Schmerzhaftes Wiedersehen

Renesmees POV

Es wird mir eine Freude sein, die junge Renesmee mein zu nennen. Sie ist eine Kopie ihrer wunderschönen Mutter. Ihre Jugendlichkeit macht sie noch begehrenswerter. Dass noch Blut durch ihre Adern fließt und ihr Herz in ihrer Brust pocht, macht sie für mich unwiderstehlich. Nicht als meine Gemahlin, an Sulpicia kommt keine vorbei. Aber als meine Tochter. Sie wird die Prinzessin von Volterra. Perfekt machen sie noch ihre Gaben. Und ich bin mir sicher, in ihr schlummert noch viel mehr, als sie bisher preisgegeben hat.

Aros Gedanken sind widerwärtig. Der glaubt doch nicht wirklich, dass das passiert?! Ich könnte nie einen anderen Dad nennen, als Edward. Auch wenn ich 18 Jahre lang Phil für meinen Dad gehalten habe, ist das Gefühl, das Band zu Edward anders. Enger, tiefer. Es ist so stark, dass ich manchmal vergesse, dass Phil 18 Jahre lang Edwards Pflichten übernommen hatte. Es fühlt sich so richtig an. Dieses Band kann niemand brechen. Auch nicht Aro oder Chelsea mit ihrer Gabe.

Ich werde ganz bestimmt nicht meine Familie verlassen, wo ich mich bei ihnen endlich zu Hause und verstanden fühle.

Aber meine Zuversicht reißt ab, als ich in Aros Gedanken meine menschliche Familie sehe. Scott, der einem bewusstlosen Phil auf die Beine hievt und Charlie, der versucht eine bitterlich weinende Renée aufrecht zu halten. In ihren Augen Panik, wie ich sie noch nie in ihren Augen gesehen habe.

Bis dahin habe ich noch gehofft, dass seine Gedanken nicht stimmen und er mich reinlegen will. Doch als diese Vampire Scott, Phil, Renée und Charlie reinbringen, möchte ich schreien. Ganz laut, doch mein Schrei erstickt noch in meiner Kehle, wo sich gleichzeitig ein Schluchzen bildet.

Wie lange habe ich mich danach gesehnt, Scott und meine Großeltern wiederzusehen. Und jetzt stehen sie da und ich befürchte, dass dieses Wiedersehen nicht von langer Dauer sein wird. Ihr Anblick schmerzt gewaltig.

In Renées Gedanken sehe ich, was sie die letzten Stunden durch machen mussten. Marcus hat Phil eine übergebraten, als dieser Renée beschützen wollte, weil Marcus ihr zu nah kam. Daher die Platzwunde. Um seine geliebte Frau zu beschützen, vergisst man schnell, dass er sich da mit einem übermächtigen Vampir anlegt.

Das mit den Gedankenlesen klappt immer besser, gerade jetzt, wo so viele Gedankengänge auf mich reinprasseln, ist es gut, Einzelne auszublenden.

In Charlies Gedanken sehe ich, wie er Jane angesehen hat, sie diebisch grinst und er sich danach vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. Dad hat mir erzählt, was die Kleine für eine Kraft hat. Dafür wird diese Schlange büßen. Sie hat nicht nur Charlie gequält, auch Scott, Phil und Renée mussten diesen mentalen Schmerz erfahren.

Du wirst mein sein, Renesmee. Du wirst mein sein, Renesmee, höre ich Aro immer wieder.

Dads knurren klingelt in meinen Ohren. Ebenfalls Moms Schniefen. Für sie geht es gerade um so viel. Aro will mich, oder wird sonst ihre Eltern, meine Großeltern, töten. Das kann ich nicht zulassen.

Renesmee für das Leben der Menschen.

Ich weiß nicht, ob das ein einfacher Gedanke von ihm war, oder ob Aro Dad und mich direkt ansprach.

Dass meiner Familie etwas angetan wird, kann ich einfach nicht zulassen. Sie leiden wegen mir, müssen Schmerzen ertragen wegen mir. Das kann ich ihnen nicht zumuten.

„Ich werde es tun, aber bitte verschone sie."

„NEIN! Renesmee, tu das nicht", brüllt Dad, doch seine Worte erreichen mich nicht so, wie er es möchte. Auch Moms erstickter Schrei kann mich nicht umstimmen.

„Dad, ich muss es tun. Das bin ich ihnen schuldig. Wegen mir müssen Renée, Phil, Charlie und Scottie vielleicht ihr Leben lassen. Sie dürfen nicht sterben."

Ich stehe noch immer mit dem Rücken zu meinen Eltern und mag mich nicht umdrehen, da sie sicher zutiefst enttäuscht von mir sind. Dads Gedanken sind ein einziger NEIN Schrei. Aro fragt mich noch einmal.

„Renesmee, willst du mit mir nach Volterra gehen und mit den Volturi leben?"

Nein, nein, nein. Natürlich will ich das nicht. Aber mir bleibt keine Wahl. Vier sehr wichtige Personen in meinen Leben mussten wegen mir leiden und werden sterben, wenn ich es nicht tue. Jeder nicht Volturi im Raum schreit in seinen Gedanken NEIN. Ich zucke regelrecht darunter zusammen.

Bitte tu es nicht, Knirps.

Was soll ich denn tun, Emmett? Sie sterben lassen?

„Ich werde mit euch gehen", versuche ich überzeugt zu sagen, aber das scheint mir nur ein kläglicher Versuch zu sein.

„NEIN…" schalt es so laut durch den Raum, dass sich die Menschen unter uns die Ohren zu halten müssen, dennoch erreicht es mich nicht.

Wie in Trance kommen mir die nächsten Minuten vor. Demetri greift mich am Arm und will mich hinter sich herziehen. Als meine Familie mich aus seinen Klauen befreien will, liegen alle, bis auf Bella, plötzlich auf dem Boden und krümmen sich vor Schmerz. Jane.

Ich kann mein Schild nicht mehr über meine Familie spannen. Mom steht ganz apathisch da. Sie scheint nicht mehr Herr ihrer Sinne zu sein. Was tu ich ihr da nur an? Sie verliert erneut ihre Tochter. Mich.

Meine Beine wollen sich nicht bewegen. Schon gar nicht, wenn ich meine Familie dort leidend auf dem Boden liegen sehe.

„Komm Renesmee. Sonst müssen sie noch länger leiden."

Wer immer das auch gesagt hat, bekommt meine Beine in Gang. Ich will ihnen nicht noch länger Schmerzen zufügen. Mein Blick schweift noch einmal zurück auf meine Familie, meine Freunde. Wird das das letzte Bild sein, was ich von ihnen in Erinnerung behalten werde? Wie sie alle leiden und sich vor Schmerz winden?

Ich würde ihnen gerne nochmal zurufen, wie sehr ich sie liebe und nie vergessen werde, doch meine Lippen sind wie zusammen geklebt. Bevor Demetri mich ganz aus dem Schloss zieht, blicke ich nochmal zu meiner Mutter. Doch ihr Blick ist leer.

Das Letzte, was ich höre, als mich jemand über die Schulter packt, sind die Gedanken meines Vaters.

Wir geben dich nicht auf, Schatz. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Sei stark meine Tochter, wir holen dich da raus.

Will ich das denn überhaupt? Natürlich will ich bei meiner Familie sein. Aber was werden die Volturi dann tun? Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. Nur eins weiß ich, dass ich es nicht zulassen kann, dass Scott und meine Großeltern sterben. Und genauso wenig, dass meiner vampirischen Familie etwas zustößt.

Stunden vergehen. Oder sind es Tage? Ich weiß es nicht. Auch nicht, wie wir über den Ozean gekommen sind. Ich habe Bäche geweint. Nein, Seen, Meere. Und was bringt das Renesmee? Nichts. Reiß dich endlich zusammen und hör auf zu flennen.

Schön, so ein innerer Small Talk.

Es braucht dennoch seine Zeit, bis ich mich sammeln kann. Kaum, dass ich meine Augen schließe, um mich zu konzentrieren, blitzt das Bild meiner leidenden Familie auf. Also schlage ich lieber wieder schnell die Augen auf. Und was ich dann sehe, kenne ich nur von Bildern, die mir Scotts Eltern aus ihrem Italien Urlaub gezeigt haben.

Stimmt. Die Volturi leben in Italien. Volterra. Gruseliger Name, aber passend zu ihren Bewohnern. Obwohl hier auch normale Menschen rumlaufen. Aber die interessiert es nicht wirklich, dass ich hier auf den Schultern, einer vermummten Person rumgetragen werde. Die denken wahrscheinlich, dass wir hier Fasching feiern.

„Lass mich runter."

„Ich denke, es ist besser, wenn ich dich bis ins Schloss trage."

„Lass mich runter", schreie ich nun lauter und diesmal erwecken wir doch ungewollte Aufmerksamkeit der Passanten. Damit es noch verbrecherisch aussieht, schlage ich demjenigen, der mich trägt, immer wieder auf den Rücken.

„Demetri, gewähre Renesmee ihren Wunsch", sagt Aro.

Dein Wunsch ist mir Befehl, Hoheit.

Und plumps liege ich unten. Wäre ich noch immer ein Mensch, hätte das jetzt sicher wehgetan.

Warum musste Aro dieses Halbwesen nur mitnehmen? Sie wird uns nichts als Ärger bringen. Er glaubt doch nicht wirklich, dass die Cullens und ihre Freunde das einfach so geschehen lassen?

Mittlerweile hoffe ich auch, sie finden eine Lösung mich hier rauszuholen, ohne dass einer von uns sterben oder leiden muss.

„Geh schon", befiehlt mir das kleine Mädchen, Jane. Sie sieht zwar 3 Jahre jünger aus als ich, hat aber definitiv die größere Klappe.

„Und wenn nicht?", gifte ich zurück.

In dem Moment bekomme ich einen tieferen Einlass in ihre Gedanken. Wie sie grinst, als sie meiner Familie wehtut. Und dann… Was? NEIN!!! Ich bin mit den Volturi schon etwas voraus, doch Jane bleibt zurück. Sie beugt sich über Scott und…und… und beißt ihn.

„Was hast du getan?"

Wieder schießen mir Tränen in die Augen. Allerdings vor Wut.

„Ich habe mir einen Leckerbissen gegönnt. Sehr schmackhaft dein Liebster. Du glaubst gar nicht, wie wohltuend sein Blut war", sagt dieses Biest und fährt sich dabei genüsslich über die Lippen.

Diese Ratte. Ich springe auf, renne auf sie zu und reiße sie mit mir auf den Boden. Auf ihren Brustkorb sitzend, schlage ich immer und immer wieder in ihr dämliches Gesicht. In Rage bewegen sich meine Fäuste wie von selbst und es erfüllt mich, Knochen knacken zu hören. Nun nützt ihr ihre ach so tolle Gabe auch nichts.

Noch nie habe ich jemandem geschlagen. Aber sie hat es meiner Meinung nach verdient.

Hoffentlich konnte Carlisle Scott retten, so wie Edward damals Bella gerettet hatte. Bitte lass es nicht geschehen, dass er stirbt. Ich lebe lieber getrennt von ihm, als mit dem Wissen, dass er tot sei.

Denk einfach nicht dran. Er lebt. Es geht ihm gut. Genau wie meiner Familie.

Jemand reißt mich von Jane.

„Was hast du getan?", brüllt mich Alec an.

Erst jetzt sehe ich, dass Jane bewusstlos ist. Aber ich dachte, das geht nicht? Zumindest hat Emmett mir das mal erzählt, als ich ihm Haue angedroht habe. Und ich weiß, dass Emmett mich dies bezüglich nicht belügen würde.

Erstaunlich, höre ich es gleich in mehreren Gedanken.

Es ist noch schwer für mich, diese für mich fremden Vampire zuzuordnen, aber als ich in die erstaunten Gesichter von Aro, Caius und Marcus schaue, kann ich die Gedanken zuordnen.

Alec versucht seine Schwester wach zu bekommen, aber ich muss sie ordentlich vermöbelt haben. Und zu meiner eigenen Verwunderung, tut sie mir nicht mal leid. Doch was sie Scott angetan hat, ist noch viel schlimmer.

„Du bist sehr stark, Renesmee. Etwas Vergleichbares habe ich noch nicht gesehen. Du wirst uns noch sehr zu nütze sein."

Ich kann Aro für seine Worte nur einen vernichtenden Blick zu werfen. Demetri und Felix zerren mehr, als dass sie mir helfen, wieder auf die Beine.

„Chelsea, hilf Alec mit Jane", sagt Aro und gleitet voran.

Marcus und Caius haben ewig kein Wort gesagt und ihre Gedanken scheinen sie gut im Griff zu haben. Viel verraten sie nicht.

Wirklich ein schönes Geschöpf. Ihre Gaben sind sehr interessant.

Ich glaub das war Marcus.

Wir werden schon noch unseren Spaß mit ihr haben.

Was haben diese biestigen Vampire nur vor? Ich komme einfach nicht tief genug in ihre Köpfe hinein.

Ich dachte ja schon, dass Denali Schloss wäre groß, aber das der Volturi ist einfach riesig. Wenn ich nicht so wütend und so voller Hass wäre, würde ich es vielleicht sogar schön finden.

Gott sei Dank konnte ich einige menschliche Eigenschaften ablegen, ansonsten wären jetzt meine Arme grün und blau, so grob fassen mich Demetri und Felix an. Ich wehre mich erst gar nicht, da ich glaube, kaum eine Chance gegen gleich zwei Volturi zu haben. Das mit Jane könnte ich sicher nicht wiederholen. Oder doch?

Innen ist das Schloss ziemlich prunkvoll ausgestattet. Anstatt mich zum Thron zu führen, wo Aro mich ja angeblich haben wollte, führen sie mich nach tief unten ins Schloss.

„Wollt ihr mich hier einsperren?", frage ich, als ich den Kerker sehe.

Doch sie antworten mir nicht und stoßen mich energisch in eine Zelle. Mein Gesicht landet in einer dreckigen Pfütze. Vielen Dank auch.

„Versuch es erst gar nicht. Die Gitterstäbe bestehen aus einem Material, die bekommt nicht mal der starke Emmett durch", grinst Felix. Bastarde.

„Also bin ich eure Gefangene?! Ich dachte, ich soll euch helfen, das Geheimnis der Vampire zu wahren. Eine nette Art der Zusammenarbeit", sage ich mit einem harten Blick zu Aro.

„Nenn es Eingewöhnungsphase oder Akklimatisation", grinst Caius.

Wenn die wüsste. Sie glaubt doch nicht wirklich, dass sie mit mir, Aro und Marcus die Volturi anführen wird?

Als wenn ich das wollte. Lieber verrotte ich hier unten, als sie bei ihren Schandtaten zu unterstützen.

Ohne ein weiteres Wort verlassen sie den Kerker. In ihren Gedanken schimmert ein wenig Furcht, dass meine Familie alles daran setzen wird, mich mit allen Mitteln hier raus zu holen.

Ich muss mich erstmal setzen, lasse dabei meinen Kopf in beide Hände fallen und atme tief durch. Ich bekämpfe die Tränen, die in meinen Augen brennen. Es bringt ja doch nichts.

„Alles OK?", erschreckt mich eine weibliche Stimme.

Ich hatte noch gar keine Zeit gehabt, mich in dem Kerker ganz umzusehen, so bemerkte ich nicht, dass sich noch mehr Zellen mit den dicken Gitterstäben hier unten befinden. Aus dem Schatten des Lichtes tritt ein junges Mädchen. Würde sagen mein Alter, blondes lockiges Haar und blasse rote Augen. Eine Vampirin. Eine Vampirin, die lange kein Blut mehr zu sich genommen hat.

„Wer bist du?", frage ich, anstatt auf ihre Frage einzugehen. Wie soll es mir auch gehen. Klasse natürlich.

Ich bin Tyra. Du bist sicher Renesmee Cullen.

„Woher weißt du das?"

„Seit Tagen reden sie von nichts anderem, als dich nach Volterra zu holen. Der mächtigen Halb-Vampirin aus dem Cullen Zirkel. Ich hätte nicht gedacht, wo du ja so mächtig bist, dass sie dich so schnell bekommen."

„Sie wollten meine menschliche Familie töten. Das konnte ich nicht zulassen. Wieso bist du hier?", versuche ich nicht an meine Familie zu denken.

„Ich habe Marcus Frau Didyme umgebracht", sagt sie in einem Ton, der mich verängstigt schlucken lässt. Ihre Augen zeigen überhaupt keine Reue.

In ihren Gedanken sehe ich warum. Sie reißt einer Vampirin den Kopf ab und verbrennt sie. Außerdem sehe ich Tyra, wie sie neben einem leblosen Körper kauert. Eine Frau, die Anfang 40 sein könnte.

Mom, bitte bleib bei uns. Wir brauchen dich", fleht sie, doch die Frau ist tot.

Es kommt noch ein Junge dazu in ihrem Alter. Dolton. Allerdings ist er noch Mensch, mit blau leuchtenden Augen. Mehrere Vampire greifen sie an. Mit dabei die Frau, die Tyra umgebracht hat. Sie hat auch Tyras Mutter umgebracht. Kurz darauf werden sie von Marcus Frau verwandelt.

Tage später, als Tyra erwachte und realisierte, was geschehen war, brachte sie Marcus Frau um und wurde hier eingesperrt. Das ist mittlerweile Jahre her.

„Du kennst Dolton, diesen Widerling?", frage ich sie voller Gräuel.

„Er ist mein Bruder. Bitte sei nicht zu hart mit ihm."

„Wegen ihm bin ich hier und nicht bei meiner Familie", schreie ich sie an.

„Das tut mir auch sehr Leid, aber Aro hat ihn erpresst. Wenn er nicht für ihn spioniert hätte, würden sie mich vernichten."

Ich kann es nicht glauben. Jetzt kann ich Dolton nicht mal böse sein. Ich hätte wahrscheinlich das Gleiche getan. In Tyras Gedanken sehe ich sie und Dolton, als sie noch Menschen waren. In einem glücklichen Moment. Ihre Bindung war schon damals sehr eng.

„Kannst du ihn jetzt verstehen?"

Ich nicke nur und muss an meine Familie denken. Würden sie so was auch für mich tun? Sind sie vielleicht schon auf dem Weg? Aber was ist, wenn sie wirklich wegen mir kommen? Was für Konsequenzen wird das für meine Familie nach sich tragen? Was wird aus Scott, Charlie, Renée und Phil?

Immer noch sitzend lehne ich meinen Kopf an die kalte Wand. Überhaupt ist es hier sehr kalt. Der Kerker wird nur von mehreren brennenden Öllampen beleuchtet. Erst jetzt merke ich, wie erschöpft ich eigentlich bin und meine Augen werden immer schwerer.

„Hast du mit ihr geredet?", höre ich eine leise männliche Stimme. Ich muss eingeschlafen sein.

Als ich meine Augen öffne, sehe ich Dolton, der vor der Zelle seiner Schwester steht und ihre Hand hält. Es ist ein ganz anderes Bild, als das ich von ihm kenne. Zum ersten Mal kann ich auch tiefer in seine Gedanken sehen. In Denali hat er mich immer mit irgendwelchen unanständigen Gedanken aus seinem Kopf gejagt. Jetzt weiß ich auch warum.

Jetzt sehe ich genau, wie die Volturi ihn gefoltert haben, ihm gedroht haben, das Gleiche auch seiner Schwester anzutun und sie dann zu vernichten, wenn er nicht als Spitzel nach Denali gehen würde, da sie wussten, dass dort junge Vampire, die sich für eine tierische Ernährung entschlossen haben, gerne aufgenommen werden.

„Ja, habe ich", antwortet Tyra ihm niedergeschlagen.

Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil ich ihretwegen hier bin. Sie mag mich, was auf Gegenseitigkeit beruht.

„Und?"

„Ich kann verstehen, warum du es getan hast, Dolton", mache ich mich bemerkbar und stehe auf, um an Tyras Zelle zu treten.

„Es tut mir so leid, Renesmee. Ich…"

„Schon OK."

Wirklich? Sie verzeiht mir? Dabei habe ich das nicht verdient. Ja ich habe es für Tyra gemacht, aber ich wollte nicht, dass dies geschieht. Ich wollte sicher nicht, dass Renesmee von ihrer Familie gerissen wird. Dort habe ich sie zwar nur ein paar Tage erlebt, aber dennoch kann ich sagen, dass die Familie Cullen ein ganz besonderes Band zwischen jedem einzelnen Mitglied ihrer Familie hat.

Ich lerne von Sekunde zu Sekunde einen anderen Dolton kennen.

„Hab kein schlechtes Gewissen, Dolton. Du hast es wegen deiner Familie getan."

„Deine Familie hätte einen anderen, klügeren Weg gefunden."

„Aber du warst alleine und hast den einzig möglichen Weg gewählt."

Betretendes Schweigen tritt ein. Keiner vermag etwas zu sagen und hängt seinen Gedanken nach.

„Heidi und Felix bringen euch gleich Nahrung", sagt Dolton irgendwann.

„Nahrung?"

„Menschen."

Sofort steigt Panik in mir auf. Ich kann keinen Menschen töten. Auch wenn ich merke, dass ich immer schwächer werde. Aber noch habe ich Kraft. Das gibt mir Mut.

„Was ist mit dir?", fragt Tyra.

„Ich kann keinen Menschen töten."

Dolton ist weniger überrascht als seine Schwester. Das könnte ein Problem werden, denkt er.

Aber weiter kommt er nicht mit seinen Gedanken, denn da öffnet sich schon die Tür. Herein kommen Heidi und Felix. Zwei Menschen im Schlepptau. In den Gedanken der Volturi sehe ich, wie sie die Menschen ins Schloss gelockt haben. Viele Menschen. Reihenweise werden sie von den Volturi ausgesaugt. Etwas Grauenhafteres habe ich nicht gesehen. Heidis und Felix Augen leuchten rot.

Doltons hingegen schimmern das typische Topas, ein Zeichen dafür, dass er weiterhin nur Tiere jagt.

Die beiden Menschen sind Frau und Mann. Ihm wahrsten Sinne des Wortes, denn sie haben vor wenigen Tagen geheiratet und verbringen in Volterra ihre Flitterwochen. Die Frau denkt die ganze Zeit an ihre Traumhochzeit, wohl, weil sie mit den schönen Gedanken daran sterben will.

In den Gedanken ihres Mannes sehe ich, dass sie beide mit ansehen mussten, wie sich die Volturi über ihre Beute hermachten. Es spiegelt sich auch deutlich in ihren Augen wieder. Voller Angst und Panik glauben sie, dass wir ihnen jetzt Gleiches antun werden.

Adam, so heißt der Mann, hat seine Hand, fest um die seiner Frau, Xoe, geschlossen, die bitterliche Tränen weint.

„Ein Geschenk von Aro", sagt Felix und stößt Xoe in meine Zelle. Adam landet in Tyras. Beide ziehen sich in eine Ecke zurück.

„Du solltest nicht zu viel Zeit hier unten verbringen, Dolton", mahnt Felix.

„Ich möchte bei meiner Schwester sein. Wann lasst ihr sie endlich gehen?", fragt Dolton verzweifelt.

Nie, mein Bester. Nie. Aro wird einen Teufel tun, denkt Felix und verschwindet wieder mit Heidi.

„Was hat er gedacht, Renesmee?", fragt mich Dolton.

Mein Gesichtsausdruck scheint mich wohl verraten zu haben. Ich schaue erst zu Dolton und dann zu Tyra, bevor mein Blick den Boden interessanter findet.

„Er wird sie nie gehen lassen, oder?"

Ich kann ihm nicht ins Gesicht schauen, als ich den Kopf schüttle. Sofort rattert es in Doltons Gedanken so sehr, dass mir fast schwindelig wird. Er würde am liebsten jeden einzelnen Volturi zerstören.

Wir scheinen Dolton unterschätzt zu haben. Er versucht einen Plan auszuklügeln, um uns hier raus zu bringen.

„Werdet ihr uns jetzt töten?", fragt Xoe schluchzend. Ich hatte die Menschen fast vergessen.

Ich drehe mich zu ihr um, kniee mich zu ihr runter und will eigentlich nur tröstend ihre Hand nehmen, doch sie weicht mir ängstlich zurück. Sie hat wahnsinnige Angst vor mir, obwohl ich doch anders aussehe, als der typische Vampir. Bis vor ein paar Minuten glaubte sie auch noch nicht an Vampire.

„Hab keine Angst vor mir, Xoe. Ich werde dich ganz bestimmt nicht töten."

Woher weiß sie meinen Namen? Sie legt mich doch wahrscheinlich nur rein, wie die Anderen es auch getan haben. Mein Vertrauen gewinnen, damit ich es ihr noch leichter mache. Adam und ich wurden in eine Falle gelockt, um zu sterben.

„Es ist wahr. Ihr seid in eine Falle geraten. Aber nicht wir haben sie euch gestellt. Tyra und ich sind ebenfalls Gefangene.

Woher weiß sie, was ich denke?

„Ich kann deine Gedanken lesen, Xoe. Deshalb weiß ich, wie du heißt. Dass du mit Adam in euren Flitterwochen bist. Eure Hochzeit war wirklich traumhaft", lächle ich ihr zu.

Ihr verdutztes Gesicht ist amüsierend, aber auch erleichternd, denn sie glaubt mir und verliert etwas an Angst.

Ich weiß nicht, wie lange ich dem süßen Duft des frischen Blutes noch standhalten kann. So lange ist es her, dass ich den köstlichen Nektar kosten durfte. Meine Kehle brennt so sehr.

„Halt durch Tyra. OK?"

Sie nickt mir lächelnd zu und vergrößert den Abstand zu Adam auf ein Maximum. Dolton gibt sein bestes, um seine Schwester von ihrem Durst abzulenken. Er ist wirklich ein klasse Bruder. Sofort muss ich an Emmett denken.

Wir klären Xoe und Adam dann genau über alles auf. Was wir sind, welche Unterschiede es gibt und wo viele von uns Vampiren leben. Sie sind ganz erstaunt, dass viele Vampire unter Menschen leben.

Aber auch ich erfahre einiges. So bin ich erstaunt, als ich Tyras Fähigkeit erkenne. Sie kann die Zeit für einige Minuten anhalten. Ihre Kraft hat sie so gut unter Kontrolle, dass sie auch einzelne Personen erstarren lassen kann. Wie alle vampirischen Kräfte, kann sie mir nichts anhaben. Ich bin ein klein wenig Stolz.

Dolton verlässt eigentlich nur den Kerker, um selber jagen zu gehen und horcht, was die Volturi machten. Sie sind in Aufruhr, da sie sich mittlerweile sicher sind, dass meine Familie nicht aufgeben würde, mich zu befreien. Hoffentlich riskieren sie nicht zu viel für mich.

Meine größte Sorge gilt allerdings Scott. Lebt er noch? Oder ist er jetzt ein Vampir? Die Bilder, als Jane ihn gebissen hat, kommen immer wieder, sein schmerzender Blick ist grausam. Das Schlimmste ist sein Schrei, den er dabei ausstieß. Sollte er wirklich ein Vampir sein, wird es nie wieder so wie vorher sein. Er wird mich hassen. Auch wenn er meine Familie akzeptiert hat und mich liebt, habe ich in seinen Gedanken zu deutlich gesehen, wie sehr ihn die Idee angewidert hat, selber ein Vampir zu sein.

Ich vermisse ihn so sehr. Und meine Eltern. Zwar war ich noch nicht all zu lange bei ihnen, aber schon in den wenigen Tage sind wir zu einer eng verbundenen Familie geworden. Und die Tage in Vegas haben mich Edward so nahe gebracht. Ich kann mir keinen besseren Dad wünschen. Phil, Renée und Charlie habe ich als meine Großeltern lieb gewonnen. Natürlich genauso wie Esme und Carlisle, so wie ich Jasper, Alice, Rose und Emmy als meine Tanten und Onkel liebe. Obwohl sie mir eher wie ältere Geschwister vorkommen.

Es ist sicher recht verwirrend und nicht zu glauben für Außenstehende, aber kaum, dass Bella sich als meine Mutter vorgestellt hatte, wusste ich, dass es wahr ist. Ich wollte es zwar nicht wahr haben. Aber im Inneren war ich mir sicher. Deshalb fiel es mir bei ihr am leichtesten, ihr zu vertrauen. Man kann nicht von einer Sekunde auf die andere, die Liebe, die ich für Renée als Mutter hatte, abstellen, aber man kann eine neue, einzigartige Liebe aufbauen, so wie ich es mit Bella tat.

Ihren und Edwards gequälten Blick werde ich nicht so schnell vergessen. Sie waren nicht wiederzuerkennen. So in Rage habe ich Dad noch nicht gesehen.

Ich vermisse meine ganze Familie wahnsinnig. Aber ich würde mich immer wieder so entscheiden, um sie zu schützen.

Von den Volturi lässt sich hier unten kaum jemand blicken. Ab und zu erhasche ich ein paar Gedanken, oder kann einigen Gesprächen folgen. Sie haben Angst. Lediglich Felix kommt ein paar Mal zu uns, um nach dem Rechten zu schauen. Und jedes Mal wird er ärgerlicher, da die Menschen noch lebten.

Mittlerweile sind wir fast fünf Tage hier. Dolton schmuggelt Adam, Xoe und mir immer wieder etwas zu Essen in den Kerker. Allerdings hilft es mir nicht, meine Kräfte zurückzugewinnen. Sie schwinden stündlich. Mein Schild kann ich schon nicht mehr aufbauen. Ich sitze nur noch in der Ecke, um Kraft zu sparen. Dennoch kann ich nicht anders, als zu versuchen ein paar Gedanken auf zu schnappen, denn das klappt noch einigermaßen.

So überlegt Xoe tatsächlich, mir so eine Art Blutspende zu geben, als Dank dafür, dass ich sie am Leben gelassen habe. Aber die Menge, die ich mittlerweile brauche, würden Adam und Xoe mir nicht mal ansatzweise geben können. Zudem würde Tyra sich dann wohl nicht mehr im Griff halten können, denn sie hat mittlerweile sehr mit ihrem Durst zu kämpfen.

Toll finde ich aber ihren Endschluss, sobald sie hier raus käme, es ebenfalls mit tierischen Blut zu versuchen. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn sie mit nach Denali käme. Aber noch sitzen wir hier fest.

Dolton erzählt mir noch, dass Aro einfach keine Zeit hatte, sich mit mir zu beschäftigen. Er hatte mehr damit zu tun sein Schloss vor dem wohl herannahenden Angriff zu sichern. Mit guten Worten kommt man bei den Volturi nicht weit. Das hat es in Denali schon gezeigt. Das weiß meine Familie, aber auch Aro.

Was würde ich jetzt nicht alles dafür geben, in der übergroßen Badewanne in meinem Bad zu liegen, heißes Wasser um meinen Körper und die köstlichen Pfannkuchen von Esme, die sie mir letztens gemacht hat. Es ist erstaunlich, wie ein Vampir, der die menschliche Nahrung so verabscheut, so gut kochen kann.

Was mir aber auch gut tun würde, wäre eine einfache Umarmung meiner Eltern. Selbst Emmys lungenzerquetschende Umarmung wäre jetzt wunderbar.

Renesmee, ruft Dolton in seinen Gedanken. Er ist schon seit einigen Stunden nicht mehr hier gewesen. Wenn Felix bei euch ist, soll Tyra ihn erstarren lassen. Schnell, es ist unsere einzige Chance.

Doltons Gedanken rasen. Er will mit uns flüchten und erst jetzt bemerke ich, wie ruhig es im Schloss geworden ist. Ich dachte, es sei meine Kraft, die ausgefallen sei, aber noch kann ich sehr gut hören und Gedanken lesen, wie ich merke.

„Wenn Felix kommt, lass ihn erstarren", sage ich Tyra schnell.

Sie schaut mich irritiert an, aber mein Ton überzeugt sie und nickt. Wie erwartet, ist Felix auf dem Weg zu uns. Ich kann seine Gedanken deutlich hören. Und sie sind interessant, denn er ärgert sich, dass er, bis auf die Ehefrauen, allein zurück im Schloss gelassen wurde, um uns zu überwachen. Der Rest ist ausgeflogen.

Aber was mich freut, ist die Tatsache, dass er sich fürchtet. Er hat Angst um die Existenz der Volturi.

Weiter kann ich seinen Gedanken aber nicht folgen. Meine Kräfte sind am Ende. Mir ist wahnsinnig heiß, wo ich doch noch vor wenigen Stunden fror. Bitte nicht jetzt, wo wir vielleicht hier raus kommen.

In dem Moment kommt Felix in den Kerker.

„Meine Damen. Wie ich sehe…"

„Tyra", rufe ich dazwischen.

Felix kann sein verwirrtes Gesicht noch zu Tyra bewegen, ehe er erstarrt und Dolton zu uns gerannt kommt. Er durchwühlt Felix Taschen. Natürlich findet er die Schlüssel erst in der letzten Tasche. Zuerst befreit er Tyra und Adam und schließt dann meine Zelle auf. Als ich aufstehen will, dreht sich alles. Ich sah mich schon dem Boden wieder sehr nah, doch Dolton fängt mich auf.

„LAUFT!!!", schreit er den anderen zu. „Ich helfe Renesmee."

Da es ihm nicht schnell genug geht trägt er mich und schnappt sich dann auch noch Xoe über die Schulter, während Tyra Adam trägt.

Vor dem Schloss verabschieden wir uns von den Menschen.

„Danke, dass ihr uns am Leben gelassen habt", sagt Adam, schnappt sich die Hand seiner Frau und rennt los. Italien werden sie sicher nie wieder bereisen.

Ich hoffe, sie werden nach all dem, was passiert ist, wieder ein glückliches Leben aufnehmen können.

Dolton nimmt mich nun huckepack und läuft mit mir und Tyra Richtung Stadtgrenze. Allerdings müssen wir dabei die urische Innenstadt erst noch durchqueren, die aus etlichen Gassen besteht.

Plötzlich steigt mir ein beißender Geruch in die Nase. Etwas Widerlicheres habe ich noch nie gerochen. Dolton bleibt stehen, denn auch ihm und Tyra geht es so.

Wir stehen mitten in einer Gasse. Der Mond spendet genügend Licht, um an beide Enden der Gasse sehen zu können. Und da steht er. Oder etwas. So was habe ich noch nie gesehen. Er sieht aus wie ein Wolf, mit rotbraunem Fell, ist aber größer, als ein Grizzly.

Auf der anderen Seite der Gasse steht ein genauso großer Werwolf. Er ist allerdings so schwarz wie die Nacht. Beeindruckend, aber auch beängstigend, denn ihr Knurren ist lauter, als das typische Vampir Geknurre. Und im Moment knurren sie uns an.

„Wie seid ihr entkommen?"

NEIN!!! Aro und sein Gefolge kommen von den Dächern gesprungen. Demetri reißt mich von Dolton runter und diesmal schmerzt der Aufprall fürchterlich.

„Fass meine Tochter nie wieder an, Demetri."

Ich muss halluzinieren. Das ist Dads Stimme. Ich schaue wieder zu den Wölfen. Jetzt sind es allerdings auf jeder Seite fünf. Hinter ihnen kommt meine Familie hervor. Und die Denalis, aber auch einige Vampire, die ich noch nie gesehen habe, verteilt auf beide Seiten.

„DAD!!! MOM!!!", schreie ich, als ich sie erblicke.

Ich will nur noch zu ihnen. In die sicheren Arme meiner Familie. Sie sind gekommen. Jetzt wird alles wieder gut. Oder?

TBC