Beschützerinstinkt
Edwards POV
Bin ich wirklich so ein schlechter Vater? Ich bin jetzt zwei Tage bei ihr und habe meiner Tochter endlosen Schmerz zugefügt. Dabei ist das das Letzte, was ich ihr antun will. Ihr Gesicht, als sie auf die Knie fällt, nachdem Scott sie verlassen hat, bricht mir mein nicht mehr schlagendes Herz.
Natürlich wären meine Familie und ich, ihr zu liebe gerne in Phoenix geblieben, aber das würde einer Platzierung auf dem Präsentierteller gleichen. Und schon gar nicht will ich sie wieder in Phoenix zurücklassen. Ich will sie gar nicht mehr hergeben. Aber das ist nicht der Grund, warum ich so vehement dafür plädiere, dass sie mit uns nach Denali kommt.
Meine Sorge sind eher die Volturi. Und nachdem uns Renesmee jetzt in kürzester Zeit gezeigt hat, was sie für Fähigkeiten hat, mittlerweile schon drei an der Zahl, fühle ich meine Angst bestätigt. Noch mag sie ihre Kräfte nicht im Griff haben. Aber sobald sie das schafft, wird sie ein mächtiger Vampir sein. Und ein sehr gesehenes Mitglied der Wache der Volturi.
Ich werde aber alles nur erdenkliche tun, um das zu verhindern. Meine Tochter werden sie nie bekommen.
Jetzt gilt es aber erst mal dafür zu sorgen, dass unser Geheimnis nicht verraten wird. Ich folge Scotts Wagen, so wie Emmett mir folgt. Ist vielleicht auch ganz gut so, denn sowie ich Scotts Reaktion auch ein wenig verstehen kann, hat er meiner Tochter gerade das Herz gebrochen. Aber seine Gedanken sprachen für ihn.
Er liebt sie noch immer. Doch hat er Angst, panische Angst vor uns Vampiren. Zudem hat er es, dass seine Freundin ein Vampir ist, noch gar nicht richtig aufgenommen.
Sie ist ein Vampir. EIN VAMPIR!!! Hat sie deshalb so ein Faible für diese Filme? Jetzt macht alles Sinn. Sie war schon immer so außergewöhnlich. So wunderschön, intelligent und verdammt sportlich. Nie hätte ich gedacht, mal so jemanden zu treffen und auch noch mit ihr zusammen zu sein. Jeden Tag frage ich mich, womit ich sie verdient habe.
Sehr tiefgründig für sein Alter. Ich hab ihn wirklich falsch eingeschätzt. Nichtsdestotrotz kann ich meine Tochter nicht mit einem Jungen zusammensehen. Es ist schon komisch. Eigentlich bin ich erst so richtig seit zwei Tagen Vater. Dennoch habe ich den beherrschenden Drang in mir, sie zu beschützen und alles Schlechte erst gar nicht an sie ran kommen zu lassen.
Auch wenn mich das Gefühl wohl nicht täuscht, dass ich in ihren Augen der Böse bin. Aber was soll ich tun? Sie ihrem Schicksal überlassen und sie ins Verderben schicken? Scott ist sicher nicht ihr Verderben, aber es ist so, als würde Alice Kraft auf mich übergreifen und ich könnte sehen, wie die Volturi uns besuchen und mir meine Tochter entreißen.
Uns. Denn für Bella würde es das Ende bedeuten, da bin ich mir sicher. Sie hat sich schon richtig gut in die Mutterrolle rein gefunden. Sie erinnert mich dabei sehr an Esme, die uns mit genau solchem Herzblut und Liebe aufgenommen hat. Als wäre sie wirklich unsere Mutter.
Ich merke, dass Scott wieder an die Lichtung fährt, wo Jasper vor einigen Stunden Renesmees Spur aufgenommen hatte. Anscheinend ist dieser Platz genauso etwas Besonderes, wie für mich und Bella unser geheimes Fleckchen in Forks. Und wenn ich mich hier so recht umschaue, weiß ich warum.
Auf den ersten Blick ist es nur Wald, aber im Schein des Mondes kommt die wahre Pracht der Lichtung zum Vorschein. Und mit meinen scharfen Augen nehme ich es noch viel mehr wahr wie ein Mensch. Was mir allerdings erst jetzt auffällt, ist die kleine Sitzecke, die etwas versteckt steht. Sieht sehr gemütlich aus. Vielleicht auch ein wenig zu gemütlich.
Ich versuche auszublenden, womit Renesmee und Scott sich hier die Zeit vertrieben haben.
Scotts Wagen bleibt direkt auf der Lichtung stehen.
Reiß dich zusammen Edward. Tu deiner Tochter nicht noch mehr weh. Sie hat genug gelitten.
„Keine Sorge, Emmett. Das ist das Letzte, was ich Renesmee jetzt noch antun würde", sage ich ihm so leise, dass nur er es hören kann.
Scott steigt aus. Seine Gedanken ein völliges Durcheinander. Er ist sauer auf sich und die Art und Weise, wie er sich vorhin Renesmee gegenüber verhalten hat. Aber er hat auch eine gewisse Abscheu gegen uns Vampire.
Plötzlich zerstört er die kleine geheime Ecke. Er hat sich seinen Baseballschläger aus dem Wagen benommen und zertrümmert alles, was ihm in den Weg kommt, bis sein Schläger in alle Einzelteile zerbricht. Aber anstatt aufzuhören, schlägt er mit seiner Faust gegen den Baum.
Wir müssen was machen, Ed.
Ich hasse es, wenn er mich so nennt, aber Emmett hat recht. Zeit, dem Spektakel ein Ende zu bereiten. Bevor seine Faust ein nächstes Mal den armen Baum trifft, packe ich seine Hand. Erschrocken dreht er sich um und fällt, bei dem Versuch wegzulaufen.
„Wir wollen dir nichts tun", sagt Emmett, als er nun neben mir steht.
„Bitte tut mir nichts", fleht er.
Die werden mich umbringen. Die werden mich umbringen. Und ich Idiot hab mich nicht mal von Renesmee verabschiedet.
„Es stimmt, du bist ein Idiot. Aber wir wollen dich nicht umbringen", sage ich ihm ruhig.
„Woher…?"
„Was denkst du, woher Renesmee es hat, dass sie Gedanken lesen kann", lässt Emmett ihm mit einem Grinsen wissen.
Er geht auf Scott zu und reicht ihm die Hand. Doch Scott gerät nur in mehr Panik und versucht rückwärts wegzukrabbeln.
„Glaub mir, wenn wir dich töten wollten, wäre jeder Versuch wegzulaufen zwecklos. Zudem hasst mich Renesmee genug, dass ich ihr das nicht auch noch antun würde", sage ich ihm mit einem Knurren.
„Wir wollen nur mit dir reden", mischt sich mein lieber Bruder erneut ein.
Diesmal nimmt Scott Emmetts Hand an und lässt sich von ihm aufhelfen. Scott setzt sich auf die Motorhaube seines Wagens, während Emmett und ich es bevorzugen zu stehen.
„Das war gerade kein so rühmlicher Abschied von deiner Freundin", sage ich ihm und horche genau in seine Gedanken, die mich weiterhin ins Staunen bringen, da er extreme Reue zeigt.
„Nessie war ganz schön fertig wegen dir", fügt Emmett noch hinzu.
„Sie hasst es, so genannt zu werden", sagt er noch, bevor er sein Gesicht in seine Hände fallen lässt.
„Ich wollte ihr sicher nicht wehtun, aber was hätte ich machen sollen? Bei ihr bleiben, als wäre sie ein normaler Mensch?"
„Meine Frau, Renesmees Mutter, hat es getan. Sie ist bei mir geblieben.."
„..und ist jetzt ein Vampir. Nein danke."
„Ich weiß, dass du sie noch immer liebst", sage ich ihm, auch wenn es mir so gar nicht behagt, über das Liebesleben meiner Tochter so zu sprechen.
„Und ich weiß auch, dass du noch mit ihr zusammen sein willst. Was ich allerdings nicht zulassen kann."
Edward, was soll das? Ich dachte, du willst deiner Kleinen nicht mehr wehtun?
„Noch nicht. Dort wo wir hingehen, kannst du nicht mitkommen, aber ich erlaube dir, mit ihr Kontakt zu haben. Und wer weiß, vielleicht änderst du in der Zeit noch mal deine Meinung, was das Vampirsein angeht."
„Bestimmt nicht", schnellt es aus seinem Mund.
„Wirst du Kontakt zu ihr halten?"
Ich kann das nicht. Kontakt mit ihr haben, ohne sie zu spüren, zu sehen, sie zu küssen, sie zu….
Den restlichen Gedanken darf er für sich behalten.
„Ich kenne mich da nicht so gut aus, wie mein Bruder hier, aber ich weiß, dass es Möglichkeiten gibt, wie ihr euch auch via Internet sehen könnt. Küssen und deine restlichen Gedanken will ich eh nicht sehen."
Nicht so prüde Eddie. Gönn deiner Tochter doch auch ihren Spaß.
Dafür bekommt Emmett erst mal ordentlich eine gelangt, dass selbst Scott vor Angst zusammenzuckt.
„Ok, ok. Ich werde mich bei ihr melden."
Auch wenn ich nicht weiß, was es bringen soll. Sie ist ein Vampir, ich ein Mensch. Sie zieht sonst wohin und ich bleibe hier. Sie wird sich irgendeinen Vampir angeln und ich ihr ewig hinterher trauern.
„Es wird bringen, dass du sie etwas glücklicher machst. Sie macht so schon eine schwierige Zeit durch."
An der ihr Schuld seid.
Dazu habe ich nichts mehr zu sagen, denn er hat recht. Dieses ganze Unheil ist eigentlich meine Schuld. Meinetwegen weint sich meine Tochter gerade die Augen aus. Ich habe so eine wundervolle Person gar nicht als Tochter verdient.
Wir sollten uns langsam auf den Rückweg machen, Edward.
Emmett hat recht. Ich will auch so schnell wie möglich wieder zurück zu meiner Tochter und ihr zeigen, wie sehr ich sie liebe.
Dann mal zu den Formalitäten.
„Was du heute erfahren hast, behältst du für dich", knurre ich.
Und zum Beweis, was wir mit ihm anstellen, fällt Emmett mal eben einen Baum und zerkleinert ihn, als würde er mit Pudding spielen. Scotts Gedanken verraten mir, dass er viel zu große Angst hat, es jemandem zu verraten.
„Gut. Denk dran, dich bei Renesmee zu melden. Lass ihr ein paar Stunden und dann ruf sie an."
„OK.", sagt er, springt von seiner Motorhaube und steigt in seinem Wagen.
Mit quietschenden Reifen braust er davon.
„Ich bin stolz auf dich Bruder. Dachte wirklich, du wirst ihm sämtliche Knochen brechen", sagt Emmett mir auf die Schulter klopfend.
„Er kann sich bei dir bedanken", sage ich nur und sehe Emmetts fröhliche Miene aus seinem Gesicht fallen.
Fragend schaut er mich an. Aber ich denke, mein Gesicht sagt alles, denn es kostete mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung, Scott nicht weh zu. Und ohne Emmett hätte ich mich wahrscheinlich nicht beherrschen können.
Ich kenn dich, Bruder. Du hättest ihm nichts getan, weil Renesmee dir das nie verzeihen würde. Lass uns endlich zurücklaufen.
Emmett mag zwar recht haben, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Aber warum weiter darüber grübeln. Es ist nicht dazu gekommen. Glück für Scott. Jetzt noch.
Als Emmett und ich zurück bei den Dwyers sind, ergreift mich erneut das Schuldgefühl, denn Bella sitzt auf der Couch und Renesmee hängt an ihr. Esme daneben streicht ihr liebevoll über den Rücken.
„Was hast du getan, Edward?", schießt mir Jasper entgegen.
Sofort sind alle Blicke auf mich und Emmett gerichtet.
Deine Gefühle sagen mir, dass du Schuldgefühle hast und Reue zeigst. Konnte Emmett dich nicht aufhalten?
„Bleib ruhig, Jasper. Scott geht es gut", übernimmt Emmett das Wort.
Sie wird dir verzeihen, Bruder. Versuch' deine Gefühle beiseitezuschieben. Sie braucht dich jetzt.
Ich nicke ihm zu und gehe auf meine beiden Frauen zu. Erst schaut Bella mich schmerzerfüllt an, und als ich dann auch noch Renesmees verweintes Gesicht sehe, kommen sofort wieder diese Gefühle hoch, die ich gerade noch versucht habe zur Seite zu schieben. Danke an Jasper, der mir ein paar beruhigende Wellen sendet.
„Er liebt dich noch immer, Renesmee. Gib ihm etwas Zeit. Das war ein bisschen viel für ihn, genau wie für dich", sage ich ihr und lege meine Hand an ihre Wange.
Es ist so schön, ihre warme Temperatur zu spüren. Das Leben, was in ihr steckt. Ich hoffe sehr, dass sie diese menschlichen Eigenschaften als Halbvampir beibehält. So macht es sie noch vollkommener.
Renesmee versucht mir zwar, ein Lächeln entgegen zu bringen, doch der Schmerz in ihrem Gesicht übertrumpft alles.
Plötzlich hat Alice eine Vision, die ich in ihren Gedanken sehen kann.
Ein Taxi fährt auf Reneès Grundstück. Aus dem Auto steigt.. Charlie?
Was zum Henker macht Bellas Dad hier? Alice schaut mich genauso verwundert an.
Er wird gleich da sein,denkt Alice.
Und kaum hat sie es gedacht, höre ich ein Auto kommen.
„Erwartet ihr jemanden?", fragt Carlisle.
Doch weder Reneè, noch Phil antworten ihm. Ich deute ihm mit einem Blick, dass ich weiß, wer da kommt. Und anscheinend ist es mir anzusehen, dass mich Charlies Erscheinen beunruhigt. Es bleibt keine Zeit, weiter nachzudenken, denn schon klingelt er an der Tür.
Renesmee schaut wie alle anderen zur Tür, aber in der Hoffnung es könnte Scott sein. Wahrscheinlich hat sie noch gar nicht realisiert, was sie mit ihrer Kraft, dem Gedankenlesen, alles in Erfahrung bringen kann.
Phil öffnet die Tür und ein in die Jahre gekommener Charlie tritt hinein. Die beiden Männer haben kaum Zeit, sich zu begrüßen, da springt Renesmee von der Couch auf und läuft auf Charlie zu.
„Onkel Charlie", ruft Renesmee, während Bella nur ein ersticktes „Dad", rausbekommt.
Renesmee hat sich diesmal besser unter Kontrolle, als sie sich Charlie in die Arme wirft und nicht zu überhören in seine Schulter schluchzt.
„Ich bin so froh, dass du da bist."
„Das bin ich auch mein Schatz", sagt er und wirft mir dabei einen vernichtenden Blick zu.
Bella scheint aus ihrer Starre erwacht zu sein und geht mit vorsichtigen Schritten auf die zwei zu.
„Dad?", sagt Bella, als wäre sie sich nicht sicher, wer vor ihr steht.
„Bella", haucht Charlie.
Meine Tochter. Was habe ich dich vermisst. Die letzten Jahre waren so grauenvoll ohne dich. Und nun wollen diese Blutsauger mir auch noch meine Enkelin nehmen?
Renesmee tritt verwirrt zur Seite und blickt irritiert von Bella zu Charlie.
„Ihr kennt euch?", fragt sie.
Beide nicken, geben ihr aber keine richtige Antwort. Stattdessen springt Bella förmlich in Charlies Arme und krallt sich an ihm fest. Sie hat ihn die letzten Jahre genauso vermisst. Bella hatte Angst, dass ihn die Einsamkeit umbringen würde, und fühlt sich schlecht, ihn in Stich gelassen zu haben.
„Bella, Schatz, ich hab dich so wahnsinnig vermisst."
„Ich dich auch, Dad."
Als Bella das sagte, macht Renesmee einen Satz zurück.
„Ch-charlie ist dein Vater?", fragt sie.
Erst ist sie noch entsetzt, aber schon bald macht sich Resignation in ihrem Gesicht breit.
„Klar. Meine Eltern sind meine Großeltern. Meine Onkel, mein Opa. Noch irgendwer, den ihr mir verschweigt?", richtet sie die Frage an Reneè und Phil.
Die beiden schütteln allerdings betreten ihre Köpfe. Was ich aber in ihren Gedanken sehen kann, ist, dass sie Charlie als ihren Onkel ausgegeben haben. Er hat sie oft besucht, genauso, wie sie ihn in Forks besucht hat. Ich glaub es nicht.
„Du hast gesagt, du würdest mich nie anlügen", wütet Renesmee plötzlich und lässt Charlie und Bella auseinanderfahren.
„Renesmee, Schatz…."
„Wir haben einen Pakt abgeschlossen, uns nie anzulügen. Du hast geschworen, mir immer die Wahrheit zu sagen."
In Charlies Gedanken sehe ich, wie eine jüngere Renesmee mit Charlie in einem Zelt sitzt, beim Campen und sie ihre kleinen Finger ineinander verhakt haben.
„Ich schwöre den Anderen nie zu belügen und wir immer ehrlich zueinander sind. Geheimnisse gibt es nicht…."
Charlie war damals schon anzusehen, dass es ihm unangenehm war. Doch Renesmee war noch zu jung, um davon Kenntnis zu nehmen.
„Renesmee, ich…", fängt Charlie an, doch diese lässt nicht mit sich reden. Es ist ihr deutlich anzusehen, wie die Wut in ihr aufsteigt.
„Ich wurde mein ganzes Leben lang belogen, von Menschen, die sagen, sie lieben mich. Von Menschen, denen ich vertraut habe. Ihr habt mir jahrelang ins Gesicht gelächelt, als wäre nichts gewesen. Als wäre alles so richtig, wie es ist. Innerhalb von wenigen Tagen, alles zerstört. Meine Träume, zerplatzt. Meine Liebe, weg. Stellt ihr euch das unter einer glückseeligen Familie vor?"
Das arme Kind sind Esmes Gedanken.
Was habe ich nur getan?, gibt sich Reneè die Schuld.
Könnte ich doch nur die Zeit zurück drehen?,höre ich von Phil.
Die Gedanken meiner Geschwister sind nicht weniger traurig. Jasper würde alles geben, um seine Kraft bei Renesmee anwenden zu können. Ihr ist anzusehen, dass sie einem Zusammenbruch nah ist, was mir auch Carlisles Gedanken bestätigen.
Bellas Augen funkeln vor nicht kommen wollenden Tränen. Ich brauche nicht ihre Gedanken zu lesen, um zu erkenne, dass sie sich die meiste Schuld an der ganzen Misere gibt. Sie wollte Renesmee nie abgeben.
„Warum kann nicht alles wieder so werden, wie vor ein paar Tagen?", schluchzt Renesmee und ist dabei, in die Knie zu sacken.
Doch bevor das geschieht, bin ich bei ihr und fange sie auf. Mein Kind. Was habe ich ihr nur angetan?
Ich streiche Renesmee beruhigend üben den Kopf und flüstere ihr ins Ohr, sich zu beruhigen. Was leichter gesagt als getan ist. Als sie mich dann mit ihren tiefbraunen Augen ansieht, vergehe ich fast. Eigentlich könnte ich ihr auch über meine Gedanken sagen, was ich ihr übermitteln möchte, aber es sollen alle hören.
„Ich weiß, dass für dich gerade eine Welt zusammenbricht. Wir können es wahrscheinlich auch nie wieder gutmachen, aber all die Sachen haben Gründe. Glaub mir, es ist weder Reneè, noch Phil und auch nicht Charlie leicht gefallen, dir nicht die Wahrheit zu sagen. Schau in ihre Gedanken."
Sie schließt die Augen und konzentriert sich auf die verschiedenen Gedanken. Ihr laufen weitere Tränen. Ich denke, das ist mit eine Reaktion darauf, dass Reneès Gedanken auch darum kreisen, ‚ihre' Tochter zu verlieren.
Als sie mich wieder anblickt, nickt sie mir bestätigend zu.
„Und jetzt schau in die Gedanken von uns Vampiren. Sieh dir an, wie schwer es uns gefallen ist."
Und wie schwer es vor allem mir und Bella gefallen ist. Es machte mich jeden Tag wütender, Bella so verletzt zu sehen und ich ihr nicht den Schmerz nehmen konnte. So unglücklich, wie die letzten 18 Jahre, war meine Familie noch nie. Es fehlte das wichtigste Teil in unserem Leben.
„Ich hab euch wirklich gefehlt?", fragt sie mich.
„Und wie", lächle ich ihr zu.
„Was wir getan haben, hatte seine Gründe. Denn unser oberstes Ziel war es, für dich die sicherste und glücklichere Art aufzuwachsen zu wählen. Wir wollten, dass es dir gut geht und du ein normales Leben führen kannst."
„Und habt dabei über euren Schmerz hinweg gesehen?"
Nun kommt auch Bella hinzu. Worüber ich sehr froh bin.
„Wir hätten alles getan, um dir ein unbeschwertes Leben zu bieten. Und sei es, dass wir ewig darunter leiden. Uns war nur wichtig, dass es dir gut geht und du lachend aufwächst. Nur waren wir uns sicher, dass dies hätte, nicht bei uns sein können", kommt es von meiner Liebsten und wischt Renesmee sanft ein paar Tränen von der Wange.
Als Renesmee ihr Gesicht in Bellas Hand schmiegt, durchläuft mich ein angenehmer Schauer. Unsere kleine Familie wächst endlich zusammen.
Wir verharren so einige Minuten, bis sich Renesmee wieder beruhigt hat.
„Wann muss ich gehen?", fragt Renesmee, als sie ihre Stimme wiedergefunden hat.
„Heute Abend", verkündet Alice.
Mittlerweile ist die Sonne wieder aufgegangen, der Morgen eingeläutet.
„Aber nicht ohne eine richtige Abschiedsfeier", freut sie sich meine kleine flippige Schwester.
„Ich bin allerdings enttäuscht, dass du nicht mir die Organisation überlässt", schmollt sie nun.
Renesmee braucht ein wenig, bis ihr wieder einfällt, dass Alice Visionen von der Zukunft bekommt.
„Eine Abschiedsfeier? Habt ihr vergessen, wie schmerzhaft Scotts Abschied war?"
„Natürlich nicht, Liebes", sagt Bella liebevoll.
„Deine Freunde werden nichts von unserem Geheimnis erfahren."
„Aber was sage ich ihnen, wohin ich gehe und warum?", ist sie wieder den Tränen nah.
„Dir wird jemand helfen", grinst Alice über beide Ohren.
Sie hatte eine Vision, in der ihr jemand ganz Bestimmtes zur Hilfe kam. Und ich bin erleichtert, vor allem, weil ich meine Tochter wieder lächeln sehen werde.
„Warum spielt in deinem Kopf die ganze Zeit, la, la, la?", fragt Renesmee nun Alice, als sie wohl versucht, ihre Gedanken zu lesen.
La, la, lalla, la, spielt es in Alice Gedanken.
„Ich will doch die Überraschung nicht verraten", lachte sie und singt weiter la, la, la.
Alle bis auf mich und Jasper schauen sie irritiert an. Jasper spürt wohl Alice Freude und ahnt, wer Renesmee da helfen würde.
„Können wir nicht einfach fahren? Es tut so schon genug weh.", kommt es mit einem leidigen Blick von Renesmee.
Bella hätte ihr am liebsten zugestimmt. Sie würde jetzt alles machen, um ihrer Tochter das Leben zu erleichtern.
„Könnt ihr ihnen nicht irgendwas erzählen?", blickt sie jetzt flehend zu Phil und Reneè, welche sofort auf ihre Tochter und Enkelin zugehen.
Bellas Hand ruht noch immer auf Renesmees linker Wange. Reneè tut es ihr auf der rechten Seite gleich und lächelt Renesmee mit ihrem großzügigen Lächeln an.
„Findest du nicht, es ist besser, wenn du dich von ihnen richtig verabschiedest? Sie kennen dich bald besser als ich und wissen genau, dass es eigentlich nicht deine Art ist, einfach so wegzugehen. Stell dir Abby vor, wenn ich ihr sage, dass du sonst wo hin bist. Das haben sie verdient, meinst du nicht?"
Renesmee nickt kläglich, auch wenn es ihr schwerfällt. Bella hilft ihr auf, dabei gibt Renesmee einen unüberhörbaren Seufzer von sich. Das fällt ihr wohl wirklich schwerer, als alles andere.
Reneè reicht meiner Tochter ihr Handy, womit sich Renesmee neben einer noch immer grinsenden Alice setzt. Indes kommt Bella endlich dazu, ihren Vater nochmal richtig in die Armee zu schließen. Dieses Lächeln in ihrem Gesicht habe ich vermisst. Reneè schließt sich ihnen an und es ist, als hätte ich ein Déjà-vu, nur dass die Personen nun nicht Bella, Renesmee und ich sind, sondern Bella, Charlie und Reneè.
Ich schaue in die Runde und sehe zum ersten Mal so etwas wie Familienglück. Esme an Carlisle gelehnt, ruht ihr Kopf auf seiner Schulter. Alice sitzt zwischen Renesmee und Japser, welcher Alice um die Taille festhält. Alice lehnt allerdings an Renesmee. Ich wusste, die beiden würden sich prima verstehen. Wahrscheinlich hat Alice es schon lange gesehen. Rosalie hat es sich auf Emmetts Schoß bequem gemacht. Ich habe sie schon lange nicht mehr so losgelöst unter Menschen gesehen.
Ich selber könnte im Moment auch nicht glücklicher sein. Aber so richtig werde ich es erst sein, wenn Renesmee wieder so lachen kann, wie auf den vielen Bildern im Haus und sich bei uns so wohl fühlt, wie bei Reneè und Phil
„Alisha?", höre ich Renesmee, ihr Handy ans Ohr gepresst.
„Ness!!! Wie geht's dir? Du hast uns gefehlt. Scott hat sich solche Sorgen gemacht. Wie wir alle. Becky war gestern vielleicht komisch drauf. Ich…"
„Hat sie dir etwas erzählt, warum?"
„Nein."
„Alisha, meine Kleine, ich meine, meine große Klatschtante", versucht Renesmee fröhlich zu wirken.
Alisha hat sicher viel gemeinsam mit Alice, wenn ich das so höre. Sicher nicht nur die Anfangsbuchstaben ihres Vornamens.
„Was willst du, Renesmee Carlie Dwyer?"Ich hasse es, wenn sie nicht Cullen genannt wird.
Daraufhin dreht sie sich zu mir um, mit einem Blick, der sicher fast tödlich ist. Zumindest schnürt es mir die Kehle zu. Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass sie meine Gedanken lesen kann.
„Du bist die beste Partyorganisatorin, die ich kenne", beginnt sie.
„Da hast du noch nicht Alice in Action erlebt", brabbelt Emmett.
„Sag mir wann, wo, wie viele Leute und du bekommst die beste Party deines Lebens."
„Heute Abend. Phil, also ich meine mein Dad kriegt sicher die Turnhalle organisiert", richtet sie sich fragend an Phil, der ihr zustimmend zunickt.
„Heute Abend??", kreischt es durchs Handy.
„Schaffst du es?"
„Na Logo. Unsere Clique?"
„Jap."
„Anlass?"
„Ich ähm… Eine Überraschungsparty", kommt sie ins Stottern.
Die Person am anderen Ende scheint zu überlegen, was der wirkliche Anlass sein könnte. Renesmee scheint keine gute Lügnerin zu sein.
„Wie viel Geld steht mir zur Verfügung?"
„Geld spielt keine Rolle", sagt Renesmee mit einem teuflischen Blick an mich gerichtet. Die anderen grinsen einfach nur.
„OK. Ness. Dann muss ich wohl los. Bis heute Abend, Einstein."
„Ciao, Ali.", verabschiedet sie sich und legt auf.
„Einstein?", fragt Emmett.
Renesmee zuckt zusammen, als sei ihr der Kosename sehr unangenehm. Ich finde ihn lustig. Als Antwort holt Reneè ein Zeugnis aus einem Schrank und reicht es rum.
„Mo.. Reneè, muss das sein?"
„Es braucht dir nicht peinlich sein, dass du so gut in der Schule bist."
Und tatsächlich, ihr Zeugnis sieht genauso aus, als hätte sie, wie wir, das Schuljahr schon etliche Male durchlebt. Alles Einsen und viel Lob von den Lehrern.
Ich habe also nicht nur eine wunderschöne, liebenswerte Tochter. Sie ist auch noch ein schlaues Köpfchen. Was will ein Vater mehr.
TBC
