Rettungsmission

Rosalies POV

Chaos. Das ultimative, aber vor allem schmerzhafte Chaos ist ausgebrochen. Bella ist auf die Knie gefallen und hält Renesmees Armband, was sie verloren haben muss, als Demetri sie über die Schulter gepackt hatte, fest an ihre Brust. Renée hockt neben ihr. Ihre Tränen fließen in Sturzbächen ihren Wangen hinab.

Sie versucht Bella zu erreichen, doch diese schaut nur apathisch ins Nichts.

Carlisle und Eleazar haben bis eben noch Edward festgehalten, obwohl die Volturi längst über alle Berge sind. Aber kaum, dass sie ihn loslassen, sprintet er allerdings nicht los. Er schaut erst betreten zu Boden und wandert dann mit seinem Blick zu Bella. Es dauert eine Weile, bis er wieder zu Sinnen kommt und geht zu ihr, um sie dann in eine feste Umarmung zu nehmen. Beide schluchzen in die Schulter des Anderen. Noch nie habe ich meinem Bruder so am Boden gesehen.

„Sweetie? Alles OK?"

Ich habe gar nicht bemerkt, wie Emmett sich neben mich gestellt hat. Natürlich bin ich nicht OK. Das zeig ich ihm mit meinem Kopfschütteln. Woraufhin er mich in seine starken Arme zieht. Dort fühl ich mich geliebt, beschützt, als wenn seine Arme magische Kräfte hätten.

Er löst die Umarmung, aber nur so, dass er mir ins Gesicht schauen kann. Sein Lächeln hat auf mich die Wirkung, wie auf manche Drogen. Es macht mich glücklich und beruhigt mich. Wie auch jetzt. Denn seine Grübchen, die auf seinen Wangen blitzen, sobald er lacht, bringen auch mich zum Lächeln.

„Wir holen sie da raus. Unser Knirps gehört hier her. Koste es, was es wolle", sagt er überzeugt.

Und ich weiß, dass er alles daran setzen wird. Was mir wiederum Angst macht, da ich weiß, dass er da nicht an uns oder sich denkt. Nur an sein Ziel. Dass ihm dabei etwas zustoßen könnte, daran denkt er nicht. Aber in diesem Fall kann ich ihn sogar verstehen. Renesmee hat etwas in der Familie bewegt, dass sie einfach perfekt machte, für eine kurze Zeit. Wenn wir sie nicht aus den Fängen der Volturi befreien können, wird die Familie nie wieder so werden, wie sie mal war.

„Emmett, hilf mir", reißt Carlisle uns aus den Gedanken.

Wir drehen uns um und sehen, dass Carlisle über Scott gebeugt ist. Dieser schreit vor lauter Schmerz. Ein Schmerzensschrei, der nur eines bedeuten kann.

„Was ist passiert?", frage ich, während Emmett zu Carlisle läuft, um Scott zu beruhigen, der wild um sich schlägt.

„Jane hat ihn gebissen", antwortet Garrett, der die Luft anhält. Mir macht der Geruch der Menschen nicht mehr all zu viel aus.

„Kannst du ihm nicht das Gift aussaugen? Wie Edward bei Bella?"

Carlisle schüttelt den Kopf nach meiner Frage.

„Es ist schon zu weit in sein Nervensystem vorgedrungen. Ich muss ihn verwandeln, sonst stirbt er."

„Das wird Renesmee umbringen. Egal ob tot oder Vampir."

Emmett und Carlisle schauen mich daraufhin irritiert an. Sie denken sicher, wenn Scott ein Vampir wäre, müsste Renesmee doch glücklich sein. Aber sie vergessen wohl, wie sehr er uns verabscheut. Schon allein dafür, dass wir ihm Renesmee ‚genommen' haben.

„Ihr könnt ihn nicht sterben lassen", sagt ein wieder zu Kräften gekommener Phil energisch.

„Tot ist er so oder so", kommt es von Garrett.

„Ich werde es tun. Aber ihr solltet jetzt verschwinden, denn…"

„Wir bleiben", sagt Charlie vehement.

„Ihr wisst wohl nicht, in welcher Gefahr ihr schwebt, zwischen zwei Dutzend hungrigen Vampiren, die nur nach eurem Blut lechzen", mischt sich Peter ein. Seine Augen schimmern durstig dunkelrot.

Charlie und Phil werden ganz blass.

„Geht bitte. Wir halten euch auf dem Laufenden. Sobald wir etwas von Renesmee erfahren, melden wir uns. Aber bitte geht jetzt. Wir können nicht noch mehr Zwischenfälle gebrauchen", sagt Carlisle und deutet auf Scott.

Phil bleibt einfach stumm. Charlie jedoch nicht und zieht Phil hinter sich her.

„Charlie?" ruft Carlisle nochmal hinterher.

„Ja?"

„Kannst du dich um Scotts Todesursache kümmern? Wir müssen uns jetzt um wichtigere Dinge kümmern. Aber sie schaffen das."

Charlie schluckt schwer, nickt Carlisle aber zu. Es ist sicher nicht leicht für ihn, einen Tod vorzutäuschen, da er es ist, der so was normalerweise untersucht und diese Verbrechen bekämpft. Gemeinsam mit Phil läuft er zu Renée und zieht sie auf die Beine. Er gibt seiner Tochter noch einen Kuss auf die Stirn und sieht nochmal verzweifelt zu uns.

„Ich bin kein Freund von euch Vampiren und ich werde auch nie einer werden, dafür, dass ihr mir meine Tochter und meine Enkelin genommen habt. Aber ich flehe euch an. Holt Renesmee da raus. Sie gehört hier her, zu ihrer Familie."

Sofort steht Alice bei Charlie und umarmt ihn.

„Wir werden sie zurückholen, Charlie."

Bellas Vater mag von uns Vampiren nach seiner Tochter, Alice immer noch am meisten und vertraut ihr. Sie reicht ihm die Autoschlüssel zu Carlisles Mercedes, gibt ihm noch einen Kuss auf die Wange und schiebt ihn mehr oder weniger aus dem Schloss.

Bevor noch jemand einen Einwand erheben kann, vollzieht Carlisle Scotts Verwandlung zu einem von uns.

Unsere Freunde, die uns zur Hilfe kamen, sehen erleichtert aus, nachdem die Menschen verschwunden sind. Sie wussten, wie viel sie uns bedeuten, und haben wirklich übervampirisches geleistet, die Menschen nicht anzugreifen.

Erstaunlich. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen.

„Kannst du irgendwas sehen, Alice?", fragt Emmett.

Edward horcht dabei auf und ich kann in seinen Augen sehen, dass sie sehr wohl etwas gesehen hat. Sein tiefes Grollen heißt nichts Gutes.

„Sie werden sie in eine Zelle stecken, in die selbst Emmett nicht hineinkommt", lässt sie uns wissen.

Emmett lacht darüber nur. Ich schaue ihn allerdings daraufhin nur scharf an, wobei ihm das Lachen wieder vergeht.

„Wir müssen ihnen hinterher", brüllt Edward.

„Edward, es hilft nichts, wenn wir ihnen planlos hinterher jagen. Das könnte alles nur noch schlimmer machen", versucht Jasper Edward zur Vernunft zu bringen.

„Wenn ihr mir nicht helfen wollt, gehe ich alleine und hole meine Tochter zurück."

Er wollte tatsächlich loslaufen, doch Peter, Jasper und Emmett halten ihn auf. Jasper sieht Edward flehend an und teilt ihm sicher etwas über seine Gedanken mit. Edwards Gesicht verliert an Härte und sein Blick wandert mit einem gequälten Ausdruck zu Bella.

„Sie braucht dich jetzt, Edward. Sie wird es nicht schaffen, wenn du jetzt auch noch verschwindest", versuche nun auch ich mein Glück, ihn zur Vernunft zu bringen.

Es klappt. Seine Haltung entspannt sich.

„Wir warten auf unsere anderen Freunde und planen ihre Rettung", sagt Jasper ernst.

„Edward, wir holen sie da raus. Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir unsere Kleine den Volturi überlassen", sagt Em nochmal mit Nachdruck.

Edward nickt ihm zu und befreit sich aus den sechs Armen. Sofort nimmt er Bella wieder Esme ab, die sich um sie kümmerte. Er nimmt Bellas Gesicht in beide Hände und sieht sie durchdringend an.

„Wir holen sie da raus, hörst du? Unsere Tochter wird bald wieder bei uns sein und dann werden wir endlich eine glückliche Familie."

Jetzt scheint Bella erst alles zu begreifen und bricht in Edwards Armen zusammen, dabei versucht sie, ihr lautes, trockenes Schluchzen an Edwards Brust zu ersticken.

„Ich kann sie nicht wieder verlieren, Edward. Ich brauche sie."

Alice und ich bewegen uns gleichzeitig, aber unabhängig voneinander auf die beiden zu und legen Bella eine Hand an den Rücken. Es muss eine Qual für Jasper sein, die verschiedenen Emotionen zu spüren, aber vor allem Bellas Schmerz muss für ihn furchtbar sein. Dennoch versucht er alles, um ihren Schmerz mit seiner Gabe zu dämmen.

„Wir alle brauchen sie, Bella. Glaub nicht, dass wir unsere Kleine den Volturi einfach überlassen", sage ich ihr so einfühlsam wie möglich.

Es zerrt an unser aller Nerven. Selbst unsere angereisten Gäste sind traurig und wütend über den Verlust. Aber in Bellas Augen schimmert Hoffnung, als meine Worte sie erreichen. Sie löst sich von Edward und schaut einmal durch den ganzen Raum, in jedes Gesicht. Und jeder deutet ihr mit einem Nicken, dass sie es genauso sehen wie ich, Renesmee zu befreien.

„Wir holen unsere Tochter da raus, Liebes."

Und diesmal glaubt Bella den Worten meines Bruders. In ihrem Gesicht spiegelt sich endlich Kampfeswillen wider.

Als wäre das der Startschuss für alle, geht die Planung los. Es muss natürlich so schnell wie möglich gehen. Wer weiß, was die Volturi mit Renesmee machen. Ich hoffe, sie muss nicht leiden, ansonsten werden sie meine Klauen zu spüren bekommen.

Was uns beruhigt, sind Alice Visionen. Nicht, dass es sehr beruhigend ist, sich Renesmee in einer Zelle vorzustellen, aber immer noch besser, als wenn Alice sehen würde, wie sie Renesmee wehtun. Wobei das wohl nicht unbedingt Aros Absicht ist. Aber wir alle kennen Renesmees Dickkopf. Und wenn sie etwas nicht will, will sie es nicht.

Erstaunlich ist, wer uns jetzt alles helfen will. Carlisle und Co. haben noch mal herumtelefoniert und innerhalb von drei Tagen treffen viele Zirkel bei uns ein. Der ägyptische Zirkel mit Amun, Kebi,Benjamin und Tia. Die Amazonen mit Kachiri, Senna und Zafrina. Außerdem noch die europäischen Nomaden Charles und McKenna. Zusammen mit den schon anwesenden Rumänen, Peter, Charlotte, Garrett und den Denalis, sind wir schon eine beachtliche Zahl.

Edward treibt jeden an, auch wenn es unnötig ist, denn jeder will unbedingt helfen.

Scott steckt in der letzten Phase seiner Verwandlung. Wir wollen noch sein Erwachen abwarten, bevor wir aufbrechen. Nachdem es Bella besser ging und Esme sich nicht mehr um sie kümmern musste, blieb sie die ganze Zeit bei Scott. Zusammen mit Carmen wachen sie über Nessies Freund.

Als Alice verkündet, dass er jeden Moment aufwacht, gehen wir Cullens in Renesmees Zimmer, wo Scott lag.

„5,4,3,..", zählt Alice runter und Scott schlägt bei 0 die Augen auf.

Sofort, als er uns sieht, schreckt er zurück.

„Was habt ihr mit mir gemacht? Wo ist Renesmee?"

Mit seiner Kraft, die er nun mal als neugeborener Vampir hat, ist es schwer, ihn zu bändigen, als er versucht aufzustehen und rauszurennen. Es braucht schon vier Kerle, um ihn ruhig zu stellen. Esmes besänftigendes Lächeln lässt ihn endgültig verstummen. Angeblich hat sie ja keine besondere Gabe, aber dieses Lächeln ist schon eine Gabe für sich, denn damit kriegt sie jeden weich.

„Bitte beruhige dich, Scott."

Was er auch tut. Dennoch lassen Emmett, Jasper, Carlisle und Garrett, der noch hinzukam, nicht von ihm ab. Reine Vorsichtsmaßnahme. Neue Vampire sind unberechenbar.

„Bin ich jetzt etwa so wie ihr?", fragt er angewidert.

Esme nickt ihm zu, da sein Blick auf ihr verharrt, und ist etwas enttäuscht über seine Reaktion. Na, dass er sich nicht gerade darüber freut, hätte jedem klar sein müssen.

„Ich weiß wie abgeneigt du von uns bist, es ändert aber nichts daran, was passiert ist. Nicht wir sind dafür verantwortlich, dass du jetzt ein Vampir bist. Glaub mir, um Renesmees Willen hätte ich alles dafür getan, dich am Leben zu erhalten, aber du wärest jetzt normalerweise tot", sagt Edward wohl auf Scotts Gedanken hin.

„Wo ist sie?"

Plötzlich wird es ganz still im Raum. Betretene Mienen schauen eher zu Boden, als zu Scott.

„Sie haben sie mitgenommen, oder?"

„Ja. Und wir holen sie da wieder raus", antwortet Edward und lässt absolut keinen Zweifel daran, dass wir es schaffen.

„Ich komme mit."

„Das geht nicht, Scott. Ich weiß, du möchtest helfen, alles tun, um Renesmee zu befreien. Aber du bist als neuer Vampir eher im Weg, als dass du uns unterstützen könntest. Das würde alles gefährden."

„Aber…"

„Bitte. Denk an Renesmee. Wenn wir mit ihr wieder kommen, könnt ihr endlich glücklich werden", kann man Edward förmlich ansehen, wie schwer es ihm fällt, sich vorzustellen, dass Scott seine Tochter glücklich mach kann.

„Glücklich? Ich bin jetzt ein Vampir, verdammt."

Wie ich es geahnt habe. Trotzdem schocken seine Worte einige. Bis auf Alice, die vor sich hergrinst. Heißt das etwa, dass sie die beiden zusammen glücklich gesehen hat? Hat sie gesehen, wie wir Renesmee befreien konnten? Leider haben uns schon einige Visionen von Alice getäuscht. Hoffentlich nicht diesmal.

„Ich weiß, wie sehr du es verabscheust ein Vampir zu sein, aber daran ist nichts mehr zu ändern. Denk aber daran, dass du als Vampir endlich bei Renesmee sein kannst. Aber wenn ich es mir recht überlege, weiß ich nicht, ob so jemand wie du, der unsere Art, Renesmees Familie, so sehr hasst, der Richtige für meine Tochter ist."

Edward ist total genervt. Er will endlich los, Renesmee befreien, so wie wir alle, und sich nicht mit so einem sturen Vampir rumschlagen.

„Ich bin der Richtige", brüllt Scott.

„Gut. Dann verhalte dich auch so", versucht Edward nicht zurückzubrüllen und stampft wütend davon.

„Es ist wirklich nicht schlimm, ein Vampir zu sein. Es hat auch Vorteile. Du bist viel stärker und schneller als Menschen. Kannst besser hören, sehen und riechen", versucht es Emmett.

Er unterhält sich noch eine Weile mit Scott. Auch darüber, dass er, sobald er Renesmee wehtut, in Stücke reißen und verbrennen wird. Typisch Emmett.

Die Jungs sind dann allesamt mit Scott jagen gegangen. Nur kurz in Denali, um nicht all zu viel Zeit zu vergeuden. Kaum sind sie zurück, nehmen sich Esme und Carmen Scott an. Zudem bleiben noch Amun und Kebi in Denali, um die beiden ‚Mütter' mit Scott zu unterstützen. Amun wohl eher, um Aro aus dem Weg zu gehen.

Wir wollen uns gerade auf dem Weg machen, als uns allen ein widerlicher Geruch in die Nase steigt. Werwölfe. Ekelhaft. Und da kommen sie auch schon durch die Tür geschneit.

„Jacob", ruft Bella und läuft auf ihren Freund zu, um ihm dann freudestrahlend um den Hals zu fallen.

Edward ist weniger begeistert. Mit in Menschengestalt, ist Sam hineingetreten. Außerdem nehme ich acht weitere Wölfe wahr. Unser vampirischer Besuch ist auch nicht gerade erfreut. Im Gegenteil, sie knurren die Wölfe allesamt an. Carlisle kann sie beruhigen und macht ihnen klar, dass sie Freunde sind. Freunde. Dass ich nicht lache.

„Hey, Blondie."

„Na Hund", knurre ich ihn an.

„Was wollt ihr hier, Jacob?", fragt Edward endlich.

„Charlie hat Billy angerufen und ihm erzählt, dass seine Enkelin entführt wurde. Tja. Und wir sind das Rettungskommando."

Lautes Gelächter schallt durch den Raum. Alle Vampire amüsieren sich. Außer wir Cullens. Ich mag die Wölfe überhaupt nicht. Und mit ihnen an einer Seite zu kämpfen durchströmt mich auch nicht gerade mit Freude. Aber eins muss man ihnen lassen, sie haben uns schon einmal geholfen, wo uns zum Beispiel die Denali ihre Hilfe verweigerten. Die Wölfe haben ihr Leben riskiert, um Bella vor Victoria und den Neugeborenen zu beschützen.

Und ich weiß, dass Renesmee Jacob genauso viel bedeutet wie Bella. Ob Renesmee bei ihren Charlie Besuchen Jacob schon mal begegnet ist? Erzählt hat sie uns noch nichts.

„Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ihr uns helfen könnt?", lacht Benjamin, der mit einer der stärksten Vampire unter uns ist.

Seine Gabe ist wirklich phänomenal. Das Wetter zu kontrollieren, ist sicher eine gute Waffe im Kampf gegen die Volturi.

„Sie haben uns schon einmal geholfen", erklärt Carlisle und bringt die nicht Wissenden ins Staunen.

„Ihr könnt unsere Hilfe annehmen oder nicht. Wir machen uns auch ohne eure Zusammenarbeit auf dem Weg, um Renesmee zu befreien", meldet sich Sam, während Jacob Bella tröstet, was wiederum Edward rasend macht. Aber er weiß sich zu zügeln.

„Ihr wisst nicht, mit wem ihr euch da anlegt. Ihr könntet alle sterben", warnt Peter die Wölfe.

„Doch das wissen wir. Und wir sind uns auch im Klaren, dass bei dieser Mission unser ganzes Rudel ausgelöscht werden könnte. Dennoch werden wir alles geben, um Nessie zu befreien", sagt Jacob mit Nachdruck.

Dies beeindruckt nicht nur mich, sondern auch alle Anderen. Die Wölfe riskieren mehr als wir in diesem Kampf. Es gibt auch keine weiteren Proteste der Vampire.

Carlisle und Eleazar verabschieden sich noch von ihren Frauen, so wie Benjamin und Tia von Amun und Kebi. Dann geht's auch los. Die Wölfe verwandeln sich in Menschengestalt, um ins Flugzeug zu gelangen. Uns allen ist nicht sehr wohl bei der Sache, da auch noch zwei sehr junge Wölfe dabei sind. Jeder weiß, was passieren könnte, wenn sie sich verwandeln. Deshalb macht mir ihr Zittern doch recht Angst.

Edward und Bella bekommen davon weniger mit. Mein Bruder ist die ganze Zeit damit beschäftigt, Bella gut zu zureden. Er flüstert ihr leise Worte ins Ohr, die selbst für mich fast zu leise sind.

„Wir holen sie da raus. Ihr wird nichts geschehen."

Das geht die ganze Zeit so. Und ich glaube auch, dass Bella es immer wieder hören muss, um nicht die Hoffnung zu verlieren.

Was mich persönlich beunruhigt, war die Stille von meinem Monkey Man. Er fürchtet nie einen Kampf und freut sich regelrecht, jemanden zu vermöbeln. Doch nun schaut er ernst aus dem Fenster in die Wolken und scheint so tief in Gedanken zu sein.

„Alles OK, Honey?"

Emmett dreht sich zu mir und schenkt mir sein schönstes Grübchen Lächeln, aber dennoch merke ich, wie er sich dieses Lächeln aufzwingt.

„Du hast es selber gesagt, wir schaffen es Renesmee zu befreien", erinnere ich ihn.

„Ich weiß. Ich hab nur Angst ihr könnte dabei etwas passieren. Sie ist noch nicht so stark wie wir, weiß nicht mit ihren Kräften umzugehen. Meiner kleinen Nichte darf nichts passieren."

Renesmee ist eher eine kleine Schwester für ihn. Wie sehr er mit ihr leidet, konnte ich schon in Phoenix sehen.

„Sie ist schon stärker als wir alle wahrhaben wollen. Denk daran, wer ihre Eltern sind.", lächle ich ihm zu und sein Gemüt entspannt sich ein wenig.

In Rom landen wir. Den Rest des Weges laufen wir. Die Volturi werden uns sicher schon erwarten, dank Demetri. Und selbst wenn er durch irgendwelche Umstände ausgefallen wäre, würde man unsere Ankunft erwarten, da die Wölfe 1000 KM gegen den Wind stinken.

Aber sie sind zu gebrauchen. Das sieht man schon allein, als sie sich verwandeln und unsere vampirischen Freunde sich vor Staunen kaum rühren. Der Respekt sei den Wölfen endgültig sicher.

Einige Kilometer vor Volterra bleibt Alice plötzlich stehen. Wir alle warten ungeduldig, was sie sieht. Edward drückt Bellas Hand umso stärker, als er Alice Gedanken liest. Nicht gut.

„Was hast du gesehen, Alice?", fragt Jasper, nachdem sich Alice Blick wieder klärt.

„Es ist sehr verschwommen, aber ich konnte Renesmee sehen. Auf dem Rücken von Dolton. Und noch eine Vampirin war dabei, die nicht zu den Volturi gehört. Sie waren in irgendeiner Gasse hier in Volterra."

„Was hat Dolton vor?", fragt Emmett wütend.

„Ich werde ihn umbringen", knurrt Edward.

„Für mich sah es eher so aus, als würde er ihr helfen. Renesmee sah nicht sehr gut aus."

Das bringt nicht nur Bella in Panik.

„Hast du gesehen, was ihr fehlt?", fragt Carlisle.

„Blut. Glaube nicht, dass sie ihr dort das Blut auf dem Silbertablett servieren. Und wir wissen alle, töten wird sie keinen Menschen."

„Das ist fünf Tage her. Kein Wunder, dass es ihr so schlecht geht", schlussfolgert Carlisle.

Edwards Augen sind schmal wie nie. Seine Wut ist unübersehbar.

„Wir müssen weiter", knurrt er und läuft mit Bella voran. Wir folgen ihnen auf dem Fuße.

In Volterra angekommen, nehmen wir sofort Ziel Richtung Schloss der Volturi. Bis uns Edward aufhält.

„Wartet", befiehlt er und zieht einmal kräftig Luft durch die Nase. Er hat irgendeine Witterung aufgenommen. Bella, Emmett und ich tun es ihm gleich, um zu erfahren, was er da wahrgenommen hat.

„Renesmee", kommt es von Bella ganz kläglich, aber mit dem Ansatz eines Lächelns.

Und sofort nehme ich ebenfalls ihren Geruch wahr. Sie hat eine ganz besondere Duftmarke, durch ihr Halbvampir Dasein.

„Die Wölfe haben ihre Fährte ebenfalls aufgenommen. Am besten, wir teilen uns in zwei Gruppen auf, damit wir von zwei Seiten kommen. So kann Bella ihr Schild immer noch über uns alle werfen. Jane und Alec können uns so nichts anhaben und wir haben bessere Chancen, Renesmee heil da raus zu bekommen. Die Volturi haben sich auf den Dächern verteilt."

Wir nicken Edward zu und teilen uns auf. Emmett und ich bleiben bei der Gruppe mit Bella und Edward.

Es ist tiefe Nacht in Volterra. Die ganze Stadt schläft und weiß nicht, was gleich geschehen wird.

Wir rennen durch die Gassen der Stadt. Renesmees Geruch wird immer stärker, also sind wir wohl nah dran. Aber leider mischt sich ihr Geruch auch mit dem der anderen Vampire, die hier unterwegs sein müssen. Auch die Volturi.

„Da kommt die Gasse mit Renesmee", sagt Alice schnell.

Sam und Jacob gehen voran, ihr Rudel tritt hinter sie. Auf der anderen Seite führen Paul und Jared die weiteren Wölfe an. Wir drängen uns durch die Wölfe und können nur noch sehen, wie Demetri Renesmee unsanft von Doltons Rücken reißt.

„Fass meine Tochter nie wieder an, Demetri", knurrt Edward.

Renesmee schaut schmerzverzerrt zu uns. Als sie uns sieht, schimmert Hoffnung in ihren blassen braunen Augen. Die Strapazen der letzten Tage sind ihr deutlich anzusehen. Alice hat nicht übertrieben.

„DAD!!! MOM!!!", schreit sie verzweifelt.

Edward will am liebsten auf sie zu stürmen, aber irgendwas hindert ihn daran. Ein Blick auf die andere Seite zu Carlisle, und ich weiß, dass seine Gedanken Edward zu Vernunft gebracht haben. Ein überhastetes Eingreifen wäre fatal.

Langsam gehen wir auf Renesmee und die Volturi zu. Selbst Menschen gehen schneller. Plötzlich reißt Caius Renesmee zu sich hoch und scheint ihr dabei den Arm auszukugeln. Dieser Bastard. Ihr Schmerzensschrei fährt mir durch Knochen und Mark. Die anderen zucken auch unangenehm zusammen. Die Wölfe geben ein wütendes Knurren von sich, während Bella versucht, sich ein Schluchzen zu unterdrücken. Emmetts Knochen knacken, als er seine Fäuste vor Wut ballt. Auch ich werde ihn jetzt nicht besänftigen können.

Renesmee hat keine Kraft mehr, sich zu wehren. Was tragisch ist, denn Caius hat ihren Kopf jetzt so in die Mangel genommen, dass bei jeder falschen Bewegung, er ihr diesen abreißen könnte. Deshalb bleiben wir wenige Meter vor ihnen stehen.

„Ihr geht zu weit, Aro. Ihr habt eure Kompetenzen weit überschritten", klagt Carlisle ihn an.

„Wir verteidigen nur, was uns gehört."

„Renesmee gehört euch nicht", wütet Bella.

So kampfbereit habe ich sie noch nie erlebt. Sie würde jetzt alles tun, um ihre Tochter aus den Fängen der Volturi zu befreien.

„Aro, komm zur Vernunft. Das ist nicht der übliche Weg, den die Volturi gehen. Das seid ihr nicht. Lass deine Gier auf Macht, nicht euer Werk zerstören, dass ihr jahrhundertelang aufgebaut habt", versucht es nun Eleazar Aro ins Gewissen zu reden. Aber hat er denn so was überhaupt?

Dolton und dieses Mädchen kommen langsam zu uns herüber. Den schnapp ich mir.

„Warte Rosalie", hält mich doch tatsächlich Edward davon ab, diesem Verräter an die Gurgel zu gehen.

„Was? Wegen ihm sind wir überhaupt erst in dieser Lage. Denk doch mal an deine Tochter."

„Das tue ich. Glaub mir Rosalie. Dolton hat Renesmee geholfen zu fliehen. Er hatte seine Gründe, uns zu bespitzeln."

Na diesen Grund wüsste ich gerne. Ich betrachte mir das Mädchen genauer und merke erst jetzt, dass sie Dolton ziemlich ähnlich sieht. Geschwister?

„Genau", antwortet mir Edward auf meinen Gedanken und widmet sich wieder Aro.

„Lasst sie gehen. Wie ihr seht, sind wir klar in der Überzahl. Ihr habt keine Chance", mischt sich Emmett ein.

„Kommt ihr mir zu Nahe, war sie mal eure kleine süße Renesmee", sagt Caius mit zusammengebissen Zähnen.

Alle sind bis in die kleinste Faser gespannt. Selbst Alice kleine Hände sind zu Fäusten geballt. Als ich gerade zu ihr schaue, zuckt sie zusammen. Eine Vision.

„NEIN!!! Nicht Scott. Du hast ihn umgebracht", schreit Nessie plötzlich. Was hat sie gesehen?

„Scotts Beerdigung. Sie denkt, er sei tot", antwortet mir Edward.

Ist er ja auch. Daraufhin sieht mich Edward böse an.

Du weißt, wie ich es meine.

„Und du, wie ich es meine."

Unsere Blicke gehen wieder zu Nessie, die aus vollem Leibe schreit. Unsere Rufe, dass Scott, naja, nicht richtig tot sei, erreichen sie gar nicht.

Sie scheint plötzlich wieder zu Kräften gekommen zu sein. Ihr Blick wutentbrannt, richtet sie sich auf und stößt Caius mit Leichtigkeit von sich.

„Dafür wirst du büßen", sagt Renesmee in einem Ton, den Menschen die Adern gefrieren lassen würde, und sieht dabei Jane an.

Und das Unfassbare ist, dass Jane aussieht, als hätte sie einen Geist gesehen. Sie hat Angst.

„Sie alle haben Angst vor ihr", bestätigt mir Jasper.

„Renesmee hat Jane verprügelt, als sie erfuhr, dass sie Scott gebissen hat. Jane war danach stundenlang bewusstlos", berichtet Scott mit einem Grinsen.

Entsetztes Raunen fliegt durch die Gasse.

„Cool", kommt es nur von Emmett.

Aber nicht nur das Raunen geht durch die Gasse. Ein Sturm zieht plötzlich auf. Noch eben waren der Mond und die Sterne am Himmel klar und deutlich zu sehen. Jetzt sind nur noch dichte Wolken durch den Mondschein zu erkennen.

„Benjamin, bist du das?", fragt Carlisle, als uns der Wind um die Ohren saust und die ersten Blitzte schlagen in die Antennen der Häuser.

„Nein. Und um ehrlich zu sein, ist meine Gabe weg", sagt er geschockt.

Alle reißen den Hals zu ihm herum und schauen ihn entgeistert an.

„Wie meinst du das, sie ist weg?", will Peter wissen.

„Renesmee", sagt Eleazar unerwartet, bevor Benjamin was sagen konnte.

Jetzt richten sich alle Blicke auf die Vaterfigur der Denalis.

„Eleazar?", versucht Carlisle eine Erklärung aus ihm raus zu holen.

Das Unwetter über uns wird immer heftiger. Unsere Blicke wandern wieder zu Renesmee, die zwar auf die Kniee gesackt ist, dennoch kräftiger denn je aussieht.

„Sie hat Benjamins Gabe. Ich kann es klar und deutlich erkennen", antwortet Eleazar.

„Aber, ich dachte…", beginnt Garrett und fragt sich wahrscheinlich wie ich, wie das möglich sein kann, wo Eleazar sonst Renesmees Gaben nie erkennen konnte.

„Ich kann ihre Wut fühlen. Es ist grausam und schmerzvoll, aber ich kann klar und deutlich ihre Emotionen spüren", sagt Jasper.

Was passiert hier zum Teufel?

„Edward, kannst du ihre Gedanken lesen?", fragt Carlisle dann.

Erst jetzt merke ich, dass Edward bebt. Sein ganzer Körper steht unter Strom, aber sein Gesicht leidet.

„Sie will Jane das antun, was Jane Scott angetan hat. Sie glaubt, er ist tot. Richtig tot. In ihren Gedanken herrscht nur Wut und Rache. Sie weiß nicht, was sie gerade tut."

„Ein Phänomen", sagt Zafrina begeistert.

Plötzlich tanzt ein Wirbelsturm durch die Gasse, der die Volturi an die Wand drückt. Panik in ihren Augen. Welch ein Genuss. Ein zweiter Wirbelsturm tanzt nun durch die Gasse und erinnert mich ein wenig an Alice, wenn es ans shoppen geht.

Jane wird von dem Wirbelsturm gepackt und vor Renesmee getrieben. Mir macht ihr Gesichtsausdruck angst. Und dann werden Renesmees Augen plötzlich rot. So leuchten nicht mal so, wie die Augen der Volturi nach einer frischen Mahlzeit.

„Du hast mir genommen, was mir am Wichtigsten ist. Dafür kann ich dich nicht ungesühnt lassen. Du wirst nie wieder Unheil über meine Familie oder Andere bringen", spricht Renesmee in einem Ton, den wir sonst nur von Edward oder Carlisle kennen.

Und auf einmal schlägt ein heftiger Blitz auf Jane ein. Zuerst reagiert ihr Körper, wie er müsste, fängt an zu zittern von dem Strom, der durch sie fließt. Doch dann explodiert sie in Millionen winziger Teilchen, die glühend durch die Luft fliegen. Emmett streckt seine Hand aus und fängt eines der Teilchen auf. Sekunden später löst es sich auf.

„Ich würde sagen, Jane ist Geschichte", kann er noch lachen.

Ich schaue mich einmal um und sehe überall offen stehende Münder. Also haben sie auch gesehen, was ich gesehen habe.

So schnell wie der Sturm gekommen war, ist er auch wieder weg. Die Wolken lösen sich auf und der Mond erhellt wieder die Gasse. Noch immer sind die Volturi an die Wand gedrückt. Aber es ist nicht mehr der Sturm, der sie an die Wand drückt, sondern viel mehr ihre Angst vor Renesmee.

Was Renesmee gerade getan hat, habe ich noch nie einen anderen Vampir machen sehen. Die Volturi aber auch nicht.

„Du bist frei Renesmee", sagt Aro mit zitternder Stimme und rennt mit seinem Gefolge davon.

„Du wirst dafür büßen, Renesmee Cullen. Eines Tages kriege ich dich dafür doch, was du meiner Schwester angetan hast", ruft Alec noch von Weitem.

Wir stehen alle wie erstarrt da, als wären wir gelähmt. Zum Realisieren, was hier gerade passiert ist, brauch ich noch etwas Zeit. Unglaublich das Ganze.

Renesmee steht auf und kommt mit gesenktem Blick auf uns zu. Kurz vor ihren Eltern macht sie Halt und sieht auf. Ich halte den Atem an, als ich ihre blutroten Augen so nah sehe. Sie blinzelt einmal, und als sie die Augen wieder aufschlägt, sind sie wieder so wunderschön tiefbraun. Aber ihr laufen dicke Tränen übers Gesicht. Tränen aus Blut, die nicht salzig riechen. Ihr Blick wandelt sich in verzweifelte Trauer.

„Was hab ich getan?" wendet sie sich an ihre Eltern und fällt kraftlos in deren Arme.

TBC