A/N: Wie im vorigen Kapitel auch hier wieder eine Warnung vor expliziten Gewaltdarstellungen. Wie gehabt mögen die Leute mit den schwachen Nerven hier besser nicht weiterlesen, ich will nicht an schlafraubenden Alpträumen schuldig sein.
Den Abgrund hinab
Als er wieder auf den Gang der Kerkerzeile hinaustrat, war er blutbesudelt und ihm war speiübel. Wankend schleppte er sich zurück in seine Kammer, wo er sich übergab. Er hatte die ganze Nacht in der Zelle verbracht und nichts erfahren. Am heutigen Abend würde Galbatorix seine Versagen ahnden. Vermutlich mit dem Tod oder Schlimmerem. Da war es wieder, dieses Wühlen in seiner Kehle. Schuld. Ja, er war schuldig. Er hatte nicht nur sein eigenes Leben weggeworfen. Auch das der Elfe, auch das von tausend weiteren Gefangenen, die er im Lauf der Jahre langsam und qualvoll zu Tode gefoltert hatte. Er hatte gefoltert und gemordet und alles getan, um die Gunst des Königs nicht zu verlieren. Lange Zeit hatte er es geschafft, doch neuerdings begann alles, was er sich aufgebaut hatte, wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Er grinste sardonisch: Ein Kartenhaus aus schwarzen Petern. Eifrig hatte er Sünde auf Sünde getürmt, um nicht im Morast der Sündhaftigkeit zu versinken. Er hatte Feuer mit Feuer bekämpft und musste sich jetzt wundern, dass er sich die Hände verbrannt hatte. Ein hysterisches Lachen schüttelte ihn. Für so schlau und gerissen hatte er sich gehalten, und jetzt, wo ihm die Augen aufgingen, sah er den Narren, der er war. Hilflose Wut kochte hoch, ließ ihn erneut erbrechen. Oh, er schämte sich seiner selbst. Tränen standen ihm in den Augen, auf dem Boden kauernd wiegte er sich vor und zurück, die scharfen Fingernägel bohrten sich durch das dünne Hemd in seine Haut. Sein Geist raste, er wusste sich keinen Ausweg mehr. Alles deutete auf sein Ende hin. Die Elfe würde nicht reden, Galbatorix schien ihn satt zu haben und konnte ihn doch nicht einfach laufen lassen, zu groß war die Gefahr, dass er überlief. Er konnte auch nicht fliehen, er wusste nicht wohin. Vom Imperator und den Varden gejagt zu werden war etwas, das niemand, nicht einmal ein Schatten, länger als eine Woche überleben konnte. Allerdings – konnte sich Galbatorix wirklich leisten, seinen mächtigsten Magier zu verlieren? Eigentlich nicht, es sei denn...
Grausen packte ihn. Schon seit längerer Zeit, das wusste er, war der König auf der Suche nach einem Mittel, einem anderen Wesen die magische Kraft zu entziehen und sich selbst anzueignen. Möglicherweise hatte er dieses Mittel gefunden. Dass es nicht unmöglich war, wusste er ebenfalls. Zwei oder drei Mal war er selbst schon Zeuge eines solchen Vorgangs gewesen. Allerdings waren die Beteiligten immer von Natur aus magiebegabte Wesen gewesen, und nie Menschen, die ihre magische Kraft durch die Drachen bezogen.
Wie betäubt wechselte er seine Kleidung und kehrte wieder zurück in die Kerker. Diesmal hatte er keine einfache Lederpeitsche in der Hand, als er ihre Zelle betrat. Als sie die mit metallenen Dornen besetzte Geisel sah, riss sie entsetzt die Augen auf.
„Diesmal werde ich nicht von dir ablassen, bevor ich eine Antwort von dir bekommen habe, Elfenweib", zischte er wütend und warf sie bösartig grinsend an die Wand, wo sofort wieder Hand- und Fußschellen sich ihrer zarten Gelenke bemächtigten. Sirrend und in schneller Abfolge gingen die ersten zwanzig Hiebe auf sie nieder. „Was hast du gestern meinen Dienern erzählt?"
„Nichts."
Er glaubte ihr nicht. Weitere fünf Schläge, die ihren Rücken in eine einzige Wunde verwandelten. Zusätzlich riss er mit aller Macht an ihrem geistigen Schutzschild. Es brauchte weitere zehn Hiebe mit der Geisel und noch brutaleren Druck auf ihren Geist, um ihn zu durchbrechen. Er brauchte nicht lange, um das gesuchte Gespäch zu finden. Es bestand hauptsächlich aus den ungeschickten Fragen des schmierigen Kerkermeisters und ihren hasserfüllten, zynischen Spitzen sowie ihren Schreien. Doch Information hatte sie keine preisgegeben. Er lächelte zufrieden, und wollte gerade beginnen, nach Informationen über den Aufenthaltsort der Varden zu suchen, als sie ihn mit einem verzweifelten „Nein!" aus ihren Gedanken beförderte.
Die Wut in ihm loderte. So nahe am Ziel und dann das. Die Alte Sprache murmelnd verwandelte er etwas Dreck vom Zellenboden in reines Salz.
„Nein, meine Liebe?", fragte er süffisant und begann, ihr das Salz in die Wunden zu reiben. Ihre Schreie verloren alles menschliche. Als er endlich von ihr abließ, war sie nur noch ein wimmerndes Bündel.
Durza ließ sich von den Wachen einen Eimer eiskaltes Wasser aus den Quellen unter der Festung bringen. Er riss einen Fetzen ihres Gefangenenkittels ab, tauchte ihn ein und wusch ihr mit etwas mehr Druck als nötig die Wunden aus. Ihm war jedes Mittel recht, um an auch nur irgendeine Information zu kommen. Wieder brüllte und kreischte sie ihren Schmerz hinaus, drohte ihm mit sich überschlagender Stimme einen grausamen Tod an, sollte sie diese Zelle lebend verlassen. Er lachte sie aus und fuhr mit der Behandlung des verletzten Fleisches fort. Als er fertig war, war das Wasser im Eimer rot. Kraftlos hing die Elfe in ihren Fesseln an der Wand. Sie war bewusstlos, fieberte wieder. Die kärglichen Mahlzeiten, die man ihr gebracht hatte, waren unberührt. Sie musste kurz vor dem Verhungern sein, zumindest nach menschlichen Maßstäben. Wieder trat er hinter sie, legte ihr diesmal beide Hände auf den Rücken und flüsterte einen Heilzauber, der die Wunden schloss.
Der Energieschub riss sie aus der Ohnmacht. Sie spürte ihn hinter sich, so nah. Ihr Körper spannte sich an. Ihre Angst war förmlich zu riechen. Spielerisch ließ er seine Hände wandern. Die rosafarbene, neu entstandene Haut auf ihrem Rücken musste übersensibel sein. Seine Finger waren eiskalt von dem Wasser und fühlten sich bestimmt widerwärtig an. Er grinste. Vorsichtig schob er seine Hände ein wenig weiter unter ihr zerrissenes Gewand, streichelte ihre Hüften, genoss es, wie sie scharf die Luft einsog. Er trat noch näher an sie heran, bis nur noch Millimeter seine Brust von ihren Schultern trennten, dann beugte er sich vor, um ihr mit sanfter, samtiger Stimme ins Ohr zu hauchen: „Faolin, nicht wahr? Erzähl mir von ihm."
Sie versteinerte praktisch. Er spürte ihre Wut, ihren Zorn und ihre Trauer. So dicht unter einer so dünnen Oberfläche. Lange würde sie die Kontrolle nicht mehr behalten.
„Siehst du ihn vor dir, wenn du allein bist? Sein Gesicht? Siehst du, wie er starb? Wie ihn mein Fluch trifft, wie er vom Pferd fällt und von den Füßen der Urgals zerstampft wird?"
Sie zitterte vor Zorn. Ihre Zähne waren fest aufeinandergebissen, ihr Atem ging stoßweise.
„Ein gnädiger Tod, nicht wahr? Vielleicht hätte ich ihn gefangennehmen sollen und ihn foltern, an deiner statt. Dann würdest du jetzt im Wald liegen und verfaulen."
Das war genug. Sie verlor die Beherrschung, riss an ihren Fesseln, schrie und tobte und war doch hilflos ihm ausgeliefert. Er lachte nur und drang zum zweiten Mal in ihren Geist vor. Er fand sich in einem einzigen gigantischen Chaos aus Erinnerungen wieder, die ihn wütend umtobten. Die meisten betrafen ihren Verlobten. Er erhaschte einige Blicke in die Hauptstadt der Elfen, erblickte ein dunkelhäutiges Gesicht, das ihm bekannt wart: Ajihad. Er folgte dieser Spur, doch die Bilder verschmierten zusehends, sodass es ihm unmöglich war, aus den Farbschleiern etwas herauszulesen. Doch plötzlich manifestierte sich ein Bild klar vor ihm. Ein dunkler Wald, nebelverhangen. Ein junger Mann mit Pfeil und Bogen auf der Jagd. Das Ei auf dem Waldboden. Dann ein Bauernhaus in den Bergen. Der Buckel. Ein blauer Drache schlüpfte. Das Bild verschmierte, löste sich auf. Dunkelheit umfing ihn. Er zog sich zurück, ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Die Elfe war wieder bewusstlos, fiel schlaff in seine Arme, als er die Fesseln löste. Behutsam legte er sie auf die harte Pritsche, breitete seinen Mantel über sie. Sie sollte ruhig sehen, dass er ihr Entgegenkommen – auch wenn es unfreiwillig war – großzügig honorierte. Zufrieden lächelnd begab er sich zum Thronsaal, die Hände noch immer beschmiert mit ihrem Blut.
Die Nachricht vom Aufenthaltsort des Eies hatte Galbatorix' Zorn vorübergehend gemildert, als er jedoch hörte, dass der Drache geschlüpft wäre, explodierte er förmlich. Er griff den Schatten mit einer überwältigenden Kraft an, warf ihn zu Boden, machte ihn jeder Bewegung unfähig und ließ dann einen wahren Hagel an schmerzhaften Flüchen auf ihn niedergehen. Er wäre unfähig, ein paar Informationen aus einem dreisten Elfenweib herauszubringen, ein Versager, nichtsnutzig. Dann war er über ihm, packte ihn an der Kehle, würgte ihn, der Wahnsinn loderte in seinen Augen. Seine Magie fuhr wie ein Schwarm wildgewordener Klingen über den Schatten hinweg. Wahrscheinlich hätte er seinen Untergebenen noch umgebracht, wäre nicht ein Bote dazwischengekommen, der Galbatorix' sofortige Abreise nach Uru'baen forderte. Durza lag blutend und der Ohnmacht nahe auf dem kalten Stein und wagte nicht, sich zu bewegen, bis der Imperator den Raum verlassen hatte. Ein letzter Fußtritt von metallbeschlagenen Stiefeln direkt in seinen Magen, dann hastige, schwere Schritte, eine knallende Tür und endlich, endlich Stille. Wie hatte er das bisher nur ausgehalten? Stöhnend stemmte er sich in die Höhe, das Blut troff ihm vom Kinn und aus den zahlreichen Schnitten, die seinen Körper der Länge nach überzogen. Nannte man das Pech oder eher komplettes, vollständiges, absolutes Versagen auf ganzer Linie?
