Autor: Noir13 / SeKaYa
Disclaimer: Alle bekannten Personen, Namen, Orte und Begriffe sind Eigentum von J. K. Rowling. Die Charakterisierung ist jedoch größtenteils auf meinem Mist gewachsen.
Hauptcharakter: Dorcas Meadowes
Nebencharaktere: Alastor Moody, die Prewetts, Kingsley Shacklebolt, Dawlish, Scrimgeour, Fenwick, Dearborn, Gawain Robards, Janet Carter, ...
Rating: PG12
Anmerkung: siehe Kapitel 1
Kapitel: 6 / 13
März 1974
"Niemand kommt ohne Wunden und ohne Schuld durchs Leben.
Jeder strauchelt irgendwo und irgendwann;
wieder aufzustehen und auf seinem Weg weiterzugehen, das allein ist wichtig."
[unbekannt]
Dumpf lauschte sie dem Ticken der Wanduhr. Es war ein besonderes Modell, wie es viele Zauberer besaßen. Es war eine Kuckucksuhr ohne Zifferblatt – die Zeiger zeigten die Windrichtung oder etwas in der Art an, den Sinn hatte Dorcas nie verstanden – und statt einem Kuckuck sprang ein Hippogreif hervor. Momentan tickte die Uhr jedoch nur mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke in der Stille des Hauses. Tick tack tick tack. Dorcas hatte das Gefühl, als wäre das Ticken bereits in ihrem Kopf.
Wie lange saß sie hier schon? Eine Stunde? Zwei? Definitiv länger, als normal. Normal wäre sie nach einer halben Stunde wieder auf Achse. Ein Auror war immer in Bewegung. Außer jetzt.
Dorcas sah starr an die Wand hinter ihrem Mentor. Ein Punkt über seiner linken Schulter hatte ihre besondere Aufmerksamkeit, ohne dass sie hätte sagen können, wie der Punkt aussah – sie sah ins Leere. Es war ein seltsames Gefühl. Oder besser: Es wäre ein seltsames Gefühl gewesen, wenn sie überhaupt etwas gefühlt hätte. In diesem Moment war sie wie taub.
Das Schweigen wurde unerträglich. Dorcas seufzte.
"Es ist schon komisch", sagte sie.
Moody schwieg und betrachtete weithin den Bericht, der vor ihm auf dem Tisch lag. Dorcas wusste nicht, wovon er handelte, aber sie wusste, dass Moody ihn nur ansah, um sie nicht anzusehen. Dasselbe wie mit ihrem interessanten Punkt an der Wand. Sie betrachtete das Pergament ebenfalls.
"Da ist nichts", fuhr sie fort, mehr zu sich selbst sprechend, auch wenn sie innerlich wusste, dass Moody zuhörte. Er hörte immer zu. "Alle sind tot – und da ist nichts."
Jetzt, wo sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie etwas wie Schuld darüber, dass sie nichts fühlte. Nichts, was ihren Tod betraf. Nicht den ihrer Mutter, nicht den ihres Onkels und auch nicht den ihres Bruders. Ihr Zwillingsbruder! Sie fragte sich, ob das normal war. Fabian oder Gideon wären sicherlich durchgedreht, voll Trauer und Hass gewesen, wenn der jeweils andere tot wäre. Und sie? Leere.
"Bin ich deshalb ein herzloses Monster...?", fragte sie in den stillen Raum hinein.
Zum ersten Mal seit der Nachricht und ihrer stillen Zusammenkunft in der Küche sah Moody sie an. Dorcas starrte mit einem so unsicheren Blick zurück, dass sie sich unter anderen Umständen dafür geschämt hätte.
"Du bist Aurorin", sagte Moody langsam.
Dorcas blinzelte leicht. Das war alles? Das war die ganze Antwort? 'Du bist Aurorin'? Und das sollte ihr helfen?
Moody seufzte. "Du bist Aurorin", wiederholte er. "Es ist dein Job, zu kämpfen. Und wer kämpft, kommt immer wieder mit Wunden, Schmerz und Tod in Berührung. Irgendwann hört es auf, so weh zu tun. Die Wunden schmerzen nicht mehr, jegliche Qual wird nebensächlich... und der Tod fängt an, dazuzugehören." Er sah seine Schülerin an und Dorcas sah etwas wie tiefes Verstehen in seinen Augen. "Du bist nicht gleichgültig, auch wenn es dir so vorkommen mag, Meadowes. Die Leere... sagen wir so: Es ist die billige Aurorentrauer. Wir haben keine Zeit, um richtig zu trauern. Wir verlernen im Verlauf der Zeit die Fähigkeit, zu weinen. Also weinen wir in unserem Inneren. Das ist die Leere, das, was du als 'nichts' bezeichnest."
Dorcas senkte den Kopf und nickte schwach. Manchmal fragte sie sich, ob es das wert war: Ihre Menschlichkeit aufzugeben, um andere zu schützen. Sie wusste zumindest, dass sie wollte, dass es das wert war. Ansonsten war alles sinnlos.
Dorcas saß, nichts Böses ahnend (zumindest nach außen hin, denn sie wusste, dass ihr Gegenüber nur darauf wartete, dass sie wirklich unachtsam wurde), in der Cafeteria, über einem Plan brütend. Der Plan war, dass es keinen Plan gab. Zumindest würde sie das aus den vielen wirren Linien, Kringeln und Kurven herauslesen. Sah sie das richtig, dass laut Plan der Angriff durch die Besenkammer erfolgen sollte...?
"Plan eingeprägt?", knurrte ihr Gegenüber.
"Nein", sagte Dorcas unbekümmert. "Ich halte es gelinde gesagt immer noch für Schwachsinn - welcher Wahnsinnige hat das Ding aufgestellt? Nach dem Ding hier lauert eine Armee, Heerscharen, im Abstellraum unter der Treppe - und ich halte das für ziemlich unmöglich." Sie sah noch einmal genauer hin. "Außer natürlich, das Zeichen für 'Schwarzmagierangriff' bedeutet in diesem Kontext 'Spinnenangriff'..."
Moody knurrte und riss ihr den Plan unter der Nase weg. "Hör auf zu nörgeln!" Er wedelte mit dem Papier vor ihrer Nase herum. "Du weißt genau, das taktisches Geschick erforderlich ist um diesen Auftrag zu lösen!"
Dorcas seufzte unhörbar und warf einen missmutigen Blick auf ihren Tee. "Lass mich raten... wir planen, mit taktischem Geschick, die Mission durch, obwohl wir am Ende den Plan verbrennen können, da wir bei Feindkontakt sowieso zum Frontalangriff übergehen werden..."
Ihr Mentor nickte zufrieden und Dorcas unterdrückte einen neuerlichen Seufzer. Manchmal war es auch zu offensichtlich - er plante, um die Pläne ignorieren zu können. Nicht, dass sie nicht verstehen würde, dass Pläne für die Katz' waren, aber irgendwie ärgerte es sie, dass Moody weiterhin Pläne produzierte. Noch dazu welche, bei denen kein normaler Mensch durchblickte. Aber Sicherheit war wichtig und der Feind durfte nicht einmal die Möglichkeit haben, irgendeinen Sinn in dem Gekritzel zu erkennen. Die 'Wilde Kritzelei'-Taktik war so erfolgreich, dass nicht einmal verbündete Einheiten hinter den Sinn kamen.
"Hast du das Waffenarsenal überprüft?"
Dorcas hob eine Augenbraue. "Für wie dumm hältst du mich eigentlich, Moody? Natürlich habe ich es überprüft!"
Sie schnaubte. Hielt er sie etwa für ein kleines Kind? Sie wusste besser als alle anderen Rekruten, wie wichtig es war, die Ausrüstung wieder und wieder und wieder zu überprüfen. Moody hatte es ihr mehrfach eingebläut und das blieb hängen.
"Meiner Ansicht nach sollten wir Sprengstoff ins Arsenal übernehmen - ein ordentlicher Rums hat noch nie geschadet." Dorcas nippte an ihrem Tee. "Ich habe gehört, die Muggel hätten ein paar nette Sachen entwickelt..."
"Vergiss es, Meadowes", knurrte Moody. "Nicht auf dieser Mission und auch sonst nicht. Außer du schaffst es, den nötigen Papierkram zu bearbeiten - ich werde es bestimmt nicht tun - und selbst dann ist es mehr als nur zweifelhaft." Er wandte sich erneut dem Plan zu.
Und er verpasste somit Dorcas' säuerliche Miene. Papierkram. Sie hasste Papierkram. Wenn es nicht um ihre Idee gehen würde, würde sie Dawlish alles unterjubeln, aber der würde sie sabotieren, da war sie sich sicher. Und selbst zur Feder greifen...? Nur im Notfall. Vielleicht sollte sie sich inoffiziell mit Sprengstoff eindecken. Eine Bombe wäre sicherlich eine gute Idee, schon allein deshalb, weil man nicht in der Nähe sein musste, um das Ding hochzujagen. Oder Minen. Perfekt gegen Verfolger, wenn sie richtig informiert war. Das Muggelwaffenmagazin war definitiv nicht unnütz.
"Also, das Arsenal ist vollständig?", fragte Moody, immer noch in den Plan vertieft.
"Ja, ja... Giftgas, Fallen, Netze, alles da."
"Meine Fresse, was plant ihr denn?"
Dorcas blickte zeitgleich mit Moody auf und wünschte sich augenblicklich, es nicht getan zu haben. Der hatte ihr gerade noch gefehlt - erst recht in doppelter Ausführung. Die Prewetts hatten mal wieder den richtigen Riecher dafür, wann sie am meisten stören konnten.
"Krieg", sagte Dorcas ernst. "Merkt man das nicht?"
Fabian - oder war es Gideon? - ließ sich auf einen Stuhl fallen und riss Moody voller Interesse den Plan aus der Hand. "Potzblitz!"
"Heiliges Kanonenrohr!", stimmte der andere Zwilling zu. Beide sahen auf. "Und ihr blickt da durch?"
Moody grollte. Die Prewetts zogen ein wenig die Köpfe ein, aber für Rückzug war es nun zu spät. Dorcas seufzte resigniert. Ihr Mentor war immer ein wenig mürrisch, wenn es um Pläne ging, aber er wurde fuchsteufelswild, wenn es um seine eigenen ging. Und darum, dass sie niemand verstand.
Zeit, die Zentrale vor unnötigen Ausgaben zu schützen - die Bestattungen der Zwillinge mit allen Ehren wäre teuer.
"Wisst ihr, das ist ein neuartiger Angriffsplan. Die neuen Zeichen werdet ihr später noch lernen", sagte Dorcas hastig.
"Ähm... ja...", sagte Fabian. "Und? Was genau plant ihr jetzt?"
Gideon warf dem etwas besänftigten Moody einen Blick zu. "Ist es ein top-secret Auftrag?"
Dorcas schüttelte den Kopf. "Nein - wir planen den Frühjahrsputz."
Im Ministerium waren Frühlingsgefühle ausgebrochen. Nur waren es Gefühle, die nicht positiver Natur war. Dorcas hatte dazu ein kleines Gedicht verfasst, das in Metaphern die Situation zwischen Abteilungsleitung und Aurorenzentrale gut zum Ausdruck brachte. Während Moody durch seine Memos wühlte – er hatte heute Schreibtischdienst gezogen, etwas, was ihn in einer unansprechbaren Laune zurückließ – kaute Dorcas auf ihrer Feder herum und überlegte, ob sie ihr Gedicht in der Kantine aushängen sollte. Es war so treffend.
Gefährlich
Der Frühling
Bäume schlagen aus
Kohl beginnt zu schießen
Vorsicht!
Natürlich würde man Auror sein müssen, um die Anspielung zu verstehen. Und man musste die entsprechenden Leute kennen. Es lief darauf hinaus, dass Crouch die Buchhaltung überprüfte, keine guten Ergebnisse fand, Moody und Bones anblaffte, von Aurorenseite zurückgebrüllt wurde und insgesamt eine sehr finstere Stimmung herrschte. Einfach wundervoll!
"Ich weiß nicht, was Crouch für ein Problem mit unserer Buchführung hat", sagte Dorcas, während sie sich ein weiteres Mal ihr Meisterwerk besah. "Ich meine, es funktioniert doch, oder?"
Moody grummelte. "Er meint, dass kein normaler Mensch da durchblickt. Zu viele Zettel, zu wenig Informationen und zu viele unnütze Ausgaben."
Dorcas zuckte die Schultern und meinte: "Ich weiß ja, dass es ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, wenn da steht 'Habe mir 10 Galleonen für TM genommen, gezeichnet F.', aber das ist noch lange kein Grund, sich zu beschweren." Sie dachte nach. "Na gut, es ist Grund zur Beschwerde, wenn TM nicht wie gewöhnlich Trainingsmaterial heißt, sondern Tiefseemuscheln, und es nicht F wie Fenwick sondern F wie Fabian ist..."
Moody legte seine Unterlagen beiseite und sah Dorcas missmutig an. "Musstest du einen richtigen Grund anbringen?"
Sie lächelte entschuldigend und wandte sich wieder ihrem lyrischen Kunstwerk zu – momentan malte sie Kringel rund um die Worte. Im Endeffekt würde sich sowieso nichts ändern. Crouch meckerte immer mal wieder, und trotzdem setzten sich die altbewährten Methoden der Auroren durch. Gewohnheiten ließen sich nur schwer abschütteln, vor allem, wenn sie Zeit sparten, die man mit interessanteren Dingen verbringen konnte.
"Und, was will er dieses Mal machen?", fragte sie schließlich. "Uns einen Buchhalter aufs Auge drücken?"
Obwohl der Leiter der Zentrale eigentlich einer war. Er bekam nur nie die Bücher zu Gesicht, weil es keine gab. Zettelwirtschaft war ein guter Begriff, um die gesamte Verwaltungsarbeit der Aurorenzentrale zusammenzufassen. Und die Unterteilung in 'wichtig' und 'unwichtig' unterlag auch sehr subjektiven Maßnahmen: Wichtige Dinge landeten im Eingang, der Rest im Papierkorb.
Moody schüttelte den Kopf und starrte fast schon niedergeschlagen auf die Memos. "Schlimmer", sagte er tonlos. "Er streicht unser Budget."
