Erneuter Anfang
Renesmee POV
Manchmal wünsche ich mir aufzuwachen und es wäre alles wieder so, wie es mal war. Aufstehen, von Phil und Renée einen Guten-Morgen-Kuss bekommen, ein leckeres blutfreies Frühstück genießen, in die Schule gehen, wo meine vielen Freunde warten, und vor allem dem Freund, der schon sehnsüchtig auf seinen Kuss wartet, begegnen.
Dann wären mir die letzten grauenvollen Tage erspart geblieben. Gefangene der Volturi, Blutdurst, Jane töten und dann wäre Scott noch am leben.
Aber wäre ich nicht ‚krank' geworden, hätte ich nie meine wahren Eltern kennen gelernt und meine dazugehörende große Familie. Das Leben als eine Cullen ist sicher nicht leicht. Aber eine zu sein, bedeutet Mitglied einer Familie zu sein, die die Bedeutung Familienbund und Liebe ganz groß schreibt. Geborgener kann man sich nicht fühlen. Zumindest kann ich mich nicht beschweren, denn jeder Einzelne würde sein Leben für mich geben, selbst wenn ich es nicht wollte.
Dabei bin ich nur mit Edward und Bella blutverwandt. Die anderen sechs sind mir aber genauso ans Herz gewachsen. Esme und Carlisle als wunderbare, fürsorgliche Großeltern. Alice, Jasper, Rosalie und ganz besonders mein Emmy, sind wie meine größeren Geschwister. Lange habe ich gedacht, ich hätte sie wieder verloren, wie alles andere auch.
Das Letzte, an was ich mich erinnern konnte, war, dass Alice eine Vision von Scotts Beerdigung hatte. Danach lief alles wie in einem Film ab. Ich verlor die Kontrolle über mich. Als hätte jemand anderes Gewalt über mich. Ich realisierte erst, was ich getan hatte, als ich vor den geschockten Gesichtern meiner Familie stand. Augenblicklich wich auch die letzte Kraft aus meinem Körper.
Dass Nächste, was ich mitbekomme, ist, als ich in Emmys Jeep in den Armen meiner Mutter bin. Auch wenn meine Augen noch geschlossen sind, spüre ich, dass sie es ist. Auch, dass wir zurück in Denali sind. Es ist wieder bibberkalt.
Bei meiner Frage an Mom, ob es nur ein Traum war, zerstört sie leider jegliche Hoffnung im Nu. Und schnell prasseln die unangenehmen und schmerzenden Erinnerungen auf mich ein. Scott. Als Dad mir sagt, dass Scott ein Vampir sei, trifft es mich tief ins Herz. Er könnte das nie akzeptieren und wird mich für immer hassen.
„Ich könnte dich nie hassen, Carlie", höre ich die Stimme, die ich so liebe und jetzt noch viel melodischer klingt.
Und wie er dann hinter Emmett auftaucht, verschlägt es mir die Sprache und ich habe das Gefühl, mich noch mal neu in ihn zu verlieben. Seine Statur ähnelt der von Emmett, nur nicht ganz so protzig und viel sexier. Gut, dass Dad meine Gedanken nicht lesen kann.
Scotts verschmitztes Lächeln leuchtet mir förmlich entgegen. Seine Augen schimmern zwischen den topasfarbenen Augen meiner Familie und dem typischen neugeboren vampirrot, welches im Laufe der Zeit verschwinden wird, soweit Scott sich weiter von Tierblut ernährt.
Wie automatisch werfe ich mich ihm um den Hals. Unsere Umarmung ist ganz anders als beim letzten Mal. Da war er noch weich und warm. Jetzt ist sein Körper stahlhart und eiskalt. Dennoch fühle ich mich in seinen Armen wohler denn je.
Er beteuert, dass er mich nicht hasst und mich auch nicht verabscheut, weil ich der Grund bin, weswegen er ein Vampir ist und ich jemanden umgebracht habe. Im Gegenteil. Er kann mich überzeugen, dass Jane es auch ein wenig verdient hat, für das, was sie vielen anderen Vampiren und Menschen angetan hat. Dennoch hätte ich es nicht tun dürfen. Es war nicht mal die Tatsache, dass ich sie getötet habe, was mich so schockte, sondern, dass ich gar nicht wusste, was ich tat. Es geschah einfach.
Als Scott mir die Frage beantwortet, ob er mich noch liebt, könnte ich die ganze Welt umarmen, wobei mir Scott eigentlich schon reicht.
„Denn lieben, Renesmee Carlie Cullen, tu ich dich immer. Jetzt können wir nicht nur bis ans Ende unseres Lebens zusammen sein, sondern für die Ewigkeit. Diese Vorstellung ist doch ein Traum und ich müsste Jane fast dankbar sein. Egal, was du bist, egal was ich bin. Mich wirst du nicht mehr los."
Vor lauter Angst und Sorge, ob er mich noch liebt, kam mir gar nicht in den Sinn, einfach in seine Gedanken zu schauen. Ich hätte die Antwort viel schneller haben können. Aber es noch mal aus seinem Mund zu hören, bedeutet viel mehr.
Scott kann sich zwar noch nicht hundertprozentig damit vereinbaren, ein Vampir zu sein, aber das liegt eher daran, weil er dabei an seine Familie denkt. Am meisten an seine kleine Schwester Maggie, die jetzt ohne großen Bruder aufwachsen muss, was mir das Herz bricht. Klar war sie oft nervig, vor allem, wenn ich mit Scott alleine sein, sie aber ihren Bruder für sich beanspruchen wollte. Aber so sind kleine Schwestern nun mal. Und Scott war ein fantastischer großer Bruder, der die kleine Maggie über alles liebte. Wie ich auch. Er macht sich Sorgen, wie sie seinen Tod verkraften wird und hofft, dass seine Eltern stark genug sind, um für die kleine Maggie da zu sein.
Wobei er sich allerdings hundertprozentig sicher ist, ist seine Liebe zu mir. Mehr als das. Er freut sich wirklich, in Ewigkeit mit mir zusammen sein zu können. Er kann sich nichts Schöneres vorstellen. Und ich mir auch nicht. Ich liebe ihn einfach über alles. Er war mein erster fester Freund und wird auch der Einzige bleiben.
„Komm, lass uns rein gehen. Du musst doch frieren, mein süßer Halbvampir."
Edward und Bella sind uns zwar ein paar Schritte voraus, haben Scotts Worte aber natürlich mitbekommen. Während Bella lacht, gibt Edward ein lächerliches Grummeln von sich.
Es tut so gut, als Scott meine Hand nimmt und sich unsere Finger verflechten. Das habe ich so sehr vermisst, auch wenn seine Hände jetzt sehr kalt sind. Gut, dass Scott mich führt, denn ich habe nur noch Augen für ihn. Um mich herum alles vergessen, sind wir auch schon bald in meinem Zimmer.
Er setzt sich auf eins der großen Sofas und zieht mich auf seinen Schoß. Unsere Blicke treffen sich und ich habe das Gefühl, Funken blitzen zu sehen. Ich könnte ihn stundenlang anstarren. Aber es gibt noch etwas, was ich viel mehr will.
Seine Lippen.
Es ist ein prickelndes Erlebnis, sobald meine warmen Lippen auf seine eisigen treffen. Es war schon immer ein Erlebnis ihn zu küssen, aber jetzt ist es noch viel intensiver, elektrisierender, erregender. Es macht süchtig.
Dass Scott mittlerweile auch ziemlich angeheizt ist, merke ich, wie er mich auf seinem Schoss platziert. Ich sitze auf seinem Gemächt und unsere Oberkörper berühren sich sehnsüchtig. Auge in Auge trennen sich unsere Lippen nicht voneinander. Wie angeklebt, saugt Scott an meiner Oberlippe. Er weiß eben am besten, was ich mag.
Seine kalten Hände wandern am Rücken unter mein Shirt. Gott was liebe ich seine Hände auf meiner nackten Haut zu spüren. Ich würde jetzt am liebsten….
„Runter von ihr", knurrt jemand hinter mir.
Ich drehe mich zur Tür und sehe dort einen sehr ärgerlichen, wutschnaubenden Emmett stehen.
„Ähm… Also… Eigentlich sitzt sie ja auf mir", gibt Scott kleinlaut von sich, wobei es jetzt wohl besser gewesen wäre, nichts zu sagen.
Emmett kommt auf uns zu gestampft, packt mich an den Schulter, zieht mich von Scott runter und setzt mich einige Meter von Scott entfernt wieder ab.
„Was soll das, Emmett?"
„Ich beschütze dich vor ihm", sagt er so ernst, als würde ich wirklich vor Scott Schutz brauchen.
„Das ist doch lächerlich, Emmett. Scott und ich lieben uns", versuche ich Emmett zu überzeugen, ohne Erfolg.
„So wie du Rosie liebst, liebt er mich."
Damit hab ich ihn, denn er grummelt mit sich selbst.
„Dennoch gibt es ein paar Regeln für ihn", sagt er und steht über Scott gebeugt, der immer tiefer ins Sofa sinkt.
„Emmett", protestiere ich, doch mit einer Handbewegung, deutet er mich still zu sein. Zur Krönung kommt auch noch der Rest der Familie rein. Ich mein, es ist schön endlich wieder alle beieinander zu sehen, ich hab Esme sehr vermisst, aber das wird jetzt sicher peinlich.
Jetzt wird's lustig, denkt Rose. Oh nein, sie muss es am besten wissen.
„Zu allererst. KEIN Geknutsche, wenn ich dabei bin."
„Oder ich", sagt Jasper.
„Und ich", kommt es auch noch von meinem liebsten Vater. Grrr.
„Noch wer? Sollen wir uns im Keller küssen, oder wie?" So langsam werde ich ärgerlich.
„Oder es ganz lassen." Gott, Emmett.
„Ihr könnt es auch ganz lassen, einfach so in mein Zimmer zu platzen, dann müsst ihr es erst gar nicht sehen."
Die Mädels kichern sich ein. Schön, dass ich sie zum Lachen bringen kann, anstatt mir zu helfen.
„Regel Nr. 2. Also,.. Na du weißt schon… Ist verboten."
„Meinst du etwa Sex, Emmett? Puren, hemmungslosen Sex?"
Oh ja. Jetzt hab ich sie alle geschockt. Ihre Münder alle weit aufgerissen, ihre Gedanken ein reines Chaos. Das hätten sie von ihrer kleinen, süßen Renesmee nicht gedacht. Wer lacht jetzt?
„Ähm. Ja das meine ich", antwortet Emmett kleinlaut und findet seine Schuhe dabei sehr interessant, anstatt mich anzusehen. Würde er rot werde, wäre eine Tomate keine Konkurrenz für ihn, da bin ich mir sicher.
„Und wenn wir es doch tun?", fordere ich ihn hinaus.
„Dann befördere ich Scott eigenhändig nach Transsilvanien."
Zu dumm, dass ich ganz genau weiß, dass Emmett mir das nie antun würde, mein großer, starker Teddybär. Obwohl ich noch nie solch einen ernsten Gesichtsausdruck von ihm gesehen habe.
„Regel Nr. 3, und die merk dir gut", sagt Emmett und fasst Scott an die Schulter. Wohl nicht zu leicht, denn Scott zuckt schmerzverzerrt zusammen.
„Tust du meiner kleinen Sis weh, wirst du dein blaues Wunder erleben. Ich werde dich in Tausende Stücke reißen und verbrennen. Und ich bin mir sicher, Daddy Edward und Onkel Jasper werden mir dabei behilflich sein", knurrt Emmett.
„I-ich habe nicht vor i-ihr wehzutun. Im Gegenteil", stottert Scott.
„Das rate ich dir."
„Das reicht jetzt, Emmett", wüte ich und zerre ihn von Scott weg.
Ich werfe Rose einen flehenden Blick zu, mir zu helfen und sie versteht sofort.
„Lass die beiden zufrieden, Emmett, sonst darfst du mich die nächsten zwei Monate nicht anfassen."
„Rosie. Das ist unfair", jammert Emmylein.
„Nix da", sagt sie lachend und verschwindet aus meinem Zimmer. Emmett folgt ihr Sekunden später wie ein kleines Schoßhündchen.
Mach dir keine Sorgen, Nessie. Ich halte ihn dir vom Leib.
„Danke, Rose", rufe ich hinterher und widme mich meinen Eltern, die noch immer grinsend in meinem Zimmer stehen.
„Wollt ihr als meine Eltern auch noch irgendetwas Peinliches dazu sagen?"
Beide grinsen nur weiter und schütteln ihre Köpfe. Na immerhin.
„Nimm es Emmett nicht böse. Er ist nur sehr beschützerisch, was dich angeht", sagt mir Esme.
„Ich weiß", seufze ich wissend. Und ich bin Emmett ja auch dankbar, dass er mich so schützen will. Aber was Scott angeht, lasse ich mir ungern etwas verbieten.
„Willst du dich nicht hinlegen? Wir haben schon 2 Uhr früh. In ein paar Stunden geht die Sonne auf und dann geht dein Training los", sagt Edward.
„Training?"
„Um deine Kräfte unter Kontrolle zu bringen."
„Oh. OK."
Ich umarme noch schnell Esme, Carlisle, Jasper und Alice. Sage ihnen noch mal, wie froh ich bin, zurück zu sein und das es allen gut geht, mache mich dann aber schnell bettfertig. Als ich wieder komme, sitzen Bella, Edward und Scott am Rand meines Bettes.
Mein überfürsorglicher Vater macht sich Gedanken, wo Scott bleibt, während ich schlafe. So wie ich ja seine Sorge zu schätzen weiß, lasse ich Scott jetzt nicht von mir. Ich hätte ihn fast verloren.
„Bitte, Dad. Darf Scott bei mir bleiben? Ich hab ihn so lange nicht gesehen und ich brauche ihn jetzt", flehe ich und gebe meinen besten Hundeblick preis.
Während Bella schmunzelt, fechtet mein Dad mit sich einen inneren Kampf aus. Entscheidet sich dann aber doch für meine Glücklichkeit.
„Danke, Dad", sage ich überschwänglich und umarme ihn hastig, so dass er schon wieder lachen muss.
„Mr. Cullen", beginnt Scott.
„Edward, für dich", sagt Dad, aber erst, nachdem Mom ihm in die Seite stieß.
„OK. Edward. Du brauchst nur in meine Gedanken schauen, um zu wissen, wie sehr ich Renesmee liebe, ihr nie wehtun könnte und sie nie zu etwas drängen würde, was sie nicht möchte", sagt er aufrichtig.
Und ich brauche nicht in seine Gedanken zu schauen, um zu wissen, dass er die Wahrheit sagt.
Sollte ich ihm sagen, dass Renesmee und ich noch nie Sex hatten?
„Nein, solltest du nicht. La, la, la. Und jetzt weiß es mein Dad sowieso und bald meine Mom. Scott, du Depp."
Argh. Männer. Während Mom irritiert schaut, muss mein lieber Vater nur grinsen. Er ist aber auch gleichzeitig erleichtert, dass Scott so ein ehrlicher, wohlerzogener junger Mann ist. Und er ist überglücklich, dass ich noch Jungfrau bin. Wenn es nach ihm geht, bleibe ich das auch noch für etliche Jahre. Denkste, lieber Daddy. Nicht, dass es in den nächsten Tagen passieren müsste, aber so wie es sich vorhin angefühlt hatte, Scott zu küssen…. So eilig habe ich es dann doch nicht.
Ich verabschiede mich noch von meinen Eltern, denen es schwerfällt mich ‚allein' zu lassen. Ich bin ja nicht allein, sondern mit Scott. Moms Lippen wollen sich gar nicht von meiner Stirn lösen. Doch Dad zieht sie dann aus meinem Zimmer.
Als ich dann ins Bett steigen will, wartet Scott schon auf mich und hält die Decke für mich hoch. Ich kuschel mich an seine harte Brust und atme seinen herrlichen Duft ein, den ich so lange vermisst habe. Was bin ich froh, dass sich das nicht geändert hat. Im Gegenteil, er ist noch anziehender.
Jetzt merke ich erst, wie müde ich eigentlich bin. So fällt es mir schwer, noch mal meinen Kopf zu Scott nach oben zu bewegen. Sein Lächeln hypnotisiert mich wie immer.
„Schlaf jetzt, Sunshine."
„M'kay. Liebe dich."
„Und ich dich erst", flüstert er und haucht mir einen Kuss auf die Stirn.
Kaum, dass ich meinen Kopf wieder auf seine Brust lege, schlafe ich ein. Voller Vorfreude auf den nächsten Tag, aufzuwachen und zu wissen, dass Scott bei mir sein wird und ich sein atemberaubendes Lächeln wiedersehen werde.
Am nächsten Morgen werde ich nicht wie erhofft von meinem Schatz geweckt, sondern von einem Blitzlicht. Und noch einem. Ich mag gar nicht meine Augen aufmachen. Na erst mal eins. Von dem aus sehe ich schon mal Alice, die eine Kamera in der Hand hält und grinst. Sie hat noch nicht genug und drückt noch mal ab.
„Danke, Alice. Ich bin wach."
„Raus aus den Federn, Schlafmütze."
„Ich will aber noch nicht", quengel ich und schmiege mich wieder enger an Scott.
Aber irgendetwas ist anders. Das ist nicht Scott. Ich schaue hoch und schrecke so zurück, dass ich fast vom Bett falle.
„EMMETT!!!"
„Guten Morgen, Knirps. Gut geschlafen?"
Mittlerweile bin ich hellwach und schaue einmal durch mein Zimmer. Scott steht neben meiner Mom und kichert wie ein Schulmädchen. Mein wütender Blick durchbohrt ihn und er weiß genau, dass das Rache bedeutet.
„Auf, auf, Ness. Wir müssen dich hübsch machen. Wir gehen jagen", freut sich Alice.
„Warum muss ich mich zum Jagen hübsch machen?"
„Die Tiere haben auch ihren Stolz."
„Ähm… Danke?"
Welch ein Kompliment von Alice. Aber ich protestiere nicht weiter. Mom hat mir eingetrichtert, wenn es ums Stylen geht, nicht mit Alice zu diskutieren. Den Kampf gewinnt sie eh immer. Also lass ich's über mich ergehen. Aber nicht, bevor ich meinen morgendlichen Kuss von Scott und eine morgendliche Umarmung meiner Mom bekomme.
Ich muss sagen, Alice hat echt was drauf. Das Resultat spricht für sich. Und Scotts offen stehender Mund wohl auch, als ich das Zimmer wieder betrete, nachdem Alice ihr Werk vollbracht hat. Edward ist mittlerweile auch da.
„Wo gehen wir jagen?", frage ich.
„Kanada", antwortet Dad.
„Laufen oder fahren wir?"
„Wir laufen und du kommst Huckepack mit:"
„Ich will aber selbst laufen", nörgele ich. Eigentlich dachte ich ja, ich sei 18 und keine fünf mehr. Ich kann ganz gut alleine laufen.
„Renesmee, deine Kraft ist noch nicht ausgeprägt genug. Bevor wir in Kanada sind, bist du fix und fertig."
„Ich komme jetzt schon viel länger ohne Blut aus, Dad. Siehe Volterra. Außerdem krieg ich doch dort meine Ration. Oder wollt ihr mich den Rest meines Daseins durch die Gegend schleppen?"
Dass das Emmett, Scott und Dad gefällt, war mir klar.
„Aber ich nicht. Ich will unabhängig sein, und mich nicht, wie ein Baby fühlen."
„Du bist aber unser kleines Baby."
„Keine große Hilfe, Alice." Schön, dass mir alle in den Rücken fallen.
„Ich denke, wir sollten sie laufen lassen. Wenn Renesmee merkt, dass ihre Kraft schwindet, könnt ihr, wer auch immer, sie immer noch tragen", sagt Bella und lächelt mir aufmunternd und verständnisvoll zu.
„Danke, Mom."
Edward ist natürlich weniger begeistert, aber weiß gewiss, dass er gegen seine beiden Frauen jetzt nicht ankommt.
Diese Sturköpfe.
Hihi. Tja Dad, keine Chance.
So machen wir uns auf den Weg. Zum ersten Mal komme ich richtig in den Genuss, zu spüren, wie es ist, in Vampir Geschwindigkeit zu laufen. Wie der Wind durch mein Haar saust. Emmetts freudiges Glucksen, weil ich so schnell bin. Mir entgeht aber auch nicht Dads besorgte Miene und seine Gedanken schon gar nicht.
Ich kann es ihm ja nicht mal verdenken. Nachdem, was in den letzten Wochen passiert ist, will er nur noch, dass wir glücklich sind und mir nichts mehr passiert. Aber er weiß auch, dass er mir mit seiner Überfürsorglichkeit, langsam auf die Nerven geht. Ich will nicht ewig betütelt werden, auch wenn ich weiß, dass das bei meiner vampirischen Familie schier unmöglich ist.
Wenigstens Emmett kann ein wenig über seine Sorge hinweg schauen und veranstaltet ein kleines Wettrennen mit mir. Welches ich gewinne, aber auch nur, weil Emmy mich gewinnen lässt. Als hätte ich das nötig.
Kaum, dass wir unser Ziel erreicht haben, blicken mich alle sorgenvoll und fragend an. Ich könnte schreien.
„Mir geht's gut", sage ich etwas genervt.
In dem kanadischen National Park ist es schon viel grüner, als in Alaska. Es sind auch endlich Vögel zwitschern zu hören und das Rascheln der Bäume.
„Und nun?", frage ich an alle gerichtet.
„Konzentrier dich. Verlass dich allein auf deine Instinkte und sag mir, was du hörst", sagt mir Dad und ich folge seinem Rat.
Erst höre ich nur die Vögel und die Bäume, dessen Blätter und Äste vom Wind verweht werden. Sogar den weit entfernten Wasserfall kann ich hören. Aber da ist noch etwas anderes.
„Ein Herzschlag?!", frage ich mehr, als das ich feststelle.
„Gut. Wo?"
„Zwei Kilometer nordöstlich."
„Na dann los."
Ich laufe in die besagte Richtung, gefolgt von meiner Familie, deren Schritte kaum wahrnehmbar sind und für das Tier nicht zu hören.
„Was ist das?", frage ich, nachdem wir stoppen und uns im Gestrüpp verstecken, um das Tier nicht aufzuscheuchen.
„Ein Karibu", antwortet mir Emmett.
„Sehr lecker", fügt Rose noch hinzu, mir dreht es allerdings den Magen um.
„Und nun?"
„Greif es an und saug es aus", antwortet mir Jasper, als wäre es das einfachste auf der Welt. Für ihn und den Anderen ist es das wahrscheinlich auch.
Ich wäre am liebsten davon gelaufen, will mich aber nicht vor meiner ganzen Familie und Scott bloß stellen. Ich weiß auch nicht, warum gleich alle mitbekommen mussten. Als wäre das ein Mega Großereignis.
Ich nähere mich langsam dem Karibu, um es dann mit einem Satz zu packen und zu Boden zu reißen. Ich drücke das Tier so zu Boden, dass es sich nicht groß winden kann und nur noch leicht zuckt. Das war leicht.
Was ich jetzt eigentlich tun müsste, weiß ich. Mit meinen Zähnen das Fell des Karibu durchreißen, um dann das Blut aus dem Tier zu saugen. Aber ich kann es einfach nicht.
Ich blicke hoch zu meiner Familie, die mir in einiger Entfernung gespannt zuschaut, sich aber schon fragen, warum ich noch nicht zugebissen habe. In Moms Gesicht sehe ich, dass sie genau weiß, wie schwer es mir fällt und wie sehr ich gerade mit mir kämpfe. Ich bringe es einfach nicht fertig, das Tier zu töten, obwohl ich es zum Überleben brauche. Ich erreiche einfach den Punkt nicht, in dem es Klick macht und sich der Schalter in meinem Kopf löst, um aus mir die Bestie zu machen, die ohne Weiteres das Tier töten kann.
Auf Spenderblut wollte ich mich nicht ewig verlassen wollen. Zumal es sicher dort draußen Menschen gibt, die es dringender brauchen als ich.
Warum habe ich diesen Instinkt nicht, das Tier zu erlegen?
Noch immer zuckt das Tier unter meinen Händen. Ich hätte es fast vergessen, so sehr war ich in Gedanken. Ich schaue dem Karibu in die Augen. Seine Augen sind noch brauner, als die meinen.
„Renesmee", höre ich die sanfte Stimme meiner Mutter.
Sie steht jetzt neben mir. Ihre Augen voller Mitleid. Für mich, nicht für das Tier.
„Ich schaff's nicht, Mom. Ich kann das Tier nicht töten."
„Ist doch OK:"
„Nein, Mom. Ist es nicht. Ich will nicht von Menschenblut abhängig sein."
„Vielleicht sollten wir erst mal versuchen, ob du überhaupt Tierblut verträgst. Du kannst es ja auch zu dir nehmen, ohne das Tier zu töten", höre ich nun meinen Vater sagen.
Als ich aufblicke, stehen dort natürlich alle. Sie können nicht begreifen, wie ich das Tier nicht töten konnte. Ihnen wäre es mit Leichtigkeit gelungen.
„Das frage ich mich selber", antworte ich auf ihre Gedanken und lasse das Tier flüchten.
Emmett zuckt, als würde er sich das Karibu schnappen wollen, doch Rose hält ihn auf.
„Warum kann ich es nicht?"
Beantworten kann mir diese Frage natürlich niemand. Nur Carlisles Gedanken geben mir eine denkbare Antwort.
„Möglich", sagt Edward, der diesen Gedanken auch mitbekommen hat.
„Lasst ihr uns auch an euren Gedanken teilhaben?", bittet Alice.
„Selbstverständlich. Vielleicht fehlt Renesmee einfach dieser Instinkt, wie wir ihn haben, sobald wir in der Nähe von Blut kommen. Sie spürt schließlich, anders wie wir, auch keinen Blutdurst. Also könnte ihr auch dieser Instinkt fehlen."
„Also bin ich eine Fehlfunktion."
„Ganz bestimmt nicht, Schatz", sagte Esme liebevoll.
„Du hast viele Eigenschaften eines Menschen behalten, einige von Vampiren hinzu bekommen. Diese Eigenschaft wohl nicht. Gräme dich nicht, mein Kind. Viele Vampire wären glücklich, nicht diesen Durst zu spüren, um nicht töten zu müssen", dabei kann ich in Carlisles Gedanken sehen, dass er auch sich darin mit einschließt. Wobei er noch die beste Selbstkontrolle hat, was diesen Blutdurst angeht.
Ein Blick zu meiner vampirischen Familie, die mir mit einem Nicken Trost spenden will, macht mich traurig. Warum muss ich anders sein als sie? Ich will genauso sein wie sie. Ich kann doch ganz deutlich sehen, wie sehr sie wieder wegen meiner Labilität leiden.
Alice kommt auf mich zugelaufen und nimmt mich tröstend in die Arme.
„Es wird alles gut werden, Ness", zwinkert sie mir zu.
In ihren Gedanken sehe ich eine Vision, wo wir glücklich mit der Familie auf dem Schloss sind. Ich scheine also wirklich irgendwann damit klarzukommen, auch wenn ich es mir jetzt noch nicht vorstellen kann. Vielleicht finden wir ja wirklich eine andere Lösung.
„Willst du uns zuschauen beim Jagen oder möchtest du lieber nach Hause?", fragt Mom mich.
„Ich will lieber nach Hause", antworte ich ihr niedergeschlagen. Ich kann einfach nicht verbergen, wie sehr das an mir nagt.
„OK. Dann begleite dich."
Eigentlich will ich ja protestieren und alleine loslaufen, aber sie würden es eh nicht zulassen, dass ich mich alleine auf den Weg mache. Und irgendwie habe ich jetzt das dringende Bedürfnis, allein mit meiner Mutter zu sein.
„Ich komme auch."
„Nein, Scott", unterbreche ich ihn schärfer, als ich wollte und sein Gesicht zeigt, wie verletzt ich ihn habe.
Will sie mich etwa nicht bei sich haben?
„Natürlich Scott, aber ihr müsst jagen gehen und ich würde jetzt gerne alleine sein", sage ich so leise, dass mich kaum jemand hören kann. Natürlich haben sie es trotzdem gehört.
Edward kämpft mit sich, da er ebenfalls mit möchte, um mich nicht allein zulassen. Aber als aufmerksamer und einfühlsamer Vater, wie er nun mal ist, respektiert er meinen Wunsch und bleibt stumm.
Mach dir nicht zu viele Gedanken, mein Kind. Wir finden schon eine andere Lösung, OK?
Ich nicke ihm zu und versuche zu lächeln. Es bleibt auch nur bei einem Versuch. Mom und ich verabschieden uns von dem Rest der Familie. Dad nimmt mich noch mal in den Arm und flüstert mir tröstende Worte ins Ohr.
Auf dem Weg nach Hause spricht Mom nicht ein Wort. Sie kennt mich mittlerweile wirklich so gut, dass sie weiß, dass Stille gerade das Beste für mich ist.
Vor dem Schloss wartet der stinkende Junge auf uns. Er sieht wirklich gut aus, aber sein Geruch beißt so in meiner Nase, dass ich fast würgen muss. Jacob und ich hatten noch keine Chance gehabt miteinander zu reden. Nach unserer Rückkehr hatte ich nur Augen und Gedanken für Scott.
„Wo wart ihr?", fragt er genervt. Ihm gefiel es gar nicht, dass wir ohne ihn losgezogen sind.
„Jagen", antwortet Mom.
„Das war aber kurz."
„Keine sehr erfolgreiche Jagd", antwortet Mom erneut und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie sie ihm deutet, nichts weiter zu sagen, außer ‚Oh'.
„Hast du Lust, mit mir etwas die Gegend zu erkunden?", fragt er mich gut gelaunt.
Mit einem Blick zu Mom, die mir zu nickt, hole ich mir das OK. Wenn sie ihm vertraut, kann ich es auch tun.
„Ähm.. OK. Wo soll's hingehen?"
„Mal sehen, wohin uns der Wind führt", grinst er schelmisch.
„Ich warne dich, Jacob."
„Komm wieder runter Bella. Deine Tochter sieht aus, als könne sie etwas Ablenkung gebrauchen. Die verschaffe ich ihr."
Recht hat er. Ich könnte mal etwas Abstand von dem ganzen Vampir-Wirrwarr gebrauchen. Auch wenn ich gern wüsste, warum ihm Mom so warnte. In seinen Gedanken kann ich nichts Verdächtiges entdecken.
„Aber nicht zu weit, Jake. Wir wissen noch nicht, wie lang ihre Kräfte reichen und sie ohne Blut auskommt."
„Sie muss ja nicht laufen", sagt er und fängt plötzlich an zu zittern.
Seine Klamotten zerfetzen in der Luft und er verwandelt sich in einen Werwolf. Eine beängstigende Szene. Ob das wehtut? Mir fällt auf, dass er der rostbraune Werwolf ist, den ich in Volterra zuerst sah.
Steig auf, höre ich in seinen Gedanken.
Ich weiß nicht genau wie und warum, aber meine Laune steigt ganz plötzlich, und eine freudige Aufregung macht sich in mir breit. Mit einem Satz sitze ich auf seinem zotteligen Rücken. Was ich nicht gedacht hätte, dass sein Fell so angenehm weich ist.
„Pass auf sie auf, Jacob. Ich habe sie gerade erst wieder."
Sag deiner Mom, sie soll nicht solche Panik schieben. Ich werde dich schon nicht umbringen.
„Du sollst dir keine Sorgen machen, Mom. Er bringt mich heil zurück. Bis später", formuliere ich seine Worte etwas um. Kein Grund, Mom noch mehr Sorge zu bereiten.
Jacob gibt einen Laut von sich, der sich anhört, wie ein Lachen. Er stupst Mom mit seiner Schnauze Richtung Schloss und lacht weiter.
„Ich geh ja schon. Viel Spaß euch beiden", kann sie nun wieder lachen.
„Bye, Mom."
Gut festhalten, Kleine.
Ich bin nicht klein. Obwohl, ihm gegenüber bin ich ziemlich winzig. Ich tu dann auch, was er sagt, und merke schnell, dass es auch besser so ist, als er los läuft. Und wie er läuft. Er ist schneller als wir Vampire. Und das soll schon was heißen.
Seinen Hals umfasse ich so, dass sich meine Hände wiedertreffen und verflechten. Dadurch liegt mein Kopf auf seinem Fell, was Jacob sehr genießt. Ich vergrabe mein Gesicht immer tiefer in sein Fell, um dem Schnee auszuweichen, der mir wie Hagel ins Gesicht schlägt.
Mein Blick geht zur Seite, wo sich das Grün verabschiedet und der Schnee immer mehr wird. Wir sind also weiter Richtung Norden unterwegs. Eigentlich müsste ich jetzt frieren und zittern, wie Espenlaub, doch Jacob wirkt auf mich, wie eine Heizdecke. Sein flauschiger Körper strahlt genug Hitze aus, um mich zu wärmen.
Auch wenn er noch immer unangenehm riecht, vergrabe ich mein Gesicht tiefer in sein Fell.
Erst als wir halten, blicke ich wieder auf. Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren, aber Jacob muss einige Hunderte Kilometer gelaufen sein. Wenn ich es nichts besser wüsste, würde ich sagen wir sind am Nordpol. So müsste er übers gefrorene Eis gelaufen sein.
Mir verschlägt es den Atem, als ich mich richtig Umblicke. Es ist so unsagbar schön. Nur dank Jacob erfriere ich nicht. Der Schnee leuchtet in der Sonne, die gerade ein Loch durch die dicke Wolkenwand findet. Aber was noch am schönsten ist, ist das Nordpolarmeer. Man merkt, dass der Sommer entgegen kommt, denn vom Eis reißen viele Eisschollen ab, die im klaren Meer schwimmen.
Selbst an diesem Fleckchen Erde ist einiges los. So toben auf der einen Seite die Eisbären und auf der anderen Seite Walrosse. Und mittendrin die niedlichen Polarfüchse. Aber kaum, dass sie Jacob wahrnehmen, ergreifen sie die Flucht. So was wie ihn haben sie sicher noch nicht gesehen.
Solche Schisser lacht er.
Gemächlich stampft er über den Schnee. Er genießt die Aussicht genauso wie ich.
„Ich weiß, dass man hier weit und breit sicher keinen Menschen antreffen wird. Aber hast du nicht dennoch Angst, entdeckt zu werden? Du fällst mit deinem dunklen Fell hier mehr als auf und verstecken kannst du dich nirgendwo."
Du musst wirklich noch einiges lernen. Benutzt deine Sinne. Ich rieche keine Menschen im Umkreis von 100km.
Jetzt wo er es sagt, wohl mehr denkt, rieche ich auch keinen Menschen. Ich kann nur die Tiere wahrnehmen und das Meer rauschen hören. So wie das brechende Eis.
„Es ist wirklich wunderschön hier. Danke, dass du mich hier hergebracht hast."
Für dich doch immer, Nessie.
Ich zucke immer wieder zusammen, wenn ich diesen Kosenamen höre.
Was?
„Ich hasse diesen Namen."
Wie soll ich dich dann nennen?
„Renesmee vielleicht?"
Zu langweilig.
„Nenn mich Ness, Carlie oder sonst wie. Aber nicht wie dieses bescheuerte Seemonster", grummel ich.
Wie die Mutter, so die Tochter; denkt er und lacht sich schlapp.
Dafür kneif ich ihn mit aller Kraft in die Rippen. Er scheint es zu spüren, denn er hört tatsächlich auf zu lachen.
Wir gehen, beziehungsweise er geht langsam weiter, bis wir nah am Wasser sind. Dort lässt er sich nieder. Ich will gerade absteigen, da hält er mich auf.
Bleib ruhig sitzen. Ich will nicht, dass du erfrierst. Sonst macht mir deine Mutter die Hölle heiß.
„Stimmt", lache ich und kuschel mich wieder in sein warmes Fell.
Lange schweigen wir und genießen die herrliche Natur um uns herum. Ich könnte ewig hier bleiben, wenn ich nicht wüsste, dass ich demnächst anfangen würde zu frieren.
Erzählst du mir, warum du und Bella so früh vom Jagen zurückkamt?
Ich seufze. Eigentlich will ich ja darüber nicht reden. Aber vielleicht ist es gerade gut, mit einem eher außenstehenden darüber zu reden.
„Ich bin defekt."
Jacob dreht seinen Kopf so hektisch zu mir um, dass ich fast von seinem Rücken falle.
Defekt?
„Ich konnte das Tier nicht töten. Es zu fangen war leicht, aber als ich es dann unter meinen Händen spürte und ihm in die Augen sah, konnte ich es einfach nicht erlegen. Ich bin ein defekter Vampir."
Das kann man wohl sagen.
„Danke. Hat man dir schon mal gesagt, wie einfühlsam du bist?", frage ich ihn ironisch.
Nööö.
Ich hab auch nichts anderes erwartet.
„Kein Wunder das mein Dad dich so hasst."
Wirklich?, fragt er mehr so, als würde es ihn freuen.
„Wirklich."
Ich finde jedenfalls nicht, dass du defekt bist. Eher perfekt. Für einen Vampir selten, aber meiner Meinung nach perfekt.
„Wirklich?"
Wirklich.
Wir müssen beide über unseren dämlichen Wortwechsel lachen. Aber als er mir dann in die Augen schaut, nimmt unser Lachen ein abruptes Ende. Beide weichen wir dem Blick des anderen aus. Es war irgendwie unangenehm.
Du hast tatsächlich die Augen deiner Mutter. So wunderschön.
„Du kanntest meine Mutter als Mensch?"
Ja. Ich habe sie geliebt. So sehr geliebt, wie ich es nicht hätte sollen.
„Hat sie dich auch geliebt?"
Das macht mich jetzt neugierig. Schon auf dem Flug nach Denali, als wir in Phoenix losflogen, kam das anscheinend unangenehme Thema Jacob schon auf. Ich fragte mich immer, was da wohl vorgefallen war. Dass Jacob und Mom eine besondere Beziehung zueinander hegen habe ich auch schon mitbekommen.
Sie hat mich geliebt. Aber nicht so sehr wie Edward.
OK. Ich glaube mehr will ich darüber nicht wissen. Das waren genug Informationen über meine Eltern und Moms Geliebten, oder wie man es auch am besten beschreiben kann.
Wusstest du, dass ich bei deiner Geburt dabei war?
„Nein."
Du warst ein wirklich hübsches Baby. Fast zu hübsch.
„Wie darf ich das verstehen?"
Hast du schon mal was vom Prägen der Wölfe gehört?
„Oh", kommt nur von mir. Denn tatsächlich habe ich was davon gehört. In den Köpfen meiner Familie konnte ich einiges darüber erfahren und wunderte mich schon immer, warum sie daran dachten. Aber…
„Und du… hast dich.. auf mich… geprägt?"
Dachte ich.
Puh. Beinahe hätte ich vergessen zu atmen.
Wäre es denn so schlimm?
„Ähm, nein… Aber… Also doch… Ich meine…"
Schon OK, lacht er.
Fünf Jahre später habe ich mich auf Paula geprägt. Glaub mir, an sie kommt keine ran.
„Tatsächlich?", grinse ich ihm zu.
Tatsächlich. Und selbst als Wolf erkenne ich sein schelmisches Grinsen. Aber seine Gedanken verraten mir, dass er Paula wirklich sehr, sehr liebt. Und sie ist hübsch.
Ich weiß nicht warum, aber Jacob tut mir gut. Ich fühle mich seelisch soviel besser.
Du hast keinen Defekt, Kleine. Ich finde es gut, dass du kein richtiger Blutsauger bist. Das macht dich sympathisch. Mein Rudel wird dich mögen. Komm uns doch mal besuchen?!
„Das würde Charlie sicher freuen. Vielleicht mach ich das."
Leider sind wir uns ja vorher nie begegnet, wenn du Charlie besucht hast. Er wollte vermeiden, dass du Kontakt zu uns Wölfen hast. Kein guter Umgang, meinte er.
Jetzt begreife ich auch, warum Charlie nie mit mir nach La Push fahren wollte, obwohl er immer von seinem Freund Billy und dessen Sohn Jacob erzählte. Er ließ mich auch nie alleine in den Wald, der mich immer so anlachte. Viel gibt es in Forks ja nicht zu sehen.
Mach dir mal nicht zu viele Gedanken, ob du nun ein richtiger Vampir bist oder nicht. Deine Familie liebt dich, so wie du bist. Das erkennt ein Blinder. Und der Doc, damit meint er wohl Carlisle, kriegt das mit dem Blut schon hin. Wenn du trotzdem mal Kummer oder Sorgen hast und mal mit jemand Anderen, als deinen Blutsaugern quatschen willst, ruf mich an.
„Danke, Jacob", sage ich und kuschel mich wieder tief in sein Fell.
Ich könnte jetzt einschlafen, so entspannt und warm ist es mit ihm. Noch härter, wach zu bleiben, macht seine rhythmische Atmung und sein pochender Herzschlag, der gegen mein Ohr hämmert.
Hey. Nicht einschlafen.
„Ich versuch's."
Aber nur kurz, denn meine Augen werden immer schwerer und ich schlafe bald ein, mit einem erleichtertem Gefühl, nach dem Gespräch mit Jacob. Ich fühle Druck von mir genommen, den ich mir wohl selber auferlegt habe
Erst ein Wolf muss kommen, um mich zu überzeugen, dass es egal ist, was ich bin und wie ich bin, meine Familie wird mich immer lieben und unterstützen. Sie werden immer für mich da sein.
TBC
