A/N: Achtung. Gegen Ende des Kapitels wird explizit körperliche Gewalt behandelt. Wer soetwas nicht mag, der möge bitte nicht weiterlesen um mich nachher dann mit Flames und Ähnlichem zu bedenken. Es hat schon seinen Grund, dass ich diese Geschichte mit T eingestuft habe.
Tief im Gewölbe
Durza hätte nicht sagen können, ob es sechs oder zehn Stunden waren, die sie jetzt schon ohne Pause zurückgelegt hatten. Er hatte wie am Vortag die Beine der Elfe mit einem Zauber belegt, sodass sie sich ohne ihr Zutun bewegten. Auf den Sack hatte er verzichtet. Sie hatten das Waldland mittlerweile hinter sich gelassen und bewegten sich nun über hügelige Steppe auf die Garnisonsstadt Gil'ead zu, die am Horizont als dunkler Schatten bereits sichtbar war.
Sie überschritten gerade die Kuppe eines weiteren Hügels, als die Elfe würgend auf die Knie fiel und sich erbrach. Ihr Magen gab nur ein wenig grünlichen, verwässerten Schleim von sich. Mit kreidebleichem, schweissüberzogenem Antlitz kippte sie auf die Seite und blieb zitternd im kärglichen Heidegras liegen. Sie hatte augenblicklich das Bewusstsein verloren. Entnervt stöhnte Durza auf und zog sie von der Hügelkuppe herunter in die Senke. „Verdammtes Elfenweib", entfuhr es ihm. Im selben Moment begann das Schuldgefühl wieder an ihm zu nagen. Er war im Grunde selbst schuld. Er hätte wissen müssen, dass sie einen solchen Gewaltmarsch nicht durchhalten würde, vor allem nicht, wenn sie seit wahrscheinlich mehr als drei Tagen nichts mehr Festes zu sich genommen hatte. Nun war guter Rat teuer. Mitten in der Steppe gab es außer ein paar Wurzeln, Beeren und mit etwas Glück ein paar Ratten kaum etwas Essbares. Und selbst das wäre nichts, was die Elfenfrau so bald wieder auf die Beine bringen würde. Ein rascher Griff an ihre Stirn bestätigte seine Vermutung: Fieber. Sie brauchte dringend medizinische Versorgung, die er ihr hier mit Ausnahme eines fiebersenkenden Mittels nicht gewähren konnte. Er hatte einfach nicht bedacht, dass sie schon vor Beginn ihres Marsches am Ende ihrer körperlichen Kräfte gewesen sein musste. Von einer vollkommenen Heilung des Bruchs in ihrem Rücken konnte nicht die Rede sein. Er hatte die Knochensplitter nur stabilisiert, aber nicht wieder zusammengefügt. Im Grunde hatte sie die Strecke nur mittels der Einwirkung seiner Magie zurückgelegt. Außerdem musste sie von der inzwischen wieder kräftig scheinenden Sonne in ihrem Lederpanzer fast gar gekocht worden sein. Es war schwülwarm, fast zu heiß für einen Tag im Frühherbst, und er selbst hatte mit der extrem feuchten Luft zu kämpfen, die über der Steppe hing. Nicht die leiseste Brise regte sich. Eigentlich ein Wunder, dass sie überhaupt bis hier gekommen waren. Er grinste sardonisch. Sein Blick wanderte einige Male zwischen Gil'ead und der Elfe hin und her, dann lud er sich kurzerhand ihren Leib auf die Schulter und setzte seinen Weg fort. Je schneller sie da waren, desto besser.
Sie befanden sie etwa eine halbe Meile vor den Stadttoren, als der Sturm losbrach. Innerhalb der letzten Stunde waren gigantische schwarze Wolkenberge von Westen her über den Himmel gezogen, die eindeutig heftigen Regen, wenn nicht noch Schlimmeres versprachen. Durza beeilte sich, steigerte das Tempo noch einmal, doch zu Fuß würde er die Stadt niemals trocken erreichen. Starke Windböen zerrten mittlerweile an seinem Gewand, drohten ihm mehrmals die Elfe von den Schultern zu reissen. Als der Regen einsetzte, steigerte sich der Wind zum Sturm. Riss und zerrte an ihm, ließ ihn stolpern und wanken und bremste ihn aus. Er errichtete einen magischen Schild um sich, der ihm zwar ein sicheres Vorwärtskommen garantierte, doch er saugte ihm auch langsam aber sicher alle Kraft aus.
Endlich, als schon dachte, er würde die Stadttore nie mehr erreichen, sah er sie wenige Schritte vor sich. Gerade noch schaffe er es, mit dem großen schmiedeeisernen Klopfer anzuklopfen, ehe ihn seine Kräfte verließen. Der Schild brach zusammen, der Sturm warf ihn um und vor seinen Augen breitete sich Schwärze aus.
Sein Erwachen fiel weitaus unangenehmer aus, als er es sich erhofft hatte. Ein nur allzu bekanntes Bohren beförderte seinen Geist schlagartig aus den tiefen Schichten des Schlaf, in die er sich eingehüllt hatte. Jemand war gerade dabei, seinen mentalen Schutzwall an verschiedenen Stellen brachial zu penetrieren, als Durza die Augen aufriss und geradewegs ins Gesicht des Imperators starrte. Der hatte eine Hand wie einen Schraubstock um die Schläfen des Schattens gespannt und sich über dessen Lager gebeugt.
„Sag mir, Durza, war dein Ausflug schön?" Galbatorix' Stimme war so schneidend kalt, dass der Schatten unwillkürlich ein Stechen im Magen verspürte. Sein Körper spannte sich schlagartig an, Schweiss trat auf seine Stirn. Er war verwirrt, wusste nicht wie ihm geschah, er war schwach und panisch. Seine Kehle war so trocken, dass er keine Antwort hervorbrachte. Doch das störte den König wenig.
Er beugte sich noch ein wenig weiter zu Durza herunter. Seine Augen glitzerten vor Hass, als er flüsterte: „Wo ist das Ei?"
Durza brachte nur einige sinnlose, dahingestammelte Satzfetzen heraus, die einzig und allein eines klar und deutlich aussagten: Er hatte das Ei verloren, auf ganzer Linie versagt und sich die Konfrontation diesbezüglich mit dem König ein wenig anderst vorgestellt.
„Wenn du es mir nicht sagen willst, mein Lieber, dann hole ich mir eben, was ich wissen will." Mit diesen Worten durchbrach er brutal den mentalen Schild des rothaarigen Hexers. Mit Durzas Geist ging er ebenfalls alles andere als sanft um, er wühlte, zerriss und zerpflückte Erinnerungen auf der Suche nach brauchbarer Information, wie mit dem Spaten grub er die Bilder der Reise nach Gil'ead um. Vergewaltigung wäre möglicherweise die angebrachteste Beschreibung für Galbatorix' Plünderfahrt durch die Gedanken des Schattens gewesen. Dieser schrie gequält auf, sein Leib verkrampfte sich, seine Hände klammerten sich verzweifelt am Bettzeug fest. Ein dünner Faden hellroten Blutes sickerte aus seiner Nase und lief seitlich seine Wange hinab. Mit letzter Kraft schaffte Durza es, den König aus seinem Geist zu verbannen, bevor er auf seine geheimsten, innersten Gedanken stieß, die er all die Jahre sicher verschlossen auf dem Grund seiner Seele weggesperrt hatte. Als der Imperator von ihm abließ, lachte er. Zynisch und kalt.
„Von einer halbtoten Elfe lässt er sich überfallen. Das ist fast zu schön um wahr zu sein." Der Spott brannte in Durzas Herzen. „Sieh zu, dass du wieder auf die Beine kommst. Nachdem du mir ja entgegen meines Befehls doch eine Gefangene mitgebracht hast, kannst du dich auch gleich um ihre Vernehmung kümmern. Bis morgen Abend will ich wissen, was sie weiß. Wenn du mir etwas verheimlichst, Schatten, oder es nicht schaffen solltest, Informationen zu liefern, werde ich die Zügel wohl oder übel wieder ein wenig anziehen müssen. Du hast nachgelassen in letzter Zeit." Auf dem Absatz wandte sich der König um und verließ mit wehendem schwarzen Umhang den kleinen Raum, der Durza als Schlaf- und Arbeitszimmer diente. Nicht viel mehr als die Zelle eines Mönchs, mit einer schmalen, harten Pritsche und einem dafür umso größeren Arbeitstisch ausgestattet. Die Wände waren kahl, ein Schrank voller Bücher und einigen Kleidungsstücken stand dem Bett gegenüber. Er befand sich in der Garnisonsfeste.
Durza schloss erschöpft die Augen und rollte sich auf die Seite. Sein Schädel schmerzte, als würde er gleich zerspringen. Er zitterte am ganzen Leib. Nicht nur wegen der Erschöpfung und der Schmerzen wegen, Wut und Angst waren die Ursache. Was auch immer der König erfahren hatte, es würde in auf gar keinen Fall zufriedenstellen. Schlimm genug, dass er überhaupt hier war. Er hätte die Elfe nicht herbringen dürfen, hätte sie laufen lassen sollen. Er hatte soeben ihr Todesurteil unterzeichnet. Sie würde niemals bis zum Abend des folgenden Tages preisgeben, was sie an Informationen zu verbergen hatte. Dann würde der Imperator wahrscheinlich selbst Nachforschungen anstellen. Galbatorix war nicht sonderlich geduldig. Und die Elfe zu schlau und zu stur und lieber zum Sterben bereit, als auch nur irgendetwas über die Varden zu verraten. Drei Tage gab er ihr noch, dann würde man sie draußen vor der Festung verscharren.
Resigniert zog er die Beine an, schlang die Arme um den Leib und versuchte, das Zittern in den Griff zu bekommen, während er nachdachte. Seine Gedanken begannen von ganz allein in eine Richtung zu laufen, die dem König sicherlich nicht gefallen würde, wüsste er davon. Irgendwann döste er ein, sank sachte in einen leichten, von Alpträumen geplagten Schlaf hinab.
Es war bereits dunkel im Zimmer, als das leise Geräusch von Schritten ihn weckte. Es war eine Bedienstete, die ihm einen frischen Krug mit Wasser brachte. Den Blick starr auf den Boden gerichtet, ohne in anzublicken, verrichtete sie ihre Arbeit und huschte wieder hinaus. Heute war einer der Tage, die ihn mit besonderem Nachdruck daran erinnerte, dass das Leben dem Vorteil, kein Mensch zu sein, bei jeder Gelegenheit den Nachteil entgegenstellte, auch nicht als solcher behandelt zu werden. Das Gesinde wie auch die königlichen Beamten und Generäle, die hier dienten, hatten ihn schon immer gemieden. Ein richtiges Gespräch mit einem Menschen hatte er zuletzt vor Jahren geführt. Anweisungen, Befehle, Nachrichten und natürlich die Befragung wichtiger Gefangener. Das war alles, was er tagtäglich zu reden hatte. Er hatte sich aufs Schweigen verlegt.
Plötzlich wurde ihm schmerzlich bewusst, wie sehr er die Anwesenheit der Elfe vermisste. Da war sie wieder, diese warme Schwere in seiner Brust. Diesmal jedoch stimmte sie ihn nicht fröhlich, sondern traurig. Was hätte er dafür gegeben, wieder mit ihr draußen zu sein, unter der Felswand im Wald. Doch sie waren nun in Gil'ead. Er musste wieder in seine Rolle als rechte Hand des Königs schlüpfen, in der er praktisch alles hatte, nur keine Freiheit. Er war genauso Gefangener, wie sie es war. Sein Käfig allerdings war im Unterschied zu ihrem nicht aus Stein, sondern aus Gold.
Er ließ sich Zeit, als er sich wusch und ankleidete. Mit einem schön geschnitzten Bernsteinkamm glättete er sein zerwühltes Haar. Routiniert, aber langsam gürtete er sein Schwert um, befestigte den tiefroten Umhang mit einer schweren Fibel an seinem Gewand. Seine Bewegungen waren träge, die Melancholie bremste ihn, er war dieser Farce so müde. Entsprechend lange brauchte er, bis er vor der Treppe zu den Kerkern stand. Es war der Eingang zu einem düsterem Reich voller Leid und Schmerzen, Gewimmer und Gestank. Seinem Reich, um genau zu sein. Mit gemessenen Schritten stieg er hinab, grüßte die Wachen knapp und ließ sich zur Zelle der Elfe führen. Man hatte sie in das finsterste, zugigste Loch ganz hinten gebracht, die Hälfte der Zellen war verwaist – ein seltener Zustand übrigens. Aus einer der benachbarten Zellen drang ein so überwältigender Verwesungsgestank, dass der Schatten mit aller Macht den Brechreiz unterdrücken musste. Diese arme Seele musste wohl irgendetwas Grauenhaftes angestellt haben, um sich so ein Ende zu verdienen. Wahrscheinlich hatte man denjenigen verhungern lassen.
Er ließ sich die Zelle aufsperren, wies den Wachmann an, hinter ihm wieder abzuschließen und vor der Tür zu warten. Als er eintrat, empfing ihn tintenschwarze Dunkelheit. Mit einem leisen Murmeln entzündete er die Fackeln, von denen er wusste, dass sie in den Halterungen an den Wänden steckten. Warmes, flackerndes Licht erhellte den niedrigen Raum ein wenig. Die Elfe war an seinem hinteren Ende an der feuchtkalten Wand angekettet. Man hatte ihr die Rüstung genommen und ihr wollenes Untergewand durch einen stinkenden, zerrissenen Lumpen getauscht, der über und über voll Blutflecken war. Ein schwerer Eisenring lag um ihren zierlichen Hals, eine kurze Kette schränkte ihre Bewegungsfreiheit gerade soweit ein, dass sie noch bis zu dem Loch in der Ecke kam, um ihre Notdurft zu verrichten. Sie war wach und starrte ihn aus funkelnden Augen an.
„Wir hatten eine Abmachung, Schatten", sagte sie mit leiser, brüchiger Stimme. „Du weißt, was die Konsequenz ist?"
„Und weißt du, was die Konsequenz für Aufmüpfigkeit ist?", entgegnete er fest, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.
Sie biss die Zähne aufeinander und sah ihn nur umso hasserfüllter an, als sie die Peitsche in seiner Hand erblickte. „Ich wünschte, ich könnte dir das hier ersparen. Es wird deinem Liebreiz wohl nicht unbedingt zuträglich sein, doch ich fürchte, auf andere Weise wirst du wohl kaum zur Beantwortung einiger Fragen bereit sein, oder?" Es war eine rhetorische Frage, auf die er ehrlich gesagt keinerlei Reaktion von ihr erwartet hatte, doch sie antwortete ihm scharfzüngig:
„Du kommst zu spät für solche Drohungen, Schatten. Die Ebenmäßigkeit meiner Haut ist das Letzte, um das ich fürchte, vor allem nach der überaus zuvorkommenden Behandlung durch deine Folterknechte."
Sie spie ihm die Worte förmlich entgegen. Er musste sich beherrschen, um nicht die Augenbrauen überrascht nach oben zu ziehen, sondern seine starre kühle Miene zu bewahren. Tatsächlich entdeckte er einige Striemen auf ihren bloßen Schenkeln. Galbatorix war schneller gewesen. Er war in einer denkbar schlechten Position. Eigentlich war er davon ausgegangen, der erste zu sein, der sie befragte, zumal ihm auch nichts Gegenteiliges mitgeteilt worden war. Das hier war nur noch Scharade. Die Elfe wusste so gut wie er selbst, dass Durza nicht mehr Herr der Lage war und gegen Galbatorix auf ganzer Linie verloren hatte. Er stand vor der Wahl, dieses aussichtslose Spiel weiterzuspielen oder aufzugeben. Welcher der beiden Wege der richtige war, um seine Haut zu retten, konnte er vom jetzigen Stand der Dinge aus nicht erahnen. Dann würde er den Weg wählen, von dem er noch am ehesten hoffen konnte, dass er ihm die Kontrolle über die Situation zurückgeben würde.
„Nun, dann weißt du ja bereits, was dich erwartet", sprach er leichthin und zerrte die Elfe mithilfe seiner Magie auf die Füße. Er packte sie und drehte sie brutal herum, sodass sie mit dem Gesicht zur Wand stand. Sofort schossen schmiedeeiserne Scharnierfesseln aus dem massiven Gestein, die sich ihr um Hand- und Fußgelenke schlossen.
„Glaub ja nicht, dass du auch nur irgendeine Antwort bekommen wirst, du Monster.", zischte sie ihm über ihre Schulter hinweg entgegen. Schneidend krachte er erste Peitschenhieb auf ihren Rücken. Der Stoff des Hemdchens zerriss. Einige der alten Wunden brachen auf. Sie stöhnte. Ein zweiter Hieb, ein Schrei. Blut spritzte. Zwanzig Schläge, zwanzig heisere Schmerzenschreie. Dann hielt er inne. Trat hinter sie. Legte sanft eine Hand auf das offene Fleisch auf ihrem Rücken und raunte ihr ins Ohr: „Vielleicht kannst du mich zum Aufhören bewegen, wenn du mir ein wenig über die Varden erzählst, meinst du nicht?"
„Niemals."
Er schlug mit dem Peitschgriff zu. Wieder schrie sie auf. Mit leichtem Druck zeichnete er die Wundränder nach, lauschte ihrem Wimmern, trieb sie an den Rand des Wahnsinns und wusste doch genau, dass er sie weder um Gnade flehen hören würde noch etwas über die Varden und ihre Pläne herausfinden würde.
