Ernüchterung
Renesmees POV
Alles läuft nur noch in Trance ab. Um mich herum sind viele verschwommene Stimmen. Dennoch erkenne ich Scotties aufgebrachte Stimme darunter. Aber ich habe keine Kraft, meine Augen zu öffnen, geschweige mich zu ihm zu drehen, um ihn zu beruhigen.
Stattdessen spüre ich, wie sich jemand an meine Seite setzt und meine Hand ergreift. Ihre Hand, es muss eine Frau sein, denn sie ist zart und klein, ist ziemlich kalt. Was ich nicht verstehen kann, denn mir ist wieder so verdammt warm.
So langsam bekomme ich mit, worum diese hitzige Diskussion geht. Diese dämliche Party und die Drogen. Das wird mich mein ganzes Leben verfolgen. Hätte ich davon gewusst, wäre ich nie dort hingegangen.
Ich bekomme nur noch Dads, ich meine Phils letzten Satz mit:„Es muss etwas anderes sein", als Bilder, wie ein Blitz auf mich einschlagen.
Erneut sehe ich mich auf dieser dämlichen Party. Mein verzweifeltes Gesicht, was ich Scottie zuwerfe, als ich sofort wieder gehen wollte. Und wie wir die Party verlassen, mit meinem leeren Glas.
Plötzlich sehe ich Edward und Bella. Es sind Bilder, die ich noch nie von ihnen gesehen habe. Vielleicht von ihrem ersten Treffen? Zumindest passt es auf ihre Beschreibung. Weitere Bilder folgen, bis ich Bella sehe. Unter Schmerzen. Es scheint ihr nicht gut zu gehen. Dann gibt ihr jemand ein Glas mit einer roten Flüssigkeit. Was mag das wohl sein? Und dann wird mal wieder alles schwarz.
Doch schon bald werde ich erneut aus meiner Bewusstlosigkeit gerissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwer fasst mein Kinn und drängt mich dazu, meinen Mund zu öffnen. Ich rieche etwas ekliges, weiß aber nicht, was es ist. Nur, dass im nächsten Moment eine Flüssigkeit meinen Rachen runter läuft. Egal was es ist, es schmeckt scheußlich.
Mir wird auch augenblicklich schlecht. Und ich merke, dass ich mich gleich übergeben muss. Wie ich zu der Kraft kam, weiß ich nicht, aber ich renne ins Gästebad und übergebe mich. Lange, obwohl nicht viel drin war.
Ich bin froh, dass mich jemand fest hält, denn ich kann mich kaum wach halten. Nur der Würgereiz macht mich wieder wach. Als alles vorbei zu sein scheint, nimmt mich jemand auf den Arm. Egal wer es ist, tut mir damit sehr gut. In mir strömt Liebe und Geborgenheit. Oh Gott, was denk ich da nur? Aber so ist es. Deshalb lasse ich von der Person auch nicht los, als sie mich wieder ablegen will.
Gemeinsam mit ihm, zumindest stelle ich fest, dass es definitiv keine Frau ist, liege ich dann, ich glaube im Wohnzimmer. Aber das ist mir schnell egal. Ich schmiege mich nur enger an die Person und schlafe wieder ein, in der Hoffnung, dass ich bald wieder klar denken kann.
Als ich das nächste Mal wach werde, wird mir erneut etwas eingeflößt. Ich bin so fertig, dass ich nicht mal mitbekommen habe, wie man mich anhob. Aber was immer es ist, es tut gut. Riechen tut es zwar genauso widerwärtig, aber dennoch merke ich, dass es einen positiven Effekt auf mich hat. Dass ich völlig verkrampft war, merke ich erst, als sich mein Körper endgültig entspannt und ich das Gefühl habe, in einen angenehmeren Schlaf zu fallen.
Schnee. Unheimlich viel Schnee. Natürlich friere ich. Aber was mache ich hier? Freiwillig würde ich nie in den Schnee gehen. Dick eingemummelt laufe ich durch den Wald, als mir Bella und Edward entgegen kommen. Hinter ihnen sehe ich auch schon Jasper, Alice, Rose und Emmett. Was machen wir ihr alle?
„Hallo Renesmee. Solltest du nicht im Schloss sein, bei Esme und Carlisle?"
Eigentlich will ich fragen, was diese Fragerei soll, doch ich, meine ich, antworte was anderes.
„Das war mir zu langweilig. Außerdem hab ich Tanyas Blicke satt. Wollt ihr mir nicht lieber zeigen, wie man jagt?"
Ich träume schon wieder, aber zum ersten Mal sehe ich mich selber darin. Ist das etwa die Zukunft?
„Logisch, Nessie", brüllt Emmett von hinten.
Ich stampfte wutentbrannt auf ihn zu, winke ihn mit meinem Zeigefinger zu mir runter, denn auch wenn ich nicht so klein bin wie Alice, ist Emmett ein Riese mir gegenüber. Als er auf meiner Höhe ist, kneife ich ihm in sein Ohr.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich so nicht heiße, Emmy."
Um mich herum bricht Gelächter aus und auch ich muss lachen, als ich den großen Kraftprotz mit Schmerzen sehen.
„Leg dich lieber nicht mir ihr an", sagt Jasper, als ich Emmett los lasse.
„Ok ok", sagt er, nimmt mich dann aber in den Schwitzkasten und rubbelt mir über die Haare.
Diesmal kommen mir Alice und Rose zur Hilfe, die anscheinend mehr besorgt um meine Haar waren, als um mich, da Alice mir schnell versucht, das Haar zu richten.
„Komm Renesmee. Lass uns zurück gehen und dir erstmal was zu Essen machen", sagt Edward und nimmt mich seitlich in den Arm, während er Bella auf der anderen Seite im Arm hat.
Gemeinsam, wie eine Familie, gehen wir den Wald entlang, bis es den Vampiren wohl zu langsam wird und wir super schnell weiter laufen.
Woah. Was war das, denke ich, als ich das nächste Mal wach werde. Klar, es war wieder einer dieser Träume, aber zum ersten Mal kam ich drin vor. Und warum sollte ich mir von Emmett das Jagen beibringen lassen? Werde ich wirklich zum Vampir?
Ich weiß nicht, wie lange ich diesmal geschlafen habe, aber ich fühle mich tausend Mal besser. Keine Schmerzen, selbst die Gedanken sind klar. Wäre also ein Versuch wert, die Augen zu öffnen. Ich öffne also meine Augen, nur einen kleinen Spalt, um zu sehen, wie ich das Licht vertrage. Diesmal jedenfalls besser, als beim letzten Mal. Ganz geöffnet merke ich, dass ich bei jemandem in den Armen liege. Ich schaue die Person an und sehe, dass es Edward ist.
Ich schrecke von ihm weg, dabei falle ich von dem Sofa. Bella will mir hoch helfen, doch ich weiche ihr aus und nehme etwas Abstand. Von allen, da mir alle momentan nicht Geheuer sind. Allerdings entspanne ich mich schnell wieder, da sich Ernüchterung in mir breit macht. Weglaufen bringt nichts, wie ich jetzt feststelle.
„Also ist es diesmal doch kein Traum", sage ich niedergeschlagen.
„Diesmal?", fragt mich Bella und kommt bedächtig auf mich zu
Allerdings gebe ich ihr keine Chance. Ich will endlich los werden, was mir auf der Seele liegt. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, will ich die Treppe hoch laufen, als mir Edward und Bella hinterherlaufen wollen.
„Ihr könnt da bleiben. Ich lauf nicht wieder weg. Hat eh keinen Zweck vor der Wahrheit davon zu laufen", rufe ich ihnen zu, während ich in mein Zimmer laufe.
Mittlerweile finde ich keinen Grund mehr, nicht daran zu glauben. Der seelische Schmerz, der mich die letzten Stunden durchzog, ist viel zu real, als dass ich weiterhin träume. Und die betretenen Gesichter im Wohnzimmer sagen ihr übriges.
In meinem Zimmer gehe ich in meinen begehbaren Kleiderschrank, den ich von meinem Onkel Charlie zu meinem 15. Geburtstag bekommen habe, nachdem mein alter Kleiderschrank vor lauter Klamotten zusammen gebrochen war. Weichen musste dafür Phils Büro, wo er sowieso nie drin war.
Dort steht mein persönlicher Safe. Gut, es mag nur eine Truhe sein, die megaschwer ist, aber drin sind Aufzeichnungen, die ich noch nie jemandem gezeigt habe. All meine verwirrenden Träume über die acht Personen, oder sollte ich vielmehr sagen Vampire, stehen dort drin.
Als ich versuche, die Truhe aus dem Schrank zu ziehen, merke ich, wie leicht sie ist. War etwa jemand an ihr dran und hat die Sachen raus genommen? Aber dann fällt mir wieder ein, dass die Truhe selbst leer viel zu schwer war. Sind dies etwa meine vampirischen Fähigkeiten? Die unglaubliche Kraft, die Schnelligkeit? Ich habe auch das Gefühl, besser hören zu können und alles um mich herum intensiver wahrzunehmen.
Ich bringe erstmal das hier hinter mich und dann bin ich an der Reihe, einige Fragen zu stellen, denn mir ist schon etwas mulmig, wie ich plötzlich die massive Truhe in meinen Armen halte und ohne Probleme die Treppe runtertrage.
Mom, ich meine Reneè, schaut genauso verdattert wie Phil. Daran, dass sie nicht mehr meine Eltern sind, werde ich mich wohl nie gewöhnen. Wie denn auch?
Den Schlüssel für die Truhe trage ich immer um meinen Hals. Es gibt auch nur diesen einen. So groß war immer meine Angst, dass jemand mein Geheimnis entdecken könnte. Ich schließe die Truhe auf und ziehe die Hefter hinaus, die ich nach vielen Jahren Träumens angelegt habe.
Seitdem ich schreiben kann, habe ich mir Notizen gemacht. Aber nachdem die Träume immer detailierter und realer wurden, habe ich für jeden einen extra Hefter angelegt. Bellas und Edwards waren komischerweise am dicksten, weil ich von ihnen am meisten geträumt habe. Jetzt weiß ich auch warum.
Ihre Gesichter, als sie die Bilder sehen, die ich gemalt habe, sind einfach göttlich. Einer schockierter als der Andere. Und das nennen sich Vampire. Dass ich nicht lache. Naja, blass waren sie ja schon immer. Als Bella und Edward sich das Bild anschauen, wo sie und ein Baby, also ich, drauf sind, wird auch mir irgendwie komisch. Das Gefühl, zu wissen, dass ich dort in Bellas Armen lag…. Ich kann es kaum beschreiben.
Ich sollte eigentlich sauer sein, wütend, was ich ja auch bin, aber dennoch fühle ich etwas familiäres in diesem Bild. Der Gedanke, dass sie meine Eltern sind, ist nicht mehr so abstoßend, wie noch vor einigen Stunden.
Einer nach dem Anderen liest aus seinen Memoiren vor. Ihre Gesichter dabei, bringen tatsächlich ein Lächeln auf mein Gesicht, was ich schon dachte, für immer verloren zu haben. Gleichzeitig bin ich bei manchen Sachen doch ein wenig verlegen. Zum Beispiel bei Japser. Er weiß jetzt immerhin, dass ich ihn süß finde.
Was mich leicht zum Würgen bringt, ist die Tatsache, dass ich meinen Dad ebenso wunderschön finde. Oh Gott. Das sagt man doch nicht über seinen Vater, oder? An seinem Gesicht kann ich erkennen, dass es ihm ebenfalls etwas unangenehm ist.
Als Emmett seinen Part vorliest strahle ich nur. Auch wenn ich ihn, bis auf die Träume, natürlich kaum kenne, fühle ich mich in seiner Nähe trotzdem irgendwie wie seine kleine Schwester. Und sein schelmisches Grinsen, zeigt mir, dass es ihm vielleicht genauso geht.
Kaum liest Esme ihren Part, bekomme ich Sehnsucht nach Scott. Ich hätte ihn jetzt gerne an meiner Seite. Aber ich weiß nicht, wie er auf das alles reagieren wird. Das macht mir bald mehr Angst, als alles andere. Ihn zu verlieren, würde ich nicht verkraften.
„Wo ist das Kind geblieben, was Bella in ihren Armen hielt?", liest Bella noch vor.
Jetzt weiß ich wo das Kind geblieben ist. Jetzt weiß ich auch, warum sie stets traurig war in meinen Träumen. Es gab selten Bilder, auf denen sie Freude zum Ausdruck brachte. Einzig Edward schaffte es, sie für einen Moment abzulenken. Es war also wirklich nicht einfach für sie, mich weg zu geben.
„Woher weißt du das alles? Hier stehen Sachen drin, die weiß ich nicht mal selbst von mir?", fragt mich Emmett forsch, so wie ich es nicht von ihm gedacht hätte.
Aber was sollen sie auch denken? In meinen Notizen sind Details, die habe ich nur schnell aufgeschrieben und wollte sie ganz schnell wieder vergessen. Gerade was Emmett und Rosalie betrifft. Sie haben halt eine… ja wie soll ich es beschreiben??? Eine sehr, sehr körperliche Liebe zueinander.
Es ist wohl an der Zeit, es ihnen zu sagen, aber erstmal muss ich mich setzen. So lasse ich mich geschafft auf den leeren Sessel nieder und meinen Kopf in meine Hände fallen. Wie fange ich das am besten an?
Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter und weiß sofort, dass es Bella ist. Und als hätte sie magische Kräfte, werde ich durch diese Berührung ruhiger. Ihre folgenden Worte und ihre Geste, als sie mir ihre Hand auf die Wange legt, geben mir den Mut, es endlich rauszubringen.
„Ich habe Träume", fange ich unter Tränen an zu reden.
„Seit ich denken kann, träume ich von euch. Nur von euch. Jede Nacht sehe ich euch und eure Geschichten. Als würde des Nachts in meinem Kopf eine TV-Sendung laufen, nur mit dem Unterschied, dass dieses Fernsehen Gefühle überträgt, wie Schmerz und Leid, Liebe und Freud."
„Warum hast du uns nichts davon erzählt?", unterbricht mich Reneè.
Darauf kann ich nur lachen. Wie oft wollte ich es ihr am liebsten erzählen, weil mich das alles auffraß. Je kurioser die Träume wurden, umso größer wurde mein Drang, es ihnen zu erzählen.
„Mom.. Ich meine Reneè."
Verdammt. Wie soll ich die jetzt nennen? Sie war mein ganzes Leben lang meine Mom. Und jetzt?
„Sag Grandma, Schatz."
Grandma. Ich hatte nie eine Grandma.
„Was hätte ich machen sollen? Ich bin schließlich davon ausgegangen, es wären nur Träume und nicht, dass es wahr ist. Versetzt euch in meine Lage. Ich dachte, ich wäre verrückt und ihr würdet mich in ne Klapse stecken", sage ich nun schon etwas wütender, da ich es nicht mehr unterdrücken kann, wie rasend mich das alles macht.
Meine Tränen laufen unaufhörlich. Ich versuche erst gar nicht, sie aufzuhalten. Plötzlich nimmt mich Bella in den Arm und ich bin ihr dankbar. So weh mir das alles tut, brauche ich diese Nähe gerade. Und wem sonst, wenn nicht zu meiner Mom. Und als hätte Reneè meine Gedanken gelesen, kommt sie zu uns und umarmt uns beide. Das bringt mich nur noch mehr zum Schluchzen.
Ich weiß nicht, wie lang wir so verharrten. Es tat jedenfalls gut, meine Tränen waren versiegt. Reneè setzt sich wieder zu Phil, während Bella bei mir bleibt und mein Gesicht in beide Hände nimmt. Ich kann erst nicht aufsehen, aber mein Drang, ihr in die Augen zu sehen, ist einfach zu stark.
Ihre Augen sind schmerzerfüllt. Sie spiegeln genau das wieder, was ich fühle. Aber keine Tränen?
„Wir können nicht weinen", versucht sie mir lächelnd beizubringen.
Doch ihr Lächeln hält nicht lange stand. Wie vor ein paar Stunden auch Scott, wischt sie mir die restlichen Tränen aus dem Gesicht.
„Ich weiß, dass muss alles sehr schwer für dich sein, was du erfahren musstest. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen, dass ich es damals für besser befand, dass du bei Menschen aufwächst. Wenn ich jetzt sehe, was ich dir damit angetan habe, würde ich die Zeit zurückdrehen und mich anders entscheiden. Egal in welcher Gefahr wir geschwebt hätten, ich hätte dich bei mir gehabt und dich bis in den Tod beschützt."
„Seid ihr nicht schon tot?", frage ich und schaffe es, alle etwas aufzuheitern.
Dennoch sitzen Bellas Worte. Und ich glaube ihr. Dennoch möchte ich von ihr hören, wie es ihr erging ohne mich.
„Wie war es für dich? Also die Jahre ohne mich. Nicht zu wissen, wie es mir geht, was ich mache?"
Damit hab ich sie wohl mitten ins Herz getroffen. Wenn sie denn eins hätte. Vampire haben doch keins, oder? Oh ich habe noch jede Menge fragen.
„Renesmee, dich damals wegzugeben, war das schwerste und schmerzhafteste, was ich je tun musste. Aber dann weiter zu existieren, im Wissen, dass dort draußen irgendwo deine Tochter ist, aufwächst und du nicht dabei bist, war mein Ende. Ich habe jeden Tag getrauert. Wollte jeden Tag zu dir."
Oh man. Ihre Stimme bebt, während sie spricht. Und könnte sie weinen, würde sie sicher überhaupt kein Wort mehr rausbekommen. Wenn ich sie jetzt so sehe, tut sie mir schon wieder Leid. Deshalb kann ich auch nicht anders, als sie in meine Arme zu ziehen, um sie zu umarmen. Ein Raunen geht durch das Zimmer, gepaart mit ein paar Awwws, die definitiv von Alice kommen, die mir mit ihrer hohen Stimme gleich im Gedächtnis blieb.
Überraschend steht Jasper plötzlich neben mir und legt seine Hand auf meine Schulter.
„Deine Mutter hat die 18 Jahre wirklich sehr gelitten. Den Schmerz den sie mit sich trug, war selbst für mich kaum zu ertragen. Ich hätte ihr gerne den Schmerz vertrieben, aber meine Kraft wirkte irgendwann bei ihr nicht mehr. Ich musste an manchen Tagen vor ihr flüchten, da ihr Schmerz und ihre Trauer mich in die Knie zwangen."
Was erzählt er mir da? Welche Kraft? Ich muss wohl genauso verdattert schauen, wie ich es im Moment bin.
„Ich bin Empath. Ich kann die Emotionen andere Personen und Wesen spüren und beeinflussen. Bis auf deine. Die bist etwas Besonderes", lächelt er mir zu.
„Ihr habt besondere Kräfte?", frage ich Bella, als ich mich aus der Umarmung pelle.
Sie kann mittlerweile auch wieder lächeln, da sie wohl merkt, dass ich sie nicht mehr so abstoße, wie vor einigen Stunden.
„Einige von uns Vampiren haben besondere Fähigkeiten. Nicht jeder. Aber alle Vampire haben verstärkte Kräfte, wie Schnelligkeit, Kraft, Seh- und Hörvermögen", erklärt sie mir.
„Hab ich gemerkt."
„Was meinst du?"
„Naja. Ich hab zum Pits zu Fuß fünf Minuten gebraucht."
„Das sind zehn Kilometer", ist Phil entsetzt.
„Nicht schlecht", kommt von Emmett.
„Hat dich jemand gesehen?", höre ich zum ersten Mal die Stimme meines Vaters.
„Keine Ahnung. Ich wusste ja nicht mal, dass ich so schnell war", sage ich forsch.
Sein Gesicht ist blank. Rein gar keine Emotion zu sehen. Bin ich ihm denn egal, oder was ist mit ihm los?
„Dein Vater kann Gedanken lesen", informiert mich Jasper.
Gedankenlesen? Also auch meine? Shit.
„Keine Sorge. Deine nicht", antwortet er auf meine Gedanken, als ob er sie doch lesen könnte. Hhmmm.
„Ich kann in die Zukunft schauen", sagt mir nun Alice, die auf mich und Bella zugetanzt kommt.
Wie in meinen Träumen, strahlt sie jede Menge positiver Energie aus und löst die angespannte Stimmung.
„Und du?", frage ich Mom.
Noch schaffe ich es nicht, sie mit Mom anzusprechen.
„Ich kann die Kräfte anderer Vampire abblocken. Schon als Mensch konnte dein Vater nicht meine Gedanken lesen. Zudem kann ich ein Schutzschild aufbauen."
„Zeigen."
Das will ich unbedingt sehen. Das Gekicher von den Anderen bekomm ich kaum mit, denn ich blicke Bella fasziniert an, wie sich dieses Schutzschild um sie aufbaut. Es sieht einfach wunderschön aus.
„Und keiner kommt da rein?", frage ich.
Doch meine Neugier ist zu groß. Ich berühre das Schutzschild, welches mich plötzlich nach hinten gegen eine Wand schleudert.
„Renesmee!", schreien alle.
Ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu orientieren. Der erste, der bei mir ist, ist Edward. Endlich kann ich Emotionen in ihm sehen. Ist das blanke Panik, was ich da sehe?
„Hast du dir weh getan?", fragt er mich vorsichtig.
Ehrlich gesagt, weiß ich das noch gar nicht. Der Flug hat mich etwas unter Schock versetzt. Kaum, dass ich wieder klar denken kann, merke ich, dass mir rein gar nichts weh tut. Als wäre nichts geschehen springe ich auf und muss mir ein Lachen verkneifen, als ich in die geschockten Blicke sehe. War das jetzt so schlimm?
Ich drehe mich zur Wand um und weiß sehr wohl, dass es definitiv kein Kinkerlitzchen war. Dort wo mal eine Wand war, ist jetzt ein schöner Durchgang zur Küche. OH MEIN GOTT. Als wenn der mir helfen könnte. Geschockt halte ich mir die Hände vors Gesicht. War das wirklich ich?
Jemand klopft mir auf die Schulter und als ich hoch schaue, blicke ich in Emmetts grinsendes Gesicht.
„Nicht schlecht für ein Mädchen", sagt er und fängt sich dafür nen Schlag ins Genick von Rosalie ein.
Ich muss dennoch grinsen. Aber ich will ich mehr wissen. Und so kommt es, dass mir die Vampire in den nächsten Stunden erzählen, wie sie verwandelt wurden, was es noch für verschiedene Vampire gibt. Und, und, und.
„Was passiert mit mir?", frage ich mittendrin.
„Also ich meine, warum bin ich so anders als ihr?"
„Du bist eben was Besonderes", strahlt meine Mutter.
Ich kann nur die Augen rollen. Das wird sicher nicht das letzte Mal sein, dass ich das von ihnen gehört habe.
„Nein ehrlich, Renesmee", beginnt nun Carlisle.
Seine Erklärungen kommen bei mir am verständlichsten an. Er ist eindeutig der Älteste und Weiseste.
„Du kannst es wahrscheinlich nicht mehr hören, aber du bist ein Wunder. Noch nie hat es ein Fötus überlebt, der von einem Menschen und einem Vampir gezeugt wurde."
Mir steigt die Hitze ins Gesicht, als er das Wort gezeugt in den Mund nimmt. Immerhin redet er da von meinen Eltern. Die Anderen amüsieren sich nur über meine Reaktion. Ich kann ihnen dazu nur die Zunge raus strecken. Noch vor Stunden hätte ich nicht gedacht, dass ich mich so ihnen gegenüber verhalten könnte. Aber ich fühle mich unglaublich wohl.
„Du bist halb Mensch, halb Vampir. Du hast die Eigenschaften von beidem. Deshalb musst du schlafen, anders wie wir. Du isst und trinkst. Wir müssen allerdings abwarten, wie es mit deinem Verlangen nach Blut weiter geht."
„Was meinst du?"
Blut? Ich hasse Blut. Zwar mag ich hart im nehmen sein, aber sobald ich nur Blut rieche, wird mir schlecht.
„Jeder neue Vampir hat eigentlich einen unbändigen Durst nach menschlichem Blut und würde jeden Menschen angreifen, der ihm über den Weg läuft. Deshalb hatten wir solche Angst, als du weg gelaufen bist. Aber du scheinst nicht dieses Verlangen zu haben, dennoch braucht dein Körper Blut. Du hast vorhin Menschblut wunderbar vertragen. Leider das Tierblut nicht."
„Ich habe was?"
Bella greift nach meiner Hand und sieht mich mitfühlend an.
„Du brauchtest es. Dir ging es sehr schlecht."
Mehr bringt sie nicht heraus. Mein Anblick war wohl wirklich nicht sehr prickelnd.
„Aber wie soll ich das machen? Ich brauche es bloß zu riechen und mir wird schlecht", sage ich und bin plötzlich von lauter schmunzelnden Gesichtern umgehen.
„Wie die Mutter", ringt sich Edward endlich mal durch, wieder was zu sagen.
Ich weiß nicht, was er hat. Seit Stunden sitzt er allein im Sessel und brütet vor sich hin. Seine Lippen in einer geraden Linie gezogen. Anders wie Bella, die nicht mehr aufhören kann zu strahlen.
„Ich konnte damals auch kein Blut riechen, geschweige denn sehen. Ich bin allerdings immer gleich umgefallen. Und sieh mich jetzt an", lacht Bella.
„Aber wenn ich kein Tierblut vertrage, werden wir doch keine Menschen töten müssen oder?"
Mittlerweile komme ich ganz gut klar mit der Tatsache, was ich bin. Aber einen Menschen töten? Nein, dass kann und will ich nicht.
„Mach dir keine Sorgen darum. Schon vergessen? Ich bin Arzt", lächelt mir Carlisle mit seinen strahlend weißen Zähnen zu.
„Du.. du willst also anstatt den Leuten zu helfen, sie sterben lassen?"
„Niemals Renesmee. Ich übe den Beruf aus, um Menschenleben zu retten . Das würde ich nie tun. Aber vergiss nicht, es gibt viele Blutspender", sagt er.
Ich bringe nur ein ‚Oh' hervor. Auch wenn das geklärt ist, ist mir sehr mulmig in der Magengegend. Nicht, weil ich weiß, wie ich normalerweise auf Blut reagiere, sondern der Gedanke, anderer Menschen, Blut zu trinken. Der Gedanke daran lässt mich kurz schaudern.
Ich fange lieber ein anderes Thema an, bevor mir wirklich schlecht wird. Mich interessieren die Kräfte der Anderen. Vor allen Alice Kraft, in die Zukunft zu sehen. Hab ich vielleicht vorhin von einer ihrer Visionen geträumt?
„Werden deine Visionen immer wahr?", frage ich Alice.
„Nicht immer. Es kommt darauf an, wie sich die Personen entscheiden. Dann kann es sich auch wieder ändern. Warum fragst du?"
Sollte ich es ihnen sagen?
„Meine Träume, also sie waren ja immer wahr. Zumindest meint ihr ja, dass alles stimmt, was in meinen Aufzeichnungen steht."
Mit einem Nicken bestätigen sie meine Aussage.
„Ich hatte vorhin einen Traum. Kurz bevor ich das letzte Mal aufgewacht bin. Ich habe mich gesehen. Mit euch. In einem Wald, bedeckt von Schnee. Was hat das zu bedeuten? Ich muss doch nicht etwa Phoenix verlassen?", frage ich.
Die betretenen Mienen sind mir Antwort genug.
„Das ist nicht euer Ernst? Ich kann hier nicht weg. Mein ganzes Leben spielt sich hier ab. Was ist mit Scott, der Schule? Ich will doch ab nächsten Sommer studieren?"
Und schon wieder laufen mir die Tränen. Hören denn diese schlechten Neuigkeiten nie auf? Jahre lang bei meinen Großeltern aufgewachsen, im Glauben sie seien meine Eltern. Dann werde ich auch noch zum Vampir. Das ist schon schwer als genug zu verkraften.
Aber dann, verlangen die, die meinen mich zu lieben, dass ich mein ganzes altes Leben aufgebe? Meine vielen Freunde, auf die ich immer zählen kann. Meine Träume sollen alle zerplatzen? Ich hatte mit Scottie schon so viele Pläne für unser gemeinsames Leben. Ohne ihn kann ich nicht sein.
TBC
