Unter dem Fels
Es war zu erwarten gewesen. Sie hatte sich geweigert, irgendetwas preiszugeben, hatte gelogen, geschwiegen, mehrdeutige Anspielungen gemacht. Durza war darüber auch nicht weiter verwundert. Von vornherein war ihm klar gewesen, dass sie wohl nur unter dem Einfluss starker Drogen irgendeine Art von Aussage machen würde.
Also hatte er sie erneut mit einem Zauber belegt, der ihren Willen in die Grenzen ihres Schädels verwies. Da ihm sein Pferd leider abhanden gekommen war, hatte er sich gezwungen gesehen, ihre Beine ebenfalls zu behexen. Von einem alten Sack aus der Höhle zu Blindheit und Taubheit verdammt stolperte die Elfenfrau neben dem Schatten her, die Hände auf den Rücken gebunden.
Durza erlaubte sich ein hämisches Grinsen. Das hier war wohl mitunter eine der schlimmsten Demütigungen, die man einer so stolzen Kriegerin antun konnte. Er hatte ihr die Kontrolle geraubt, sie konnte nichts tun außer sich in ihren Gedanken immer und immer wieder um sich selbst zu drehen. Bis zur Raserei. Sie wusste ja noch nicht einmal, wo sie sich befanden.
Unbarmherzig trieb er sie vorwärts, steigerte das Tempo noch einmal. Stunde um Stunde strich dahin und die Strecke, die zwischen ihnen und Gil'eads Verließen lag, schmolz stetig. Der Wald wurde lichter, das Gelände flacher, Wind war aufgekommen und hatte Nebel und Dunst vertrieben. Über ihnen, zwischen den Baumwipfeln nur undeutlich zu erkennen, jagten die Wolken über den Himmel. Die Dunkelheit würde bald über sie hereinbrechen. Es war Zeit, für die Nacht ein Versteck zu suchen, aus dem ihm seine Gefangene nicht entwischen konnte. Er selbst musste sich dringend regenerieren. Der in den vergangenen Stunden vollbrachte Gewaltmarsch hatte ihn einige Kraft gekostet, da er nicht nur seinen eigenen Leib zu bewegen hatte, sondern auch noch den der Elfe, während er gleichzeitig ihren Willen in Schach halten musste. Die Nacht über würde er ihr zusätzlich ein lähmendes Gift einflössen, um sicherzustellen, dass sie auch dort blieb, wo sie hingehörte.
Er musste nicht lange suchen. Eine kleine Nische zwischen zwei überhängenden Felswänden ganz in der Nähe bot ausreichend Schutz vor Niederschlag und den neugierigen Blicken eventueller Widersacher. Die Höhlung war gerade tief genug, um ihnen beiden Platz zu gewähren. Die Elfe fesselte er mit einem Haftzauber an das Gestein und flößte ihr das Serum ein, das ihr für diese Nacht jegliche Bewegung unmöglich machen sollte. Ihr versuchter Widerstand war geradezu lächerlich schwach.
Durza saß wenige Schritte von seiner Gefangenen entfernt auf dem harten, kalten Gestein und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Es wollte ihm einfach nicht gelingen. Er war sich nicht sicher, an was es lag. An der Präsenz dieser Frau, am Wind, der auf Blättern und Zweigen sein geheimnisvolles Konzert spielte oder an etwas anderem, dunklerem? Zielsicher und vorsichtig tastete er sich an ihren Geist heran, berührte ihn und zog sich rasch zurück. Eine leichte Verwirrung war in ihren Gedanken wahrnehmbar, als sie sich ihrerseits näherte.
„Was willst du, Schatten?"
Er antwortete nicht. Fühlte nur. Es war merkwürdig. Sie begegnete ihm nicht mit Feindseligkeit, wie er es erwartet hatte. Nicht einmal Wut war zu spüren. Wieder berührte er ihren Geist, hielt der Berührung aber stand und wich nicht. Die Gelegenheit war einmalig. Sie war die erste, deren Seele ihm nicht mit Feindseligkeit, Hass oder Verachtung begegnete. Noch nie war er einem fremden Bewusstsein außerhalb eines Kampfes so nahe gewesen. Er schloss die Augen, jedes Gefühl, jede Nuance dieser Stimmung in sich aufsaugend. Sie wich nicht aus, sie näherte sich ebenfalls. Diese Begegnung war geprägt von kühler, analytischer Neugier – keineswegs Vertrauen oder Zärtlichkeit. Sie maßen sich im Geiste wie zwei Gegner, die von vornherein wussten, dass eine offene Attacke nicht den geringsten Nutzen haben würde, weil ihre Kräfte gleichrangig waren. Sie näherte sich weiter an. Er fühlte Müdigkeit, Erschöpfung, Zittern und Schwanken.
Ihr Schutzwall war schwach und rissig, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, brutal in ihren Geist einzudringen und sich zu rauben, was er suchte. Doch er tat es nicht. Irgendein längst verloschen geglaubter Funke Moral hielt ihn zurück.
Carsaib? Möglich. Durza fühlte die unterdrückte Seele in ihrem Gefängnis nach Schlupflöchern tasten. Natürlich würde sie keine finden.
Unvermittelt legte die Elfe ihre Verteidigung nieder.
„Komm."
Der Lockruf löste ein Beben in seinem Geist aus, süß und schwer kroch Wärme durch seinen Leib. Zögerlich folgte er der Einladung. Näherte sich weiter an. Aus dem Dunkel vor seinem inneren Auge begannen Bilder zu sickern. Wie Honig, so zäh kroch die Masse aus Erinnerungen auf ihn zu. Grün und Braun waren die dominierenden Farben, ein wenig Gelb und Blau, ein wenig Schwarz und Weiß. Ein Wald. Das Bild manifestierte sich jäh vor ihm. Die Elfe stand vor ihm. Sie trug die selbe Lederrüstung, die selbe Tunika, ihr Haar war genauso frisiert, wie zu dem Zeitpunkt, als er sie gefangengenommen hatte. Tatsächlich erkannte er den Wald wieder. Hier war er noch vor zwei Tagen auf der Lauer gelegen, hatte auf seine sicher geglaubte Beute gewartet.
Ihre beiden elfischen Begleiter tauchten im Bild auf, man sah einen kurzen hastigen Dialog, dann stürmisches, halsbrecherisches Lospreschen, die Urgals, ein Schrei, die Elfe stürzte, sah, wie einer ihrer Begleiter von Durzas Todesfluch zur Strecke gebracht wurde. Dunkelheit folgte.
Der Schatten begann, sich unbehaglich zu fühlen. Warum das? Und warum so? Sie lieferte sich ihm aus, zeigte ihm einen Moment, der für sie selbst wohl einen schlimmen Verlust bedeutete – zumindest sagte das die Aura ihres Geistes, die sich ins bittere Grau der Trauer hüllte – und ließ ihn dann mehr oder weniger wortwörtlich stehen. Lockte sie Carsaib oder wollte sie Durza nur verunsichern?
„Faolin war sein Name", sagte sie bitter. „Wir waren verlobt."
Eine Situation, die ihn sonst absolut kalt ließ. Doch hier und jetzt, an der Seite dieser Frau, geriet seine ansonsten makellos eiskalte Fassade ins Wanken. Er spürte Schuld in sich aufsteigen, langsam und zäh, wie Luftblasen in Sirup. Es war nicht Carsaib. Es waren seine eigenen Gefühle. Der Boden brach ihm unter den Füßen weg. Sie hatte etwas geschafft, das weit jenseits allem lag, was er ihr im Entferntesten zugetraut hätte: Er war ihr in die Falle gegangen. Noch nie hatte er selbst soetwas wie Schuld gefühlt, Trauer, Reue, ja sogar ehrliche Freude waren Dinge, die ihm völlig fremd waren. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht, Carsaibs Gefühle in Schach zu halten und hatte gar nicht bemerkt, dass er selbst nicht völlig gefühllos war. Sicherlich, Wut, Angst, Hass und Gier zählten zu seinem Standartrepertoire, aber er hatte diese Emotionen nie als solche wahrgenommen. Sie lächelte sanft über seine plötzliche Verwirrung, die so stark war, dass er seinen mentalen Barrieren keinerlei Beachtung mehr schenkte.
Ein Überfall auf seine verborgenen Gedanken wäre jetzt ein Leichtes gewesen, doch sie wartete ab. Seine Konfusion wuchs stetig über die neuen Gefühle, genauso seine Angst davor. Im Grunde war er wohl die traurigste Kreatur auf ganz Alagaesia. Der schlimmste Mörder und Schlächter überhaupt, der unvorstellbare Mengen an Leichen hinter sich gelassen hatte und doch im Kern seines Wesens so unschuldig wie ein Kind. Sie hatte mit allem gerechnet – Spott, Hohn über ihre Gefühlsduselei noch am ehesten – aber diese Reaktion auf den Tod von Faolin war überraschend, allerdings nicht unerfreulich.
Er fühlte wieder ihre sanfte Berührung an seinem Geist. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich immer noch innerhalb ihrer Gedanken aufhielt und sie deswegen wohl auch alles mitbekommen hatte.
„Schäm dich nicht dafür", sagte sie mit leiser Stimme. „Ich kann dir nicht vergeben, was du getan hast. Noch nicht, der Schmerz sitzt noch zu tief. Aber ich bitte dich, nicht wieder zu begraben, was du gerade entdeckt hast."
Er wusste keine Antwort, fühlte seine Gedanken rasen und Scham und Reue wie Übelkeit in seinen Eingeweiden wühlen. Sie entfernte sich wieder von ihm, und obwohl er versuchte, sie davon abzuhalten, verschloss sich ihr Geist wieder und verstummte. Sie war eingeschlafen. Zitternd, verunsichtert und überwältigt von dem schieren Abgrund an Emotionen, der sich klaffend in ihm aufgetan hatte, blieb er zurück.
Von plötzlichem Schuldgefühl und dem Bedürfnis nach der Wärme eines anderen Wesens gepackt, löste er den Haftzauber, mit der er die Elfe am Gestein festgenagelt hatte und zog den zierlichen Frauenleib an sich. Sie fror, ihr ganzer Körper zitterte. Er nahm ihr den Sack vom Kopf und entfernte den Strick, der ihre Hände und Füße zusammenhielt. Im Schlaf schmiegte sie sich an ihn, ihr Haar kitzelte seine Wange. Er legte sich neben sie und breitete seinen Umhang über sie beide. Kurz darauf war auch er eingeschlafen.
Das erste Licht der Morgensonne, die zaghaft durch die Baumwipfel spitzelte, weckte ihn. Er fand sich an die Elfe geschmiegt, die Arme um sie gelegt und das Gesicht in ihrem nach Wald und Rauch riechenden Haar vergraben. Sie schlief noch, ihr flacher, regelmäßiger Atem zog in zarten Silberschwaden über ihre Schulter hinweg. Sie hatte eine seiner Hände ergriffen, ihre kühlen Finger waren mit seinen verflochten. Sie waren Todfeinde und lagen hier zusammen wie ein Liebespaar. Die Erkenntnis erschreckte ihn und doch lag darin auch etwas ungemein Beruhigendes. Nicht allein zu sein, gebraucht zu werden, und sei es nur, um ein bisschen Wärme in einer kalten Nacht zu spenden. Er spürte eine warme Taubheit in seinem Bauch, ein leises Knistern, eine gedämpfte Spannung und er glaubte sich daran zu erinnern, dass man dies Glück nannte. Anstatt sie grob zu wecken und ohne Frühstück zum Weitermarsch zu zwingen, wie er es vorgehabt hatte, blieb er liegen um die Stille der Natur und die Freude zu genießen, die ihre bloße Anwesenheit in ihm auslöste.
Freude... Auch das war neu für ihn. Ehrliche, einfache Freude, die keinen sadistischen Hintergrund hatte. Gefühle machten nicht nur schwach, wie er sich bisher erfolgreich eingeredet hatte. Gefühle wärmten auf eine Art, die kein Feuer der Welt ersetzen konnte. Er fühlte zum ersten Mal die Verbindung, die zwischen seinem Körper und seinem Geist bestand. Noch nie hatte er etwas ähnliches wahrgenommen, außer durch großen Schmerz. Immer war sein Leib für ihn ein notwendiges Übel gewesen, etwas, das zwar da war, aber das ihn meistens auch mehr behinderte, als dass es ihm half. Etwas, das ihn über die Maßen verletztlich machte.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren fragte er sich, was Carsaib wohl aus diesem Leben gemacht hätte, wenn er ihm nicht damals die Kontrolle über seinen Körper mit Gewalt entrissen hätte. Damals...
Er drohte geradewegs in die düsteren Gedankenwelt abzugleiten, die er sonst so fest verschlossen hielt, als ihm eine zarte Regung in seinen Armen verriet, dass die Elfe erwacht war. Für einen Moment spürte er ihre Verwirrung, dann Erleichterung, dann ein vorsichtiges Drücken seiner Hand. Sie zog ihre Hand nicht zurück, sondern rückte ganz im Gegenteil noch ein bisschen näher an ihn. Möglicherweise war ihr kalt. Er zog den Umhang zurecht, wagte es aber nicht mehr, seine Hand auf die ihre zu legen. Still blieb er neben ihr liegen, wartete ab. Plötzlich spürte er wieder ihre Finger auf den seinen. Die Berührung traf ihn wie ein Peitschenhieb. Sie tastete vorsichtig, spürte den Narben nach, wanderte auf seiner Haut umher. An seinen spitzen, scharfgefeilten Fingernägeln blieb sie kurz hängen, spielte mit ihnen. Er ließ es geschehen, seine Gedanken waren wie gelähmt, sein Blick gebannt von ihren anmutigen Bewegungen.
Wie berauscht lag er da, keines klaren Gedankens fähig. Alles erschien ihm so weit weg, so meilenweit weg von diesem Ort, als wäre es gar nicht wirklich, alles nur ein böser Traum. Alles konnte so einfach sein, so voller Frieden, wenn man die Regeln und den Alltag hinter sich ließ, wenn man vergaß, wer man war.
Vielleicht sollte er fliehen, alles hinter sich lassen, irgendwo in der Fremde ein neues Leben beginnen. Doch das war unmöglich, und das wusste er. Er war, wer er war und daran war nichts zu ändern: Der Schlächter des Königs und als solcher bis über die Grenzen des Reiches hinaus bekannt. Egal, wohin er ging, er wäre nirgends willkommen. Es sei denn... sein Blick blieb auf der Elfe ruhen. Die Varden. Allerdings war es mehr als fraglich, ob er bei ihnen Zuflucht finden würde, nach allem, was er ihnen in der Vergangenheit hatte angedeihen lassen. Zuflucht wahrscheinlich nur als Gefangener. Ein bitteres Lächeln zog über sein Antlitz. Nein, dieses Leben war verwirkt und daran war nichts zu ändern. Sie würden nach Gil'ead gehen, und hoffen, dass die Elfe preisgab, was er wissen wollte, bevor Galbatorix es sich mit brachialer Gewalt holte. Resigniert ließ er den Kopf sinken und schloss die Augen.
Hoffnungslosigkeit – war das auch neu? Nein, auch eher einer dieser alten Bekannten, die ihn nun schon eine ganze Weile in Frieden gelassen hatten, jetzt aber aus ihm unerfindlichen Gründen ihre Heimkehr feierten. Er hatte sich in der vergangenen Nacht vor seiner Gefangenen eine unglaubliche Blöße gegeben, er hatte sich übertölpeln und vollkommen von ihr einwickeln lassen. Noch nie war er irgendjemandem so auf den Leim gegangen – nicht einmal dem Imperator. Mit großer Sorgfalt hatte er versucht, ihre Vorstöße auf die versklavte Seele in ihm abzuwehren, und hatte nicht bemerkt, dass sie gar nicht auf Carsaib abzielte, sondern auf ihn selbst. Sein ach so schlauer Plan hatte ihm eine zunehmend schmerzhafte Niederlage eingebracht: Er wusste nicht, wie lange er den neu erwachten Gefühlen noch standhalten konnte. Über kurz oder lang würden sie ihm das Genick brechen, dass spürte er schon jetzt. Er musste dagegen ankämpfen, sie mit aller Macht wieder dorthin zurückdrängen, wo sie herkommen waren und sie dort wegschließen für alle Zeiten, wenn er die kommenden Tage überleben wollte.
Ruckartig zog er seine Hand zurück und stand auf. Er entfernte sich einige Schritte vom Nachtlager, atmete die kalte Morgenluft tief ein, fühlte das Brennen in seiner Brust. Langsam beruhigte sich sein Geist wieder. Durza zwang sich zur Ruhe, legte Schicht um Schicht Eis um sein Innerstes, ließ die tiefen Wasser der Gefühle wieder zu dem werden, was sie vor letzter Nacht gewesen waren: ein Gletscher der Gleichgültigkeit. Unwillkürlich trafen einige traurige Gedankenfetzen sein Bewusstsein, die die andere Seele in seinem Körper ausgesandt hatte. Ärgerlich wischte er sie beiseite und fühlte, wie die alte Wut in ihn zurückkehrte, ihn belebte, ihm Kraft gab. Ein letzter tiefer Atemzug, und er wandte sich wieder zu der Elfe um, auf deren vormals entspanntes Gesicht ein Ausdruck von Entsetzen und Bedauern trat. Es war Zeit, aufzubrechen...
