Farbe Sepia, seziert
Er brauchte die ganze Nacht, um sich halbwegs zu regenerieren. Am folgenden Morgen waren die Schnitte immer noch sichtbar, aber verschorft. Sie spannten und brannten bei jeder Bewegung. Er sah schrecklich aus. Als er die Kerkerzelle der Elfe betrat, musste er zu seiner Verbitterung feststellen, dass seine Gefangene wesentlich erholter aussah als er. Sie schlief noch, hatte seinen Umhang fest um sich gewickelt. Das dunkle Rot stand ihr gut. Vorsichtig und so leise wie möglich ließ er sich auf dem Rand der Pritsche nieder. Er würde warten, bis sie von selbst erwachte. Den Ausdruck des Entsetztens auf ihrem Gesicht würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Er musste lange warten, ehe sie blinzelnd die Augen aufschlug. Er bemerkte es nicht, hatte vollkommen in Gedanken versunken an die Wand gestarrt, das Gesicht auf die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestützt. Als sie ihn erkannte, zuckte sie zusammen. Sein Kopf flog herum, seine gelblichen Augen bohrten sich in ihre grünen.
„Ein guten Morgen wünsche ich", begrüßte er sie mit einem maliziösen Lächeln. Sie erwiderte nichts, sondern starrte nur verwirrt auf seinen Umhang, der über sie gebreitet war.
„Behalte ihn. Ich weiß sehr wohl, dass die Nächte hier unten verdammt kalt sind." Seine Stimme klang freundlich, ganz anders als gestern. In ihren Blick trat ein misstrauischer Ausdruck. Ganz offensichtlich traute sie dem Frieden nicht. Plötzlich funkelte in dem warmen Dunkelgrün ihrer Augen eine geradezu kindliche Neugier auf. Ihr Blick war auf seinen Hals gerichtet.
„Du blutest, Schatten." Ihre Stimme war über die Maßen heiser und fast gar nicht mehr als ihre zu erkennen. Er fasste sich an die Stelle unter seinem Kieferknochen, die ihren Blick so fesselte und fühlte tatsächlich Blut. Einer der Schnitte war wieder aufgerissen. Glücklicherweise trug er ein sehr hochgeschlossenes Gewand, sodass sie nicht sehen konnte, wie der Rest von seinem Körper aussah.
„War dein Meister nicht zufrieden mit dem, was er erfahren hat?" Sie neckte ihn. Er sah das kaum merkliche Lächeln auf ihren Lippen. Er verzog das Gesicht, wischte sich ärgerlich das Blut ab und wandte sich ab.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und einer der Wachmänner kam herein. Er brachte ihre Mahlzeit. Mit einem knappen, erschrockenen Blick auf den Schatten, der so seelenruhig auf der Bettkante der Gefangenen saß, sein Umhang über sie gebreitet, stellte er die Schüssel neben der Tür ab und verließ den Raum wieder. Hafergrütze gab es heute also. Der Koch überbot sich Woche für Woche von neuem.
Durza stand auf und ging hinüber, um ihr die Schüssel zu holen.
„Du solltest etwas essen. Deine Kraft schwindet zusehends.", sagte er sanft. Irritiert blickte sie ihn an, warf dann einen Blick auf den schleimig grauen Brei, der mehr Kleister ähnelte als einer Mahlzeit. Sie drehte sich weg und starrte an die Wand. Mit einem wissenden Lächeln zog Durza einen wunderschönen, rotbackigen Apfel aus einer Tasche seines Gewandes und hielt ihn ihr hin. Der Blick, den er jetzt erntete, war geradezu entgeistert, dann biss sie die Zähne zusammen, setzte sich auf, griff sich die Schüssel und begann mit offensichtlichem Ekel, den Inhalt in sich hineinzuschaufeln. Der Schatten lachte kurz und freudlos, stellte den Apfel dann aber neben dem Bett auf den Boden. Kaum hatte sie ihr kärgliches Mahl beendet, sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf, wankte zu dem Loch in der Ecke und übergab sich. Erschöpft und mit schweissnasser Stirn sank sie an der Wand entlang zu Boden. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem ging schwer. Sie hatte tatsächlich keine Kraft mehr, ihr Magen rebellierte gegen jede Nahrung. Mit zitternden Fingern wischte sie sich über die Lippen, nur um sich kurz danach noch einmal zu erbrechen. Das Zittern ging auf ihren gesamten Körper über. Sorge ergriff ihn. Der Zustand seiner Gefangenen war kritisch. Heute musste er die Foltersitzung wohl ausfallen lassen, damit würde er sie nur umbringen. Dann wäre ihm der endgültige Bruch mit Galbatorix sicher.
Mit einigen schnellen Schritten war er bei ihr und kniete sich neben sie. Behutsam wischte er ihr das Erbrochene von den Lippen und den Schweiss von der Stirn. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, gegen seine Berührungen zu protestieren. Wie am Abend zuvor zog er sie in seine Arme und legte sie auf die Pritsche. Sie wimmerte, krümmte sich und schlang die Arme um ihren Bauch. Das Fieber war sehr hoch, weit über dem, was ein Mensch überleben konnte. Er eilte hinaus, um Wasser und einige Lappen zu holen und ein fiebersenkendes Mittel beschaffen zu lassen. Kaum war er zurück auf der Schwelle der Zellentür, warf ihn ein Ausbruch magischer Kraft zurück. Die Elfe schrie auf, ihr Leib wurde von schlimmen Zuckungen geschüttelt. Dünne, weißlich grüne Funken eruptierten von ihren Händen, die sie sich gegen den Schädel presste. Ihr Schutzschild, überdimensional aufgeblasen, hinderte ihn am Betreten des Raumes. Er konnte nichts für sie tun, war gezwungen zurzusehen und zu hoffen, dass dieser Anfall nicht tödlich endete. Er hatte dergleichen schon öfter gesehen – vor allem bei Lehrlingen, die sich körperlich komplett verausgabt hatten, ihre Magie aber kaum verbraucht hatten. Der Körper stieß in einer Reaktion des Selbstschutzes die magische Energie ab, verbrauchte unkontrolliert in Sekunden Unmengen davon, um zu verhindern, dass die zu starke, ungewohnte Kraft ihn innerlich verbrannte, was zur Folge hatte, dass ihm auch sämtliche Lebensenergie entzogen wurde. So etwas konnte nur eine starke Seele überleben, die auch den Willen hatte, dem Tod zu entkommen. Diejenige, die es überlebten, brauchten Monate oder gar Jahre, um zu ihren alten Fähigkeiten zurückzufinden.
Noch einmal bäumte sich die Elfe auf, stieß einen bestialischen, markerschütternden Schrei aus und fiel dann schlaff zurück auf das harte Holz der Pritsche. Der Schild brach zusammen, die Funken verschwanden blitzartig wieder in ihrem Leib.
Durza, den Eimer in der Hand und die Tücher auf dem Arm, trat vorsichtig ein, auf ein Nachbeben gefasst. Es kam nicht. Er setzte sich neben seine Gefangene, fühlte ihren Puls und kontrollierte die Atmung. Beides nur noch schwach vorhanden – aber immerhin. Er wusch ihr das Gesicht, legte ihr einen weiteren nasskalten Lappen auf die Stirn.
Nach einiger Zeit stabilisierte sich ihr Puls ein wenig, auch ihre Atmung wurde kräftiger und sie begann zu träumen. Nachdem sie ihren Geist nicht mehr vor Zugriffen geschützt hatte, bekam jedes magiebegabte Wesen, das sich in ihrer Nähe aufhielt, unwillkürlich mit, was sich in ihrer Gedankenwelt abspielte. Dieser Schutz der eigenen Gedanken diente, wie er damals in der Wüste von Haeg gelernt hatte, nämlich nicht nur dazu, etwas vor anderen zu verbergen, sondern auch, andere vor den eigenen Gedanken zu schützen. Nach den langen Jahren, die er jetzt schon mit der Ausübung von Magie verbracht hatte, war ihm langsam bewusst geworden, was der alte Zauberer damit gemeint hatte: Gedanken konnten töten, wenn man sie nicht ständig unter Kontrolle hielt.
Er wusste, dass er jetzt mehr denn je in Lebensgefahr war. Sie hasste ihn und sobald sie nur einen einzigen hasserfüllten Gedanken an ihn verschwendete, dann würde er das schmerzhaft zu spüren bekommen. Momentan bewegten sich ihre Träume in vergleichsweise harmlosen Bahnen. Ihr Verlobter, Kindheitserinnerungen, Bilder von Ritten durch einen lichten, wunderschönen Wald. Dann plötzlich fokusierte sich der Strom der Erinnerungen auf etwas außerhalb der Kerkermauern. Einer alter Mann, ein Junge, ein halbwüchsiger blauer Drache. Der Junge sah auf, blickte genau in ihre Richtung. Er schien verwirrt zu sein, fuhr sich über die Augen. Der Drache wurde ebenfalls unruhig. Der Schatten biss ärgerlich die Zähne zusammen, als er den Alten erkannte: Brom. Ausgerechnet er musste sich des Jungen angenommen haben. Jetzt würde es natürlich schwierig werden, ihn für das Imperium zu gewinnen. Allerdings... die Elfe hatte den jungen Reiter kontaktiert und ihm wahrscheinlich ein Bild ihrer Gefangenschaft gezeigt. Mit etwas Glück war der junge Mann dumm genug und kam her. Wenn man ihn nur geschickt genug lockte...
Die Träume der Elfe kehrten wieder zurück zum alten Sujet. Faolin, der letzte Ritt mit ihm, der Angriff. Plötzlich schlug dem Schatten der pure Hass, einer Feuerlohe gleich, entgegen und ließ ihn entsetzt aufspringen. Doch zu spät. Er wurde gegen die Wand geschmettert, fühlte unglaublichen Druck auf sich und merkte, wie seine Rippen zu knacken begannen. Unsichtbare Peitschen fuhren auf seinen Leib nieder, seine Augen begannen zu brennen. Wie mit tausend feinen Nadeln begannen sich die Gedanken der Elfe auf seinem Körper zu manifestieren, wuschen mit sanften Rucken seine Kleidung weg, spülten die Schnitte, die er dem Imperator verdankte, einfach davon, bis sein ganzes Selbst eingehüllt war von grünen Funken, die auf tiefroten Wasserfällen tanzen. Unter dem Schmerz gaben seine Beine nach, konnten ihn nicht mehr tragen. Er sackte zu Boden, kein Stückchen Haut an ihm war noch unversehrt. Die Pein auf seiner Brust intensivierte sich. Wie mit glühenden Eisen aufgebrannt erschienen Lettern auf dem wunden Fleisch. Sein Blick war auf die Elfe gerichtet, die noch immer reglos im Bett lag, die Augen aufgerissen. Ihre Augäpfel waren schwarz verfärbt, ohne zu blinzeln starrte sie ihn an. Ein Dämon. Mit letzter Kraft sandte er ihr einen austreibenden Fluch entgegen, er sah den üblen Geist weichen, dann wurde er von den Wachmännern aus dem Raum gezerrt.
Keuchend, blutüberströmt, nackt und frierend lag er auf dem kalten Stein und versuchte, seine Stimme wiederzufinden.
„Gebt ihr", krächzte er mühsam. „Gebt ihr die stärkste, magiehämmende Droge, die ihr finden könnt. Beeilt euch." Zwei der Männer sprinteten davon, ein dritter breitete eine Decke über den Schatten. Dankbar schloss er die Augen. Ein Glück, dass die Wachen so schnell reagiert hatten. Noch ein wenig länger, und er hätte sterben können. Er war verwirrt. Wieso beschwor sie einen Geist? Eines wusste er über die Elfen: Sie hassten nichts mehr als Geisterbeschwörer und Schatten, Leute die dumm genug waren, einen Dämon heraufzubeschwören und nicht stark genug, um seiner Gier standzuhalten. Leute wie ihn. Er hatte noch nie von einem Elfen gehört, der zum Schatten geworden war, geschweige denn von einem, der überhaupt versucht hatte, einen von seinem Volk zu rufen. Wieso tat sie es dann? Glaubte sie etwa, sie könnte ihn wirklich mit seinesgleichen zur Strecke bringen?
Vielleicht hatte sie es gar nicht absichtlich getan, vielleicht hatte sich der Dämon einfach ihrer geschwächten Seele bemächtigt. Das setzte natürlich voraus, dass er irgendwoher gewusst haben musste, dass hier eine Seele zu haben war. Vage begann er sich wieder an die Zeit vor Carsaibs Übernahme zu erinnern. War er nicht auch rastlos durch die Lande gestreift, immer von einem Ballungszentrum negativer Gefühle zum nächsten? Damals, als Carsaib ihn beschworen hatte, war er nicht zufällig dort gewesen. Er hatte die Eruption des Hasses schon Tage im Voraus gespürt und sich bereit gehalten. Er. Hah, er war ja erst in Carsaib selbst entstanden. Er hatte vor seiner Menschwerdung aus vielen kleineren Geistern bestanden, die vom rasenden Zorn des Nomadenjungen verschmolzen und übermächtig wurden und sich schließlich dessen Seele einverleibten. Und zu ihm wurden, Durza.
„Meister?", hörte er den Wachmann neben ihm vorsichtig fragen.
Er schlug die Augen auf und bedachte ihn mit einem scharfen Blick.
„Benötigt Ihr Hilfe, mein Herr?" Der Wachmann war verschüchtert, ihm war die Situation offensichtlich peinlich.
„Danke, nein. Seht nur zu, das unsere Gefangene sobald wie möglich ruhiggestellt ist.", knurrte er und erhob sich mühsam. Für einen Moment begann seine Sicht zu verschwimmen, haltsuchend griff er dorthin, wo er die Wand vermutete. Der Mann griff zu und stabilisierte ihn, sagte aber nichts. Durza nickte knapp. Mit zittrigen, vorsichtigen Schritten begann er seinen Weg zurück in seine Kammer. Immer wieder musste er sich an der Wand abstützen. Die Treppe erschien ihm so schwierig zu gehen wie ein Gebirgspass. Doch letztendlich schaffte er es bis zu seinem Bett, in das er sich so schwer fallen ließ, wie ein Stein ins Wasser sinkt. Noch immer sickerte Blut aus seinen zahllosen Wunden. Er sah aus, als wäre ein tollwütiges Nagelbrett über ihn hergefallen. Seufzend sprach er einige Heilzauber über sich. Verging denn eigentlich kein Tag mehr, an dem er nicht mindestens einmal blutend und entkräftet am Boden lag? Anscheinend nicht. Es dauerte eine Weile, bis sich auch die letzte Wunde geschlossen hatte, die Brandzeichen auf seiner Brust waren allerdings noch immer genauso präsent wie zuvor. Sie nässten ein wenig. Er versuchte sie zu entziffern, es gelang ihm nicht. Es waren Elfenrunen, soviel war sicher. Doch seit er diese Schrift zum letzten Mal gelesen hatte, war einige Zeit vergangen. Er würde heute wohl einige Zeit in der Bibliothek verbringen müssen. Wenigstens etwas Angenehmes an diesem reichlich schwarzen Tag. Sprichwörtlich schwarz, denn der Himmel war mit tiefgrauen Wolken verhangen. Die Tage in Gil'ead waren fast immer so. Düster und verregnet.
Anfangs hatte er dieses Wetter gehasst, doch mittlerweile hatte er sich so daran gewöhnt, dass es ihm höchst willkommen war. Sonnenschein vertrug sich nämlich nicht sonderlich gut mit der tristen Architektur der Garnisonsstadt. Das Dämmerlicht, das die tiefhängenden Wolken verursachten, zeichnete die sich ewig wiederholenden rechten Winkel zumindest etwas weicher als sie waren. Außerdem fielen die Schatten bei starker Bewölkung tiefer. Er fühlte sich wohl im Halbdunkel. Die Stadt war insgesamt stiller, über allem hing eine dezente Melancholie, eine Schläfrigkeit, die zu leicht war, um zum Träumen einzuladen und doch zu schwer, um wirklich wach zu bleiben. Galbatorix hatte einmal, als die Freundschaft zwischen ihnen noch existiert hatte, zu ihm gemeint, es wäre die perfekte Stadt für seinesgleichen. Durza hatte nur gelächelt – er war diesbezüglich anderer Meinung. Zu viel menschengeschaffene Ordnung für seinen Geschmack. Zu viele rechte Winkel, zu viele verschlossene Türen, zu viel Grau überall. Nein, Städte mochte er an und für sich nicht. Der einzige Vorteil an ihnen war, dass die Menschen hier ihre Erinnerungen und Erkenntnisse in Form von Bibliotheken zusammentrugen. Das hatte er Galbatorix damals gesagt, und der hatte gelacht. Freundlich, aber auch ein wenig spöttisch. Das war immer das große Problem zwischen ihnen gewesen, das wohl letztendlich dazu geführt hatte, dass die Dinge jetzt so merkwürdig schlecht standen. Lange Zeit hatte Galbatorix in freundschaftlich behandelt, hatte seine verschrobene, teils unwirsche Art toleriert, ihm nie einen Strick daraus gedreht. Allerdings war die Beziehung der beiden Männer nie von einem besonderen Vertrauen gekennzeichnet gewesen. Der Imperator hatte immer auf ihn hinuntergeschaut, vielleicht gründete diese Herablassung auf seiner Nichtmenschlichkeit. Doch Hass oder Verachtung hatte er ihm nie entgegengebracht, sondern seinen brillianten Verstand und seine überragenden magischen Fähigkeiten, wenn auch allesamt dunkler Natur, wertgeschätzt. Lange Jahre war er der engste Berater des Königs gewesen – doch jetzt? Was war er jetzt?
Die Frage nagte noch an ihm, als er die Bibliothek schon längst wieder mit nur unzufriedenstellenden Antworten verlassen hatte. Als was genau betrachtete ihn Galbatorix denn nun? Als Sklaven? Als Widersacher? Als Neider? Als jemanden, der ihn vom Thron stoßen wollte? Gewaltsam verdrängte er die bohrenden Fragen aus seinem Geist. Er musste sich auf andere Dinge konzentrieren. Stundenlange Grübeleien über dieses gescheiterte Beziehungsverhältnis brachten ihn nicht weiter. Er musste zunächste einmal in Erfahrung bringen, was diese Elfenrunen zu bedeuten hatten. Es handelte sich um eine Art Gedicht, soviel hatte er herausgefunden. Die einzelnen Zeilen fielen alle in einem bestimmten Rhythmus, der aus der Reihung des Silben hervorging. Er hatte die Zeichen entziffert, konnte die Worte lesen, doch übersetzen konnte er sie nicht. Typisch für alles, was Galbatorix tat, war auch die Ausstattung der Bibliothek. Er hatte ruhmvolle, wichtige, hochinteressante und vor allem teure Bücher angehäuft, doch es fehlte an Grundlagenwerken. Darüber hatte er sich schon mehrfach mit dem Imperator gestritten und letztlich doch einsehen müssen, dass die Bibliothek für diesen kein wichtiges Werkzeug für sein Schaffen darstellte, sondern einzig und allein der Angeberei diente. Wenn er ein Standardwerk für Übersetzungszwecke suchte, musste er jedesmal die kleine, aber umso besser ausgestattete Bibliothek in Dras Leona aufsuchen, was eine knapp zweiwöchige Reise oder Wartezeit erforderte, bis er das entsprechende Buch in den Händen hielt. Galbatorix weigerte sich nämich standhaft, entsprechende Werke anzuschaffen. Nach jeder Diskussion hatte Durza einige prächtig ausgeschmückte, sehr spezielle Folianten in den Regalen gefunden, die zwar alle sehr schön anzusehen waren, aber keiner hatte ihm bisher auch nur irgendwie weitergeholfen. Der Imperator betrat die Bibliothek im Übrigen nur zu einem einzigen Zweck: Um höfischen Besuchern seinen Glanz und seine Macht vor Augen zu führen.
Zähneknirschend klopfte der Schatten an die Tür des Quartiers eines der wenigen engen Mitarbeiter, die er sich über die Jahre ausgewählt hatte. Ein Mann mittleren Alters, nur wenig begabt in der Zauberkunst, jedoch ungleich belesener. In seinen Anfangsjahren hier war er der leitende Bibliothekar gewesen, doch hatte er seinen Posten dem König bald vor die Füße geworfen. Er könne es nicht mitansehen, wie in dieser Schatzkammer der Wert des Wissens mit Füßen getreten werde und sprach damit exakt das Problem an, das Durza bei jedem Bibliotheksbesuch beinahe zur Rage brachte: Man konnte mit dem vorhandenen Material einfach nicht arbeiten. Seitdem putzte der Mann in der Bibliothek. Was er zugegebenermaßen sehr gewissenhaft machte. Durza nutzte seine Dienste gerne für die zermürbenden Reisen nach Dras Leona, die dieser auch bereitwillig auf sich nahm. Er freute sich über jede gut sortierte Bibliothek, die er betreten durfte. Außerdem hatte er Beziehungen zum dortigen Leiter der Bibliothek, wodurch er die eine oder andere Ausnahmegenehmigung für den Schatten herausschlagen konnte. Durza entlohnte ihn großzügig dafür.
Auch diesen Auftrag nahm er ohne Zögern an, empfahl dem Hexenmeister eines der Bücher aus seinem Privatbesitz, und machte sich am selben Abend noch auf den Weg. Durza genoss seine Gesellschaft, allerdings hatte der Mann, wie alle anderen hier in der Festung, deutliche Vorbehalte dem Schatten gegenüber. Selten gelang es ihm, ein längeres Gespräch mit ihm anzufangen und selbst wenn es ihm gelang, wirkte der Andere immer etwas verunsichert und wählte seine Worte sehr genau. Dabei wäre er der Letzte gewesen, den Durza wegen irgendetwas angeschwärzt hätte. Verdammt schade, dass die wirklich brauchbaren Leute immer eine solche Angst vor ihm hatten.
A/N: Nun, dieses Kapitel bezieht sich stärker auf Durza und sein persönliches Umfeld, denn auf seine Beziehung zu Arya, die in den vergangenen Kapiteln im Vordergrund steht. Wie der Kapiteltitel schon sagt, legt der Schatten für uns einen Teil seiner Vergangenheit frei. Die ist natürlich soweit von mir ein wenig ausgeschmückt, weil das was in den Büchern darüber zu finden ist, sehr mau ausfällt. Was seine Relation zu Galbatorix angeht, sind das ebenfalls nur Vermutungen, sollten die Bücher etwas anderes aussagen, bitte ich denjenigen, dem das aufgefallen ist, mir das bitte mitzuteilen.
