Hallo an alle! Hier ist die Fortsetzung meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: L'Autre. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.
Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich gewinnen Alixe und ich nichts damit.
Spoilers: Die ersten fünf Bände von Harry Potter.
Übersetzers Anmerkung: Wegen des Verbots werde ich auf dieser Seite nicht auf die Reviews antworten. Wenn ihr eine Antwort kriegen möchtet, sollt ihr euch einloggen beziehungsweise auf meinem Profil unter 'My Forums' schauen.
Der Andere
Kapitel 8: Uralte Magie
Er war genauso plötzlich weg wie er angekommen war. Eines Abends sah man ihn beim Abendessen nicht. Ron und ich suchten einen Augenblick nach ihm und dann dachte ich daran, auf meine Karte zu schauen. Ich war wieder der einzige Harry Potter, der sich in Hogwarts befand.
Ich ging zu Professor Dumbledore, der Simons Abwesenheit nur bestätigen konnte. Am gleichen Abend war sein Bett aus dem Schlafsaal verschwunden, und am nächsten Morgen sagte der Schulleiter der ganzen Schule, dass Simon Potter, den seine Familie aus dringlichen Gründen wieder zu sich gerufen hatte, nach Australien zurückgefahren war. Es wurde zu einem Gesprächsthema für einen oder zwei Tage, dann haben sich die Schüler für etwas anderes interessiert. Ich war auf sie sauer, dass sie ihn so schnell vergessen hatten. Denn ich vermisste ihn schrecklich.
Er war nur einige Wochen lang geblieben, aber ich hatte mich daran gewöhnt, ihn neben mir zu haben. Den zu beobachten, der ich hätte sein können. Es ermutigte mich, ihn offenherzig, stets fröhlich, von unseren Kommilitonen so beliebt zu sehen. Es war der Beweis, dass ich noch hoffen durfte. Dass mir das Leben vielleicht noch gute Momente geben würde, wenn ich lebendig davon käme.
Es war offensichtlich, dass er glücklich war. Und darum verabscheute ich ihn am Anfang. Ich hasste ihn dafür, dass er alles gehabt hatte, dass er geliebt worden war, dass er von den anderen wie eine normale Person betrachtet wurde. Ich verabscheute ihn dafür, dass er so sehr dem James Potter ähnelte, von dem mir seine Freunde erzählt hatten. Ich war auf ihn sauer, dass er ihm mehr ähnelte als ich. Dass er dem, was mein Dad gewesen war, treuer war als ich.
Jedoch nicht in allem. Ich fand bei ihm den grausamen Hochmut nicht wieder, den ich bei meinem Dad in Snapes Denkarium entdeckt hatte. Und auch darum war ich auf ihn sauer. Dass er besser war als James.
Also ignorierte ich ihn. Während ganz Hogwarts zu ihm sehr nett war, während ihn Lavender und Parvati 'cool' fanden und während Hermine versuchte, mir seine Lage zu erklären, habe ich ihn ignoriert. Ich habe es abgelehnt, seine Existenz anzuerkennen, mit ihm zu reden, und ich setzte mich immer so weit weg von ihm wie möglich. Und als ihn Hermine zu unserem Tisch eingeladen hatte, tat ich, als würde er nicht existieren. Glücklicherweise stand mir Ron während dieser ganzen Zeit bei, weil ich mich sonst sehr einsam gefühlt hätte.
Bevor sie mich verließ, um Weihnachten mit ihren Eltern zu verbringen, hatte Hermine versucht, mich davon zu überzeugen, dass ich mich dem Anderen gegenüber überwinden musste. Sie hatte argumentiert, dass er die Abwesenheit seiner Familie als unerträglich empfinden müsse.
„Was für ein Glück, dass ich keine richtige Familie habe", antwortete ich ihr. „Zumindest vermisse ich sie nicht!"
„Du bist auf ihn sauer, als wäre er daran Schuld!", hatte sie mir vorgeworfen.
„Ich werde ja nicht sein Schicksal beklagen", hatte ich erwidert.
„Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du ihm gegenüber freundlich bist. Dass du zumindest ein wenig mit ihm redest."
„Es gibt nichts, dass ich ihm sagen könnte. Und er braucht mich ja nicht. Er sieht hier nicht sehr unglücklich aus."
„Was dich eigentlich an ihm ärgert, ist, dass er immer gut gelaunt aussieht."
„Ich wäre auch gut gelaunt, wenn ich sein Leben gehabt hätte."
„Zurzeit ist sein Leben nicht besonders lustig. Er weiß nicht, ob er je nach Hause zurückkehren wird und geht fast so viele Risiken ein wie du!"
„Ich habe genug Probleme, ich muss mich nicht auch noch um seine kümmern."
Hermine hatte geseufzt und war zu Ginny in eine der Kutschen gestiegen, die nach Hogsmeade fuhren. Ron hatte noch einmal vorgeschlagen, bei mir zu bleiben, aber ich hatte ihm gesagt, dass ich alleine sehr gut würde durchhalten können. Immerhin wäre seine Mum zweifellos mit Flohpulver gekommen, um ihn nach Hause mitzunehmen.
Am ersten Tag habe ich den Anderen so gut wie nicht angesprochen. Aber am nächsten Morgen hatte mich sein Staunen, als er Geschenke am Bettende entdeckt hatte, an meine ersten Weihnachtsferien in Hogwarts erinnert. Ich hatte damals auch nicht gedacht, ich würde etwas Anders kriegen als die Abscheulichkeiten, die mir meine so genannte Familie aus Pflichtgefühl gab. Und an jenem Morgen hatte ich die schönsten Geschenke meines Lebens gekriegt: einen liebevoll gestrickten Pulli und eine Erinnerung an meinen Dad.
Die Rührung, die mich erfüllt hatte, als ich mich daran erinnerte, brachte mich dazu, ihm vorzuschlagen, an jenem Morgen mit mir zu fliegen. Es war eine verwirrende Erfahrung. Zum ersten Mal erkannte ich mich in ihm wieder. Er empfand, was ich empfand, er sah meine Bewegungen im Voraus, wie ich es mit seinen Bewegungen tun konnte. Und ich wusste, dass unsere Gesichter zum ersten Mal das gleiche Gefühl ausdrückten.
Ganz natürlich schlug ich ihm dann vor, nach Hogsmeade auszugehen. Als er zum ersten Mal dahin gegangen war, hatte ich ihm nicht aus Freundlichkeit Geld gegeben und meinen Umhang geliehen. Es war vor allem, um Hermine zu ärgern. Aber diesmal wollte ich wirklich diese Erfahrung mit ihm machen. Die Art und Weise, wie es zu Ende ging, brachte mich ihm noch näher. Die Bestürzung, die ich in seinen Augen gesehen hatte, als wir im unterirdischen Gang unseren Atem wieder zu finden suchten, veranschaulichte das, was mir Hermine seit Beginn sagte. Er durchlebte eine unerfreuliche Erfahrung. Er war den Seinigen plötzlich weggerissen worden und fand sich in einen Krieg gestürzt, der nicht seiner war.
Natürlich hatte ich während des Angriffs Angst gehabt. Aber diesem Todesser gegenüber, der uns töten wollte, wusste ich, was ich tun musste. Ich hatte die Bewegung gemacht, die ich während der Übungen hundert Male wiederholt hatte, und die bekannte Formel ausgesprochen. Es hatte uns beiden das Leben gerettet.
Seit jenem Augenblick fühlte ich mich für ihn verantwortlich. Es ließ meinen Groll verschwinden. Ich versuchte, ihn besser zu kennen, und ich lernte ihn mögen. Dieses Bild mögen, das er mir von mir widerspiegelte. Eigentlich versöhnte er mich mit mir selbst.
Natürlich hatte mich unser langes Gespräch über seine Eltern und die Rumtreiber tief erschüttert. Es war gleichzeitig faszinierend und quälend, aus seinem Mund zu wissen, wie mein Leben hätte sein können. Aber ich war nicht mehr auf ihn sauer, dass er alles gehabt hatte, was ich hätte haben wollen. Es hatte nur meinen Hass Pettigrew gegenüber stärker gemacht und meinen Willen verstärkt, Voldemort zu besiegen.
Seine letzten Wochen bei uns waren schön für mich gewesen. Ich mochte es, mit ihm zu arbeiten, ihn in Verteidigung zu trainieren, während er mir seine Tricks beibrachte, damit ich in Zaubertränken Fortschritte machte. Ich war enttäuscht gewesen, dass ich das Spiel gegen Slytherin nicht spielen konnte, aber stolz zu sehen, wie er mich so wunderbar ersetzt hatte. Und schließlich war ich froh, mich überreden haben zu lassen, die Schlangen in Schweine zu verwandeln.
Snape ließ es uns danach büßen, aber dieser Streich hatte mir bestätigt, dass ich der würdige Sohn eines Rumtreibers war. Ich hatte den Eindruck, ein Band mit meinem Dad zu knüpfen, und dieser Tag bleibt unter meinen besten Erinnerungen aus der Zeit in Hogwarts.
Die Wochen, die seinem Fortgang folgten, waren für mich betrüblich und ich musste mich einem mitleidigen Ohr anvertrauen. Hermine diente mir als Vertraute. Ich erzählte ihr, wie wir uns langsam einander genähert hatten. Was ich ihm gegenüber empfand. Was er mir erzählt hatte. Ich sprach ihr gegenüber von meinem Dad und von meiner Mum. Denn selbst wenn sie Simons Eltern waren, betrachtete ich sie wie die Eltern, die ich hätte haben sollen.
Wie man es hätte vorhersehen können, war Hermine an den Recherchen, denen sich meine Mum widmete, sehr interessiert.
„Sie hat die Uralte Magie weiter studiert!", rief sie aus.
„Ja, sie hat ein Buch geschrieben, das alle Werke versammelte, die sie selber wieder gefunden hatte, und sie hat es mit ihren eigenen Experimenten vervollständigt", präzisierte ich mit Stolz. „Sogar das Ministerium war an einigen ihrer Entdeckungen sehr interessiert."
„Wirklich? Was für Entdeckungen?", fragte mich meine Freundin.
„Hm, ich weiß nicht genau", bedauerte ich, „das war geheim, glaube ich. Hier, schau mal", fuhr ich fort, „ich habe ein Buch über diese Form der Zauberei in der Bibliothek ausgeliehen, aber ich habe nicht viel verstanden."
Hermine ergriff das Werk und vertiefte sich in die Übersicht. In jenem Augenblick kam Ginny durch das Gemälde der Fetten Dame, mit einem ihrer Mitschüler, der meiner Meinung nach viel zu nah bei ihr stand.
Als ich meine Aufmerksamkeit wieder Hermine schenkte, war sie verschwunden.
*~*~*
Was Ginny betraf, war ich immer noch vorsichtig ihr gegenüber. Aber die Sticheleien meines Doppelgängers kamen mir gegen meinen Willen wieder in den Sinn.
Zwar erschien mir meine Zukunft ziemlich prekär, aber immerhin bestritt sie dies nicht. Und wenn sie zustimmen würde, mit mir zu gehen, würde sie über meine Situation Bescheid wissen. Aber würde sie annehmen? Ja, wenn ich Simon glauben konnte. Aber ich war mir nicht so sicher, wenn ich ihr Verhalten beobachtete. Wir sprachen regelmäßig miteinander, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sich bei mir anders verhielt als bei den anderen.
Wenn ich beinahe aufgab und versuchte, sie zu vergessen, sah ich die Blicke der anderen Jungen auf ihr und hörte wieder Simons Bemerkung: „Du würdest es bereuen, wenn sie mit einem anderen gehen würde". Ich glaube, dass ich in diesem Moment anfing, fiktive Zwiegespräche mit meinem Doppelgänger zu führen- jedes Mal, wenn ich eine Entscheidung treffen sollte.
Nach all diesen Ausflüchten lösten sich die Dinge auf eine erstaunlich einfache und natürliche Weise.
Einige Tage nach meinem Gespräch mit Hermine wartete ich in der Bibliothek auf Ron, um mit ihm eine Recherche durchzuführen, um die wir in Verwandlung gebeten worden waren. Er wurde aber von einem unerwarteten Vertrauensschülertreffen aufgehalten. Als sie mich allein sah, ging Ginny zu mir, um mit mir zu reden. Wir redeten leise und beugten uns zueinander, um Madam Pinces Aufmerksamkeit nicht auf uns zu ziehen. Plötzlich bemerkte ich, dass ihre Hand ganz nahe neben meiner auf dem Tisch lag. Aus einer Laune heraus legte ich meine Hand auf die ihre. Ohne aufzuhören zu sprechen, spreizte sie die Finger, um sie mit den Meinigen zu verschlingen.
Wir haben eine Weile weiter gesprochen und dann schlug ich ihr vor, rauszugehen, um die Beine wieder gelenkig zu machen. Sie folgte mir, ihre Hand immer noch in der Meinigen. Wir sind in den Gängen herumgelaufen, immer näher, immer weniger sprechend, bis wir uns wirklich sehr nah waren und gar nicht mehr sprachen.
*~*~*
Zwei Wochen später saßen Ron und ich in einer ruhigen Ecke im Gemeinschaftsraum, wo wir so taten, als würden wir an unseren Aufgaben arbeiten. Ich war erleichtert gewesen zu beobachten, dass sich zwischen uns nichts geändert hatte, seitdem ich mit seiner Schwester ging. Ich bemühte mich dennoch darum, mit Ginny nicht zu intim zu sein, wenn er sich in der Nähe befand.
Ich sah gedankenlos, wie Neville mit Parvati lachte. Der kurze Aufenthalt von Simon hatte das Bild geändert, dass man von ihm in Hogwarts hatte. Dass er mit einem besonders beliebten Jungen gesehen worden war, hatte ihm erlaubt, den pausbäckigen Jungen vergessen zu lassen, der seine Kröte nie fand. Jeder entdeckte den neuen Neville, der im Ministerium die Todesser bekämpft hatte und einen diskreten, aber wirksamen Humor zeigte, wenn er sich selbst vertraute. Er zählte zu den wenigen Leuten, die mich regelmäßig gefragt hatten, ob ich von meinem Cousin Nachrichten hatte, und er war sehr enttäuscht gewesen, als ich ihm schließlich gesagt hatte, dass er aus Sicherheitsgründen ein unortbares Haus bewohnte.
Ron beklagte gerade, dass Hermine mehr in ihre Bücher vertieft war als je zuvor, als Letztere sich uns gegenüber setzte. Sie klammerte ein besonders staubiges Buch an ihre Brust.
„Ich habe es gefunden, Harry!", sagte sie mit einer ungewöhnlich bestürzten Stimme.
„Was hast du gefunden?", fragte ich und war etwas besorgt, als sie meinen Blick mied.
Als einzige Antwort legte sie das Werk vor mir aufgeschlagen hin. Dieses Buch musste sehr alt sein, denn es war nicht gedruckt, sondern mit ausgemalten Bildern oben auf jeder Seite schön geschrieben. Der Titel der Seite, die sie gewählt hatte, war: „Legato Protecto".
„Es heißt gebundener Schutz", sagte mir Hermine mit einer beinahe tränenerstickten Stimme.
Ich sah sie an, ohne zu verstehen.
„Dies ist ein Buch, das die Uralte Magie behandelt. Ich habe es im Verbotenen Teil der Bibliothek gefunden. Es wird nicht oft nachgeschlagen. Seinem Nachschlagezettel zufolge wurde er zum letzten Mal vor zwanzig Jahren von einer gewissen Lily Evans angefragt."
Meine Hände fingen an zu zittern.
„Sie hat vielleicht später in einem anderen Werk nachgeschlagen, aber in diesem steht alles. Der Legato Protecto ist ein sehr mächtiger Zauber, den man im Voraus zubereitet. Man muss einen Zaubertrank mit Haaren, Nägeln und Tränen von der Person brauen, die man schützen will. Es gibt Beschwörungen, die man in dem Moment wieder spricht, wenn man ihn braucht. Für den, der sie ausspricht, ist der Zauber tödlich. Aber es ist der effizienteste Schutz, den man kennt. Es wird sogar erklärt, dass er den Todesfluch abwehren kann."
Im Voraus. Sie hatte absichtlich beschlossen, mich zum Preis ihres Lebens zu schützen. Es war keine mutige Tat, die in Angst und Panik entschlossen worden war. Es war ein reif überdachter Entschluss. Als Voldemort seine Jagd angefangen hatte, hatte sie sich an diesen Zauber erinnert, den sie einige Jahre früher in Hogwarts entdeckt hatte, und sie hatte ihn gewirkt, um mein Leben zum Preis ihres eigenen Lebens zu schützen.
Ich sah, dass meine Hände, die auf dem aufgeschlagenen Buch lagen, nass waren. Ich entfernte sie, um das wertvolle Dokument mit meinen Tränen nicht zu beschädigen. Ein Taschentuch, das mir Hermine reichte, kam in mein Sichtfeld. Ich nahm es und wischte mir die Augen.
Als ich wieder zu meinen Freunden blickte, starrte Hermine den Tisch an, ohne ihn zu sehen, und Ron hatte den Kopf diskret zum Fenster gedreht.
„Danke, Hermine", murmelte ich.
„In diesem Buch gibt es was Anderes", antwortete sie.
„Ja?"
„Ein Zauber, der einem erlaubt, sich selbst zu schützen, indem man die magischen Angriffe zum Absender zurückschickt."
Ich war zu erschüttert, als dass ich verstehen konnte, was das meinte. Ron war es, der fragte:
„Meinst du damit, dass er Harry erlauben würde, gegen Voldemort die ganze Magie zurückzuschicken, die er gegen ihn benutzen könnte?", fragte er mit einer zögernden Stimme.
„Ja, Ron. Aber es muss ein schrecklicher Preis bezahlt werden", erläuterte sie flüsternd.
„Ich bin bereit zu sterben" antwortete ich.
„Dieser funktioniert nicht so, Harry. Es ist eine andere Person, die aufgeopfert werden muss. Eine Person, die weder du noch dein Angreifer ist. Aber eine Person, die mit dir eng verbunden ist und sich in deiner Nähe befinden muss, wenn du sie brauchst."
Wir blieben eine Weile still. Dann sagte Ron:
„Wir sind bereit, dir beizustehen, weißt du."
„Nein!", schrie ich. „Nein", wiederholte ich leiser. „Ich werde es nicht erlauben."
„Und mit welchem Recht?", fragte mich Hermine mit scharfer Stimme.
In meinem Kopf hörte ich Simons Stimme: „Du kannst dich nicht als verantwortlich für die Wahlen der anderen fühlen. Immerhin sind sie nicht nur an deiner Seite, um dir zu gefallen. Wenn du verlierst, sind auch sie in einer schlechten Lage."
Wie ein Echo fügte Ron hinzu:
„Was glaubst du, was mit uns geschehen wird, wenn du verlierst? Denkst du, dass man uns gehen lassen wird? Hermines Eltern sind Muggel und meine werden als Blutverräter betrachtet. Das Wenige, das wir tun können, ist dir dabei zu helfen, den Schaden zu begrenzen."
Sie hatten Recht. Sie hatten das Recht, den Sinn ihres Lebens zu wählen. Ich legte meine Hand auf Hermines.
„Danke", sagte ich.
Ich wollte etwas hinzufügen, aber ich fand keine Worte. Hermine hob unsere beiden Hände und legte sie wieder auf Rons.
„Wir werden es schaffen", versicherte sie. „Vertraue uns."
*~*~*
Während des Rests des Jahres las sich Hermine die Augen blind, um zu prüfen, ob es keinen anderen Weg gäbe, diesen Zauber zu wirken. Doch sie fand nichts und ich fing an zu bedauern, dass sie diesen Zauber entdeckt hatte. Ich war nicht sicher, Voldemort so sehr besiegen zu wollen, dass ich einen meiner Freunde absichtlich opfern würde.
Nie hatte ich eine so schreckliche Angst verspürt. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Person für mich oder meinetwegen sterben würde. Aber es wäre das erste Mal, dass es von mir beabsichtigt und geplant wäre.
Noch einmal sprach ich darüber mit Simon. Doch es konnte mir nicht wirklich helfen. Ich konnte mir Simon vor so einem Dilemma nicht vorstellen. Nichts in seinem Leben hatte ihn darauf vorbereitet, so eine abscheuliche Situation zu erleben, und ich konnte mir nicht vorstellen, welche Entscheidung er in einem so schrecklichen Zusammenhang treffen würde.
Ich machte mich dennoch auf die Suche nach dem magischen Raum, von dem er mit mir gesprochen hatte, als er mir detailliert erzählt hatte, wie er hier angekommen war. Ich war nie sicher, dass es wirklich der Ort war, aber ich fand einen dunklen und kühlen Raum, der so war, wie er ihn mir beschrieben hatte. Ich hinterließ dort eine Meldung, in der ich ihm die Lage beschrieb und ihn fragte, wie es ihm ging. Während jenes und des folgenden Schuljahrs ging ich mehrmals wieder dort hin. Doch lag meine Meldung immer noch da und ich fand kein Zeichen, dass er mit mir hatte kommunizieren wollen oder können.
Ich war dennoch davon überzeugt, dass er sich von der Verzweiflung nicht hätte überwältigen lassen. Also übte ich mit aller Kraft Quidditch, verbrachte besondere Momente mit Ginny und scherzte mit meinen Mitschülern, wie er es zweifellos getan hätte. Paradoxerweise hatte ich in Hogwarts nie so nachlässig gelebt. Ich war außerdem überrascht, dass es meine Mitschüler nicht erstaunte. Aber zweifellos hatte Simon sie mit seinem Verhalten auf meines vorbereitet, und sie verwechselten mich wahrscheinlich unbewusst mit ihm. Ich fragte mich sogar, ob sich meine Umgebung daran erinnerte, dass wir eines Tages zwei gewesen waren.
Ich selber zweifelte manchmal daran. Dann machte ich meinen Koffer auf und zog daraus den mit einem 'S' verzierten Pulli, den ich in meinen Sachen wieder gefunden hatte.
*~*~*
Hermine verbrachte so viel Zeit in der Nähe des Verbotenen Teils der Bibliothek wie sie konnte und suchte verzweifelt nach einer Alternative zu der Lösung, die sie im Buch meiner Mum gefunden hatte. Doch sie zweifelte immer mehr daran, es zu schaffen, je schneller die Monate verliefen. Ich denke, dass sie aufgegeben hätte, wenn nur ihr Leben auf dem Spiel gestanden hätte. Aber die Tatsache, dass sie wusste, dass es vielleicht Ron wäre, der sterben würde, hinderte sie daran auf eine weitere Suche zu verzichten.
Sie schlug mir schließlich vor, mit Dumbledore über die Sache zu reden, um ihn um einen Rat zu bitten. Aber es war schon Mai und der Schulleiter zeigte sich während der darauffolgenden Wochen nicht in Hogwarts. Einige Tage vor dem Ende des Schuljahrs fragte ich Professor McGonagall, ob es möglich wäre, ihn zu treffen. Ich glaubte zu verstehen, dass es schwierig war, ihn zu erreichen, dass er sich aber eventuell einen Moment befreien könnte, wenn ich ein dringendes Problem mit ihm besprechen wollte. Ich versicherte, dass ich warten konnte.
Heimlich war ich von dieser Absage erleichtert. Die Vorstellung, dass ich vor meinem Mentor würde gestehen müssen, dass ich bereit war, der Aufopferung eines meiner besten Freunde zuzustimmen, entsetzte mich. Ich wusste nicht, ob der alte Mann meinem Entschluss zustimmen oder ihn missbilligen würde, aber beide Möglichkeiten waren mir gleich zuwider. Außerdem war ich nicht sicher, dass wir vorankommen würden, nachdem wir ihm unser Problem vorgelegt hatten. Ich war jetzt reifer und wusste, dass Albus Dumbledore, obgleich er ein großer Zauberer war, weder unfehlbar noch allwissend war. Er war es, der als Erster vor mir die Uralte Magie erwähnt hatte, aber er hatte nie davon gesprochen, dass hier für mich eine Lösung zu finden wäre. Übrigens, wenn man darüber nachdachte- hatte er je mehr getan als mir Wege vorzuschlagen und es danach mir überlassen, mir allein aus dem Problem heraus zu helfen?
*~*~*
Am ersten Juli fuhren Ron, Ginny und Hermine zu ihren Familien zurück und ich zu meinem Onkel und meiner Tante. Nach einigen Tagen wurde ich mir dennoch dessen bewusst, dass ich es noch weniger als je zuvor schaffte, mich davon zu überzeugen, dass dies mein Zuhause war. Nachdem ich gehört hatte, wie mir Simon das Seinige beschrieben hatte, erschien mir das, was ich im Ligusterweg erlebte, als eine erbärmliche Maskerade. Jede Minute, die ich in diesem Haus verbrachte, ließ mich umso mehr spüren, wie sehr dieser Ort nicht mein Zuhause war.
Ich fand mich jedoch damit ab, auf meinen siebzehnten Geburtstag zu warten, und versprach mir, dass ich mit dem Fahrenden Ritter am Morgen des einunddreißigsten Juli zum Fuchsbau fahren würde. Der Orden hatte meinen Plan vorausgesehen, oder meine Freunde, an die ich regelmäßig schrieb, hatten ihm Bescheid gesagt, denn als ich gerade meinen Koffer die Treppe herunterbrachte, klingelte Arthur Weasley an der Tür. Ich ging aus dem Haus, ohne mich von den erbärmlichen Blöden zu verabschieden, die dort wohnten. Wahrscheinlich hätten sie eh nicht geantwortet.
Mit Freude kehrte ich in die Wärme der Familie Weasley zurück. Hermine war nicht da, denn sie hatte sich vorgenommen, alle Zaubererbibliotheken des Landes zu durchsuchen, um dort alles zu lesen, was man über die Schutzrituale der Uralten Magie finden konnte. Sie schrieb regelmäßig an uns, um uns von ihren Reisen zu berichten. Aber diese Briefe enthielten nur die Beschreibung der Bibliotheken, in denen sie ihre Tage verbrachte, und ihre Bewunderung angesichts des immensen Wissens, zu dem sie einen Zugang hatte. Sie erwähnte aber keinen Fund, der unser Problem lösen könnte.
*~*~*
Drei Tage vor dem Schuljahresbeginn kehrte Hermine zum Fuchsbau zurück. Wie wir es gespürt hatten, waren die Nachrichten nicht gut. Sie hatte mehrere Anspielungen auf den Schutz, den wir kannten, gefunden, aber immer war das gleiche makabere Ritual beschrieben. Ich schlug vor, auf die Uralte Magie zu verzichten. Aber alle drei bestanden darauf, dass ich trotz seines ungeheuren Preises den Reverso Bellicum benutzen musste, weil es die einzige wertvolle Waffe war, die ich zur Verfügung hatte. Alle drei waren dazu bereit, mir bei seiner Ausführung zu helfen.
Ich setzte ihnen alle Argumente entgegen, die mir in den Sinn kamen. Doch war ich tief in mir von ihrer Anschauung schon überzeugt. Ich hatte immer gewusst, seitdem ich die Prophezeiung kannte, dass der Preis, den ich für meinen Sieg würde bezahlen müssen, blutig und bekümmernd sein würde. Ich hatte mich darauf vorbereitet, mein Leben zu opfern.
Während dieses langen Abends jedoch musste ich mich auch noch mit der Hilfe jener, die ich am meisten liebte und die deswegen bestimmt waren, den höchsten Preis zu bezahlen, abfinden.
*~*~*
Als wir zurück in Hogwarts waren, bestand Hermine darauf, dass Ron und ich unsere UTZ-Prüfungen ernst vorbereiten sollten. Sie blieb all unseren Protesten gegenüber taub. Für sie war die Tatsache, dass wir uns auf unsere Prüfungen vorbereiteten, der Hinweis, dass wir vor hatten, lebendig davon zu kommen. Es war ihre Art und Weise, positiv zu bleiben.
Wie während des vorigen Jahres war es meine, darüber nach zu denken, wie Simon in der gleichen Situation reagiert hätte. Trotz meines schweren Herzens profitierte ich weiter von allen kleinen Vergnügungen, die mir das Leben bot, und wusste dabei, dass es ein bedauernswertes 'Nachher' geben würde, das meine Vergnügungen unvermeidlich verdunkeln würde.
Um mich auf die Endbegegnung vorzubereiten, ließen mich Hermine und Ron immer wieder die Formel wiederholen, die mir erlauben würde, meinem Angreifer eine Falle zu stellen. Es war eine lange Litanei in gälischer Sprache, an die ich den Namen meines Angreifers und den der Person, die ihre magische Macht der Meinigen binden würde, bis sie von ihrem Leben entleert werden würde, angliedern musste. Ich lernte also, die rauen Silben zu wiederholen und dabei Tom Marvolo Riddle und alternativ Hermine Jane Granger oder Ronald Bilius Weasley anzugliedern. Einer meiner Freunde würde genügen, um den Zauber effizient zu machen, aber ich konnte nicht im Voraus wissen, welcher der beiden in meiner Nähe stehen würde, wenn der Moment da sein würde.
Es gab einen Namen, den ich ablehnte mitten in meine tödlichen Litanei einzufügen: Ginevra Molly Weasley. Natürlich hatte Ginny vorgeschlagen, dass sie aufgeopfert werden könnte. Ihre Aufopferung war genauso logisch wie die ihres Bruders oder Hermines, aber für mich kam es überhaupt nicht in Frage. Ich wusste nicht, welcher meiner beiden besten Freunde mir als Opfer dienen würde, aber ich musste sicher sein, dass Ginny zu denen gehören würde, die mich danach begleiten würden. Sie setzte mir entgegen, dass sie vielleicht von Todessern ermordet werden würde und dass sie lieber sterben würde, indem sie unserer Sache diente. Sie konnte mich nicht überzeugen. Es ging über meinem Verstand, die Worte konnten meine Lippen einfach nicht durchbrechen.
Ich hatte mich noch einmal gefragt, was Simon an meiner Stelle entschieden hätte. Mehrere Tage sprach ich mit ihm in meinem Kopf. Ich beschloss schließlich, dass sein Entschluss wie der Meinige aufallen musste. Simon ging mit Mädchen, aber er liebte sie nicht wirklich. Er mochte Ginny – meine und seine – gerne, aber es war nicht das gleiche Gefühl. Ich war der Einzige, der entscheiden musste, ob ich es tun wollte, egal, wie ungerecht es Ginny erscheinen mochte. Und trotz ihrer Drohung, mit mir Schluss zu machen, wenn unser Bund es war, der mich daran hinderte, sie in die Reihe der Opferbaren aufzunehmen, blieb ich bei meiner Entscheidung. Als sie endlich verstand, dass mich nichts würde nachgeben lassen, gab sie schließlich nach.
*~*~*
Ich hatte bemerkt, dass Snape seit dem Anfang des Jahres mir gegenüber noch abscheulicher war als vorher. Ich sprach mit meinen Freunden darüber.
„Bist du sicher, dass es schlimmer geworden ist?", fragte mich Ron. „Ich hatte gedacht, dass das unmöglich ist."
„Du hast es doch gesehen! Er hatte heute keinen Grund, mir Nachsitzen zu geben. Ich habe einfach mit Neville gelacht, als wir aus der Großen Halle hinausgingen. Und gestern war es das gleiche, ich ging einfach durch den Gang."
„Er hatte Recht, als er sagte, dass du nicht guckst wo du hingehst. Du hast mit Ginny geliebäugelt", bemerkte mein bester Freund.
„Stört es dich, Ron?", fragte seine Schwester mit einer drohenden Stimme.
„Ich sage nur, dass ihr euch so nicht öffentlich sehen lassen müsst."
„Das ist es vielleicht, was Professor Snape ärgert", griff Hermine ein, bevor uns unsere beliebtesten Weasleys eine geschwisterliche Streitszene zeigten, wie sie es so gut konnten.
„Warum würde es ihn ärgern, dass ich mit Ginny ausgehe?", fragte ich.
„Was ihn stört, ist, dass du dich zu amüsieren scheinst", präzisierte Hermine. „Er fragt sich wahrscheinlich, ob du dir dessen bewusst bist, was dich erwartet."
„Wenn ich mein Schicksal beklage, wird meine Chance, Voldemort zu besiegen, nicht steigen", protestierte ich.
„Ich weiß das. Aber du hast nie so fröhlich ausgesehen, Harry. Jedes Jahr passieren Dinge, die dir Sorgen bereiten oder deine Beziehungen zu den anderen verschlechtern. Aber dieses Jahr siehst du aus, als würdest du dich besonders wohl fühlen. Als hättest du im Leben kein besonderes Problem."
„Bei Merlins Bart, es muss diesen armen Snape völlig traumatisieren", spottete Ron. „Es ist grässlich von dir, in seiner Anwesenheit zu lachen, Harry. Weißt du, das ist genauso, als würdest du vor einem Diät haltenden Mädchen Kuchen essen oder vor einem beinlosen Krüppel Polka tanzen."
„Ron!", tadelte ihn Hermine, die dennoch ihr Lächeln nicht verkneifen konnte. „Glaubt ihr nicht, dass wir Dumbledore von unserem Projekt erzählen sollten?", fragte sie und erwähnte dabei wieder das Thema, auf das sie während des ganzen vorigen Jahres verzichtet hatte.
„Überhaupt nicht!", setzte Ginny entgegen. „Wenn die Fledermaus Du-Weißt-Schon-Wem erzählt, dass sich Harry nicht ernsthaft vorbereitet, ist es perfekt."
„Es Dumbledore zu sagen, heißt nicht, es Snape zu sagen", argumentierte Hermine.
„Denn du weißt, was Dumbledore entscheidet, Snape zu enthüllen?", bemerkte Ron.
„Ich halte es lieber geheim", entschied ich. „Es ist so schon schwierig genug."
Hermine, die verstand, dass es mir unerträglich war, irgendjemandem zu enthüllen, dass ich die Entscheidung getroffen hatte, einen meiner Freunde aufzuopfern, drängte nicht.
*~*~*
Im Laufe des Januars hatte Ron eine glänzende Idee.
„Was ist die Art des Bundes, der zwischen Harry und dem existieren muss, der ihm beistehen wird?", fragte er Hermine.
„Ein Herzensbund", antwortete Hermine.
„Was bedeutet das genau?", drängte er.
„Was ich gerade gesagt habe. Das ist die genaueste Übersetzung, die ich geben kann."
„Also ist es aber nicht unbedingt Freundschaft!"
Hermine, die zuerst von Rons Drängen geärgert schien, starrte ihn lange an, so dass er sich ziemlich unwohl fühlte und anfing, sich nervös zu bewegen.
„Vergiss, was ich gerade gesagt habe", murrte er. „Ich bin für solche Dinge nicht begabt. Ich müsste es mit der Zeit eigentlich begriffen haben."
„Genau, Ron. Ich meine, du hast genau Recht. Die Herzensbunde sind viel subtiler als ich es gedacht hatte. Ja, ich muss recherchieren..."
Wir sahen sie während der nächsten drei Wochen kaum und Ron hatte genug Zeit zu bedauern, dass er seine Gedanken angesprochen hatte. Doch sie kam mit guten Nachrichten und anderen Namen zum Lernen wieder zu uns.
„Ron hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ein wichtiges Element völlig übersehen habe. Jede Person, die mit Harry durch starke Gefühle verbunden ist, seien sie positiv oder negativ, kann nützlich sein. Wie wir muss sie aber in der Nähe sein, wenn der Moment kommt. Ich habe also die Leute aufgeschrieben, auf die diese Kriterien passen."
Sie zog aus ihrer Tasche eine Liste und reichte sie mir. Ich sah die Kandidaten zur Vernichtung an. Bellatrix Jezabel Lestrange, Peter Albert Pettigrew und Severus Savinian Snape.
„Ich denke, dass wir Malfoy hinzufügen können", schlug ich vor.
„Du hast mit ihm nicht so viele Bande", erwiderte sie.
„Ich sprach von Draco", präzisierte ich.
„Nein", antwortete sie fest.
„Warum?", fragte Ron.
„Er ist noch kein Todesser. Und selbst, wenn er es bis dahin wird, ist er jung und er kann sich noch ändern."
„Wir sind auch jung, Hermine", erwiderte Ron scharf.
„Wir sind bereit, unsere Rolle zu erfüllen", setzte sie ihm entgegen.
„Ich denke nicht, dass Bellatrix so ist", bemerkte ich.
„Ihre Wahl hat sie aber längst getroffen. Wurmschwanz hat seine Wahl auch getroffen und wiederholt. Es ist normal, dass wir sie diese Aufgabe übernehmen lassen."
„Und Snape?", fragte Ron.
Hermine sah verstört aus. Sie spielte nervös mit dem Stoff ihrer Uniform.
„Ich habe lange gezögert, bis ich ihn aufgeschrieben habe", vertraute sie uns an. „Aber seine Bande mit Harry sind stark. Er hat mehrmals bewiesen, dass er dazu bereit ist, tödliche Risiken einzugehen, um uns zu helfen."
„Wenn er auf unserer Seite steht", setzte Ron entgegen.
„Wenn es nicht so ist, dann können wir ihn in den gleichen Topf werfen wie die anderen", sagte sie scharf.
*~*~*
Einige Zeit später führten sie und Ron das Gespräch, das seit mehreren Jahren zwischen ihnen ausgeblieben war, und eines Abends kamen sie Hand in Hand in den Gryffindor-Turm. Diese neue Lage verursachte in mir gleichzeitig verschiedene Gefühle. Einerseits war ich froh für sie. Andererseits machte es für mich die Lage schwieriger, weil ich der wäre, der sie für ewig trennen würde, wenn keiner meiner Feinde sich in der Nähe von Voldemort und mir befinden würde, wenn der Moment gekommen war.
Simons Stimme flüsterte mir zu, dass sie das Beste aus der verbliebenen Zeit herausholen mussten. Aber meine pessimistische Seite ließ mich denken, dass das 'Nachher' für den, der bleiben würde, umso schwieriger sein würde. Sie verstärkten beide mein Unwohlsein, indem sie separat zu mir kamen, um mich darum zu bitten, ihren eigenen Namen zu wählen, sollte ich während des Kampfes zwischen ihnen beiden wählen müssen. Da mich die Idee, dass ich entscheiden müsste, wer wen überleben würde, entsetzte, versuchte ich mich davon zu überzeugen, dass bestimmt ein passender Todesser in der Nähe sein würde. Ohne es einem der beiden zu sagen, fügte ich Draco Lucius Malfoy meiner Liste hinzu.
Während unserer Gespräche bemerkte, dass Hermine es schlecht verkraftete, mir Opfer gezeigt zu haben. Wegen der Persönlichkeiten der oben genannten Opfer stellte es für mich kein Problem dar. Für Ron auch nicht, aber er war erstaunlicherweise klug genug, dass er im Gespräch nicht eingriff, wenn wir diesen Punkt besprachen.
*~*~*
Das Schuljahr ging zu Ende, während es draußen immer mehr Terroranschläge gab. Einige Tage vor unserer Abreise rief mich Dumbledore in sein Büro und fragte mich, wo ich während meiner Ferien hingehen wollte.
Ich erzählte ihm, dass ich mit Ron und Hermine zum Grimmauld Place gehen wollte.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, Harry", setzte er mir entgegen. „Nach Kreachers Verrat kennt Voldemort zweifellos diesen Ort."
„Es stört mich nicht."
Er starrte mich lange an.
„Wenn du dich bereit fühlst, ihm zu begegnen, wäre es nicht schlecht, es ihm zu verbergen", antwortete er schließlich. „Du solltest dich zu einem Ort aufmachen, den für ihn schwerer zu finden wäre."
Ich verstand, dass er wusste, was ich tun wollte. Immerhin hätte er nur Madam Pince nach den Titeln der Bücher fragen müssen, die Hermine vor kurzem ausgeliehen hatte, um davon eine Idee zu haben.
„Es ist bekannt, dass du Severus Snape nicht besonders magst", fuhr er fort, „dass wir ihm aber vertrauen. Wäre er nicht ein hervorragender Geheimniswahrer?"
Zuerst ließ mich die Empörung atemlos. Wie konnte er es wagen, mir Snape als Wahrer vorzuschlagen? Dann erschloss sich mir die Feinheit des Plans, den er mir vorschlug. Wenn Voldemort dank Snape wusste, wo ich mich versteckte, würde er sich dort unvorsichtig hinbegeben... wenn uns Snape treu war.
Im Gegenfall würde ihm Snape ebenfalls sagen, wo ich mich befand, und ihm dabei raten, vorsichtig zu sein. Würde der Dunkle Lord die Warnung berücksichtigen? Man könnte wohl darauf wetten, dass er dennoch kommen würde, da er wusste, dass unsere Begegnung unvermeidlich war, und da er sich nur schwer vorstellen konnte, gegen mich zu verlieren. Und wenn er in der Gesellschaft von Snape kam, kam es mir sehr entgegen.
Ich nahm den Vorschlag an und man entschied, dass wir uns gleich nach dem Schuljahresende direkt von Hogwarts her durch Portschlüssel in das Haus begeben würden, das Dumbledore für uns wählen würde.
*~*~*
Unsere letzten Momente mit Ginny, die mit dem Hogwarts-Express nach Hause abreisen musste, waren höchst beklemmend. Hermine und sie waren tränennass und ich musste wohl genauso entstellt ausgesehen haben wie Ron. Flüchtig dachte ich, dass es ein Glück war, dass ich nicht im Voraus gewusst hatte, dass Simon weggehen würde. Es hatte uns einige peinliche Abschiede erspart.
Schließlich riss McGonagall Ginny aus meinen und ihres Bruders Armen und zog sie die Wendeltreppe des Schulleiterbüros hinab. Der Schulleiter zeigte uns einen Federhalter, der auf seinem Arbeitstisch lag, und wünschte uns viel Glück.
Sprachlos, und ohne einen Blick zu wechseln, weil wir fürchteten, wir würden es sonst nicht aushalten können, haben wir den Portschlüssel ergriffen.
*~*~*
Das Haus, das uns vorgeschlagen worden war, war nicht groß, aber es war gemütlich eingerichtet worden. Der erste Tag war finster, dann haben wir uns darum bemüht, unsere Traurigkeit zu verstecken und uns darauf zu konzentrieren, was uns erwartete.
Wir hatten uns das ganze Jahr lang darauf vorbereitet, was wir tun mussten, und wir brauchten nur noch zu warten, bis uns Voldemort fand. Einerseits war dieses Warten unangenehm, weil keiner von uns diese Passivität mochte. Aber andererseits war jeder Tag eine Frist, ein gestohlener Glücksmoment, vor allem für Ron und Hermine.
Während der ersten Tage habe ich mich darum bemüht, ihnen so viel Intimität zu lassen wie möglich. Dennoch versicherten sie mir nach einigen Tagen, dass sie meine Anwesenheit neben ihnen wirklich wünschten. Wir haben viel gesprochen, alle Abenteuer erwähnt, die wir zusammen erlebt hatten. Um in Hochform zu bleiben, übten wir nachmittags mehrere Stunden lang Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Als Voldemort in der Nacht des einunddreißigsten Juli ankam, waren wir bereit.
