Ausflug

Scotts POV

Wer hätte das gedacht, in welch kurzer Zeit sich mein Leben ändert. Drastisch ändert. Es fing damit an, dass Carlie so krank wurde. Ich hatte noch nie solche Angst um einen Menschen, wie um meine Freundin in der Zeit. Und dann offenbarte sie mir, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern, sondern Großeltern sind. Ihre wahren Eltern seien Vampire und sie selber würde sich gerade in einen Halbvampir verwandeln. Es brauchte einige Zeit, bis ich es begriff.

Ich tat natürlich das Dümmste in der Situation und stieß Carlie von mir, nicht wissend, was ich ihr damit antat. Aber lange konnte ich mich nicht von ihr fernhalten. Dafür liebe ich sie viel zu sehr. Auch wenn es schwer war, zu akzeptieren, was sie und ihre Familie ist. Und kaum, dass ich damit klarkam, verließ sie mich. Sie verließ mich nicht wirklich, aber dass sie mit ihrer Familie wegzog, brach mir dennoch das Herz.

Das war eine schwere Zeit, in der ich oft beim Coach und seiner Frau war. Wir erzählten uns gegenseitig, wie sehr wir Renesmee vermissten und bauten uns mit schöneren Erinnerungen wieder auf. In der Zeit vernachlässigte ich meine eigene Familie. Dass ich es noch bereuen würde, Maggie, meine kleine Schwester, so von mir geschoben zu haben, ahnte ich noch nicht.

Das letzte Mal, als ich sie sah, schob ich sie genervt aus meinem Zimmer, weil sie mich ständig fragte, warum Renesmee nicht mehr zu Besuch kam. Meine letzte Erinnerung an Mags ist ihr trauriges, verweintes Gesicht, als ich die Tür vor ihrer Nase zuschlug. Renesmee sagt mir immer, dass die Erinnerungen an mein Menschenleben verblassen werden, aber ich werde nicht das Schluchzen meiner kleinen Schwester vergessen, als sie in ihrem Zimmer wegen mir weinte.

Ich wollte sie trösten, sie wie so oft in meine Arme schließen, doch ich kam nicht mehr dazu. In dieser Nacht holten mich die Volturi. Sie schleppten mich erst zu den Dwyers, wo auch schon Charlie gefangen gehalten wurde. Wir wurden nach Alaska geschleppt. Ohne Rücksicht auf unsere menschliche Schwäche zogen sie uns durch den Schnee, bis wir an dem Schloss ankamen, in dem Renesmee lebte.

Was dann passierte, kann ich gar nicht mehr richtig wiedergeben. Es ging alles so schnell. Ich sah Renesmee wieder, es war allerdings nicht von langer Dauer. Ich konnte sie kurz umarmen und dann war sie wieder weg. Ihren leidenden Blick werde ich auch so schnell nicht vergessen.

Aber genauso wenig dieses blonde Mädchen. Jane. Sie schaute mich schon die ganze Zeit über so gierig an, bis ich ihre Zähne an meinen Hals spürte. Ab da an spürte ich nur Schmerz. Als ich wieder aufwachte, dachte ich, es wäre alles nur ein böser Albtraum gewesen, bis mir Carlies Dad klar machte, was ich bin und es lieber akzeptieren sollte.

Richtig akzeptieren konnte ich es erst, als ich Renesmee wieder sah. Sie lenkte mich von meinen schmerzenden Gedanken ab und ich gewöhnte mich an mein Vampirdasein. In der Zeit verliebte ich mich täglich mehr in Renesmee. Sie war mein Fels.

Kein Wunder bei ihrer Stärke. Manchmal bin ich neidisch auf ihre Kräfte, aber dann sehe ich sie wieder leiden, mit sich kämpfen, dass ich froh bin, keine besondere Kraft zu haben. OK. Ich hätte schon gerne so was cooles, wie Alice oder Edward. Aber so ist es nun mal. Und ich bin ja trotzdem sehr schnell und stark. Und beim Vampirbaseball hab ich mich auch sehr schnell als einer der Besten gemausert. Auch wenn Emmett das nicht so sieht.

Emmett ist mein Kumpel geworden. Genau wie Jasper. Beide haben mir das richtige Jagen, aber auch das Kämpfen beigebracht. Ich bekam auch einige Ansagen von Emmett, was Renesmee betraf. Der große Bruder. Aber ich hatte kein Problem damit. Ich würde ihr nie wehtun.

Jasper war mir auch eine große Hilfe, zwecks meiner Selbstkontrolle. Wir unterhielten uns viel, auch darüber, wie schwer er es hatte und dass er beinahe Renesmees Ma gebissen hätte. Er beschrieb mir, was er für Schuldgefühle hatte und mir wurde schnell klar, wie schwer es werden würde, aber auch, dass ich alles dafür tun werde, niemanden anzufallen, denn Jasper ließ mich seine Schuldgefühle von damals spüren. Und das möchte ich noch mal fühlen.

Die Familie hatte wohl schnell Vertrauen in mich, als wir dann nach Highlands zogen. Ich hatte wirklich Angst vor meinem ersten Tag. Doch Renesmee sprach mir immer wieder Mut zu und ich fühlte mich an ihrer Seite stark genug für den ersten Schultag.

Es lief auch alles bestens, bis dieser Jason auftauchte. Der Typ hatte doch echt den Nerv, meine Freundin anzumachen. Und dann noch so plump. Ich hatte zwar nicht das Verlangen nach seinem Blut, aber ich hätte ihm gerne gezeigt, was ich ihm alles antun könnte, wenn ich dürfte. Aber mein Bruder, Jasper, denn ich bin jetzt offiziell ein Hale, brachte mich mit seiner Kraft wieder etwas runter von meiner Wut.

Und als Renesmee Jason dann auch noch klar macht, dass sie mich liebt und niemanden anderen, sie meine Hand nimmt und mich küsste, verflog diese Wut und ich hätte Renesmee gern in eine Ecke gezogen und ihr gezeigt, wie viel sie mir bedeutet. Aber ihr Dad hätte mir wohl den Kopf abgerissen, wenn ich sie hier in der Schule so geküsst hätte.

Nun sind wir schon mehrere Wochen in Highlands und ich beginne, das Leben hier wirklich zu lieben. Ich meine, ich hab doch alles. Eine Traumfrau, die ich über alles liebe. Ich bin superschnell und superstark. Ein Hammer Auto habe ich auch.

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Ich habe sogar Dr. Gilbert Grissom zum Lehrer, dessen Bücher über Entomologie und sonstige Wissenschaften, ich verschlungen habe.

Ich brauche mir keine Sorgen um Geld machen oder dass mir oder Renesmee etwas zustoßen könnte. Das ist so gut wie unmöglich.

Außerdem habe ich eine große Familie, die mich liebt, als würde ich schon immer dazugehören. Aber sie sind nicht meine richtige Familie und das stimmt mich schon seit einigen Tagen sehr traurig. Ich versuche ständig, Jasper aus dem Weg zu gehen, damit er nicht mitbekommt, wie es in mir aussieht. Und bei Renesmee rufe ich schnell glücklichere Gedanken hervor.

Aber mir ist klar, dass ich es nicht ewig vor ihr verstecken kann, wie sehr ich meine richtige Familie vermisse. Denn anders als bei den anderen Vampiren in meiner Familie, kann ich mich sehr gut an meine richtige Familie erinnern. Sicher nicht an alles, als ich noch Mensch war, aber mehr als es normalerweise der Fall war.

Ich würde sie so gerne noch einmal sehen. Einfach sicher gehen, dass es ihnen gut geht. Wie haben sie meinen ‚Tod' verkraftet? Wie hat es Maggie verkraftet? Renesmee hat zwar versucht, etwas über ihre Großeltern herauszufinden, wie sie es verkraftet haben. Aber die Dwyers sind umgezogen. Sie sind nach Forks geflüchtet, da sie es in Phoenix nicht mehr aushielten. Die vielen Fragen um Renesmee, aber auch um mich, hielten sie nicht mehr aus.

Über unsere Freunde fand Renesmee nur raus, dass sich meine Familie zurückzog, was für sie ungewöhnlich ist, denn sie versprühten sonst jede Menge Energie und zeigten es auch.

„Hey. Was machst du hier?"

Erschrocken drehe ich mich um und entdecke meine bezaubernde Freundin. Wie so oft hab ich mich in den Garten verzogen und trainiere. Ich trainiere, normale Bälle zu werfen, um eventuell mal ins High School Baseball Team zu kommen. Aber dazu muss ich üben, die Bälle nicht zu scharf zu werfen.

Ich werfe ihr den Ball zu, den sie ohne Probleme auffängt.

„Ich trainiere", zwinkere ich ihr zu.

„Trainierst du oder denkst wieder mal an Mags und deine Eltern", sagt sie und schaut mich ernst an.

So schnell kann ich gar keine Antwort geben und seufze nur.

„Komm", sagt sie nur und zieht mich an der Hand fort.

Wir machen erst Halt, als wir am Mirror Lake ankommen. Dort ziehen wir uns gerne zurück, wenn wir mal nicht von der Familie gehört und gesehen werden wollen.

„Hast du wirklich geglaubt, du kannst diese Gedanken vor mir verstecken?", fragt sie mich nach langer Stille.

Ich kann ihr gar nicht ins Gesicht schauen. Aber ich weiß auch so, wie enttäuscht sie ist.

„Ich wollte dich damit nicht auch noch nerven. Du hattest in der letzten Zeit genug andere Sorgen. Und…"

Mehr bringe ich nicht fertig. Renesmee hält noch immer meine Hand und drückt sie, als ich abbreche. Ich lasse einfach meine Gedanken sprechen.

„Du vermisst sie wirklich sehr, oder?"

Ich nicke nur.

„Ich möchte sie so gern wiedersehen. Sicher gehen, dass es ihnen gut geht. Wer hätte gedacht, dass ich Maggie mal vermissen würde", versuche ich zu lachen. Es ist allerdings ein kläglicher Versuch.

„Sie ist deine kleine Schwester, Scottie. Natürlich vermisst du sie. Egal wie nervig der Troll manchmal war. Ich vermisse sie auch", lächelt sie mir zu.

Wenn sie mich so anlächelt, kann ich nicht anders, als sie zu küssen. Ihre Lippen ziehen mich dann magisch an und ich bin machtlos. Es befreit mich allerdings nicht von meinen Sorgen.

„Ich würde am liebsten loslaufen und die 2000 Meilen nach Phoenix rennen, um sie zusehen."

Renesmee schaut mich an. Sie lacht nicht, dass es eine dumme Idee wäre, sie schaut aber auch nicht streng, um mir den Kopf zu waschen. Nein, wenn sie so schaut, denkt sie nach. Jetzt würde ich doch gerne mal Gedankenlesen können.

Es irritiert mich ein wenig, als sich ein Strahlen in ihrem Gesicht ausbreitet.

„Tun wir's", lacht sie.

„Tun wir was?"

„Na nach Phoenix."

„Das können wir nicht tun, Renesmee. Deine Eltern würden das nicht erlauben."

„Ich weiß. Und deshalb machen wir es heimlich. Ich sage ihnen, dass wir einen kleinen Ausflug in die Wälder machen. Das ich nochmal versuchen möchte zu jagen, aber ohne die ganze Familie. Ich packe schnell ein paar Sachen. Du läufst schnell in die Stadt und buchst uns Tickets. Du kannst auf keinen Fall wieder in die Nähe vom Haus, denn du bist einfach schlecht darin, deine Gedanken zu verstecken", lacht sie mir zu und küsst meine Stirn.

Aus ihrem Mund hört es sich so einfach an, aber auch so durchdacht. Als hätte sie es sich schon länger überlegt, dies zu tun. Aber ich kann es nicht zulassen. Ihre Familie wird enttäuscht von uns sein.

„Sie werden nichts mitkriegen, Scott. Wir fliegen nach Phoenix. Schauen kurz nach deiner Familie. Natürlich dürfen sie uns nicht sehen und fliegen schnell wieder zurück. Dann sagen wir ihnen, dass ich wieder versagt habe beim Jagen und das wir uns deshalb zurückgezogen haben."

Sie will das wirklich machen. Und der Gedanke daran, Maggie zu sehen, lässt jeglichen Verstand von mir weichen.

„OK", sage ich ihr grinsend.

Ich küsse sie nochmal dankbar und schon machen wir uns auf den Weg. Im einzigen Internetcafé der Stadt buche ich die Flüge mit meiner Kreditkarte, die ich zusammen mit meinem neuen Flitzer bekommen habe. Wir haben wirklich Glück, denn schon in einer Stunde geht ein Direktflug nach Phoenix.

Mir ist nicht wohl bei der Sache. Aber als Carlie dann mit meinem und ihrem Rucksack am Flughafen ankommt, mich auch anstrahlt, als würden wir einem harmlosen Ausflug machen, ist auch dieses unwohle Gefühl wieder verflogen. Das schafft auch nur meine Carlie.

Den ganzen Flug über kann ich nur daran denken, wie es wohl sein wird, wenn ich Maggie sehe. Die Durchsage des Captains lässt mich aufhorchen, als er Datum und Uhrzeit ansagt, wann wir ankommen. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein sollte, dass wir diesen Ausflug ausgerechnet an Maggies Geburtstag machen. Ihren zehnten.

Den ganzen Flug über hielt Renesmee meine Hand. Und ließ erst an der Passkontrolle wieder los. Wir hatten wirklich Glück, denn ungewöhnlich für Phoenix, hingen dicke Wolken über der Stadt. Als wäre der Tag bestimmt, dass wir es heute machen.

Mit einem Leihwagen fahren wir die uns bekannten Straßen entlang, mit Mützen und Sonnenbrillen verkleidet. Die Gefahr, von Freunden oder anderen Leuten erkannt zu werden ist einfach groß, auch wenn Renesmee und ich uns optisch etwas verändert haben.

Das Haus meiner Eltern liegt etwas abseits von anderen Häusern. So können uns schon mal keine Nachbarn entdecken. Die großen umstehenden Bäume sind wie gemacht für unsere Vorhaben. Den Wagen lassen wir etwas abseits stehen und laufen den Rest.

Wie jeden Geburtstag, feiern meine Eltern im Garten. Die Luftballons sind von Weitem zu sehen. Ich werde immer aufgeregter und kann es gar nicht abwarten, sie endlich zu sehen. Renesmee drückt noch einmal meine Hand, bevor wir schnell auf die Bäume klettern und uns den Rest des Weges von Baum zu Baum hangeln. Bis wir den Baum erreichen, der uns direkt in den Garten schauen lässt.

Dieses Jahr scheinen sie es noch etwas größer zu machen, als die sonstigen Geburtstage. Der große Tisch ist gedeckt. Es fehlen nur noch die Kinder und meine Eltern. Als die Tür zum Garten aufgeht, habe ich das Gefühl, als würde mein Herz wieder anfangen zu schlagen. Ich könnte schwören, es machte einen Schlag.

Renesmee grinst mich nur an bei meinen Gedanken.

Zuerst kommen nur Freunde von Maggie hinaus. Ich kenne sie alle noch. Jeff, Melinda, Janet, Pete und wie sie alle heißen. Und dann kommen die drei, auf die ich ewig gewartet habe. Meine Eltern halten jeder eine Hand meiner Schwester, die viel größer ist und älter wirkt, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Aber noch mehr fällt es bei meinen Eltern auf. Moms Haare sind länger und sie nehmen wieder ihre richtige Haarfarbe an, dabei war sie immer darauf bedacht, dass sie perfekt aussehen. Ihre Falten versteckt sie auch nicht unter Make-up. Lässt sie sich wegen mir so gehen?

Und Dad? Ich hätte ihn fast nicht wieder erkannt. Er muss mindestens 20 kg abgenommen haben, denn seine kleine Wampe und sein Doppelkinn sind völlig verschwunden. Stattdessen sind Augenringe und graue Haare präsent, die ich von ihm nicht kenne.

Meine kleine Maggie. Ihre Haare sind viel länger, aber noch immer so blond. Es erleichtert mich, sie lachen zu sehen. Es ist ein richtiges Lachen. Anders als bei meinen Eltern, denen ich sofort ansehe, dass sie es sich aufzwängen.

„Du hast recht. Sie denken an dich und erinnern sich, wie du letztes Jahr den Clown für deine Schwester gespielt hast, den sie so liebte. Wie Maggie dich ins Wasser geschubst hatte und so herzhaft lachte", erzählt mir Renesmee leise und lächelt mir schmerzhaft zu.

Meine Eltern stellen eine riesen Torte mit brennenden Kerzen auf den Tisch.

„Wünsch dir was, Kleines", sagt meine Mom und küsst Mags auf den Kopf.

Maggie holt Luft und bläst gleich beim ersten Versuch alle Kerzen aus. Im gleichen Moment zuckt Renesmee zusammen und sieht aus, als würde sie anfangen zu weinen.

„Was ist? Alles OK?"

Sie nickt nur und schließt die Augen.

„Sie hat sich gewünscht, dass du wiederkommst und sie noch einmal in den Arm nimmst", sagt sie mit gebrochener Stimme. Und in meinem Hals formt sich ein dicker Kloß.

Renesmee kommt zu mir und nimmt mich fest in den Arm. Sie weiß einfach, was ich jetzt brauche.

Wir beobachten den ganzen Geburtstag und Renesmee stellt immer öfters fest, wie oft meine Eltern, aber auch Maggie, an mich denken.

Wir wechseln den Baum, als Maggie ins Bett muss. Meine Eltern haben nie eine große Sache daraus gemacht, doch heute bringen beide, Mom und Dad, Maggie ins Bett. Sie umarmen sie herzlich. Und auch wenn Mom es versucht zu verstecken, sehe ich ihre Tränen.

„Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass Scottie heute kommt", sagt Maggie leise und ihre Augen werden ganz feucht.

„Wir auch, meine Kleine. Aber weißt du was?", kommt es wieder etwas gefasster von meiner Mom.

„Was?", fragt Maggie aufgeregt.

„Auch wenn er nicht hier ist, schaut er immer von oben zu uns und passt auf dich auf."

„Wirklich?", fragt Maggie und ihr Gesicht blüht auf.

„Natürlich", antwortet Dad und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.

Die drei umarmen sich nochmal und ich wünschte mir, ich könnte sie auch nochmal alle umarmen.

Meine Eltern gehen daraufhin auch ins Bett. Ich kann dabei aber nicht überhören, wie sich meine Mom in den Schlaf weint. Ob es jede Nacht so war, seitdem ich nicht mehr da bin?

Als alle schlafen, kann ich nicht mehr an mir halten und springe an Maggies Fenster.

„Scott. Was machst du? Komm wieder zurück. Sie darf dich nicht sehen."

Ich kann nicht anders, Carlie. Ich muss zu ihr.

Daraufhin hält mich Renesmee auch nicht weiter auf. Sie weiß, wie sehr ich das jetzt brauche, aber auch, was Maggie für einen tiefen Schlaf hat.

Leise öffne ich das Fenster und steige in Maggies Zimmer. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie mein altes Baseball Trikot zum Schlafen an hat. Auf dem Nachttisch stehen ein paar Bilder. Eines, wo ich Maggie auf den Schultern trage, als wir am Strand waren. Das war ein tolles Erlebnis.

/26.07.

Auf einem anderen bin ich mit Renesmee drauf, als wir auf einem Ball waren. Auch ein Bild mit Renesmee und Maggie steht dort.

Renesmee ist nun ebenfalls im Zimmer und schaut sich auch die Bilder an. Sie kann sich sicher auch an die Momente erinnern. Zu meiner Bestätigung lächelt sie.

„Scott?" höre ich eine viel zu junge Stimme, die eindeutig Maggie gehört.

Renesmee und ich erstarren beide. Ich versuche mich allerdings zu fassen, denn ich weiß, dass Maggie gerne Mal in der Nacht aufwacht und am nächsten Tag nichts mehr davon weiß. Deshalb versuche ich mich zu sammeln.

„Hey Mags."

„Ist mein Traum wahr geworden?", fragt sie.

„Ja, Kleine", sagte Renesmee und streicht Maggie durchs Haar.

„Müsst ihr gleich wieder gehen?", fragt sie schmollend.

„Ja. Tut mir leid, Schwesterlein. Aber hey, dein Wunsch ging in Erfüllung. Und wie Mom gesagt hat, werde ich immer auf dich aufpassen, OK?"

Sie nickt eifrig und wirft sich mir um den Hals. Vorsichtig erwidere ich die Umarmung, in Angst zu fest zu drücken. Renesmee fügt sich in die Umarmung ein.

„Du musst jetzt aber wieder schlafen, OK?"

„OK", sagt sie lächelnd und kuschelt sich in ihre Decke ein.

Renesmee und ich geben ihr noch einen Kuss auf die Stirn und warten, dass sie ihre Augen schließt, damit sie uns nicht durchs Fenster verschwinden sieht.

Meine Eltern müssen etwas gehört haben und kommen in Maggies Zimmer. Im rechten Zeitpunkt, als wir wieder sicher im Baum versteckt sind.

Sie schaut sich um, findet aber nichts, außer einer schlafenden Maggie. Als sie Maggie erneut einen Kuss geben möchte, wird diese nochmal kurz wach und lächelt ihre Mom an.

„Scott war hier. Mit Renesmee. Es geht ihm gut, Mom. Es passt auf uns auf", sagt sie gähnend und bringt Mom zum Schmunzeln, aber auch eine Träne läuft ihre Wange hinab, die Maggie zum Glück nicht mehr sieht, weil sie schon wieder eingeschlafen ist.

Mom nimmt das Bild mit mir und Renesmee und drückt dem Bild einen Kuss auf.

„Ich weiß, dass du da draußen bist, Scott. Vergiss nicht, wie sehr wir dich lieben. Du bist ein wunderbarer Junge", sagt sie leise und geht aus dem Zimmer.

Als ich wieder zu Renesmee schaue, sehe ich auch ihre Tränen. Diesmal umarme ich sie und drücke sie so fest an mich, wie ich kann, da ich ihr so schnell nicht wehtun kann. Wir liebkosen uns im Baum wie verliebte Teenager, machen uns dann aber bald wieder auf den Weg Richtung Flughafen.

Aber schon auf dem Weg dorthin merke ich, wie still Renesmee geworden ist.

„Alles OK?", frage ich sie und als sie dann ihren Kopf schüttelt, trete ich heftig auf die Bremse.

„Was ist los?", frage ich sie und fasse ihr sanft an die Wange. Und kaum, dass ich das getan habe, weiß ich, was nicht stimmt.

„Wann hattest du das letzte Mal Blut?", frage ich sie besorgt.

Sie kommt zwar immer länger ohne Blut aus, und deshalb lässt sie auch des Öfteren ihre morgendliche Ration aus.

„Vor fünf Tagen", antwortet sie leise, da sie genau weiß, dass wir alle nicht möchten, wenn sie länger ihre Rationen auslässt.

„Meinst du, du schaffst es bis nach Hause? Sei ehrlich", füge ich noch zu, da Renesmee gerne mal untertreibt, was ihren Zustand angeht.

Drum überrascht es mich fast, als sie ihren Kopf schüttelt.

„Mist", fluche ich. Unser Flug geht in zwei Stunden.

„OK. Ich bringe dich jetzt zum Flughafen und besorge dir etwas Blut."

„Aber wie willst du das anstellen?", fragt sie sorgenvoll.

„Lass mich das Mal meine Sorge bleiben", sage ich und konzentriere mich darauf, Renesmee schnell zum Flughafen zu bringen.

Dort setzte ich sie ab, gebe ihr einen leidenschaftlichen Kuss, um ihr schlechtes Gewissen zu bereinigen und mache mich auf den Weg ins nächste Krankenhaus. Ich weiß nicht, was ich mir dachte, aber so leicht komme ich tatsächlich nicht ans Blut. Es ist weggeschlossen, wie Geld in der Bank. Nur Zutritt für wenige Leute.

Aber den muss ich mir irgendwie verschaffen. Da kommt mir ganz gelegen, dass gerade ein Notfall eingeht und alle etwas abgelenkt sind. Ich breche die Tür auf und entnehme ein paar Blutkonserven. Null negativ, dass bevorzugt meine Liebste. Das alles geschieht natürlich in Vampirgeschwindigkeit, damit mich niemand sieht.

Ich mache mich schnell wieder zu Renesmee, die schon etwas fertig auf der Bank sitzt und auf mich wartet. Sie nimmt mir dankend, und mit einem Kuss, das Blut ab und geht schnell auf eine Toilette.

Fünf Minuten später, und mit mehr Farbe im Gesicht, kommt sie wieder. Ihr geht es sichtlich besser.

„Danke", sagt sie und küsst mich zärtlich. Was liebe ich diese Lippen. Wenn wir doch noch etwas mehr Zeit hätten, doch unser Flug geht schon bald.

Den ganzen Rückflug über schläft Renesmee. Auch das war schon länger her. Sie hat das alles aufgenommen, nur damit ich Maggie und meine Eltern wiedersehen konnte. Und ich bin ihr dankbar dafür.

Vom Flughafen fahren wir mit Renesmees VW, mit dem wir auch schon hinkamen. Wir stellen noch unsere Ausrede auf einen Nenner, damit die anderen nichts merken. Und um Edwards Gedankenlesen aus dem Weg zu gehen, werde ich in seiner Umgebung daran denken, wie sehr ich es doch liebe, Renesmee zu küssen. Dann verschwindet er schon schnell aus meinen Gedanken.

Aber wie heißt der Spruch? Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt?

Denn schon als wir die Auffahrt hochfahren wird Renesmee ganz unruhig.

„Shit", kommt es von ihr und ich brauche gar nicht zu fragen, was los ist.

Sie wissen, dass wir nicht jagen waren.

Renesmee nickt kläglich und rutscht tiefer in ihren Sitz, als könnte sie darin flüchten. Aber die grimmigen acht Vampire, die vor der Tür stehen, erwarten uns schon.

Ich steige aus, während Renesmee keine Regung tut. Deshalb halte ich ihr die Tür auf und werfe ihr ein aufmunterndes Lächeln zu. Helfen scheint es ihr wohl nicht. Sie kann aber auch die wütenden Gedanken ihrer, unserer Familie hören. Und so, wie Renesmee zusammenzuckt, erwartet uns einiges.

Sie lassen uns immerhin ins Haus treten. Es wird wohl lauter, deshalb geht's ins Haus, um alles zu dämmen. Edward wirft mir einen wütenden Blick zu, der mich um einige Zentimeter schrumpfen lässt. Was mich aufbaut, ist Renesmees Händedruck, der sich nur verstärkt unter dem Druck ihrer Eltern.

Selbst Esme, die immer ein Lächeln übrig hat, schaut mich wütend an. Renesmee und ich setzen uns. Auch die anderen Frauen setzen sich. Die Männer bleiben allerdings stehen, was mir ein wenig Angst bereitet.

„Was habt ihr euch dabei gedacht?", beginnt Bella mit noch ruhiger Stimme.

Renesmee möchte antworten, doch Edward lässt ihr keine Chance.

„Wir fanden es schon kurios, als du, Renesmee, uns sagtest, dass du mit Scott jagen gehen willst, nachdem du uns allen klar gemacht hast, dass du es nie wieder versuchen möchtest. Aber es wird noch merkwürdiger, als Alice in keine eurer beider Zukunft sehen konnte. Wir versuchten aber, uns nichts dabei zu denken und euch beiden zu vertrauen. Nachdem wir allerdings keines eurer Handys erreichen konnten, fingen Bella und Emse an, sich Sorgen zu machen. Also bat ich Jasper darum, eure Handys zu orten. Natürlich waren wir verblüfft sie am Flughafen zu orten, wo sie in deinem Wagen lagen. Daraufhin checkten wir eure Kreditkarten und stellten fest, dass ihr Tickets nach Phoenix gebucht habt."

Edward macht mir Angst. Seine Augen sind schwärzer als schwarz. Und der Kaminsims, unter seinen Fingern, an dem er sich festhält, beginnt zu bröckeln. Seine Atmung geht schneller und würde Jasper seine Kraft nicht einsetzen und Bella versuchen ihn zu beruhigen, wäre er ausgeflippt. Deshalb übernimmt Carlisle das Wort.

„Daraufhin hörten wir uns in Phoenix um, ließen uns die aktuellsten Nachrichten zu kommen und waren geschockt, als wir Bilder im Internet entdeckten, von einer Überwachungskamera des Phoenix Memorial Hospitals, wo in der Blutbank eingebrochen und Blut gestohlen wurde.

Wie konntet ihr unsere Identität nur so aufs Spiel setzen? Ihr könnt von Glück reden, dass Scott darauf nicht zu erkennen ist. Ich bin sehr enttäuscht von euch."

Und wie enttäuscht er ist kann ich deutlich in seinem Gesicht erkennen. Aber so ein Mist, an die blöde Kamera hab ich gar nicht gedacht. Unser Ausflug war allerdings schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Renesmee bebt neben mir. Ich kann nur ahnen, was in ihr vorgeht.

„Ich wollte nur, dass Scott seine Schwester noch einmal sieht und weiß, dass es ihr gut geht. Er hat sie vermisst. Und ich auch. Es tut mir Leid", sagt Renesmee reumütig.

„Aber nicht so, Renesmee. Ist euch denn immer noch nicht bewusst, was passiert, wenn man euch nur beim kleinsten Benutzen eurer Kräfte entdeckt? Wenn jemand Scott gesehen hätte, obwohl er eigentlich tot ist? Ihr gebt den Volturi Grund genug, uns zu bestrafen. Wollt ihr das etwa?", spricht Carlisle ein weiteres Machtwort.

Ich greife Renesmees Hand, einfach um ihr zu zeigen, damit sie weiß, dass sie das nicht allein durchstehen muss.

„Nein, Dad. Das kannst du nicht tun. Es war nicht Scotts Idee, sondern meine. Er wollte es mir ausreden, aber ich habe ihn überredet, es durchzuziehen."

Was hat Edward in seinen Gedanken beschlossen? Die anderen scheinen genauso ratlos zu sein.

„Sollte ich dich also an seiner Stelle zurück nach Alaska schicken?", fragt er und so langsam begreife ich.

„Edward, das kannst du nicht tun?", schreitet Bella ein.

Renesmee schluchzt neben mir und ist völlig außer Fassung.

„Das würde unsere Familie unglücklich machen, Edward. Du hast es selbst gesehen", sagt Alice, die wohl eine Vision hatte.

„Es tut mir wahnsinnig leid, Dad. Aber bitte schick Scott nicht weg."

Meine arme Süße. Jetzt muss sie wegen mir, das alles durchmachen. Das hat sie nicht verdient. Sie hat ein großes Herz und sollte dafür nicht bestraft werden.

„Wir sollten nicht vorschnell handeln, Sohn. Allerdings können wir es nicht einfach vergessen lassen. Euer unüberlegtes Handeln darf nicht unbestraft bleiben", kommt es von Carlisle.

„Gut. Wir werden besprechen, was euch für eine Strafe erwartet. Bis dahin geht auf eure Zimmer", sagt Edward mit gedämpfter Stimme, der man anhören kann, dass Edward sich beherrschen musste.

Ich nehme Renesmees Hand und stehe mit ihr auf. Schnell lasse ich meinen Blick über die Gesichter der anderen schweifen. Eins enttäuschter als das andere. Renesmees Blick haftet fest am Boden. Sie wagt es nicht, die anderen anzusehen.

Als wir die Treppe erreichen, hält Edward uns auf.

„Scott, du gehst in DEIN Zimmer. Denkt alleine über das nach, was ihr getan habt."

Damit versetzt er Renesmee einen tiefen Stich, in dem sie fast zusammenbricht und am liebsten protestieren möchte. Aber sie kennt ihren Vater zu gut, um zu wissen, jetzt nicht zu widersprechen.

Ich gebe ihr noch einen liebevollen Kuss und flüster ihr aufbauende Worte zu.

„Nichts wird uns trennen. Egal welche Strafe wir bekommen. Ich liebe dich", sage ich schnell und lasse keine Antwort mehr von ihr zu. Es ist so schon hart genug für sie.

In meinem Zimmer lege ich mich auf mein Bett, was sonst nur von Renesmee benutzt wird. Ich starre an die Decke und denke über die letzten Stunden nach, wie Edward es verlangte. Natürlich war es eine dumme Idee, unser Dasein so zu gefährden. Das war nicht mein Ziel.

Aber es hatte sich gelohnt. Mein sehnlichster Wunsch wurde erfüllt. Ich konnte sehen, dass es meinen Eltern und Maggie gut geht. Es ist noch hart für sie, aber sie werden es schaffen. Auch ohne mich. Und das ist beruhigend. So kann ich ohne Sorge in mein unsterbliches Leben gehen. Und mit Renesmee an meiner Seite weiß ich, dass ich glücklich werden kann, auch wenn meine Eltern und Mags nicht dabei sind.

Ich bin ein glücklicher Vampir.

TBC