A/N: Dies ist das allerschlimmste, schwerste und härteste Kapitel, das ich jemals schreiben musste. Ich habe bei fast jedem Satz gelitten. Es ist auf seine Art noch aufwühlender und beunruhigender zu schreiben gewesen als alle Folterszenen.

Lichtblick

In eine Decke gehüllt saß Durza in seiner Kammer und brütete über dem Buch über Elfenrunen, das sein treuer Mitarbeiter ihm gebracht hatte. Vor ihm auf dem Tisch brannten einige Kerzen, die nur ungenügend Licht spendeten. Es war spät in der Nacht. Bald würde am Horizont das erste Tageslicht seine zarten Streifen malen. Eigentlich hätte er im Bett liegen und sich regenerieren sollen, doch diverse Fragen ließen ihm keine Ruhe. Seit drei Tagen war er nun nicht mehr in den Kerkern gewesen. Er hatte entsprechend Anweisung gegeben, die Elfe zu pflegen. Selbst hatte er kaum die Kraft, einige Schritte in seinem Zimmer umherzugehen. Die Beantwortung der Frage, ob er denn wirklich nach jedem Zusammentreffen mit der Elfenfrau seine Kräfte oder seinen Körper komplett regenerieren müsse, hatte er auf unbestimmte Zeit vertagt.

Er hatte sich aus der Bibliothek alle wichtigen Werke bringen lassen, die er brauchte, um die Zeichen zu entschlüsseln, doch die Worte wollten keinen Sinn ergeben. Es war ein recht wirres, metaphorisch aufgeblasenes Stück Poesie um einen Inhalt, der ihm nicht so recht einleuchten wollte. Außerdem waren in ihm einige Zeichen enthalten, die in keinem der Bücher aufgeführt waren. Wenn er hiermit irgendwie weiterkommen wollte, würde er wohl die Urheberin selbst fragen müssen. Und das wiederstrebte ihm zutiefst. Irgendetwas in ihm wehrte sich entschieden gegen die Vorstellung, ihr nocheinmal unter die Augen zu treten. Er wusste nicht, wie sie auf ihn reagieren würde, nachdem sie bereits mit allem abgeschlossen hatte und jetzt vor sich selbst als jemand dastand, der nicht einmal zum Sterben fähig war, weil er sie gerettet hatte.

Stöhnend legte er die Hände vors Gesicht und rieb sich die Augen. Zu müde, um den Gedanken zum wiederholten Male beiseite zu schieben, ließ er ihn schließlich wachsen. Ja, er hatte Schuld an einem weiteren zerbrochenen Leben. Diesmal ausgerechnet, weil er jemanden retten wollte. Wie ironisch wollte das Schicksal eigentlich noch über ihn herziehen?

Er war sich immer noch nicht sicher, warum er seine Kraft überhaupt bis zu diesem Punkt für sie geopfert hatte. Sicher, er brauchte ihre Informationen, um nicht Galbatorix' blindem Wahnsinn zum Opfer zu fallen, aber war das alles? Er zögerte mit der Antwort. Es ging um mehr, um wesentlich mehr. Wollte er vielleicht sein neues „Lieblingsspielzeug" nicht verlieren? Lag es an ihr? Was empfand er für sie? Sein Verstand sprach sich für Gleichgültigkeit aus, doch tief in seinem Inneren war diese Wärme, wenn er an sie dachte, die mit Gleichgültigkeit nichts mehr zu tun haben konnte. Hatte er irgendeinem menschlichen Wesen gegenüber jemals so gefühlt? Nein, er konnte sich zumindest nicht daran erinnern. War es deswegen? Er hatte für sie bereits Dinge getan, die er noch nie für irgendwen hatte tun müssen, noch nicht einmal unter Zwang. Herablassung, sagte sein Verstand. Hochachtung, sprach sein Gefühl. Er geriet in Zwiespalt mit sich selbst.

Wo stand er eigentlich? Je länger er darüber nachdachte, desto mehr merkte er, wie er langsam aber sicher zwischen die Fronten geraten war. Er war noch einen Schritt vom Niemandsland entfernt und verlor das Gleichgewicht. Dem König hatte er eine Loyalität geschworen, an die er sich nach den jüngsten Ereignissen im Grunde nicht mehr halten wollte. Der Elfe dagegen brachte er mittlerweile einen Teil dieser Loyalität entgegen, oder vielmehr eher Sympathie. Obwohl er nicht einschätzen konnte, wie sie zu ihm stand, war auf seiner Seite eindeutig ein gewisses – ja, Vertrauen erwachsen, das er sich zwar nicht erklären konnte, dem er aber auch nicht abgeneigt war. Insgeheim musste er zugeben, dass da eine wachsene Zuneigung bestand.

Dies war der Punkt, an dem seine Interessen miteinander kollidierten. Zum einen zog es ihn zu der Elfe hin, zum anderen hinderte ihn sein Schwur, sein Gewissen und nicht zuletzt eine Angst dem König gegenüber daran, diesem Drang nachzugeben. Sie stand klar gegen das Imperium und somit gegen ihn. Der Imperator aber wandte sich von ihm ab, entzog ihm die Sicherheit des imperialen Schutzes. Unter den Leuten ihrer Partei galt er durch seine Position als engster Berater Galbatorix' als Hauptfeind Nummer zwei. Sogar falls er überlaufen sollte, würden sie ihm niemals Vertrauen schenken und sich seiner entledigen, sobald sie alles in Erfahrung gebracht hatten, was er an Informationen zu bieten hatte.

Ihre Rollen in diesem Spiel standen ganz klar fest: Entweder er oder sie. Niemals sie beide. Eine Tatsache, die ihm schon seit längerer Zeit bewusst war. Neu war für ihn der Schmerz, den die Erkenntnis mit sich brachte. Er versuchte sich einzureden, das alles wäre nur sentimentaler Quatsch und keinen Gedanken wert, doch dafür nahm das Thema in seinem Geist viel zu viel Platz ein.

Durza löschte die Kerzen und schleppte sich wieder in sein Bett hinüber, um für einen weiteren Tag in bleiernem Schlaf zu versinken.

Eine Woche verging im Ganzen, ehe er seine Gefangene wieder aufsuchte. Ihr Anblick schreckte ihn mehr denn je. Sie wirkte kränklich, ausgezehrt, man sah ihr deutlich an, wie schlecht es ihr in dem düsteren Verließ ging. Apathisch starrte sie an die steinerne Decke. Keine Regung verriet, dass sie sein Eintreten bemerkt hatte. Unsicher blieb er an der Tür stehen, wartete, bis der Wächter sie von außen verschloss. Noch immer keine Reaktion von ihr. Man hatte ihr inzwischen eine anständige, warme Decke gebracht, doch sein Umhang lag nach wie vor neben ihr, sie hielt einen Zipfel davon fest umklammert in ihrer rechten Hand.

Leise näherte er sich ihr, setzte sich wie immer auf die Bettkante. Noch nie hatte ihm das Resultat seines Schaffens als Schlächter des Imperators so sehr auf den Magen geschlagen wie jetzt.

Die Stunden strichen ihm durch die Finger wie kalter Nordwind. Unbeweglich saß er auf der Kante ihres Bettes, starrte auf den Boden, war von Schuld und Gram zum Schweigen verdammt. Als er plötzlich ihre Hand auf seinem Arm spürte, sah er auf. Stumme Tränen rannen aus ihren Augenwinkeln und versickerten in ihrem unordentlichen, schwarzen Haar. Sie blickte noch immer zur Decke, doch ihre Finger schlossen sich fest und doch hilflos schwach um sein Handgelenk. Ihr von Schwäche gezeichnetes Gesicht verzog sich zur Grimasse, mit aller Kraft hielt sie einen erlösenden Schrei zurück. Ein Schmerzensschrei aus dem Grund ihrer Seele. Ohne zu zögern zog er sie an sich, schloss sie in seine Arme, hielt sie fest. Sie krallte sich in sein Gewand, verbarg das Gesicht an seiner Schulter. Der Schmerz strömte in Schluchzern und halberstickten Schreien aus ihr heraus und tränkte den schwarzen Stoff seiner Robe mit Tränen. Mit jedem heiseren Wimmern, das sie von sich gab, brach das Eis in seinem Inneren ein bisschen weiter auf. Jede Träne, die sie vergoss, empfand er als Ohrfeige. Sanft wiegte er sie, hielt sie sicher in der Umarmung und wartete geduldig auf das Versiegen der letzten Träne.

Endlich beruhigte sich ihr Atmen, endlich lag sie still und schwer in seinen Armen. Er dachte, sie schliefe, als sie schließlich mit leiser Stimme sagte:

„Nachdem ich meine Abmachungen nicht breche, werde ich dir sagen, was du wissen musst. Heile mich und lass mich gehen."

Er nickte kaum merklich. „Der Drachenreiter ist auf dem Weg hierher. Ich werde ihn nicht hindern, dir zur Flucht zu verhelfen."

Sie nickte ebenfalls, bleib dann aber noch für eine Weile an seine Brust gelehnt liegen. Dann wisperte sie ihm langsam und nachdrücklich die Informationen über den Aufenthaltsort der Varden ins Ohr. Nicht viel, das Allernötigste nur, doch es reichte aus, um ein Heer in den Krieg führen zu können. Zum Schluss fügte sie noch hinzu: „Bitte verschaff mir Zeit. Ein, zwei Wochen, um meine Leute zu warnen. Dies ist das Einzige, um das ich bitte."

„Ich werde einen Trupp Soldaten auf eure Fährte setzen müssen. Seid vorsichtig und beeilt euch. Ihr Befehl wird lauten, euch alle gefangen hierher zurückzubringen. Versteh, dass unter ihnen die besten Fährtenleser sein werden, die wir hier haben. Ich kann es euch nicht leicht machen. Niemand wird wissen, dass ich über euer Versteck nicht von den Spähern erfahren habe."

Sie akzeptierte seinen Einwand, erschien er ihr ebenfalls notwendig. „Sollten wir uns jemals außerhalb dieser Mauern treffen", fügte sie hinzu. „Dann nimm mich als das an, was ich bin: deine Feindin. Zögere nicht, mich anzugreifen oder zu töten, wenn es notwendig wird."

Die Worte brannten bitter in ihm, aber er wusste, dass sie Recht hatte. Der Frieden zwischen ihnen, diese Nähe konnte nur in diesem einen, kleinen geschützten Raum existieren, in dem sie ihre festgelegten Rollen eine Weile vergessen konnten. Vielleicht hätten die Dinge bei Weitem anders ausgesehen, wären sie sich unter anderen Umständen begegnet. Wäre er nicht Untertan des Imperators und sie nicht bei den Varden gewesen, trüge keiner von ihnen diese gewaltige politische Bürde auf den Schultern, dann hätten sie sich vielleicht auch lieben können. So blieb ihnen nur dieser Moment, dieser Augenblick der Gemeinsamkeit, der sanften Ruhe und des Trostes beieinander. Er war, wer er war und nichts daran war zu ändern. Sie wusste es ebenfalls und begnügte sich damit, zu vergessen, was kommen würde, wenn er die Tür hinter sich schloss. Nie mehr, nie mehr nach den Geschehnissen seit ihrer Gefangennahme, würde sie die selbe sein.

Sie hatten sich aneinander aufgerieben, hatten tiefe Wunden in die Seele des anderen gegraben und sie gegenseitig wieder geheilt. Sie hatten erlebt, wie ihr Hass sie miteinander verband. Unlösbar für immer. Nie mehr würden sie einander vergessen, dafür hatten sie zu tief geblickt, zu fern hinab in die Urgründe der anderen Seele. Sie waren gleich voreinander und ineinander, weil sie einander geteilt hatten. Weil sie verziehen hatten.

Durza zog die Elfe enger an sich, spürte ihre Strin an seinem Hals, ihren Atem über seine Haut streichen und schloss die Augen. Seine Kraft war bei noch lange nicht vollständig wiederhergestellt, doch um sie zu heilen, würde es genügen. Langsam, prickelnd strömte seine Enerige in ihren Leib, in die beschädigten Knochen, schloss die Risse, glättete die Strukturen und vereinte die Nervenbahnen von Neuem. Am Rande seines Bewusstseins hörte er eine leise gesungene Melodie. Ein Lied, dessen Text er nur zu gut kannte, war er doch auf seiner Brust eingebrannt.

„Was singst du da?", fragte er sie leise. Er fühlte ihr Lächeln.

„Ein uraltes Lied meines Volkes, das über die Jahre so mit Metaphern und Bildern verbrämt wurde, dass man seine eigentliche Aussage beinahe nicht mehr erkennt. Als Kind habe ich geglaubt, dieses Lied müsse so alt sein wie die Welt und ihr größtes Geheimnis. Nur sehr wenige kennen es."

„Ein sehr schönes Lied. Was bedeutet es?"

„Etwas sehr einfaches, und doch etwas, das diese Welt zu dem macht, was sie ist. Etwas wie eine Grundregel des Lebens. In meinem Volk gibt es ein Sprichwort dafür: Das Tragische ist, das Liebe und Hass aus einer Quelle trinken. So können Liebe zu Hass, Hass zu Liebe werden."

Sie legte eine schwer vernarbte Hand auf sein Herz und schwieg.

„Ich muss dich um etwas bitten, Arya von den Elfen." Zum ersten Mal hatte er sie bei ihrem Namen genannt. Sie sah ihn an. Seine Augen spiegelten die widerstreitenden Gefühle in ihm.

„Wenn es zur Schlacht zwischen unseren Seiten kommt und es sich nicht vermeiden lässt, dass wir uns auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, dann töte mich durch einen Stich ins Herz. Von deiner Hand zu sterben wäre der Ehre genug für mich und Erlösung aus all dieser Dunkelheit." Er wandte den Blick kurz von ihr ab, und fügte hinzu. „Durch dich bin ich beim Imperator in Ungnade gefallen. Lange wird es nicht mehr dauern, bis er meiner endgültig überdrüssig geworden ist und dann werde ich sowieso mein Leben verlieren. Ich gehe diesen Weg zu Ende, ich habe ihn selbst gewählt. Nun habe ich genug Blut und Schwärze auf der Welt hinterlassen, genug für mehr als ein Leben, es wird Zeit für mich."

Die Bitterkeit in seiner Stimme erschreckte ihn selbst. „Bis dahin werde ich weiter der sein, der ich bin, der Dämon und Schlächter, die gefürchtete rechte Hand meines Herrn und insgeheim leidender Sklave meiner Gefühle. Vielleicht ist dies das letzte Mal, dass wir offen miteinander sprechen können, deshalb danke ich dir für deine Güte. Ich kann nicht sagen, ob ich dich liebe oder hasse, doch ich schätze dich mehr, als ich jedes andere Wesen auf dieser Welt schätze. Du bist, was ich nicht bin und in dir habe ich ein Gegenstück gefunden, dem ich nichts neiden will und kann. Nur will die Zeit, in der wir leben, nicht, dass wir zusammenkommen. Wir haben uns einen Moment erschlichen, der Ausblick auf eine andere Realtiät sein könnte und ich bin dankbar dafür. Ich habe eine Antwort auf alle meine Fragen gefunden, meine Neugier legt sich wie ein Sturm und mein Auge wird klar für das, was zurückliegt. Vielleicht sind es noch Wochen, vielleicht noch Monate, doch nächstes Jahr um diese Zeit werde ich nicht mehr sein. Ich danke dir dafür, dass du der Lichtblick am Ende eines düsteren Leben warst."

Sie wischte zärtlich die Tränen von seinen Wangen und fasste seine Hand. „Ich werde dafür sorgen, dass du gehen kannst, ohne durch Galbatorix noch mehr zu leiden." Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. Nach wie vor war sie schön, bemerkte Durza für sich. Trotz all der Narben und der Wunden, trotz der wachsweißen Haut, trotz der eingefallenen Wangen und des stumpfen, wirren Haars. Sie war schön, sie hatte ihr Leuchten wieder, das ihn von Anfang an so fasziniert hatte. Ein inneres Strahlen, heller und wärmer als die Sonne.

„Auch ich muss dir danken", sagte sie schließlich. „Du hast mich gelehrt, dass Schatten nicht grau und flach sind, Durza. Sie sind tief, unergründlich tief und bestehen aus Myriaden von einzelnen Farbschichten, von denen jede einzelne erst mühevoll entdeckt werden muss. Man muss nur die Augen zusammenkneifen und den Blick vom Licht abwenden, dann lernt man sie verstehen."

A/N: An diejenigen, die sich eine Romanze erhofften: Tut mir leid, dass es keine geworden ist. Und an diejenigen, die nie eine Romanze wollten: Tut mir leid, dass es doch eine ist. Es ist eine Liebesgeschichte, aber eine, die von jener Liebe handelt, die aus der Vereinigung der absoluten Gegensätze, von Licht und Schatten, Gut und Böse, wahr und falsch hervorgeht, die vollkommene Liebe. Es geht um eine Liebe, die nichts mit Sexualität, sondern mit der Harmonie zweier Seelen zu tun hat - ein philosophischer Idealfall, der in keiner Realität überleben kann. Und so kehren Durza und Arya aus der Aufhebung der Gegensätze in ihre von Dualitäten geprägten Welten zurück, fügen sich in den Lauf der Zeit.

Ich denke hier ist mir etwas gelungen, was ich schon lange zu beweisen versucht habe: Vergebung ist möglich. Immer. Und auch, wenn sich danach nichts und alles ändern wird. Ich hoffe auch, dass diese Wendung nicht zu plötzlich kommt und dass sie die Geschichte in eueren Augen nicht ruiniert, aber für mich persönlich ist das die logische Konsequenz aus allem. Ich löse mich hier ganz bewusst vom Buch – und füge dem unsichtbaren Gewebe der eigentlichen Geschichte ein kleines Fädchen hinzu, ein Ereignis, das möglich, aber wahrscheinlich unwahrscheinlich ist. Ich danke vielmals fürs Lesen und die vielen Kommentare.