Hallo an alle! Hier ist die zweite Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: L'Autre. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.

Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt von der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alix und ich nichts damit.

Spoilers: Die ersten fünf Bände von Harry Potter.

Anmerkung des Übersetzers: Wegen des Verbots werde ich auf dieser Seite nicht auf die Reviews antworten. Wenn ihr eine Antwort kriegen möchtet, sollt ihr euch einloggen beziehungsweise auf meinem Profil unter 'My Forums' schauen.

Der Andere:

Kapitel 2: Erste Kontaktaufnahmen:

Ich erwachte in meinem Bett in Hogwarts. Einen Augenblick lang erschien mir die Lage völlig normal. Es war der Schuljahresbeginn und ich lag in meinem Schlafsaal. Als ich doch den Vorhang beiseite zog, wurde mir bewusst, dass sich die Sachen nicht wieder eingerenkt hatten. Meine Kommilitonen sahen mich mit Neugier an und ein Harry Potter zu viel stand im Zimmer.

Ich versuchte, die fragenden Blicke zu ignorieren und ging zur Dusche. Als ich in den Schlafsaal zurückkehrte, war der Andere schon weg. Dean, der mit Neville und Seamus auf mich gewartet hatte, sagte mir:

„Wir werden dir den Weg zur Großen Halle zeigen. Es wird am Anfang nicht einfach sein, dich im Schloss zurechtzufinden. Zögere nicht, wenn du uns nach dem Weg von einem Klassenzimmer zum anderen fragen willst."

Ich hätte ihm beinahe geantwortet, dass ich die Orte zweifellos besser kannte als sie aber ich erinnerte mich daran, dass ich am vorigen Tag behauptet hatte, ich wäre gerade aus Australien gekommen.

„Ach, hem, danke", antwortete ich. „Das ist nett."

Unser Eintreten in die Große Halle war relativ diskret. Als ich mich aber am Gryffindor-Tisch setzte, drängte Dean darauf, dass ich neben ihm saß, so dass ich auch nicht weit vom Anderen saß. Bald darauf wurden standen wir im Mittelpunkt des ganzen Speisesaals.

In meiner Welt bin ich in der Schule gut bekannt. Während meiner fünf Jahre habe ich das Schloss mit Produkten aus Zonko reichlich genug überschwemmt, so dass ich von allen Schülern bemerkt wurde. Außerdem spiele ich im Quidditch-Team und bin bei den Mädchen ziemlich erfolgreich, egal aus welchem Haus sie kommen. Während ich aber bekannt bin, war ich nie so gründlich, wie ein Sonderling, angestarrt worden. Es war keine sehr angenehme Erfahrung.

Dem Anderen, der zwischen Ron und Hermine saß, schien es auch nicht zu gefallen. Er warf mir oft böse Blicke zu, als wäre ich an allem Schuld. Was glaubte er aber denn? Dass ich absichtlich hierher gekommen war?

Als ich meine Eier aufgegessen hatte, kam Professor McGonagall zu mir und wir entschieden, was mein Stundenplan sein würde. Ich nahm Zaubertränke, Arithmantik, Verwandlung, Zauberkunst und Muggelkunde, wie ich es am Ende des vorigen Jahrs vorgesehen hatte... für mich war es am vorigen Tag. Der Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste war hier Pflicht.

Sie ging weg und ich wollte aufstehen, um zum Klassenzimmer für Zaubertränke zu gehen, wo mein erster Unterricht stattfinden würde, als sich Malfoy aus Slytherin plötzlich vor den Anderen stellte.

„Nun, Potter", warf er, „dachtest du, dass man dich noch nicht genug bemerkt? Du hast also um Verstärkung gebeten?"

Der Blickwechsel zwischen den beiden erstaunte mich. In meiner Welt mochte ich Malfoy nicht sehr und er mich auch nicht. Aber wir ignorierten einfach einander, außer während der Quidditchspiele, während deren ich regelmäßig den Schnatz vor seiner Nase ergriff. Hier hassten sich offensichtlich der Andere und er viel mehr und ich hätte gewettet, dass ihr kleiner bissiger Wortwechsel eine wohl langjährige Tradition in Hogwarts war.

„Kümmere dich um deine eigenen Sachen, Malfoy", mischte sich Hermine ein, als würde sie die Reaktion des Anderen fürchten.

„Der kann ja nicht mal selber antworten", antwortete der Slytherin mit seiner gedehnten Stimme. „Und offenbar ist sein Abbild nicht besser."

„Was ist das Problem?", fragte ich, da ich den Eindruck hatte, dass es jetzt um meine Ehre ging. „Hast du heute Morgen eine neue Wasserwelle und niemand hat es bemerkt? Wenn du meine Meinung hören willst, so solltest du weniger Zeit vor deinem Spiegel stehen, so würdest du etwas männlicher aussehen."

Er starrte mich an und schien seinen Ohren nicht zu glauben, während der Gryffindor-Tisch in lautes Gelächter ausbrach und der Andere geruhte zu lächeln.

„Ich habe nicht um deine Meinung gebeten", stieß er aus.

„Nun was? Glaubst du, dass ich auf deine Erlaubnis warte, um zu reden? Für wen hältst du dich?"

„Und was mit dir? Du hast keine wertvolle Narbe, die dir erlauben würde zu meckern!", erwiderte er.

Schon wieder diese Geschichte mit der Narbe. Warum war sie denn so wichtig? Glücklicherweise für mich, denn ich wusste nicht genau, was ich hätte erwidern können, kam McGonagall zurück und schaute, was los war. Wie in meiner Welt fand jeder sofort eine andere Beschäftigung.

*~*~*

Ich wartete ein bisschen, bevor ich zu den Kerkern herunterlief, um nicht zur gleichen Zeit wie der Andere, der laut Seamus dieses Wahlfach auch gewählt hatte, auf der Treppe zu stehen. Ich kam also kurz nach Malfoy in der Nähe des Klassenzimmers an und betrat es gerade hinter dem Slytherin.

Ich war überrascht zu sehen, dass es nicht Professor Tiegel war, der unterrichten würde, sondern Severus Snape. Letzterer zeigte mir sofort, wie es in seinem Unterricht vonstatten ging:

„Unser neuer Gryffindor scheint einige Probleme mit der Zeit zu haben", ließ er süßlich los. „Das ist schade für sein Haus, das fünf Punkte verliert."

Ich sah ihn überrascht an. Wie konnte er mir Punkte wegen Verspätung abziehen, wenn ich kurz nach dem ärgerlichen Blonden angekommen war, der sich jetzt mit einem spöttischen Lächeln setzte? Ich wollte den Mund öffnen, um zu protestieren, als mich Hermine plötzlich am Arm ergriff und mich zu einem leeren Sitz schob.

„Miss Granger, Sie sind jetzt zu alt, Ihre Kommilitonen anzurempeln. Drei Punkte weniger für Gryffindor."

Ich bemerkte, dass alle Schüler meines Hauses von dieser vorgefassten Meinung mehr resigniert als schockiert zu sein schienen und versuchten, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Ich machte es ihnen nach und ernannte in meinem Geist Snape zu meinem ersten Opfer, wenn ich es schaffte, Scherzartikel zu kriegen, die in dieser Welt beliebt waren.

Gewöhnlich mochte ich diesen Unterricht sehr, da ich die Leidenschaft meiner Mum für dieses Fach geerbt hatte. Aber mit diesem Lehrer war es ein echter Albtraum. Zuerst tadelte er mich, weil ich weder das Buch noch einen Kessel hatte. Dann stellte er mir ziemlich böse Fragen und gab mir keinen Punkt, wenn ich sie richtig beantwortete. Er behauptete sogar, dass ich mich bei der letzten Frage geirrt hatte, während ich sie perfekt beantwortet hatte. Schließlich ließ ich Gryffindor binnen zwei Stunden zwanzig Punkte verlieren und kriegte zweimal Nachsitzen wegen Frechheit.

Die nächste Stunde, Verwandlung, verlief besser. Wir trafen dort Neville und Seamus wieder. Ich sah mit Erstaunen, dass Neville in diesem Fach nicht sehr gut war. Übrigens sah ich, als ich ihn beobachtete, viele Unterschiede mit dem Meinigen: er sah weniger selbstsicher aus und zeigte nichts von diesem trockenen Witz, den ich bei ihm so sehr mochte. Ich bemerkte auch, dass er ziemlich hochnäsig von unseren Kommilitonen behandelt wurde, was er in meiner Welt nicht hingenommen hätte.

Das Mittagessen ähnelte dem Frühstück. Der Andere und ich waren das Ziel der drängenden Neugier unserer Mitschüler. Am Nachmittag hatte ich Arithmantik mit Hermine, die flüchtig und regelmäßig zu mir blickte. Sie schien von meiner Anwesenheit tief erschüttert zu sein. Wahrscheinlich war es für sie seltsam, mit dem Doppelgänger ihres Freundes im Unterricht zu sein. Ich bemerkte, dass jener dieses Wahlfach nicht gewählt hatte. Es stimmt, dass ich selber zwischen Arithmantik und Wahrsagen gezögert hatte. Mum hatte sich lebhaft dagegen ausgesprochen, dass ich Wahrsagen studiere, und erstaunlicherweise hatte mich Dad in diesem Kampf verlassen.

*~*~*

Nach dem Abendessen holte ich den Anderen ein, während er mit Ron und Hermine – wie erstaunlich! – aus der Großen Halle wegging. Er tat, als würde er mich nicht sehen aber ich ergriff seinen Arm.

„Eh, Moment, ich möchte mit dir reden", rief ich zu ihm.

„Was willst du?", ließ er wenig freundlich los.

„Harry!", ließ Hermine mit einem tadelnden Ausdruck. „Er ist daran nicht Schuld."

Miss Schlaukopfs Mitleid fehlte mir gerade noch. Noch einmal fragte ich mich, warum der Andere mit ihr verkehrte. Aber immerhin war es nicht mein Problem.

„Hör zu", sagte ich meinem Doppelgänger, „die Lage gefällt mir nicht mehr als dir aber es ist so und wir können nichts dagegen tun. Und du musst nicht großen Wind darum machen. Ich vermute, dass wir nicht die einzige Schüler sind, die sich einander ähneln. In einigen Tagen wird uns niemand mehr bemerken."

„Glaubst du das?", fragte er mich aggressiv. „Ich kann dir sagen, dass du von der Situation nichts verstanden hast."

„Dann erkläre es mir, anstatt mich böse anzustarren. Glaubst du, dass ich nicht lieber da geblieben wäre, wo ich war? Wenn ich bedenke, dass ich in Urlaub sein sollte..."

Er zuckte mit den Schultern und sprach lieber nicht weiter über unsere Lage, was ich sehr gut verstand, denn die Schüler, die in der Nähe standen, genierten sich nicht, die Ohren zu spitzen, ohne irgendwie diskret zu sein.

„Nun, was willst du?", fragte er mich, als hätte er es eilig, damit fertig zu werden.

„Ich möchte heute Abend einiges einkaufen", erklärte ich. „Könntest du mir ein bisschen Geld leihen?"

„Wie willst du aus Hogwarts rauskommen?", fragte mich Hermine.

„Das ist meine Sache", antwortete ich.

„Einäugige Hexe?", fragte mich der Andere, dessen Interesse erweckt worden zu sein schien.

„Zum Beispiel", antwortete ich und war erstaunt zu sehen, dass er diesen Geheimgang kannte.

Mein Dad war es, der mir davon erzählt hatte, aber der Andere hatte vom gleichen Rat aus offensichtlichen Gründen nicht profitieren können. Vielleicht hatte es ihm Sirius enthüllt oder Remus oder Peter. Ich musste ihn fragen, was aus ihnen geworden war.

Der Andere starrte mich an.

„Mit dem Umhang wird es einfacher sein", flüsterte er, als würde er versuchen zu sehen, ob ich einen Hintergedanken verstehen würde.

Letzteren verpasste ich nicht.

„Also hast du ihn auch!", antwortete ich genauso leise. „Toll! Ja, es würde mir das Leben einfacher machen."

„Bist du jetzt vollkommen durchgedreht?", griff Hermine ein. „Er wird nicht in Hogsmeade spazieren gehen! Was, wenn er wieder erkannt wird? Bist du dir der Gefahr bewusst, die er eingeht, wenn man ihn für dich hält?"

„Er wird den Umhang haben", erwiderte Ron.

„Er wird ihn ausziehen müssen, um einzukaufen", setzte sie dem entgegen.

„'Er' steht hier und es gefällt 'ihm' nicht, wenn man über ihn in der dritten Person spricht", stieß ich aus und war wütend über die Art und Weise, wie die beiden in unser Gespräch eingriffen. „Übrigens ist es eine Sache zwischen mir und... ihm", schloss ich, denn ich wusste nicht, wie ich den Anderen nennen könnte und es widerstrebte mir, meinen Namen oder meinen Vornamen zu benutzen.

Ron wurde vor Wut rot im Gesicht.

„Was Harry betrifft, betrifft uns auch! Und er hat Recht: du verstehst nichts über die Situation."

„Ich werde das Geld und... den Rest holen", brach der Andere ab. „Alles wird gut laufen", fügte er für seine Freunde hinzu. „Geht vor, ich treffe euch in der Bibliothek."

Wenig überzeugt schüttelte Hermine den Kopf, während Ron mich mit Rachegefühlen ansah. Ich stieg mit dem Anderen zum Gryffindor-Turm und dann zu unserem Schlafsaal hinauf. Er gab mir zehn Galleonen und reichte mir den Stoff, den ich gut kannte, da ihn mir mein Dad anvertraut hatte, als ich Drittklässler geworden war.

Als ich die Hand ausstreckte, um den Umhang zu ergreifen, starrten wir uns zum ersten Mal seit dem vorigen Abend einander an. Einige Sekunden lang haben wir versucht, unsere Unterschiede einzuschätzen. Seinem Blick nach verstand ich, dass er – genauso wie ich – sich sowohl fasziniert als auch unwohl fühlte, wenn ich ihm gegenüber stand.

Deans Ankunft brach diesen Blickwechsel ab. Ich versteckte den Umhang und ging zum Gemeinschaftsraum herunter. In einem dunklen Gang zog ich den Umhang an und ging den unterirdischen Gang nach Hogsmeade entlang.

Ich beeilte mich, damit ich einkaufen konnte, bevor die Läden geschlossen wurden. Die Leute starrten mich erstaunt an und ich fragte mich noch ein Mal, warum über den Anderen soviel geredet wurde. Wir würden wirklich miteinander reden müssen!

Ich kaufte Schulsachen sowie notwendige Sachen aus Zonko und dachte dabei an den lieben Snape. Der würde ja noch büßen müssen! Keiner griff einen Potter an, ohne einen schweren Preis zu bezahlen, wie mein Dad sagte. Wenn der Andere diese Regel nicht hatte respektieren lassen können, dann würde ich dieses Amt an seiner Stelle übernehmen.

*~*~*

Als ich in den Schlafsaal zurückkehrte, lag der Andere auf seinem Bett und las. Er erhob den Blick nicht, als ich ankam, und ich ließ es gut sein. Ich las meine Notizen, blätterte durch die Bücher, die ich gekauft hatte. Neville ging dann hinauf und fing an, sich um die Pflanze zu kümmern, die auf seinem Nachttisch stand. Mein Neville hatte diese Leidenschaft für Kräuterkunde nicht, aber ich ließ diese kleine Besonderheit beiseite und versuchte, ihn kennen zu lernen.

Zuerst schien er fast erstaunt, dass ich ihn ansprach, aber er antwortete gerne auf die Fragen, die ich ihm über das Leben in Hogwarts stellte. Allmählich erkundigte ich mich über ihn, um ihn besser zu begreifen. Ich war erstaunt zu hören, dass er so viel von seiner Großmutter sprach und nicht von seinen Eltern. Was war mit ihnen passiert? Erklärte das den Persönlichkeitsunterschied?

Während unseres Gesprächs schaute Neville oft in die Richtung des Anderen. Er war wahrscheinlich vom kühlen Verhältnis zwischen so genannten Cousins überrascht. Es ärgerte mich, dass mich mein Doppelgänger so anmaßend behandelte, aber gleichzeitig war ich erleichtert, dass ich mit ihm nicht reden musste. Mit seinem traurigen Gesicht und seiner Gewohnheit, seine Haarlocke auf die Stirn ständig wieder zu legen, ließ er auch mich Trübsal blasen. Er schob auch regelmäßig seine Brille hoch auf die Nase. Es ärgerte mich noch mehr als der Rest, weil ich wusste, dass es eine meiner eigenen Gewohnheiten war. Dad tat es auch.

Schließlich fand ich nach einer Weile meinen Neville wieder. Als er sich genug traute, fing er an, manche Lehrer oder die Schüler humorvoll zu kommentieren. Nichts wirklich Böses aber das war lustig und gut beobachtet. Nevillisch, sozusagen.

*~*~*

Während der nächsten Tage versuchte ich, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich war von Natur her nicht so, aber ich wollte keine Dummheiten begehen und vermuten lassen, dass mir das Schloss und seine Einwohner bekannt waren. Tja, bekannt war etwas übertrieben. Oft erinnerte mich, wenn ich den Eindruck hatte, ich wäre in einer bekannten Lage, eine für sie sinnlose Bemerkung daran, dass sie nicht jene waren, die ich zu kennen glaubte.

Allmählich wurde ich vertrauter mit Neville, der in dieser Welt keine wahren Freunde hatte. Dean und Seamus ähnelten ihren Doppelgängern: nett aber wir hatten keine besonderen Gemeinsamkeiten. Ron löste sich nie vom Anderen, so dass wir nie miteinander redeten.

Was die Mädchen betraf, waren Lavender und Parvati genauso nett wie die, die ich kannte. Klar hatten sie nicht viel im Kopf aber sie waren hübsch genug, dass es einen nicht störte. Die drei Monate, die ich zu Hause mit Lavender verbracht hatte, waren angenehm genug gewesen, dass ich hier einige Annäherungsmanöver angefangen hatte. Ich war neugierig zu erfahren, ob sie genauso küsste.

Ich hatte keine Gelegenheit, mit Hermine zu reden, aber im Gegensatz zu Ron, der das Verhalten des Anderen nachahmte und mich ignorierte, sah ich oft, wie sie mich nachdenklich ansah. Mehrere Male blickte ich fragend zu ihr zurück aber sie vertiefte sich wieder in ihr Buch oder in ihre Hausaufgaben.

Ich redete auch mit den Schülern aus den anderen Häusern. Sobald es deutlich wurde, dass ich NICHT Harry Potter war und dass ich ihn trotz unserer Verwandtschaft nicht gut genug kannte, um ihnen irgendwas über ihn zu enthüllen – ehrlich gesagt, verstand ich ihre Fragen gar nicht – legten sie ein normales Verhalten an den Tag und ich befreundete mich schnell mit ihnen. Es war mir nämlich immer leicht gefallen, in Gruppen aufgenommen zu werden.

Um meine Integration zu vereinfachen, hatte ich die Entscheidung getroffen, mich möglichst von dem Anderen zu unterscheiden, ohne mein Aussehen radikal zu ändern. Zuerst verwandelte ich meine Brille, damit sie weder die Form noch die Farbe von der des Anderen hatte.

Aber ich wurde mir schnell dessen bewusst, dass nicht meine Brille das Merkzeichen für meine Gesprächspartner war. Ausnahmslos blickten sie zu meiner Stirn, um meine Identität zu bestätigen. Ich traf schließlich die Entscheidung, jeden Morgen meine Haare nach hinten zu legen, um eine Stirn zu zeigen, auf der weder eine Narbe noch, Merlin sei dank, ein Pickel zu sehen war.

*~*~*

Ich versuchte auch, Ginny Weasley kennen zu lernen. In meiner Welt waren wir sehr gut befreundet. Es hatte mit einer großen Mittäterschaft mit den Weasleyzwillingen angefangen. Ich mochte ihre Vorstellungskraft, ihre Freude und ihre Art und Weise, Hogwarts als ein riesiges Spielfeld – und daneben als ein Versuchskaninchenreservat für ihre Scherze – zu betrachten.

Als ich meine Welt verlassen hatte, hatten sie gerade ihr UTZs geschrieben und zögerten, ob sie sich bei Zonko bewerben oder unabhängig bleiben und ihre eigene Scherzartikelmarke entwickeln würden, die sie den schon existierenden Scherzläden verkaufen würden.

Was Ginny betraf, war sie oft mitschuldig bei ihren Scherzen und ein ziemlich starkes Band hatte sich zwischen uns entwickelt. Ich hatte dennoch nie versucht, sie zu meiner festen Freundin zu machen. Zuerst, weil ich an unserer Freundschaft zu sehr hing. Und ich wollte auch nicht ihre sechs älteren Brüder am Halse haben. Jedenfalls hatte ich nicht wirklich den Eindruck, dass ich ihr auf solch eine Weise gefiel.

Vielleicht war ich so darum erstaunt, als ich bemerkte, dass sie in den Anderen verknallt war. Zumindest war es der Eindruck, den ich hatte, als ich bemerkte, wie sie ihn ansah. Eigentlich war sie mit Dean zusammen, was mich noch mehr erstaunt hatte... bis ich verstand, dass diese Beziehung für sie eine Art und Weise war, die nicht erwiderten Gefühle zu vergessen, die sie für meinen Doppelgänger hatte.

Ich fragte mich wirklich, was sie an dem Anderen fand, während sie für mich solche Gefühle nie empfunden zu haben schien. Das ging über meinen Verstand. Er war weniger lustig, weniger beliebt und ziemlich schroff, wenn er in einer Gruppe war. Ich schloss daraus, dass diese Ginny aus irgendeinem Grund mit der Meinigen nichts zu tun hatte, und ich verzichtete für kurze Zeit darauf, mit ihr zu reden. Übrigens hatte ich den Eindruck, dass sie vor mir floh.

*~*~*

Andere kleine Dinge, die viel unangenehmer waren, machten den Unterschied von meiner gewöhnlichen Wahrnehmung von Hogwarts deutlicher.

Am vierten Tag ging ich früher zum Frühstück herunter und sah ein Ritual, das ich bisher nicht bemerkt hatte. Es fing an, als die Eulen anflogen. Hermine bekam den Tagespropheten, was mich nicht besonders überraschte. Meine Hermine hatte ihn nicht abonniert, aber es hätte mich bei ihr nicht erstaunt.

„Nun?", fragte Ron.

„Niemand, den wir kennen", antwortete die Brünette und las weiter.

Worüber, zum Teufel, sprachen sie?

Dann bemerkte ich allmählich, dass manche Schüler Trauerarmbinden trugen. Und es gab auch eine Spannung zwischen den Slytherins und den anderen Schülern, die mir unbekannt war. Heftige Wortwechsel geschahen zwischen den Unterrichtsstunden und manchmal kam es in den Gängen beinahe zu Schlag- oder Fluchwechseln.

Der Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste war auch anders. Theoretische Stunden über gefährliche magische Geschöpfe gab es nicht mehr. Man lernte – sehr ernsthaft –, wie man sich wehrte. Ich war vom Niveau meiner Kommilitonen erstaunt. Fast alle beherrschten die Basiszauber und über die Hälfte konnten körperliche Patronusse heraufbeschwören. Ich war schrecklich gekränkt, als ich bemerkte, dass der Andere einen perfekten heraus beschwor, während ich aus meinem Zauberstab nicht mehr als ein hässliches speichelähnliches Ding beschwören konnte.

Das Bild des Patronus' meines Doppelgängers verwirrte mich auch. War es ein Zufall, dass er dem Animagus meines Dads ähnelte? Aber war sein Dad überhaupt ein Animagus? Nichts konnte mir diese Frage beantworten.

Ich fragte mich, ob er sich selber verwandeln konnte. Was mich betraf, hatte ich über das Thema recherchiert, weil ich von den Erzählungen meines Dads und seiner Freunde angezogen worden war, aber ich war von der Schwierigkeit der Aufgabe entmutigt worden und ich hatte mein Projekt aufgegeben.

*~*~*

Ich war vor zwei Wochen angekommen, als ich endlich verstand, was Voldemorts Anwesenheit in dieser Welt bedeutete. Am Tag von Halloween hatte Hermine wie gewöhnlich angefangen, den Tagespropheten zu lesen, und Ron ließ sein gewöhnliches 'Nun?' los.

Hermine antwortete nicht.

Der Rothaarige hörte auf zu fressen, was bei ihm eine tiefe Erschütterung zeigte. Der Andere erstarrte.

„Wer?", fragte er fast scharf.

Als Antwort sah Hermine zur Tür, durch die die Schüler eintraten. Justin Finch-Fletcher kam gerade an. Hannah Abbot kam vom Hufflepuff-Tisch zu ihm, flüsterte ihm etwas zu und legte die Hand mitleidig auf seine Schulter. Er schien einen Schock zu kriegen. Da sie sich dessen bewusst wurde, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Schüler standen, zog Hannah ihren Kommilitonen zur Eingangshalle, um ihn von den Blicken weg zu führen.

Da ich nicht sicher war, dass ich verstand, schenkte ich wieder Hermine meine Aufmerksamkeit.

„Nur sein Dad", sagte sie mit einer Stimme, die kaum zitterte. „Seine Mum besuchte ihre Familie für einige Tage."

Ich starrte sie entsetzt an. Hatte ich richtig verstanden? War Justins Dad... gestorben? Und sie redete darüber wie man über das Tageswetter redet! Dennoch waren nicht alle so kaltblütig wie sie. Am Hufflepuff-Tisch wurde geschnüffelt und bei den Gryffindors legten viele ihren Teller beiseite und sprachen leise miteinander.

Hermine stand auf und tadelte unbesorgte Erstklässler, die laut sprachen. Sie war dennoch schärfer bei ihren Tadeln als gewöhnlich, was mich vermuten ließ, dass sie nicht so unempfindlich war.

*~*~*

Ich verbrachte den Rest des Tags wie in einem Nebel. Ich glaube, dass mich der Fatalismus, mit dem das Ereignis angenommen zu sein schien, am meisten schockierte. Empfanden sie keine Empörung beim Gedanke, dass der Vater ihres Kommilitonen von einer Gruppe von Maskierten ermordet worden war? Ich hatte es geschafft, eine Zeitung zu kriegen, und ich hatte die Beschreibung dieser tragischen Begebenheit gelesen. Es war kommentarlos beschrieben und es wurde an andere ähnliche Angriffe erinnert, die während der vorigen Wochen passiert waren. Offenbar geschahen solche Angriffe in dieser Welt regelmäßig.

Ich hatte beim Mittagessen fast nichts zu mir genommen und doch war mir übel, wenn ich ans Abendessen dachte. Nach den Unterrichtsstunden ging ich zum Park hinunter, anstatt den anderen zur Großen Halle zu folgen. Mir wurde bewusst, dass ich meine Eltern und Rose schrecklich vermisste. Ich wollte nach Hause zurück. Ich wollte meine Kumpel wieder finden, die richtigen, nicht ihre Abbilder, deren Erinnerungen zu den Meinigen nicht passten. Ich wollte mein eigenes Leben wieder finden.

Meine Schritte führten mich schließlich zum Quidditch-Stadion. Ich dachte daran, dass ich lange nicht auf einen Besen gestiegen war und setzte mich melancholisch auf einen Sitz in der Tribüne. Ein Spiel sollte zwei Tage später stattfinden, aber ich war nicht sicher, dass ich Lust hatte, dorthin zu gehen. Es würde nur meine Lust zu spielen verstärken. Ich versuchte, mir den Ausdruck des Anderen vorzustellen, wenn ich ihm sagen würde, dass ich seinem Team beitreten wollte. Dann sagte ich mir, dass wegen der Umstände vielleicht überhaupt kein Spiel laufen würde.

Ich dachte ziemlich ernsthaft darüber nach, zum magischen Raum zurückzugehen, durch den ich gekommen war, und trotz Dumbledores Warnung zu versuchen, nach Hause zurückzukehren, als eine Stimme nach mir rief.

„Harry?"

Hermine stand in der unteren Sitzreihe.

„Ja... hm, nein, ich bin Simon", seufzte ich.

„Ich weiß, wer du bist", antwortete sie. „Es muss unangenehm für dich sein, dass du auf deinen Vornamen verzichten musstest", fügte sie mit einer mitleidigen Stimme hinzu, während sie die Stufen hinaufstieg, die uns trennten, und sich neben mich setzte.

Ich antwortete nicht. Ich fragte mich, was sie von mir wollte.

„Schickt dich der Andere zu mir?", fragte ich sie.

„Nein, ich habe mich Sorge um dich gemacht, da ich dich beim Abendessen nicht gesehen habe."

„Wie hast du gewusst, dass ich hierhin gehen würde?"

„Wenn Harry erschüttert ist, fühlt er sich weniger unwohl, wenn er mit seinem Besen herum fliegt. Ich habe gedacht, dass du das gleiche tun würde. Ich vermute, dass du Quidditch spielst."

„Ja. Und auf welcher Position spielt er?"

Ich hatte mir diese Frage nicht verkneifen können. Ich wusste, dass er Kapitän des Teams war, aber ich hatte ihn nie spielen sehen. In den Trainingsstunden, die verlaufen waren, seitdem ich angekommen war, war ich beim Nachsitzen mit Snape.

„Er ist Sucher", sagte sie mir. „Er spielt hervorragend. Aber ich vermute, dass du es auch tust."

„Ich spiele ziemlich gut", erwiderte ich bescheiden. „Und ich bin auch Sucher."

Ein Gedanke kam mir.

„Glaubst du, dass wir mal gegeneinander spielen könnten? Nur er und ich?"

Es ließ sie lächeln.

„Ich denke, dass es ihm auch gefallen würde..."

Sie wurde plötzlich wieder ernsthaft.

„Tja, ich weiß nicht", seufzte sie. „Es fällt ihm schwer, deine Anwesenheit anzunehmen."

„Er glaubt also, dass ich mich darüber freue, dass ich hier bin?", murrte ich. „Zumindest wird man bei mir zu Hause nicht von Verrückten massakriert!"

„Es gefällt ihm nicht besonders, der Junge, der lebt, zu sein", setzte sie mir scharf entgegen.

„Aber was ist diese Geschichte vom Jungen, der lebt?", fragte ich sie. „Und warum ist er dann so unglaublich sauer auf mich? Er ist es nicht, der er weit von Zuhause und von seiner ganzen Familie entfernt ist!"

„Zumindest geht es deiner Familie gut. Seine Eltern sind vor fünfzehn Jahren gestorben und sein Patenonkel wurde gerade ermordet. Denkst du, dass das besser ist?"

„Ich..."

Plötzlich fühlte ich mich wie ein Vollidiot. Das ist immer das Problem, wenn man mit Hermine redet. Dann wurde ich mir dessen bewusst, was sie gerade gesagt hatte.

„Wer war sein Patenonkel?", fragte ich wie erstarrt.

„Zweifellos der gleiche wie deiner. Sirius Black."

„Er wurde gerade ermordet?", wiederholte ich tief erschüttert, selbst wenn es nicht mein Sirius war, der gerade gestorben war.

„Ja", bestätigte sie traurig. „Es ist vor vier Monaten geschehen und Harry ist davon immer noch tief erschüttert."

„Oh!" Ich fühlte mich wieder niedergeschlagen. „Und Remus und Peter?", fragte ich besorgt. „Ist ihnen auch etwas passiert?"

„Remus hatte kein einfaches Leben. Werwölfe stellt man ja nicht einfach ein, verstehst du. Was Peter betrifft... Er ist es, der deine Eltern verraten und ihren Tod verursacht hat", warf mir Hermine plötzlich entgegen. „Jetzt steht er auf Voldemorts Seite."

„Es kann nicht sein!", rief ich aus.

Nicht Peter, der freundliche Peter. Ich war ihm weniger nah als Sirius oder Remus, aber ich sah ihn regelmäßig und er gab mir immer schöne Geschenke.

„Leider doch!", fuhr sie erbarmungslos fort. „Und dann hat er Sirius in eine Falle gelockt, hat ihn für einen gefährlichen Verrückten halten lassen und Letzterer hat zwölf Jahre in Azkaban für Morde verbracht, die er nicht begangen hatte."

„Was?", sagte ich bestürzt.

„Sirius ist schließlich geflohen aber... er wurde im letzten Juni während eines Duells ermordet."

„Das ist schrecklich!"

„Ja.", murmelte sie. „Das ist Harrys Leben."

Wir blieben eine Weile lang still. Schließlich fragte ich sie:

„Und diese Narbe, warum ist sie für alle so wichtig?"

„Harry hat sie gekriegt, als Vol... Voldemort versucht hat, ihn zu töten, als er ein Jahr alt war. Voldemort hat deinen Dad... tja, ich meine, Harrys Dad getötet. Dann hat sich Lily zwischen den Dunklen Lord und ihren Sohn gestellt. Sie hat ein Ritual aus der Alten Magie benutzt, was sie das Leben gekostet hat, so dass der Fluch dank dem Zauber deiner... seiner Mum zurückgeworfen wurde, als Voldemort ein Avada Kedavra auf Harry gezaubert hat. Harry ist mit dieser Narbe lebendig davon gekommen. Voldemort ist für einige Zeit verschwunden. Man glaubte, dass er tot war. Harry ist also derjenige, der überlebt hat, derjenige, der die Zaubererwelt von Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, befreit hat. Der Junge, der lebt."

„Aber der Dunkle Lord ist immer noch da, oder?"

„Er ist vor über einem Jahr zurückgekommen. Das Problem war, dass Harry fast der Einzige war, der ihn gesehen hatte. Also glaubte ihm letztes Jahr keiner und die meisten Leute haben ihn für einen Verrückten gehalten. Diese Zeit war nicht einfach für ihn."

Ich dachte über alles nach, was ich von ihr erfahren hatte.

„Hat ihn Remus erzogen?", fragte ich, da ich alle anderen logischerweise ausgeschlossen hatte, die je Wegweiser für mich gewesen waren.

„Nein, er wurde deinem Onkel und deiner Tante mütterlicherseits anvertraut. Petunia und Vernon Dursley."

„Wenn sie ihn aufgenommen haben, sind sie also nicht so schrecklich wie es Mum sagt", bemerkte ich.

„Vermeide es bitte, solche Dinge vor Harry zu sagen", erwiderte sie und verzog dabei das Gesicht. „Sie sind grässlich zu ihm gewesen. Er verabscheut es, zu ihnen zurückkehren zu müssen."

„Oh!"

Es wurde ein bisschen zu viel. Er war Waise, schlecht behandelt worden, hatte vor einigen Monaten eine ihm nahe Person verloren, war für einen Verrückten gehalten worden... Ich hatte den Eindruck, dass gerade ein hundert Kilogramm schweres Gewicht auf meine Schultern gelegt worden war. Ich fühlte mich noch unwohler als bevor Hermine angekommen war.

Der Andere war verrückt, mit ihr so viel zusammenzusein. Oder ein echter Masochist. Ja, das musste es sein. Sobald er wieder ein bisschen Hoffnung hatte, sprach er mit ihr, damit sie ihn daran erinnerte, was für Katastrophen noch auf seinen Kopf fallen könnten!

„Hast du noch andere Abscheulichkeiten, die du mir enthüllen möchtest?", fragte ich scharf.

„Du wolltest es wissen, oder?"

„Nun, ich lag falsch. Ich will nichts wissen, ich will nach Hause zurückkehren und alles vergessen."

„Ich bin mir sicher, dass Professor Dumbledore daran arbeitet.", versuchte sie sanft.

„Ich hoffe es. Warum ist er nie da? Seitdem ich angekommen bin, hat er nur an zwei Mahlzeiten teilgenommen. Ich konnte seit dem ersten Abend nicht einmal mit ihm reden!"

„Er ist sehr beschäftigt. Er bekämpft Voldemort mit allen Kräften."

„Und ich darf hier bleiben und mich tot warten oder mich umbringen lassen."

Hermine sah mich abgestoßen und enttäuscht an. Ich verspürte Scham gegen mich selbst.

„Tja", seufzte ich. „Da ich da bin... glaubst du, dass ich etwas tun kann, um zu helfen?"

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht.

„Ich wusste, dass wir auf dich zählen können. Immerhin bist du Harry Potter.", schwärmte sie.

„Hm", antwortete ich und war von ihrem glänzenden Blick etwas gestört, „ich bin nicht sicher, dass ich viel tun kann."

Das Vertrauen, dass sie in Harry Potter zu haben schien, erregte plötzlich Zweifel in mir:

„Du... liebst du ihn sehr, den Anderen?", fragte ich sie unsicher.

„Harry?", fragte sie, bevor sie den Sinn meiner Frage verstand und heftig errötete. „Oh, nein, es ist nicht so wie du glaubst. Er ist mein bester Freund, nicht mehr."

Sie schien diese Idee völlig seltsam zu finden.

„Aber warum sagst du das?", fragte sie erstaunt. „Sag mir nicht, dass ich in deiner Welt mit ihm gehe..."

Plötzlich schien sie sich dessen bewusst zu werden, wer bei mir der 'Er' war. Sie errötete noch heftiger und betrachtete die Spitze ihrer Schuhe.

„Nein, nein", versicherte ich ihr. „Es ist nur so, dass du oft bei ihm bist und ihn stets ansiehst und ihn sehr zu bewundern scheinst, also habe ich mich gefragt..."

„Für mich ist er wie ein Bruder", erklärte sie und war immer noch etwas verstört. „Und ich weiß, dass er von deiner Anwesenheit verwirrt ist, also mache ich mir Sorgen um ihn. Wir... Du... Sind wir in deiner Welt nicht befreundet?", fragte sie zögernd.

„Tja... ich habe nichts gegen dich aber... eigentlich trennst du dich nie wirklich von deinen Büchern. Ich... ich vermute, dass du nett wärst, wenn du..."

Ich verstand, dass ich mich auf gefährlichem Terrain befand, und ich brach ab, bevor ich völlig einstürzen konnte. Aber sie hatte schon verstanden und sagte verdrießlich:

„Ich sehe schon. Es stimmt, dass mich Harry und Ron vor dem Troll nicht besonders mochten."

„Der Troll?", fragte ich erstaunt.

„Ja, jemand hatte einen Troll in die Schule gelassen und ich wurde mit ihm in der Toilette eingeschlossen. Harry und Ron sind mir zu Hilfe gekommen und haben mich gerettet. Harry ist auf den Troll gesprungen und Ron hat ihn mit einem Wingardium Leviosa KO geschlagen", vertraute sie mir an.

„Er ist auf ihn gesprungen! Ich wäre gerne dabei gewesen!", sagte ich bewundernd und war fast frustriert, dass ich so einem Geschöpf nie wirklich begegnet war.

„Es war völlig dumm", erwiderte Hermine und verkniff ihren Mund auf eine Weise, die mich an jene meiner Welt erinnerte. „Es stimmt, es war effizienter als man es glauben könnte. Tja, schließlich sind wir ohne einen Kratzer davon gekommen und wir sind Freunde geworden."

„Darum ist er auch mit Ron befreundet", bemerkte ich.

„Sie waren schon so", setzte sie entgegen. „Ich glaube, dass sie im Hogwarts Express Freunde geworden sind. Warum, bist du bei dir zu Hause nicht mit ihm befreundet?"

„Wir verstehen uns gut aber wir sind nicht wirklich Freunde. Ich bin den Zwillingen oder Ginny näher. Und Neville, natürlich."

„Neville, ich mag ihn auch sehr."

„Euer Neville ist ganz anders als meiner", sagte ich ihr mit mehr Bitterkeit als ich gewollt hatte.

„Ich vermute, dass er bei dir zu Hause noch seine Eltern hat", sagte Hermine traurig.

„Sind sie tot?", fragte ich. „Wurde er darum von seiner Großmutter erzogen?"

„Nein... tja, ja."

„Ja oder nein?"

„Seine Eltern leben immer noch, aber ihr Zustand erlaubt ihnen nicht, sich um ihn zu kümmern", enthüllte mir Hermine.

Ich zitterte.

„Das kann ja nicht sein!", rief ich erzürnt aus. „Wie kann ein einziger Mann so viele Schaden verursachen?"

„Er kann es nicht", sagte Hermine und zuckte mit den Schultern. „Ohne seine Todesser wäre er nichts. Aber er ist der Mann, der alle verbindet, die anderen ihren Willen trotz des Rechts und der Justiz aufzwingen möchten und zu feige sind, als dass sie alleine handeln würden."

Hermine war wirklich immer noch so ermutigend! Sie unterbrach meine düsteren Gedanken einige Minuten später.

„Harry, es ist schon längst Nacht, wir sollten zurückgehen... es wird bald Ausgangssperre sein."

Ich verzog das Gesicht, als ich an die Tonne von Hausaufgaben, die auf mich warteten, dachte.

„Hast du deine Verwandlung für Morgen fertig?", fragte ich, als ich aufstand.

„Natürlich!", antwortete sie. „Und glaube nicht, dass du abschreiben darfst", warnte sie mich.

So etwas hatte ich mir nie vorgestellt... aber offenbar konnte es einen kleinen Bonus bringen, mit ihr befreundet zu sein, was das betraf.

„Du bist streng", sagte ich und sprach mit meiner erbärmlichsten Stimme. „Bist du dir dessen bewusst, dass ich sechs Wochen Unterricht auf ein Mal nachholen muss? Dass Snape mich letztendlich Zaubertränke wird verabscheuen lassen? Und dass Neville, der mir für gewöhnlich hilft, hier weniger gut ist als ich?"

„Du darfst mit uns arbeiten", gab sie nach.

„Der Andere wird es nicht wollen. Er wird es dir verbieten", erwiderte ich.

Sie reagierte genau so wie ich es erwartet hatte:

„Harry kann mir nichts verbieten. Wenn ich mit dir arbeiten will, kann er mich nicht davon abhalten!"

„Danke, Hermine", sagte ich demütig.

Sie sah mich argwöhnisch an und verstand, dass sie irgendwann die Kontrolle über das Gespräch verloren hatte, aber ich trug meinen unschuldigen Ausdruck und sie musste mir mangels konkreter Beweise vergeben.


Noch Mal einen herzlichen Dank an YamiTai für ihre Korrekturen und vielen Dank auch an Caput Mortuus und Romy-Chen, meine ersten Reviewers.