Lucius Malfoy. Die Situation hat sich nicht zum Besseren gewendet. Auch wenn wir jetzt das Geheimnis des Codex Lupus kennen, einen wirklichen Fortschritt haben wir dennoch nicht erzielen können. In Kürze wird der Orden sich versammeln, Du erhältst entsprechende Nachricht.
Wie es mir geht? Ich würde sagen, den Umständen entsprechend gut. Mein Geruchssinn scheint sich verbessert zu haben und auch meine Sehkraft ist sehr viel besser geworden. Verwandelt habe ich mich nicht mehr, allerdings habe ich auch keinen konkreten Versuch unternommen.
Zu den letzten Zeilen Deines Briefes kann ich Dir nur folgendes sagen: Es war ein Traum, Hermine, Wunschdenken, das niemals in Erfüllung gehen wird. Ich hoffe, dass Du vernünftig genug sein wirst, dies zu erkennen. Ich bin kein Mann zum Verlieben, keine Frau könnte an meiner Seite ein glückliches und zufriedenes Leben führen.
Ich habe Aufgaben zu erfüllen, die mir für eine Beziehung einfach keine Zeit lassen. Zwangsläufig würdest Du irgendwann zu der Erkenntnis gelangen, dass eine Beziehung zwischen uns nur in einer Katastrophe enden kann. Wir sind zu unterschiedlich. Das Alter, die Welten, in denen wir leben. Und nicht zuletzt gebe ich zu bedenken, dass wir uns in einer Extremsituation befunden haben. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man plötzlich meint Gefühle für eine andere Person zu entwickeln, die man im Normalfall nie leiden konnte. Und Hermine, Du hast mich immer gehasst, verabscheut, Angst vor mir gehabt. Zu Recht.
Lebe Dein Leben Hermine, doch lebe es ohne mich. Suche Dir jemanden, der Dich so liebt wie Du es verdienst, denn ich kann es Dir nicht geben. Ich liebe Dich nicht.
Ich habe Dir das Foto Deines Cottages beigefügt, ich denke, es ist bei Dir besser aufgehoben.
Severus
Er beendete den Brief. Fast mit Abscheu las er ihn nochmals durch. Was tat er da? Er war doch wahnsinnig. Da war eine junge, hübsche, intelligente junge Frau, die ihn liebte. Ihn, die Fledermaus, den Todesser, wie konnte das sein? Er hatte Hermine nicht verdient. Er würde sie außerdem nur unglücklich machen. Sie würde ihn ändern wollen, er wollte sich nicht ändern.
Und außerdem, er liebte sie doch gar nicht. Liebe, was war das überhaupt? Und doch, tief in seinem Inneren spürte er, da war etwas, immer wenn er an Hermine dachte.
Er hatte Angst davor, Angst dem nachzugeben, verletzbar zu sein, es war etwas, was er nicht kannte, was völliges Neuland für ihn war.
Und er war noch nicht bereit, diesen unbekannten Weg zu gehen. Noch nicht.
Verloren starrte er in das Kaminfeuer, während er Hermines grüne Haarspange in seinen Händen liebevoll hin- und herdrehte.
A/N: Sorry, ich habe für dieses Kapitel ewig gebraucht. Ich hoffe wir werden es wieder etwas regelmäßiger schaffen...
