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Lg,

Die Schwarze Lady!

Hitze überflutete sie – die Luft kochte, und Wut und Zorn beherrschten den Raum, als sei die Hölle aufgebrochen, um sie zu holen.

Es gab kein Entrinnen.

Es gab nur eine Hoffnung – seine Gnade.

Chiaras tränenverschleierte Augen suchten die seinen, sie konnte sich in ihm doch nicht so getäuscht haben.

Ja, er hatte Schreckliches ertragen müssen, aber hatte ihm dieser Bischof denn gar nichts beigebracht?

Sie war gleich misstrauisch gewesen, als Gott ihm diesen Weg aufgezeigt hatte – es war der gänzliche Gegensatz zu dem, was er bisher erlebt hatte. Man hatte ihn immer nur „Gut und Böse", Mann und Frau", „Schwarz und Weiß", gelehrt und dabei auf die grauschattierten Zwischentöne vergessen.

Natürlich durfte sie Gottes Handlungen nicht in Frage stellen, denn er sah immer das große Ganze vor sich und musste allen gerecht werden.

Wie sollte das ein kleiner Schutzengel nur verstehen können?

Aber sie hatte trotzdem ihren Willen bekommen, eine unmögliche Ausnahme und sie würde bis zuletzt um seine Seele kämpfen. Denn alles was er für seinen Seelenfrieden brauchte, war Liebe – eine Liebe, zu der ihm gegenüber sein ganzes Leben lang keine Menschenseele fähig gewesen war.

Schützend hob sie ihre Hand vor ihr Gesicht, als sich ihre Blicke endlich trafen. Mit purem Hass bestrafte er ihr Flehen.

„Bitte, nicht…", flüsterte ihre erstickende Stimme.

Doch Silas war besessen von ihrer Täuschung und hieb noch einmal auf sie ein. Schluchzend vor Schmerzen krümmte sie sich zusammen. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, dieses neue, schreckliche Gefühl schien ihre Nerven zu zerfetzen. Die Wunden brannten auf ihrer Haut und blutüberströmt lag sie vor dem einfachen Holzkreuz, welches den gegeißelten Sohn Gottes zeigte, zitternd am Boden.

Als Silas dieses Bild realisierte, versetzte es ihm einen Stich ins Herz.

Was habe ich nur getan?

Sein Magen rebellierte und es wurde ihm schwarz vor Augen. Verstört brach er zusammen. Seine Tränen flossen in Strömen.

Ich habe genauso gehandelt, wie die Menschen damals, die nicht wahrhaben wollten, dass Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hatte, um ihnen eine einfache Botschaft zu verkünden – liebt einander!

Reuig betrachtete er sich. Schuldig. Ja, sie waren schuldig. Seine groben weißen Hände waren mit ihrem Blut befleckt. Niemals wieder würde er sie reinwaschen können. Aber eines konnte er tun.

Er griff nach seiner zu Boden gefallenen Geißel und peitschte sie seinen mit Narben übersäten Rücken. Immer wieder schlug er auf sich ein, bis er seinen seelischen Schmerz nicht mehr fühlen musste, auch wenn er dabei sein Bewusstsein verlieren würde, er hatte es nicht anders verdient. Schmerz adelt.

Chiaras Sinne sammelten sich langsam und sie hatte erleichtert festgestellt, dass er von ihr abgelassen hatte. Sie brauchte etwas Zeit um wieder klar denken zu können, da ihr Körper höllisch litt.

Aber ihre innere Stimme drängte sie – es war wichtig sofort zu handeln.

Doch um was zu tun?

Langsam öffnete sie ihre tränengeröteten Augen, und ihr Blick fiel sofort auf ihren Schützling, welcher sich grausam selbst folterte. Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie verlor keine Zeit – stemmte sich auf die Beine, stürzte vor ihm abermals auf die Knie, zog den überrumpelten Mönch ganz nah an sich heran und umschlang ihn mit ihren schützenden Armen.

Silas würde abrupt aus seiner Trance gerissen und wusste nicht, wie ihm geschah. Mit ausgebreiteten Armen kniete er am Boden, wurde mit einer innigen Umarmung an seiner Folterung gehindert – und diese war echt, er konnte ihre Wärme und Geborgenheit nur zu deutlich spüren.

Womit habe ich das verdient? Wieso bist du so gut zu mir?

„Menschen", hörte er die leise Stimme wieder in seinen Gedanken, „sind Engel mit nur einem Flügel – um fliegen zu können, müssen wir uns umarmen."

Zitternd ließ er seine Geißel nun endgültig fallen, schloss vorsichtig seine starken Arme um ihren zierlichen, verletzten Körper und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Stille. Die Ruhe nach dem Sturm breitete sich sanft über dem verwüsteten Feld aus, zurück blieben nur die aufgerissenen Wunden, welche neues Leben hervorbringen sollten, und auf den reinigenden, heilsamen Regen warteten.

Jetzt genoss sie dieses Gefühl – sog es ganz auf – und verstand die Menschen, wenn sie meinten „Sie reinigen die Seele". Dankbar schloss sie ihre klaren Augen und ihre Tränen benetzten seinen alabasterfarbenen Körper.

Vielleicht gab es zweitausend Jahre nach Christi Geburt nicht mehr so viele Wunder wie damals, aber ab und zu geschah es, dass allein Tränen aus tiefster Reue und Vergebung die schlimmsten Wunden heilten.

Chiara fühlte wie ihre Schmerzen nachließen und der Heilungsprozess begann. Sie lächelte und war froh, dass sie trotz ihrem unverzeihlichen Verhalten noch immer von Ihm beschützt wurde.

Die Zeit um sie herum schien still zu stehen, sie wussten nicht, wie lange sie einander festhielten, um diesen Augenblick nicht enden lassen und sich ihrer Realität stellen zu müssen. Sie hatten Angst davor – würde er sie wieder schlagen? – würde sie ihn ein für alle Mal zurückweisen?

Silas' Inneres beruhigte sich langsam, aber die Ungewissheit blieb. Aus seinen Zweifeln gerissen, bemerkte er, dass sie ihre Umarmung löste. Sofort tat er es ihr gleich, wenn auch nicht gerne, und senkte beschämt seinen Blick, als der ihre ihn traf.

Er konnte ihr einfach nicht in die Augen sehen, nachdem, was er ihr angetan hatte, und sie verlangte es auch nicht. Als sie sich erhob, blieb eine kalte Leere in ihm zurück, die ihn frösteln ließ. Er wollte sie nicht gehen lassen. Fragend beobachtete er sie im Zimmer.

Chiara sah sich zum ersten Mal in einem Spiegel. Sie war überwältigt von Gottes Schöpfung.

So sieht Er mich also? Aber die Ereignisse der heutigen Nacht hatten ihre Spuren hinterlassen.

Ihre Augen zeigten noch immer dieses klare Grau-Blau und wirkten zugleich unendlich müde. Sie war diese menschliche Anstrengung nicht gewohnt und ihr Körper war abgehetzt, verschwitzt und blutverschmiert.

Alles wonach sie sich sehnte war Erfrischung. Mit beiden Händen nahm sie die mit Silas' Blut und Wasser gefüllte Waschschüssel, und ging zu ihm zurück. Wartend stand sie vor dem Mönch und bat ihn lautlos um diesen Gefallen. Silas verstand. Er erhob sich, streifte seine braune Kutte über, nahm die Schüssel an sich und verließ leise das Zimmer.

Im dunklen Flur atmete er tief durch, als hätte er eine große Last – seine Sünden – für kurze Zeit zurück gelassen.

Alles schlief.

Niemand war zu sehen oder zu hören.

Unbeachtet betrat er den gemeinsamen Waschraum. Schlichte weiße Fliesen täfelten und eine Reihe von Waschbecken zierten die Wände. Das Neonlicht blendete ihn zuerst, doch er wagte keinen Blick in die Spiegel, als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten. Es gab auch einige offene Duschen, aber Silas wollte sie nicht warten lassen.

Schnell säuberte er sich von den Spuren seiner Schwäche – seiner schrecklichen Erinnerungen – reinigte danach die Schüssel und füllte sie mit frischem warmem Wasser.

Bevor er eintrat, senkte er sein Haupt demütig zum Gebet.

Bitte Herr, hilf' Deinem Diener, dass Richtige zu tun.

Dann öffnete er die Tür. Seine Augen erblickten sofort die Segeltuchmatte, welche von ihr eingenommen wurde.

Sie hatte ihr Top ausgezogen und ihren verletzten Rücken freigelegt. Schuldgefühle drohten ihn zu übermannen, doch sie wandte sich um, lächelte zögerlich und lud ihn mit einer Geste ein, sich zu ihr zu setzen.