Hallo an alle! Hier ist die Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: L'Autre. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.
Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich gewinnen Alix und ich nichts damit.
Spoilers: Die ersten fünf Bände von Harry Potter.
Anmerkung des Übersetzers: Wegen des Verbots werde ich auf dieser Seite nicht auf die Reviews antworten. Wenn ihr eine Antwort kriegen möchtet, sollt ihr euch einloggen beziehungsweise auf meinem Profil unter 'My Forums' schauen.
Der Andere:
Kapitel 7: Der schwarze Kater:
Bestürzt lief ich schnellstmöglich zur anderen Tür und schloss kurz die Augen, um sie vor dem hellen Licht zu schützen, das den Ort überflutete. Mein Herz schlug sehr schnell, als ich den Ausgang erreichte. Ich stoppte, sobald ich die Schwelle überquert hatte, und drehte mich um. Schon fing die magische Helligkeit an zu verlöschen.
Ich wurde mir plötzlich dessen bewusst, dass ich jetzt die Gelegenheit hatte, nach Hause zurückzukehren. Ich zögerte einen Augenblick. Wollte ich das wirklich? Durfte ich Harry verlassen, wo ich wusste, was auf ihn wartete? Ich ging einen Schritt nach hinten. Aber die Tür knallte zu und trotz meiner Bemühungen konnte ich sie nicht mehr aufmachen. Jetzt konnte ich nicht mehr in den Raum zurückkehren. Ich hatte die Gelegenheit verpasst, die mir gegeben worden war.
Immer noch schockiert lief ich weiter zu den Kerkern. Als ich in der Eingangshalle ankam, eilte Neville zu mir.
„Beeile dich, wir werden uns verspäten!"
Was sagte er denn? Er besuchte den Zaubertränkenunterricht nicht.
„Nun, Harry, machst du mal hin? Die Kutschen sind bald weg."
Kutschen. Neville, der mich wie einen Freund ergriff, um mich nach draußen zu ziehen. Harry. Ich sah mich um und suchte nach einer Bestätigung. In Hogwarts war es Sommer. Ich brauchte noch einige Sekunden, um zu verstehen. Schließlich war ich zurück. Ich konnte nicht entscheiden, ob ich darüber glücklich war oder nicht.
Zum Glück kümmerte sich Neville um alles und zog mich zu den Kutschen, die geduldig vor dem Schloss auf uns warteten. Ohne mir die Zeit zum Reagieren zu lassen, zwang mich mein Freund, in eine davon zu steigen. Ich zog gedankenlos meine Uniform und den Pulli aus, den ich darunter an hatte, bevor ich mich auf die bequeme Bank fallen ließ.
„Hast du die ganze Nacht auswärts geschlafen?", fragte mich mein Freund, als wir beide saßen. „Ich habe dich heute Morgen nicht gesehen. Warst du bei einem Mädchen?", suggerierte er.
Um die Sache einfacher zu machen, nickte ich.
„Gut, das musste ja etwas Schönes sein, eh", kommentierte er neidisch. „Du siehst wirklich so aus, als hättest du die unglaublichste Erfahrung deines Lebens gehabt."
„So war es", antwortete ich zerstreut.
„War es Susan?", fragte er noch.
Susan? Susan Bones? Ich hatte während der zwei letzten Monate nur dreimal mit ihr gesprochen... dort. Aber hier war ich mit ihr zusammen und ich hatte eine interessante Erfahrung mit ihr in einem Besenschrank erlebt. Das war vor... einer langen Zeit für mich.
„Nein, nicht Susan", antwortete ich, denn ich war dazu entschlossen, sie da raus zu halten.
„Weißt du, was feste Freundin meinen soll?", kommentierte Neville.
Zum Glück kletterten zwei Verspätete zu uns in die Kutsche und Neville schwieg und wurde diskret. Als wir in Hogsmeade ankamen, stiegen wir aus, um zum Bahnhof zu gehen. Ich ging die Kutsche entlang und befand mich vor dem hässlichsten Geschöpf, das ich je gesehen hatte. Es war eine Art mageres Pferd, das noch dazu Flügel hatte. Ich blieb eine Weile da stehen, bevor Neville seufzend meinen Arm ergriff und mich zum Zug zog, der schon anfing, sich zu bewegen, als wir einstiegen.
Ein Thestral! Es konnte nur das sein. Aber seit wann sah ich Thestrale? Ich hatte keine Leiche gesehen, nein... dann erinnerte ich mich an die eingekuttete Silhouette und an den Zauberstab, der auf mich zielte. In jenem Moment hatte ich geglaubt, ich würde sterben, was zweifellos erklärte, dass ich diese unheimliche Geschöpfe jetzt sehen konnte.
*~*~*
Ich schlummerte während des Rests der Reise. Ich weiß, dass Susan versuchte, mich zu sehen, aber Neville erzählte ihr, dass ich krank war und Ruhe brauchte, mich zu erholen. Ich war wegen des plötzlichen Übergangs noch fertig und ich fand es schön, dass ich meinen besten Freund und seine Gewohnheit, mich zu unterstützen, wieder gefunden hatte.
Ich war sehr gerührt, Mum und Rose auf dem Gleis in King's Cross wieder zu finden. Ich umarmte sie, wie ich es zweifellos selten getan hatte. Mum sah mich argwöhnisch an:
„Ich habe den Eindruck, dass du gewachsen bist, mein Schatz", sagte sie.
„Ach, denkst du?", wich ich aus.
Was mir am komischsten erschien, war, meinen Dad wieder zu sehen. Er war Harry gleichzeitig ähnlich und doch so verschieden, was mich besonders verwirrte. Aber ich war dennoch glücklich, ihn wieder zu sehen. Meine Eltern fragten mich, wie meine Prüfungen gelaufen waren, und ich hatte Schwierigkeiten, meine Erinnerungen zu prüfen, um mich an meine ZAG-Prüfungen zu erinnern, die ich kaum einige Tage früher geschrieben haben sollte.
Der scharfsinnigste war Titus, mein Hund. Als er mich sah, schnüffelte er nach der ersten Freudenerregung lange an meiner Kleidung, insbesondere an dem von Molly gestrickten Pulli. An jenem Morgen hatte ich mich geirrt, als ich mich angezogen hatte, und ich trug den des anderen Harrys, als ich in meine Welt zurückgeschickt worden war. Der Geruch musste meiner, aber auch gleichzeitig subtil anders sein, und für seinen Köterdickkopf war es ein großes Mysterium. Übrigens für meinen auch.
„Ist dieser Pulli neu?", fragte meine Mum.
„Oh, hm, das ist ein Geschenk", stotterte ich errötend.
„Ich sehe", ließ mein Dad mit einem Kennerblick los.
„Har-ry hat eine Ge-lieb-töh", sang meine Schwester.
Ich zuckte mit den Schultern. Elf Jahre Brüderschaft hatten es mir beigebracht, so zu tun, als hätte ich nichts gehört. Und es passte mir, dass meine Familie missverstand.
*~*~*
Allmählich fand ich zu meinen Gewohnheiten zurück. Ich verbrachte mehr Zeit als gewöhnlich mit meinen Eltern und war besonders nachsichtig mit Rose. Dieses kleine Aas profitierte übrigens schamhaft davon.
Doch hatte ich Schwierigkeiten, so zu tun, als wäre nichts passiert. Ich machte mir um Harry, Hermine, Ginny und Neville viele Sorgen. Was geschah in ihrer Welt? Würde mein Doppelgänger es schaffen, den Dunklen Lord zu beseitigen? Um welchen Preis? Der Gedanke, dass ich kein Mittel hatte, mit ihm zu kommunizieren, und noch weniger, ihm zu helfen, betrübte mich.
Es lag aber nicht in meiner Natur, über das zu klagen, was nicht geändert werden konnte. Ich hatte es nicht getan, als ich in der anderen Welt gewesen war, und ich würde nicht damit anfangen, wo ich jetzt nach Hause zurückgekehrt war. Wie dort entschloss ich mich, nach Vorne zu gehen und zu versuchen, von dem zu profitieren, was mir meine Erfahrungen enthüllt hatten.
Also klopfte ich zwei Wochen nach meiner Rückkehr an die Tür des Arbeitszimmers meines Dads.
„Darf ich mit dir reden, Dad?"
„Natürlich, Harry. Eine Pause wird mir Gut tun", empfing er mich mit einem breiten Lächeln.
„Ich komme, um mit dir über Geschäfte zu sprechen."
Er hob die Augenbrauen, denn er war wenig daran gewöhnt, mich so ernst zu hören. Er wies mir einen Sitz und schenkte mir seine ganze Aufmerksamkeit.
„Ich möchte mir tausend Galleonen leihen."
Die Enttäuschung, die er spürte, war in seinen braunen Augen deutlich sichtbar. Zweifellos dachte er, dass es meine Sicht von 'Geschäften' war, ihn um Geld zu bitten. Das war ein bisschen kränkend, aber meine frühere Nachlässigkeit rechtfertigte zweifellos ein solches Missverständnis.
„Darf ich dich fragen, was du damit tun möchtest, oder willst du das lieber für dich behalten?", erkundigte er sich etwas kühl.
„Ich möchte investieren", sagte ich mit einem schnell klopfenden Herz und ich hatte den Eindruck, dass ich in einer besonders wichtigen Prüfung war.
„In was?", fragte er mit einer wärmeren Stimme.
„Habe ich dir schon von den Zwillingsbrüdern Weasleys erzählt?"
„Ja, oft. Sie treiben Scherze mit dir in Hogwarts und sie sind es, die die Karte wieder gefunden haben."
„Genau. Sie haben ihre ZAG-Prüfungen gerade geschrieben und haben darüber nachgedacht, existierenden Scherzartikelläden ihre Ideen zu verkaufen. Aber ich bin mir sicher, dass sie lieber ihr eigenes Geschäft hätten."
„Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist", setzte mir mein Dad sehr ernsthaft entgegen. „Man braucht nicht nur etwa zehn lustige Produkte, um so einen Handel rentabel zu machen. Sie sollten besser damit anfangen, bekannt zu werden, indem sie bei Zonko verkauft werden."
„Ich denke aber, dass sie genug Produkte haben, die sie schon jetzt verkaufen könnten", versicherte ich ihm und war froh, dass er sich darum bemühte, mir ernsthaft zu antworten. „Und ich zähle die, die zur Zeit getestet werden und von denen ich dir nicht erzählt habe, nicht darunter. Dieses Jahr", sprach ich eifrig fort, „haben sie die Kotzpastillen und das Nasblutnugat erfunden. Sie haben uns während des Festessens am Jahresende ein Spektakel mit magischen Feuerwerken vorgespielt. Es waren Feuerdrachen und magische Kerzen, die 'Es lebe Gryffindor' und 'Nieder mit Slytherin' über uns schrieben. Wenn man versuchte, sie verschwinden zu lassen, so verzehnfachten sie sich."
„Was für Pillen?"
Ich beschrieb ihm ihre neuen Produkte sorgfältig.
„Ich will sie treffen", sagte er mir schließlich.
„Dad, ich bin es, der in sie investieren will", erinnerte ich ihn.
„Wenn du meinst", gab er zu und jetzt war er offensichtlich stolz auf mich. „Ich werde dir sogar mehr als Tausend Galleonen leihen."
„Tausend Galleonen werden reichen", drängte ich fest und ich konnte mir selber nicht erklären, warum ich es genau so machen wollte, wie es mein Doppelgänger getan hatte.
„Gut, einverstanden. Das ist deine Sache. Nimmst du aber einige Ratschläge deines Dads an? Ich vertraue dir völlig, aber meine Erfahrung könnte dir nützlich sein."
Ich zweifle gar nicht daran, dass ich mich einige Monate vorher hartnäckig hätte bewähren wollen und dass ich nicht gerne überwacht worden wäre. Aber ich dachte an einen Jungen meines Alters, der nie einen Dad gehabt hatte, der seine Fragen beantworten und seine Sorgen beruhigen konnte.
„Einverstanden. Ich danke dir, Dad."
Sein Lächeln erinnerte mich an Harrys Lächeln am Tag des Schweinpulvers.
*~*~*
Am nächsten Morgen gingen wir zum Fuchsbau, nachdem wir eine Eule geschickt hatten, die unsere Ankunft ankündigte. Ich kannte Molly Weasley, die ich nur in King's Cross flüchtig gesehen hatte, nicht wirklich. Als sie uns aber freundlich empfing, verspürte ich Lust, ihr dafür zu danken, dass sie sich Zeit genommen hatte, um für einen verlorenen Jungen einen Pulli zu stricken.
Die Zwillinge waren begeistert, mit meinem Dad zu sprechen, denn sie verehrten ihn, seitdem ich ihnen gestanden hatte, dass er einer der berühmten Rumtreiber der Karte war. Als ich den Zwillingen das Ziel unseres Besuchs erklärte, blieben sie eine gute halbe Minute still, ohne antworten zu können. Es war das erste Mal, dass ich sie sprachlos sah. Es war meine tausend Galleonen wohl wert.
„Harry", sagte George schließlich. „Wir werden dir nie genug für das danken können, was du uns vorschlägst."
„Lasst die Leute lachen. Das ist das einzige, worum ich euch bitte", antwortete ich ihnen herzlich.
Sie fassten sich wieder zusammen, dann stand Fred plötzlich auf und sprang in die Küche:
„Mum! Wir haben eine Arbeit! Wir werden reich werden!"
Als sie wusste, worum es ging, sagte Mrs Weasley zu meinem Dad:
„Ohne Sie beleidigen zu wollen, Mr Potter, aber sind Sie sicher, dass es eine gute Idee ist, Ihnen Geld für ihren Unfug zu geben?"
„Ich bin davon überzeugt. Wissen Sie, ich war selber ein Fachmann für Unfug und ich kann Ihnen sagen, dass das, was Ihre Söhne machen, erstklassiger Unfug ist. Übrigens wäre ich sehr erfreut, einige Stücke davon zu sehen."
Als uns Fred und George zu ihrem Zimmer zogen, hörten wir, wie Molly schrie:
„Jungs! Wenn ihr je Mr Potter von euren Produkten probieren lasst..."
„Sorgen Sie sich nicht darum", antwortete mein Dad fröhlich. „Ich bin daran gewöhnt..."
Zwei Tage später gab mir mein Dad feierlich einen Beutel, der tausend Galleonen enthielt, gegen eine Unterschrift auf einem Pergamentstück. Ich beeilte mich, zum Fuchsbau zu gehen, um ihn den Zwillingen zu geben. Ich blieb nicht lange, denn ich war von ihrem Dank überwältigt.
*~*~*
Am 31. Juli wurde mein sechzehnter Geburtstag mit großem Prunk gefeiert. Ich sah bei dieser Gelegenheit meine besten Freunde wieder: die Zwillinge, Ginny, Neville. Meine Eltern hatten auch meinen Paten, Remus und Peter eingeladen.
Ich grüßte Letzteren kühl und richtete dann ein, dass ich mit ihm nicht reden musste. Auch wenn nichts darauf hinwies, dass er hier meine Eltern verraten hatte, konnte ich es nicht verhindern, ihm zu misstrauen. Alle, denen ich in der anderen Welt begegnet war, waren jenen ähnlich, die ich bei mir zu Hause kannte. Was sie erlebt hatten, machten sie anscheinend unterschiedlich, aber ihre tiefe Persönlichkeit blieb die gleiche. Auch wenn Peter in dieser Welt vielleicht nichts getan hatte, war er dennoch dazu fähig, das zu tun, was er in der anderen getan hatte. Seine besten Freunde zu verraten und einen Jugendlichen zu ermorden, zum Beispiel. Ich glaube, ich hätte ihn beinahe gehasst.
Trotz seiner unpassenden Anwesenheit verlief der Abend gut und es war eine gute Zeit. Es war eine Freude, Neville wieder in Hochform zu sehen. Wir lachten uns tot, als uns die Zwillinge ihre Ideen für ihre nächsten Produkte beschrieben – die Aussicht, bald ihr eigenes Geschäft zu haben, hatte ihre Erfindungskraft und ihre Kühnheit vervielfacht.
Ginny sah wunderschön aus und ich verstand, warum mein Doppelgänger sich von ihr angezogen fühlte. Ich fragte mich einen Moment lang, ob es nicht schließlich er war, der mir den Weg gezeigt hatte. Dann bemerkte ich, dass Neville dem Reiz unserer Freundin gegenüber sehr empfänglich war, ohne dass ich auf ihn eifersüchtig war.
Nein, ich war ja nicht der andere Harry und keine der beiden Ginnys war für mich bestimmt.
*~*~*
Sobald die Gäste weg waren und während die Elfen das Haus räumten, ging ich schlafen. Mum klopfte an meine Tür, als ich ins Bett gehen wollte.
„Ich wollte dir eine gute Nacht wünschen", sagte sie mir.
„Komm herein", lud ich sie ein.
„Du sahst froh aus, deine Freunde wieder zu sehen", fing sie an.
„Ja, das war wunderbar. Danke sehr an dich und Dad, dass ihr all das organisiert habt."
Ich sah, dass Mum zögerte, als wollte sie mir etwas sagen. Ich legte mich unter die Bettdecke und tätschelte sie, um Mum einzuladen, sich neben mich zu setzen. Auch ich wollte sie etwas fragen.
Als sie saß, entschloss sie sich:
„Harry, verursacht dir etwas Sorgen? Du siehst besorgt aus, seitdem du zurück bist."
Ich hätte in jenem Moment alles erzählen können. Aber die Dinge waren in meinem Kopf noch zu unklar, als dass ich sie jemandem anvertrauen konnte, sogar meinen Eltern.
„Das ist etwas schwierig", antwortete ich. „Ich möchte lieber nicht jetzt darüber reden."
„Wie du willst, mein Schatz", sagte sie bedauernd, „aber du weißt, dass dein Dad und ich immer da für dich sein werden", fuhr sie fort.
„Ja, Mum, ich weiß. Ich brauche nur etwas Zeit. Und ich... darf ich dir eine Frage stellen?"
„Natürlich."
Ich wagte mich:
„Mum, hast du von einer Prophezeiung gehört, die von Professor Trelawney kurz vor meiner Geburt gesagt worden sei und mich betreffen könnte?"
Sie erstarrte plötzlich.
„Beschäftigt dich das?", fragte sie.
„Teilweise", antwortete ich.
„Und wer erzählte es dir?", fragte sie scharf.
„Niemand", behauptete ich.
„Harry!", rief sie aus. „Das ist wichtig."
„Ich weiß. Ich habe... ich habe ein Gespräch belauscht, das ich nicht hätte hören sollen. Also ist es wahr?"
„Das ist... Du weißt, was ich vom Wahrsagen halte", ließ sie widerwillig los.
„Ja, Mum", antwortete ich und erinnerte mich an ihre Ablehnung, als ich dieses Fach hatte wählen wollen, weil ich dachte, dass es mir weniger Arbeit machen würde als Arithmantik.
„Das ist eine besonders undeutliche Weissagung", sagte sie und versuchte, nachlässig zu klingen. „Außerdem beweist nichts, dass du davon betroffen sein könntest."
Sie schien nicht mehr darüber sagen zu wollen und fing an aufzustehen. Ich hielt sie aber am Arm.
„Bitte, Mum. Ich muss es wissen."
Sie setzte sich wieder und fing widerwillig an:
„Die Weissagung selbst ergibt keinen Sinn", versicherte sie mir. „Es sind die Umstände, unter denen sie ausgesprochen wurde, die sie wichtig gemacht haben."
Sie seufzte und gestand dann:
„Wir hatten so viel Angst! Wir waren im Krieg, du lagst noch in meinem Bauch... es hat uns erschrocken, dass du vielleicht in einer Prophezeiung, die den Dunklen Lord betraf, erwähnt wurdest... Wir mussten uns in vielen Orten verstecken. Anstatt in St-Mungo zu gebären, musste ich das in einer Muggelwohnung mit Hilfe deines Dads und einer unerfahrenen Krankenschwester, der wir dennoch völlig vertrauten, tun. Übrigens kennst du sie, es ist Madam Pomfrey... Durch einen unserer Spione haben wir erfahren, dass Du-Weißt-Schon-Wer von dieser Weissagung gehört hatte und nach dir suchte... Wir mussten einen Geheimniswahrer nehmen. Weißt du, was das ist?"
„Ja, Mum."
„Es war dein Pate, der zu unserem Wahrer wurde. Zu dieser Zeit hat er sein Leben für dich riskiert. Du kannst dir die Erleichterung nicht vorstellen, die wir empfunden haben, als wir erfahren haben, dass Er, der nicht genannt worden darf, gefangen, verurteilt und nach Azkaban geschickt wurde... Und dass er danach den Dementorkuss gekriegt hat."
Sie schien von dieser Erwähnung erschüttert. Ich umarmte sie und fragte sie:
„Was sagte diese Weissagung?"
„Dummheiten. Ich habe nie verstanden, was sie bedeuten könnte."
„Was sagte sie?", drängte ich.
„Sie sagte..."
Mum brauchte einige Sekunden, um die genauen Worte wieder zu finden:
„Sie sagte: Der Eine mit der Macht zu belehren, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran… jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt… und der Eine, den der Dunkle Lord Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen wird, wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt… und der Eine wird den Anderen belehren müssen und Letzterer kann nicht leben, wenn der Andere nicht kommt… der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, wird geboren werden, wenn der siebte Monat stirbt… Ein echtes Geschwafel, nicht wahr?"
Ich war zu benommen, als dass ich antworten konnte. Sie fuhr nach einem Moment fort:
„Du solltest wissen, dass wir drei Male Du-Weißt-Schon-Wen daran gehindert haben, einen Gegenstand zu kriegen, den er begehrte. Wir waren dazu bereit, unser Leben aufzuopfern, aber nicht deines. Es ist grässlich zu wissen, dass man sein eigenes Kind gefährdet hat... Du warst so hübsch, als du klein warst, so unschuldig, so gebrechlich... Weißt du, dein Dad und ich waren zu allem bereit, um dich zu schützen. Ich hatte sogar mit dem Schlimmsten gerechnet..."
Sie brach beinahe weinend ab. Aber ich wusste, wozu sie fähig gewesen wäre...
„Ich weiß, Mum", sagte ich ihr sanft. „Ich weiß..."
„Ich will nicht, dass du dir deswegen Sorgen machst! Jetzt ist der Dunkle Lord ungefährlich und du gehst kein Risiko mehr ein", versicherte sie mir mit einer lauten Stimme.
Ich umarmte sie sehr eng, dann legte ich mich völlig hin, drehte ihr den Rücken zu und tat, als würde ich schlafen wollen.
Ich wollte nicht, dass sie mich weinen sah.
*~*~*
Sie küsste mich, löschte das Licht und schloss die Tür – sie war selber zu sehr erschüttert, als dass sie sich meiner Bestürzung bewusst werden konnte. Ich blieb einen langen Moment liegen, ohne meine Tränen daran hindern zu können, auf meine Wangen zu fließen.
Also hatte es auch hier eine Weissagung gegeben und sie betraf mich. Sie hatte meine Eltern dazu gezwungen, sich zu verstecken, und hatte sie in Lebensgefahr geraten lassen. Aber Voldemort war verhaftet worden und sie hatten gelebt.
Was war meine Rolle in all dem? Das Wenige, was ich von dieser undeutlichen Weissagung verstanden hatte, war, dass ich meinem Doppelgänger die Kenntnis bringen musste, die ihm nötig sein würde, damit er in seinem Kampf mit Voldemort als Sieger hervorgehen könnte.
Hatte ich das getan, was ich tun musste? Was hatte ich ihm beigebracht? Ich bedauerte mit allen Kräften die Wochen, die wir verloren hatten, als wir einander ignorierten. Ich bedauerte die nichtigen Gesprächen, wenn ich ihn einfach gestichelt hatte. Ich erinnerte mich rasend an alle Gespräche, um zu versuchen, irgendein Element zu finden, das mir zeigen könnte, dass ich meinen Auftrag erledigt hatte. Um vier Uhr Morgens kam ich zum Schluss, dass ich zweifellos gescheitert war.
Ich hätte mich um ein Haar ins Bett meiner Eltern gestürzt, wie ich es früher tat, wenn ich einen Albtraum hatte, um ihnen alles anzuvertrauen und meine Last mit ihnen zu teilen. Aber die Erinnerung an das verkrampfte Gesicht meiner Mum einige Stunden früher brachte mich davon ab.
Wenn sie erschüttert worden war, als sie mir von einer Prophezeiung erzählt hatte, die nicht verwirklicht worden war, was würde sie empfinden, wenn ich ihr erzählte, dass es einen verwaisten Harry gab, dessen Schicksal es war, den Dunklen Lord zu bekämpfen? Ich wusste, dass der Kummer an meinem Dad und ihr nagen würde. Und dass es nichts nützen würde. Sie würden nicht mehr für den Jungen, der lebt, tun können als ich.
Alles war zu Ende, ich war hier, ohne die Möglichkeit, wieder weg zu gehen. Aber ich konnte doch nicht alles vergessen. Und manche Fragen quälten mich. Wie war Voldemort gefangen worden? Warum war er an jenem 31. Oktober 1981 nicht gekommen, um meine Eltern zu töten?
Ich traf die Entscheidung, mit meinem Paten darüber zu reden.
*~*~*
Fast drei Wochen vergingen, bevor ich die Gelegenheit hatte, mich mit Sirius in einem allein zu unterhalten. Aber ich verbrachte schließlich einen Abend mit ihm, als seine Frau Antje ihre Tochter Alys für einige Tage ans Meer begleitet hatte.
Mein Pate lud mich ein, in einer gemütlichen Kneipe zu essen. Wir sprachen von verschiedenen Dingen, wie wir es gewohnt waren, wenn wir zusammen waren. Erst beim Nachtisch konnte ich von dem Thema sprechen, das mich interessierte:
„Sirius, meine Mum hat mir erklärt, dass du der Geheimniswahrer für uns gewesen warst, als ich noch ein Baby war."
„Oh, das ist eine alte Geschichte", antwortete er mir.
„Du hast dein Leben für uns aufs Spiel gesetzt", drängte ich.
„Das war normal. Dein Dad war für mich immer wie ein Bruder gewesen."
„Aber jeder wusste ja, wie nah ihr einander wart, oder?", fragte ich. „Du sollst von den Todessern besonders gesucht worden sein."
„Ja, das stimmt", sagte er und zuckte mit den Schultern, als wäre das nicht besonders wichtig gewesen.
„Und du hast nicht gezögert?"
„Ich war dazu bereit, für deine Eltern zu sterben. Es muss für dich angeberisch klingen, oder? Dieser Satz klingt jetzt für mich besonders so", schätzte er selbst verspottend. „Aber zu jener Zeit war es für uns eine Wirklichkeit."
„Hast du nie daran gedacht, jemandem, dessen Leben weniger gefährdet war, diesen Auftrag zu geben?"
Er betrachtete mich nachdenklich, bevor er langsam antwortete:
„Ich hatte es vergessen aber... ich habe wirklich einen Moment lang daran gedacht. Nicht, dass ich Angst verspürte, nein, ich glaube, dass ich dafür zu jung und zu dumm war. Aber das war eine große Verantwortung und man hörte von abscheulichen Dingen. Ich erinnere mich daran, dass ich mich gefragt hatte, wie lange ich einem Cruciatusfluch widerstehen könnte. Man sagt, dass es nach langer Zeit verrückt machen kann. Und es gab auch den Imperiusfluch. Die Idee, dass ich gegen meinen Willen James verraten könnte, war mir zuwider. Ich habe gedacht, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, den Auftrag des Wahrers einer anderen Person anzuvertrauen und selber eine Strohpuppe zu sein, um sie zu schützen."
„Und du hast es nicht getan?", fragte ich wissbegierig.
„Schließlich nicht. Ich hatte vorgesehen, zu Peter zu gehen und ihm vorzuschlagen, an meiner Stelle der Geheimniswahrer deiner Eltern zu werden, aber als ich ihn treffen wollte, hat mich Mad Eye besucht, tja, ich meine Alastor Moody. Das war ein Auror, einer der besten. Man nannte ihn so, weil er ein magisches Auge hatte, das sich stets drehte. Das war wirklich ein komischer Kerl. Er war völlig bestürzt, als er bei mir zu Hause ankam, weil er auf den Weg einen schwarzen Kater gesehen hatte. Er hat mich schwören lassen, während der kommenden Tage nichts Wichtiges zu unternehmen. Der liebe Moody war genauso abergläubisch wie paranoid!"
Sirius sah mich schief an und kratzte sich den Kopf, als wäre er verlegen.
„Du wirst das dumm finden", fuhr er fort, „aber mit seiner Katergeschichte hatte er geschafft, mich zu erschrecken. Ich habe heute Schwierigkeiten zu glauben, dass ich aus einem so dummen Grund beeindruckt werden konnte, aber ich habe die Entscheidung getroffen, ein bisschen zu warten, bevor ich zu Peter gehen würde. Weniger als zehn Tage später war es keine Frage mehr. Voldemort wurde gefangen und mein Auftrag war beendet. Siehst du, es war nichts wirklich Ehrenvolles."
Wir blieben einige Augenblicke still, er, der er in seine Gedanken vertieft war, und ich, der ich überrascht war zu erfahren, dass mein Leben von der Existenz eines schwarzen Katers verändert worden war. Ich musste noch eine letzte Sache wissen:
„Und wie wurde Du-Weißt-Schon-Wer gefangen?"
„Die Aurorbrigade hat es geschafft, ihn zu fangen", verriet er mir. „Alastor Moody ist übrigens nicht von diesem Einsatz zurückgekommen. Der alte Fuchs hat seine Karriere an jenem Tag beendet, nachdem er besonders schwierige Todesser niedergelegt hatte, das Ehepaar Lestrange. Du kennst Severus Snape ein bisschen, oder?"
„Ja", antwortete ich. „Ein bisschen."
„Gut, du sollst wissen, dass er eine Zeit lang Todesser war. Sage es nicht deiner Mum, dass ich es dir erzählt habe, eh! Sie würde mir eine Standpauke halten, weil sie der Meinung ist, dass er sein voriges Leben gebüßt hat und so leben darf, wie er es will, ohne dass man ihm scheele Blicke zuwirft und so weiter und so fort. Wie auch immer, er ist es, der unserer Organisation zeigen konnte, wo Voldemort an jenem Tag war, und er hat den Auroren geholfen, hineinzukommen. Tja, der alte Snivello hat ja an jenem Abend alles wieder gut gemacht. Das Zeugnis der Auroren hat ihn von all dem, was er früher hatte tun m£ögen, rein gewaschen, und er konnte sich um eine Stelle als Unsäglicher im Ministerium bewerben."
Ich verspürte eine große Lust, ihm zu sagen, dass es nicht so einfach war und dass er beinahe eine Katastrophe verursacht hätte. Aber ich tat es aus den gleichen Gründen nicht, die mich dazu geführt hatten, meinen Eltern nichts zu sagen. Auch ihm durfte ich keine Bedauern oder Sorgen auferlegen. Er hatte sich als ein treuer Freund erwiesen, er verdiente es, sich dafür zu gratulieren, wie es beendet worden war.
In dieser Welt hatte Sirius' Zögern Peter vor Verrat und seine Freunde vor dem Tod gerettet. Es hatte mir ein problemloses Leben garantiert und ihm erlaubt, Azkaban zu entkommen. Dazu hatte es Snape erlaubt, ins Ministerium zu kommen, und so Generationen von Gryffindors vor der Macht eines ungerechten Lehrers für Zaubertränke gerettet.
Ich beschloss, dass es für ihn besser war, es nie zu wissen.
Noch ein Mal Danke an Yami und an euch Lesern. In zwei Wochen werde ich nicht zu Hause sein, also kommt der nächste Kapitel erst gegen Ende August oder Anfang September. Schöne Ferien, wenn ihr welche habt, und viel Erfolg mit den Klausuren für die Studenten!
