A/N: So schnell wird wahrscheinlich nie mehr ein Kapitel on kommen. Tut mir leid, es ist unkonventioneller ausgefallen, als erhofft.

Nachts im Regen

Kalte Regentropfen waren es, die ihn schließlich aus der Ohnmacht rissen. Er lag noch immer im Morast, in den er bis über die Brust eingesunken war. Trotz seiner hervorragenden Nachtsicht konnte er nur wenig erkennen. Hastig setzte er sich auf, Übelkeit und starke Schmerzen rissen an ihm und wollten ihn wieder zu Boden zwingen, doch er schaffte es, sie so gut wie möglich zu ignorieren. Er blickte sich um, suchte nach der Elfe, doch er konnte sie nirgends entdecken. Anscheinend war sie geflohen. Wut begann in ihm aufzusteigen, betäubte den Schmerz, der durch seine verletzte linke Schulter pulsierte, gab ihm die nötige Kraft, aufzustehen. Unsicher wankte er einige Schritte vorwärts. Prompt verfing sich sein Fuß irgendwo unter der Schlammschicht, er taumelte und fiel auf die Knie. Seine Hände verschwanden im Dreck bis knapp unterhalb der Ellenbogengelenke. Fluchend versuchte er den Schmutz abzuschütteln, als sein Blick auf einen menschlichen Umriss einige Meter vor ihm fiel. Die Elfe... Mühsam arbeitete er sich durch den Morast. Tatsächlich lag da seine Gefangene vor ihm, die er bereits verloren geglaubt hatte. Sie war nun eindeutig bewusstlos und ebenso eindeutig verletzt.
Überhaupt war es ein Wunder, dass sie bei ihrem Sturz auf der Seite gelandet war. Andernfalls wäre sie wohl jetzt tot, vom Schlamm erstickt. Er ließ sich auf die Knie nieder und besah sich ihren Rücken, über den quer eine hässliche Schramme verlief. Ihre Kleidung an jener Stelle war zerfetzt, ihr Rückgrat in unnatürlichem Winkel verkrümmt. Mithilfe seiner magischen Kräfte hob er ihren Körper aus dem Schlamm und bemühte sich, ihn stabil zu halten. Aufgrund seiner verletzten Schulter konnte er nur den rechten Arm gebrauchen und die Schmerzen nagten an seiner Konzentration. Vorsichtig tastete er sich mit seinem Geist an ihrer Wirbelsäule entlang, drang in die Knochen ein, suchte nach Bruchstellen oder anderen Verletzungen. Was er fand, sah kurz gesagt katastrophal aus. Einer der Wirbel im unteren Rücken war komplett zerschmettert, zwei nur einfach gebrochen und weitere drei angebrochen. Das bedeutete Lähmung. Er fluchte leise. Die Elfe würde später unter der Folter sowieso leiden müssen und er hatte eigentlich nicht vorgehabt, Verletzungen, die sie sich auf der Reise nach Gil'ead zuzog, zu heilen. Doch das hier...
Nicht dass er Mitgefühl in irgendeiner Art und Weise verspürt hätte, ganz im Gegenteil. Hass, stärker denn je, brodelte in ihm. Auf sie, auf den verfluchten König und vor allem aber auf sich selbst. Er hatte gute Lust dazu, sie einfach hier im Morast verrecken zu lassen. Die Konsequenz daraus wäre natürlich sein sofortiger Tod, sobald er dem König wieder gegenüberstünde. Er verfluchte sich für seine Dummheit. Hätte er nur nicht...
Ein leises Wimmern lies seinen Kopf herumfahren. Die Elfe war wieder bei Bewusstsein, ihre Lippen bewegten sich, als wolle sie etwas sagen. Er sah, wie ihre Finger zuckten, wie sie versuchte die Arme zu heben, spürte, wie die Pein sich durch ihr Rückenmark wühlte, ihren Geist marterte. Er hörte ihre Gedanken schreien, in einem wütenden, vernichtenden Mahlstrom der Verzweiflung toben, dessen Zentrum dieser Schmerz in ihrem Rücken war. Konfusion, Angst, Verzweiflung, Hass. Wimmern. Ihr Atem beschleunigte sich. Sie warf den Kopf hin und her. Regen tanzte auf ihrem Gesicht, ihr Haar wurde zur zornigen Fontäne. Fasziniert betrachtete er sie, unfähig, sich zu bewegen, nährte ihre Angst, um sich selbst von ihr zu nähren. Ein Hochgefühl ergriff ihn, Hass war der Nährboden für tödliche Träume. Er sank in ihren panikerfüllten Geist, räkelte sich darin, labte sich an ihrer Todesangst. Erlösung für ihn, für sie grenzenlose Grausamkeit. Aus vollen Zügen trank er ihre aufgewühlten Emotionen, gab sich dem Rausch hin. So lange war es her. So lange. Freiheit.
Ihre Gegenwehr spürte er erst, als ihre Gedanken sich durch die seinen bohrten wie ein Brandpfeil, als sie mit allen ihr verbliebenen Kräften versuchte, ihn zu vertreiben. Sie scheiterte. Er nahm die letzte Bastion vor dem Reich ihres Geistes, schlüpfte hinein wie ein Dieb in der Nacht. Gedanken, Erinnerungen, tonnenweise Leid und Freude, Gefühle wie bunte Vögel umschwirrten ihn. Er sah Bilder ihrer Heimat. Lichte Wälder, Sonne, spürte eine Ahnung frischen Windes auf seiner Haut, trauerte um Freunde, die gefallen waren, tanzte, sang. Berge, Flüsse, eine Stadt mitten im Wald. Freunde, weise Alte, Harfen und Flöten, Schwerter, sirrend und schimmernd. Immer wieder Angst. Heimliches Flüstern. Lange Ritte durch die Dunkelheit. Das Drachenei und ein alter Mann, dessen Gesicht ihm bekannt erschien. Und plötzlich Schwärze, zornig rot gesprenkelt. Er fühlte sich von scharfen Klauen gepackt und fortgerissen. Eine heisere Stimme schabte ihm mit dolchspitzen Worten die Seele aus dem Leib. Seine Augen öffneten sich, er wurde zurückgepresst in seinen Körper. Noch immer kniete er vor dem schwebenden Körper der Elfe, die unverletzte Hand zu einer Kralle gebogen über ihrem Antlitz. Er zitterte vor Anstrengung. Sie regte sich nicht. Ihr Mund stand halb offen, aus ihrer Nase lief ein dünnes Rinnsal hellroten Blutes über ihre Wange.

Nun war er es, den die Angst ergriff. War sie tot? Nein. Ihr Herz schlug noch. Ganz zart, ganz schwach. Kraftlos. Ihr Atem entstieg in unregelmäßigen Abständen ihrer Kehle, sich als kleines, silbernes Schreckgespenst kurzzeitig manifestierend, um dann vom Regen zerschossen zu werden. Seine Hand entspannte sich, schwebte für den Hauch eines Augenblicks über ihrer Wange, dann zog er sie zurück. Die Nüchternheit traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Was hatte er nur getan? Jetzt war sein Leben verwirkt. Ihr Geist war verschlossen und es war nicht mehr damit zu rechnen, dass sie jemals wieder ihr Bewusstsein zurückerlangen würde. Niemals hätte er sich von ihr mitreißen lassen dürfen. Niemals hätte er in diesen Rausch verfallen dürfen. Er hatte sie zu etwas Schlimmerem als dem Tod verdammt. Es tat ihm nicht leid um sie. Sie war eine von vielen, die durch ihn dieses Schicksal erleiden mussten. Aber er wusste, dass alle Informationen über die Verstecke und Pläne der Gegner des Imperiums, die er sich von ihr erhofft hatte, unweigerlich dahin waren und dieses Wissen war die Unterschrift unter seinem Todesurteil. Seine Gedanken brannten vor Scham und Zorn. Er musste fort von diesem unseligen Ort, ehe noch mehr Unglück geschah. Er versiegelte die gebrochenen Knochen in ihrem Rücken mithilfe eines Zaubers, um ihr nicht noch mehr Schaden zuzufügen, heilte seine Schulter so gut es ging, dann hob er sie auf seine Arme und machte sich zu Fuß auf den Weg zur Höhle.
Es war kein weiter Weg, doch die Elemente schienen ihm das Erreichen seines Ziels verweigern zu wollen. Mit der Last auf seinen Armen sank er bis übers Knie ein, Dickicht riss und zerrte an ihm, der Wind peitschte ihm den Regen mit einer solchen Härte ins Gesicht, dass er sich zum Teil mit geschlossenen Augen vorantasten musste. Der Schwindel, den die Schmerzen auslösten, wurde von Schritt zu Schritt schlimmer, immer öfter war er gezwungen, zu rasten. Schließlich, nach einer Ewigkeit, wie ihm schien, erreichte er die kleine Höhle. Hier hatte er sich schon einmal versteckt. Noch bevor er dem Imperium Loyalität geschworen hatte. Verletzt und krank, mit seinen Kräften am Ende, hatte er sich damals hierher geschleppt und sich vor den Häschern des Königs versteckt. Er hatte von Ratten gelebt und kleinen Vögeln, seine Genesung war nur schleppend vorangeschritten, die Angst war damals sein ständiger Begleiter gewesen.
Der Eingang zu seinem Versteck war niedrig und gut versteckt hinter einigen Büschen, von Immergrün und wilden Beeren überwuchert. Er schlüpfte hinein in den dunklen Hohlraum, die Elfe noch immer auf den Armen. Die Luft war kühl und roch modrig, aber nicht feucht. Seine Augen huschten über den Boden der Höhle auf der Suche nach einem Platz, wo er seine Last ablegen konnte. Überall Geröll und nackter Erdboden. In der hintersten Ecke, wo sich die Höhlendecke senkte, lag ein Haufen Laub, das wohl der Wind hereingetragen hatte. Mit dem Fuß stocherte er darin herum, um eventuelle Bewohner dieses Laubhaufens zu vertreiben, dann legte seine Gefangene darauf ab.
Im Großen und Ganzen war die Höhle unverändert. Sogar das Holz, das er damals in einer Ecke aufgeschichtet hatte, war noch da. Der Stoß war zwar im Laufe der Zeit eingerutscht, doch immer noch trocken. Der Schatten beeilte sich, ein Feuer zu entzünden, sein Gewand sowie das der Elfe zu trocknen und den Eingang der Höhle magisch zu versiegeln, um die Kälte draußen zu halten.

Draußen prasselte der Regen heftiger denn je auf den Wald hernieder, das dumpfe Trommeln der Tropfen war in der Höhle als ein schweres, monotones Summen zu vernehmen. Durzas Gedanken kreisten wie in Rage geratene Krähen um den Kadaver seines Versagens. Sinnlose, hilflose Wut auf seine eigene Unfähigkeit nagte an ihm, er zitterte vor Zorn. Dieser Auftrag war ein einziger Misserfolg. Wie sein ganzes verdammtes Leben. Niemals hatte er als höriger Sklave eines wahnsinnigen Tyrannen enden wollen. Er hatte sich Galbatorix angeschlossen, um seine Macht zu vergrößern, was ihm dem ersten Anschein nach auch gelungen war. Er war tatsächlich mächtiger geworden unter dem König, doch nur, was seine magischen Kräfte anbelangte. Doch das, was er angestrebt hatte, war ihm verwehrt geblieben: Freiheit. Wieder und wieder war er zum Knecht geworden, wieder und wieder hatte er sich zum Sündenbock gemacht. Seine ganze Existenz widerte ihn an. Da saß er, in dieser Höhle, seine Strafe für sein Versagen klar vor Augen, die Last der Vergangenheit auf den Schultern. Bilder blitzten vor ihm auf. Die traurige Kindheit des Menschen, dessen Körper er übernommen hatte, die unzähligen verstümmelten und bestialisch dahingeschlachteten Tiere aus der Zeit, als er verwirrt und hungrig durch die Wälder gezogen war, seine Gefangennahme durch Galbatorix, dessen brutale Strafen, die turmhohen Leichenberge, die er auf dieser Welt hinterlassen hatte, unzählige Schreie hallten durch seinen Geist. Galbatorix schätzte ihn als kaltblütigen Handlanger, der all das tat, was andere nicht konnten und dessen magische Kraft im ganzen Reich nahezu unübertroffen war. Als Werkzeug. Als Spielzeug. Er vertraute ihm nicht, quälte ihn, wann immer er Lust dazu hatte, verabscheute ihn von Grund auf. Nein, Galbatorix war niemals auch nur im Ansatz ein Meister für ihn gewesen, immer nur Tyrann. Nie hatte er Zuneigung erfahren, nie Vertrauen.

Circulus viciosus. Der Teufelskreis. Sein Dilemma. Jede von Galbatorix' Züchtigungen ließ seinen Hass noch stärker lodern, seine Wut noch heißer brennen, ließ ihn andere quälen, ließ ihn zum Gehassten werden. Und so wuchs sein Selbsthass, so steigerte sich seine Zerstörungswut, seine kaltblütige Brutalität, aus der wiederum neuer Selbsthass erwuchs. Er drehte sich im Kreis, immer schneller auf sein Ende zu. Ohne gelebt zu haben, ohne frei gewesen zu sein.
Mit zitternder Hand zog er den Dolch aus der Scheide, hielt ihn in die Flammen, bis die Klinge schwarz war vor Ruß. Heißer, mörderischer Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen, als er sich mit dem glühenden Metall ins Fleisch schnitt. Wieder und wieder ertönte jenes Zischen, das er so sehr verabscheute und nach dem ihm gleichzeitig so sehr verlangte, dass es ihn schier zerriss. Er spürte nicht, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen, er bemerkte nicht, wie ihm die Klinge entglitt, wie das Blut auf seine Robe tropfte, hörte den Regen nicht mehr prasseln, schloss die Augen und ließ sich fallen. Hinein in die Schwärze seines Untergangs, hinein ins Delirium, hinein ins Vergessen. Ein erschöpftes Seufzen entrang sich seiner Kehle, er lag wie tot.

Dies war seine Flucht, seine Hintertür. Er verließ jene Welt, die nichts als Grausamkeit für ihn übrig hatte, wechselte über in das Reich hinter dem Horizont, wo er allein war, wo er Frieden finden konnte, versteckte sich für eine Weile. Meist wurde er bald wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen. Hier ein Auftrag, dort ein Problem, dieses und jenes. Doch nicht heute. Heute würde er dort bleiben. Heute würde er nicht mehr zurückkehren. Es war warm in seinem Reich, warm und dunkel, man schwebte dort, ließ sich einfach treiben. Es gab weder Hunger noch Durst noch irgendwelche Zeit, nur Gedanken, die sich unendlich weit verzweigten, ein malerisches Geflecht aus Farben bildeten, ohne jeglichen Sinn zum Bildnis versponnen.
Mit einigem Erstaunen nahm er leichte Schwingungen wahr, wie weit entfernte, sehnsüchtige Musik. Noch nie hatte er etwas derartiges verspürt. Jemand war hier. Die Vibrationen wurden stärker, ein Rhythmus kristallisierte sich heraus. Herzschlag. Atem. Leben. Eine warme, zärtliche Hand berührte seinen Arm. Aus der Dunkelheit blickten ihn dunkelgrüne, schimmernde Augen an. Es war keine Bosheit in ihnen, nur ein wenig Bedauern und Mitgefühl. Die Augen schlossen sich, fremde Gedanken mischten sich unter die seinen. Ein Herz öffnete sich für ihn, goss Trost und Hoffnung aus, schenkte ihm Geborgenheit. Die Freude, die ihn erfasste, tilgte seinen Hass.
„Komm", forderte ihn eine weiche Stimme auf. „Komm zurück."

A/N: Auch wenns ganz anders aussieht, ist die Geschichte weiter denn je von einer Romanze entfernt - also keine falschen Hoffnungen
Joah - zu meiner Entschuldigung: Mein Kopf ist randvoll mit Schleim, soll heißen, ich bin erkältet. Tut mir leid für den Müll.

Lasst mir doch noch ein paar Kommentare da Danke