Auf Schwingen

Seine Rückkehr in die Zelle der Elfe verzögerte sich an diesem Abend etwas. Er hatte noch einige Zeit auf einem der Balkone der Festung verbracht, um seine Gedanken zu ordnen. Das Wetter draußen hätten andere wohl grauenvoll genannt, ihn versetzte es in Hochstimmung. Ein Gewitter zog herauf, der Himmel war westwärts pechschwarz überströmt, der Wind war kalt und böig und umtobte die dicken Mauern der Garnisonsfeste. Noch regnete es nicht. Durza stand an der Balustrade, beide Hände auf die Brüstung gestützt, das Gesicht himmelwärts gewand und genoss das kalte Toben in seinen Haaren und seinem Gewand. Lange würde es nicht mehr dauern und er würde sie wieder sehen können...

Ein junger Magier, mit dem er vor langer Zeit einen Ritt nach Surda hatte unternehmen müssen, hatte ihm erzählt, er würde sie Wetterfeen nennen. Die Geister, die verlorenen Seelen, die mit jedem Sturm über die Lande zogen. Geister, wie er einst einer gewesen war. Bei jedem Gewitter versuchte er sich daran zu erinnern, wie es wohl gewesen war, mit dem Sturm zu ziehen, doch nie hatte er es geschafft. Traurig sah er in den Himmel hinauf, die Wolken zogen schneller, ein eiskalter Regentropfen streifte seine Wange.

Es dauerte nur Sekunden, bis das Wasser auf ihn niederprasselte. Da waren sie. Dutztende verwischter Gestalten, man hätte sie für Nebelfetzen halten mögen, wenn man nicht genau wusste, was sie waren. Sie tanzten zwischen den Wolken umher, verschwanden, tauchten wieder auf. Schossen vom Wind getrieben wie Speere über ihn hinweg. Diese Sehnsucht. Er musste gegen das starke Bedürfnis kämpfen, auf die Balustrade zu steigen und zu springen, mit ihnen zu ziehen. Es war aberwitzig, irrational. Sie wünschten sich nichts mehr als endlich wieder einen Körper zu haben, und er würde seinen am liebsten aufgeben und ihnen folgen.

Eine Weile noch stand er da, vollkommen durchnässt, und verlor sich im unschuldigen Spiel der silbrigen Gestalten. Dann, seufzend, trat er in den Schutz der Burg zurück, trocknete sein schwarzes, reich verziertes Gewand und begab sich hinunter in die Finsternis der Kerker.

„Wie ist ihr Zustand?", fragte er den Kerkermeister knapp.

„Sie schläft momentan. Wenn sie wach ist, bewegt sie sich kaum, im Schlaf schreit sie manchmal. Ich habe sie ihre Beine nicht ein einziges Mal bewegen sehen, mein Herr. Im Übrigen sind ihre Hände völlig verbrannt."

Durza nickte wissend und ging den Gang hinab. Das war zu erwarten gewesen. Sie hatte seinen Stabilisierungszauber durchbrochen und musste jetzt letztendlich doch mit den Konsequenzen zurechtkommen, die ein gebrochener Rücken nach sich zog. Die verbrannten Hände waren ungewöhnlich.

Neugierig geworden trat er ein. Sie schlief tief und fest. Der Umhang war zur Hälfte von ihr heruntergerutscht, eine ihrer schlanken Hände baumelte über die Bettkante. Im sanften Licht der Fackeln war die Verbrennung überdeutlich sichtbar. Die Haut war geschwärzt, schälte sich ab, darunter war zum Teil offenes Fleisch, zum Teil rosafarbene, vernarbte Haut zu sehen. Die Wunden nässten. Er sprach einen kühlenden Zauber darüber, später würde er sie verbinden. Als er von der Hand wieder aufsah, blickte sie ihn an. Wie am Morgen zuvor setzte er sich auf die Kante der Pritsche. Sie versuchte, zur Seite zu rutschen, um ihn nicht berühren zu müssen, schaffte es aber nicht und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.

„Was für ein Teufelszeug habt ihr mir gegeben?", flüsterte sie.

Das freudlose Lachen entfuhr ihm einem Schnauben gleich. „Nur eine vollkommen harmlose, magiehämmende Droge, meine Liebe." Er versuchte, die Verachtung aus seiner Stimme zu nehmen.

„Und warum ist es mir dann unmöglich, meine Beine zu bewegen? Bewirkt die Droge das auch?" Ihr gelang es nicht, das Zittern der Panik zu verbergen, das mit ihren Worten mitschwang.

„Weil deine Rückenwirbel zerschmettert sind, ganz einfach." Er ließ den Satz auf sie wirken, nahm amüsiert wahr, wie ihre Gesichtszüge zunächst in Fassungslosigkeit, dann Angst, Panik, Rage und schließlich Verzweiflung abglitten, ehe sie zur Ungläubigkeit zurückkehrten.

„Du lügst, Schatten!"

Er verneinte.

„Aber wie...?"

„Wie du dann die letzten Tage laufen konntest? Ein Stabilisierungszauber, den ich kurz nach dem Bruch über deine Wirbel gelegt habe. Heute morgen hast du ihn entkräftet. Seitdem bist du wieder gelähmt."

Sie blieb stumm. Schluckte schwer. Blinzelte mehrmals, um die Tränen in ihren Augen zu verbergen. Die Nachricht musste sie hart getroffen haben, sie, deren Stolz wahrscheinlich das Größte an ihr wahr. Seine Lippen zuckten spöttisch. Oh, wie hilflos sie sich vorkommen musste. Ihrer Magie beraubt, bewegungsunfähig, mitten im Herz der feindlichen Macht, wo ihr niemand zu Hilfe kommen würde – ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Ohne einen Freund, ohne Hoffnung, ohne Gnade.

Er blickte ihr geradeheraus in die Augen.

„Ich kann dich heilen. Nicht sofort, nicht auf einmal, aber jeden Tag ein bisschen mehr. Natürlich nur, wenn du willst. Dies ist mein Handel, den ich dir anbiete: Du gibst mir die Informationen, die ich brauche und ich heile dich im Gegenzug dafür."

„Monster!", fuhr sie ihn an und drehte den Kopf weg, um ihn nicht ansehen zu müssen, als ihr die Tränen über die Wangen strömten. Er seufzte. Legte ihr eine Hand auf die Stirn. Sie versuchte sie abzuschütteln, doch er blieb hartnäckig. Sprach langsam, aber bestimmt die Worte für den Levitationszauber. Vorsichtig hob er ihren Leib nur eine Handbreit an, schob seine andere Hand darunter, streifte den zerrissenen Stoff beiseite. Behutsam betastete er ihren Rücken, bis er den Bruch fand. Die Stelle war geschwollen und heiß.

Er schloss die Augen, drang mit seinem Geist in ihren Leib. Er hörte sie keuchen, strich ihr beruhigend über die Stirn. Der Bruch sah noch schlimmer aus als vor einigen Tagen – keinesfalls überraschend. Einige der Bruchstücke waren verrutscht, hatten sich verkeilt, rieben aufeinander. Er ließ seinen Geist ganz in sie übergehen, beruhigte sie, machte sie schläfrig, ließ nicht zu, dass er Schmerz ihre Gedanken erreichte, sondern sog ihn mit seinen auf. Stück für Stück rekonstruierte er den Wirbel, stabilisierte ihn wieder, versiegelte die schützende Hülle. Dann die anderen, angebrochenen Wirbel. Als er alle versiegelt hatte, zog er sich zurück. Langsam, um sie nicht unnötig zu erschrecken, ließ er sie wieder auf die Pritsche sinken. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er fühlte sich schwindlig. Eine Heilung war eine Sache. Den Schmerz des anderen noch dazu auf sich zu nehmen eine ganz andere, die wesentlich mehr Konzentration und Kraft erforderte.

Als er aufstand, wurde ihm für einen Moment schwarz vor Augen. Er ließ sich von dem Wachmann draußen Verbandszeug bringen und eine Heilsalbe, um sich um ihre Hände zu kümmern. In andächtigem Schweigen wusch er vorsichtig die verbrannte Haut, tupfte sie mit weichem Wollstoff ab, trug die Salbe auf und legte dann Bahn um Bahn den Verband an. Er ließ sich Zeit. In solchen Momenten überkam ihn immer eine merkwürdige Wehmut. Wahrscheinlich wäre Carsaib Heiler geworden. Tief in seinem Inneren wusste Durza, dass es so war. Das war auch der Grund, warum er aus jeder Heilung, die er wirkte, mehr Kraft schöpfte als aus allen Flüchen.

Die Elfe hatte bemerkt, dass er sich mehr Zeit herausnahm, um sie zu verbinden, als auch nur im Äußersten nötig gewesen wäre. Sie sah ihm aufmerksam zu und hielt still. Da sie ihren mentalen Schutzschild nur rudimentär aufbauen konnte – schließlich hatte sie am Morgen dieses Tages ihre magische Kraft zur Gänze verbraucht – drangen manche ihrer Gedanken unfreiwillig zu ihm durch. Eines der Bilder, das für ganz kurze Zeit ihren Geist streifte, zeigte ihn, wie er halb über sie gebeugt ihre rechte Hand salbte. Das Licht ließ sein blutrotes Haar warm strahlen, seine fahle Haut sah unter dem sanften Gold nicht ganz so kränklich aus wie sonst. Das Bild war mit der Empfindung von Schönheit verbunden. Schönheit und... Zuneigung.

Er blickte ihr scharf in die Augen. Sie erwiderte den Blick ruhig. Anscheinend wusste sie nicht, dass er ihre Gedanken wahrnahm, oder es machte ihr nichts aus. Er blickte wieder weg. Nicht wissend, wie er darauf reagieren sollte, beendete er seine Arbeit, überprüfte überflüssigerweise noch einmal den Sitz des Verbands und legte ihre Hand dann vorsichtig auf ihrem Bauch ab.

Noch einmal sah er sie an, ohne seine Hände von ihrer zu nehmen.

„Denk über mein Angebot nach. Es würde dir eine Menge Leid ersparen." Damit erhob er sich und ließ sie zurück, allein in der Dunkelheit.