Spurlos
Edwards POV
In einem Moment befreist du deine Freunde, die längst zur Familie geworden sind und im anderen Moment verlierst du alles, was du liebst.
Nachdem ich zusammen mit Carlisle Eleazar befreit habe, höre ich Bella nach mir rufen. Und als ich mich zu ihrer Stimme wende, sehe ich, was ich nie wieder sehen wollte. Eine gebrochene Bella. Bella, wie sie unsere leblose Tochter in den Armen hält. Jetzt fällt mir erst auf, dass etwas ganz Wichtiges fehlt. Etwas, dass mich und Bella mehr am Leben hält, als das Blut, welches wir brauchen.
Renesmees Herzschlag.
Ich kann ihn nicht hören, nicht spüren. Aber es kann doch nicht sein. Meine Kleine, tot.
„Bella?"
Sie reagiert langsamer als sonst, wenn ich nach ihr rufe. Doch kaum, dass sie sich zu mir wendet, wird alles dunkel. Der Geruch von Tyras verbrannten Körper ist wie ausgelöscht, die Schreie von Dolton nicht mehr zu hören. Ich höre gar nichts mehr. Alec.
Ich versuche nach Bella zu rufen, doch mein Mund öffnet sich nicht. Nichts kann ich tun.
Wie lange dieser Zustand anhält, weiß ich nicht, wenn Alec seine Kraft einsetzt, verliert man alle seine Sinne. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie zu spüren bekam, deshalb weiß ich, dass seine Kraft stärker geworden ist.
Nur langsam kehren meine Sinne wieder zurück. Kaum, dass ich nur den leisesten Ton höre, rufe ich nach Bella.
„Bella, kannst du mich hören?"
„Edward? Edward, sie ist weg. Renesmee."
Ich war schon immer fasziniert von Bellas Stimme, aber noch nie so wie heute. Aber gleichzeitig hörte ich noch nie solche Panik, die Meine weckt und sich verstärkt, als ich Renesmees Herzschlag immer noch nicht hören kann.
Meine Sinne werden immer schärfer. Und sobald ich Bellas Umrisse erkenne, laufe ich auf sie zu und ziehe sie in meine Arme. Aber da hält es Bella nicht lange aus. Kaum, dass sie wieder sehen kann, blickt sie panisch um sich. Genau wie ich, sucht sie nach unserer Tochter.
Doch genau wie Alec und Levin, ist sie verschwunden. Nicht mal eine Fährte ist wahrzunehmen.
„Der wievielte ist heute?", höre ich Jasper fragen.
Carlisle schaut auf seine Uhr, die Bella und ich ihm geschenkt haben. Noch sind meine Fähigkeiten nicht ganz zurück. Seine Gedanken sind für mich nur verschwommen.
„Der Neunte", sagt er, aber auch ohne seine Gedanken zu lesen, erkenne ich, dass etwas nicht stimmt.
„September", fügt er hinzu.
„September? Aber wir sind doch am 9. August hier angereist. Das kann nicht sein", wird Rose panisch.
„Kann Alecs Kraft so gewachsen sein?", kommt es von Jasper.
„Ja", antwortet ein wieder einigermaßen zu Kräften gekommener Eleazar.
„Ich konnte spüren, wie mächtig er geworden ist. Und Levin, mit ihm an Alecs Seite, sind sie eine größere Gefahr, als die ganzen Volturi."
„Aber was ist mit Renesmee? Edward, sie war tot. Ihr Herz schlug nicht mehr, sie war eiskalt", wird Bella mit jedem Wort leiser.
Sie sieht mich an, mit ungeweinten Tränen, und droht zusammenzubrechen.
„Wenn sie wirklich tot wäre, Bella, dann hätten sie sie nicht mitgenommen. Auch wenn ihr Herz nicht mehr schlägt, kann es noch immer sein, dass sie jetzt ein vollkommener Vampir ist. Auch als Halbvampir war sie unsterblich."
Bella, so wie ich, aber auch der Rest der Familie, ist geschockt. Den Tränen, die nicht kommen wollen, sehr nah. Aber auch, wenn ich ihr schlagendes Herz, das Leben in ihrem Körper vermissen werde, könnte ich damit Leben, dass sie ein vollkommener Vampir sei. Aber ein Vampir, der jetzt bei mir und meiner Familie ist.
Auch wenn meine Fähigkeit nur langsam zurückkehrt, kann ich sehen, dass meine Familie es genauso sieht. Nur bei Bella weiß ich es nicht und bin mir auch nicht sicher. Für sie bedeutete es eine Menge, dass Renesmee ein Halbvampir ist. Oder leider wohl eher war.
„Aber wo ist sie dann?", fragt Alice, bevor es ein anderer tun kann.
Und in Tanyas Gedanken sehe ich die Antwort. Eine Antwort, die in mir die Galle hochkommen lässt und meine Wut ins Unermessliche steigen lässt.
„Es tut mir Leid, Edward", sagt sie und wendet sich an den Rest der Familie.
„Nachdem Alec, Levin und ihr Gefolge uns an die Wand fesselten, weihten sie uns in ihren kranken Plan ein. Sie wollen die mächtigste Vampirgruppe aller Zeiten werden. Sie wollen eine neue Ära schaffen. Und Renesmee soll ihnen dabei helfen. Ich weiß nicht, wie sie es machen wollten, aber sie waren sich sicher, sie könnten Renesmee auf ihre Seite ziehen."
„NEIN!", schreit Bella, sackt zu Boden und zieht mich mit runter, denn ich bin schwach. Ohne meine Tochter, bin ich ein Nichts.
Bella schluchzt in meine Schulter, so wie ich in Ihre. Dabei bin ich froh, dass ihre Haare mein Gesicht verdecken. Der Schmerz, der in mir herrscht, würde auch den Rest meiner Familie zu Boden reißen.
Ein plötzlicher Schrei, verbunden mit einem Knall, lässt mich aufschauen. Scott hat soeben, die Außenmauer eingerissen und fällt auf die Knie. Es ist Emmett, der ihm wieder auf hilft und ihn umarmt. Dabei schaut Emmett mich leidend an.
Wir werden sie zurückholen, Edward. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Mein Knirps kommt wieder zurück in diese Familie. Nichts wird mich aufhalten.
Die Gedanken Jaspers und Carlisle sind ähnlich. Die meiner Schwestern und Esme hingegen sind noch voller Trauer und Schmerz.
Doch ihr Schmerz, und selbst der Meine, ist nichts, im Vergleich zu Bellas. Sie hat 18 Jahre auf unsere Tochter verzichten müssen. Und jeden Tag konnte ich es in ihrem bezaubernden Gesicht sehen, wie sehr sie unter der Trennung litt.
Das letzte Jahr mit Renesmee, war das komplette Gegenteil. Die ganze Familie war wie ausgewechselt. Renesmee hat der ganzen Familie neues Leben verliehen. Und wenn ich jetzt in ihre Gedanken sehe, ist es schlimmer als vorher.
Eine Hand auf meiner Schulter, unterbricht meinen inneren Monolog. Ich hätte auf Carlisle oder Jasper getippt. Doch es ist Dolton, der mich mit wutverzerrtem Gesicht anblickt. Wenn ich nicht seine Gedanken lesen könnte, würde ich glauben, seine Wut lege an uns. Dass wir die Schuldigen sind, für Tyras tot.
Aber seine Gedanken zeigen etwas ganz anderes. Etwas, was in mir Rachegefühle keimen lässt.
Sein Blick wandert von mir zu Bella, die ihm versucht einen entschuldigenden Blick zu zuwerfen, doch an ihrer Trauer scheitert.
„Denkt nicht, dass ich euch dafür verantwortlich mache. Das war ganz allein Alecs Werk. Ich werde eure Tochter zurückholen. Das bin ich ihr, aber vor allem Tyra schuldig. Sie waren beste Freunde. Und nachdem Alec uns in seinem kranken Plan einweihte, flehte mich Tyra immer wieder an, dass wir es verhindern müssten. Und sollte es doch geschehen, würden wir alles tun um sie zurück zuholen. Ich glaube sie ahnte, dass ihr etwas zustoßen würde."
Bei den letzten Worten lässt er uns noch mal seine ganze Trauer spüren. In seinen Gedanken habe ich tatsächlich Tyras Bitten gesehen. Wie sie mit ihrem Bruder darüber sprach, dass sie es verhindern müssten. Dabei war nicht nur das Wohl ihrer Freundin ihre Sorge. Sie ahnte, dass Alec und Levin es wirklich schaffen könnten, Renesmee auf ihre Seite zu ziehen und damit ein Trio bilden, was niemand schlagen kann.
Aber das interessiert mich gerade nicht. Wichtig ist, dass Renesmee wieder zurück zu ihrer Familie kommt.
„Wir werden euch bei der Suche nach Renesmee helfen", höre ich Tanyas durchdringende Stimme.
Ich schaue von Dolton zu den Denalis, die sich mittlerweile alle erholt haben und mit Tanya übereinstimmend nicken.
„Auch wenn wir jede Hilfe von euch brauchen werden, können wir das nicht von euch verlangen. Seht, was sie euch angetan haben, dafür, dass ihr uns das letzte Mal geholfen habt", sagt Carlisle mit ungewohnter trüber Stimme.
„Carlisle, alter Freund. Zum Einen gehört Renesmee schon fast mit zu unserer Familie. Ja Familie. Hier habt uns gezeigt, wie viel eine Familie bedeuten kann. Und euch zählen wir dazu. Also würden wir alles tun, um sie aus den Fängen dieser Bastarde zu befreien", giftet Tanya, wie ich sie noch nie erlebt habe. „Aber es geht nicht nur um Renesmee.
Wenn sie ihr Vorhaben verwirklichen, ist das nicht nur das Ende der Vampire, Carlisle. Sie werden eigene Vampir Heere erschaffen, die nach und nach Stadt um Stadt, Land um Land und Kontinent um Kontinent übernehmen und die Menschen auslöschen."
„Das ist unmöglich", mischt sich Jasper ein.
„Sie sind nur zu dritt. Wie sollen sie das schaffen?"
„Glaube mir Jasper, wir haben alle Alec belächelt, als er uns von seinem Plan erzählt hat, bis wir plötzlich an der Wand hingen, wie armselige schwache Menschen. Ihr habt doch gesehen, wie ausgedehnt seine Kraft mittlerweile ist. Es fehlt uns ein Monat. Und wir sind Vampire. Ich möchte gar nicht daran denken, was sie mit den Menschen machen werden."
Die furchtlose Tanya Denali am Rande der Verzweiflung. Und ihre Gedanken lassen selbst meine Panik steigen.
„Wir sollten alle Zirkel warnen. Sie sollen Ausschau halten und uns Bericht erstatten, so müssen wir nicht alle Kontinente überwachen", meint Jasper.
„Ich werde mit Aro in Kontakt treten, denn ich glaube kaum, dass er etwas davon weiß. Auch wenn er seine Macht damals mit Renesmee überspannt hat, bin ich mir sicher, dass er mit Alecs Vorhaben nicht übereinstimmt", lässt Carlisle folgen.
Und obwohl ich Aro alles zutraue, muss ich Carlisle zustimmen. Ich konnte damals in Volterra Aros Reue, für das, was er getan hat, deutlich in seinen Gedanken sehen. Er würde dies natürlich nie zugeben.
Nachdem dies geklärt war, machen sich alle daran unsere befreundeten Zirkel zu benachrichtigen, aber auch die Zirkel, mit denen wir nie in Kontakt sind.
Ich allerdings habe eine andere Aufgabe, denn in Bellas momentanen Zustand, wird sie nicht die Kraft haben, nach unserer Tochter zu suchen.
„Sollten wir uns nicht auf den Weg machen sie zu suchen?", fragt mich Bella überraschend.
Mit ihren großen ockerfarbenen Augen sieht sie mich verzweifelt an. Der Schmerz, der in ihr herrscht, hätte sie als Mensch schon längst umgebracht.
„Das machen wir, sobald wir unsere Freunde vorgewarnt haben. Sie könnte überall sein."
Bellas Kopf geht enttäuscht zu Boden. Ich drücke sie nur noch fester an mich.
„Wir werden sie finden, Bella. Ich habe euch ein glückliches Leben versprochen und das werde ich nicht brechen. Sie wird schon bald wieder in unseren Armen liegen."
„Versprochen?"
„Versprochen."
Manche könnten diese Aussage gewagt nennen, aber ich werde meine Tochter zurückholen. Koste es, was es wolle. Sie ist mein und Bellas Leben.
„Jake könnte uns sicher helfen", wendet Bella ein.
„Eine Gute Idee, Schatz. Ich rufe ihn sofort an. Esme?"
Sie schaut mich traurig an, weiß aber sofort, was ich von ihr möchte. Für sie ist es genauso schlimm wie für Bella und mich. Renesmee ist nicht nur ihre Enkelin. Für Esme ist sie auch etwas wie eine zweite Chance des Mutterseins. Auch wenn sie uns, als ihre Kinder hat. Aber wir stehen, bis auf Emmett manchmal, mit beiden Beinen auf festem Boden. Die Hilfe einer Mutter ist eigentlich nicht mehr nötig. Renesmee hingegen braucht immer mal wieder Hilfe, Ratschläge. Und da ist sie bei Esme an der richtigen Stelle.
Ich gebe Bella noch einen zärtlichen Kuss auf die Lippen und auf die Stirn.
„Wir schaffen das", sage ich ihr noch, und übergebe sie dann an Esme, die sie tröstend in die Arme nimmt.
Warum können sie nicht endlich glücklich, zufrieden und in aller Ruhe ihr Familienglück genießen. Haben sie nicht schon genug durchgemacht? Oh Renesmee mein Liebling. Wir müssen sie finden, Edward. Ich weiß nicht, wie es ohne sie weitergehen kann.
Esmes Blick bei ihren Gedanken, lässt mich fast in die Knie sacken. Mein eigener Schmerz wird fast verdoppelt. Aber so erfahre ich immer wieder, wie wichtig Renesmee für die gesamte Familie geworden ist.
Alice kommt auf mich zu und umarmt mich. Dabei lässt sie mich spüren, wie nah auch ihr der Verlust geht.
„Es tut mir Leid, Edward, dass ich es nicht habe kommen sehen. Wenn ich doch…"
„Nein, Alice. Alec wusste, was er tut. Obwohl er seine Entscheidung schon lange getroffen hatte, konntest du nichts sehen. Er war vorbereitet und wusste deine Gabe trotzdem irgendwie zu umgehen. Aber glaub nicht, dass dir jemand böse ist. OK?"
OK. Aber wir müssen sie finden, Edward. Ich brauch meine kleine Schwester.
„Das werden wir, Alice. Das werden wir."
Sie küsst mir noch die Wange und legt mir ein Handy in die Hand.
Die Nummer ist schon drin. Geh nur noch auf Wahlwiederholung, lächelt sie mir zu.
„Danke, Alice", sage ich ihr und gebe meiner Schwester einen Kuss auf ihr kurzes Haar.
Sie gesellt sich zu Bella und Esme und spendet ihrerseits Trost. Ich drücke, wie von Alice gefordert, die Wiederwahltaste und sehe die mir bekannte La Push Vorwahl. Zu der Zeit, als Victoria noch hinter Bella her war, musste ich irgendwie mit den Wölfen Kontakt halten.
Es dauert eine Weile, bis jemand abnimmt.
„Black", höre ich die mittlerweile sehr altklingende Stimme Billy Blacks. Er müsste mittlerweile um die 70 Jahre alt sein.
„Billy hier ist Edward Cullen."
„Was ist passiert?", fragt er hektisch.
Im Hintergrund ist Aufregung zu hören. Auch am Telefon wird gerissen und gezerrt.
„Was ist passiert, Edward?"
Diesmal ist es nicht Billy, sondern Jacob, mit seiner typischen dunklen Stimme. Natürlich wissen sie, dass etwas passiert sein muss. In den letzten Jahren hatten wir nie Kontakt. Zuletzt, als Renesmee nach Volterra geschleppt wurde.
Ich weihe Jacob in allem ein. Jedes Wort ist mit einem Knurren seinerseits und dann wieder meinerseits verbunden. Es ist nicht die Wut aufeinander, sondern die Wut auf Alec und Levin. Mittlerweile können Jacob und ich uns gut leiden. Vor allem, nachdem er sich auf Paula geprägt hat.
„Wenn ihr so viele Vampire wart, warum seit ihr ihnen nicht gefolgt?"
„Das wären wir, aber Alec besitzt die Fähigkeit deine Sinne lahmzulegen. Du kannst nichts sehen, riechen, schmecken, hören oder fühlen. Und seine Kraft ist gewachsen. Er hat uns einen Monat in diesem Zustand gelassen und hatte genug Zeit mit Levin und Renesmee zu flüchten."
„Du willst mir also sagen, dass Renesmee vor einem Monat verschwunden ist?"
„Ja", antworte ich resigniert.
„Edward, Renesmee hat mich vor zwei Wochen angerufen. Sie hat mir erzählt, dass ihr Renesmee erlaubt habt nach La Push zu kommen, um mich zu besuchen."
Das kann nicht real sein? Alle Blicke sind auf mich und mein Handy gerichtet, denn jeder hat es gehört. Sie kommen näher, um Jacobs weitere Worte besser folgen zu können. In Bellas Augen blitzt Hoffnung auf.
„Bist du dir sicher, Jake?"
„Würde ich es dir dann erzählen, Blutsauger?"
„Vielleicht haben Alec und Levin sie dazu gezwungen?"
„Wenn das so ist, muss Nessie eine verdammt gute Schauspielerin sein, denn sie hörte sich fröhlicher an wie eh und je. Sie hatte mir erzählt, dass ihr zu Besuch bei den Denalis seid und sie uns morgen besuchen wollte. Mit..", sagt er und bricht ab, als wenn er etwas realisierte.
„Was, Jacob. Was hat sie gesagt?"
„Sie wollte mit Freunden vorbei kommen."
„Oh Gott", ruft Bella.
„Sie sind auf dem Weg zu euch, Jake. Sie wollen euch auslöschen, denn sie wissen, dass ihr uns bei der Suche nach Renesmee helfen würdet."
„Wir passen schon auf uns auf", kontert Jacob mal wieder in seiner überheblichen Art.
„Jacob, wir haben es hier nicht mit ein paar Volturi zu tun. Du hast gehört, was sie mit uns gemacht haben und dazu brauchten sie nicht mal kämpfen. Gleiches können sie auch mit euch tun. Und euch werden sie töten."
„Warum haben sie euch dann nicht getötet?"
Diese Frage stellte ich mir auch lange. Bis ich die Antwort fand.
„Sie mussten mit Renesmee fliehen, da sie die Zeit brauchten, um Renesmee auf die dunkle Seite zu ziehen."
Dabei blicke ich zu meiner Familie, die mich geschockt anstarrt. Bis auf Jasper, dem dies schon lange bewusst ist.
„Was meinst du? Das Renesmee jetzt eine von ihnen ist? Ein blutrünstiger, menschentötender Vampir?"
Als er mich das fragt, blicke ich zu Bella, ihr Gesicht voller Schmerz und Leid, muss sie das nun auch mit anhören, wo ich ihr das am liebsten ersparen möchte.
„Ich befürchte ja."
Bei meinen Worten bricht Bella in den Armen von Rosalie und Emmett zusammen. Ich kneife die Augen zusammen, um ihr Leid nicht sehen zu müssen, wo ich sie doch jetzt gerne in meine Arme schließen möchte, um sie zu trösten.
„Wenn es nach Alecs Plan läuft, ist Renesmee nicht mehr die, die wir mal kannten."
Jacobs lautes knurren, dröhnt in meinen Ohren. Das ganze Rudel muss bei ihm sein, denn auch ihre wütenden Laute kann ich hören.
„Hat sie dir eine Uhrzeit genannt?"
„Sie wollte zur Dämmerung hier sein, damit wir zusammen spazieren können. Ich als Wolf und sie auf meinem Rücken."
„Das ist gut. So haben wir genug Zeit, zu euch zu gelangen. Wir machen uns gleich auf den Weg, Jacob."
„Gut. Dann bis morgen. Ich werde Charlie noch bescheid sagen, dass er mal wieder Renée und Phil besuchen sollte."
„Gute Idee. Ich weiß nicht, was sie noch vorhaben könnten und da ist es sicher nicht gut, dass Renesmees Großvater in der Nähe ist."
Jake und ich verabschieden uns ohne große Worte. Während sich alle abreisebereit machen, nehme ich Bella in den Arm und wende mich an meine Familie.
„Ich weiß, es ist hart, aber rechnet damit, dass wir auf eine Renesmee treffen, die wir nicht kennen. Ich bin mir fast sicher, dass sie ihr so etwas wie eine Gehirnwäsche angetan haben. Wenn sie euch erkennt, wird sie euch sicher nicht mit liebenden Worten begrüßen. Versucht sie euch als eine von ihnen vorzustellen."
„Wie stellst du dir das vor? Sie ist doch unsere Kurze", kommt es von Emmett gequält. Wie alle anderen leidet auch er.
„Ich weiß, Emmett. Glaub mir, dass es für mich die schlimmste Vorstellung ist, die man haben kann. Aber wenn wir in den Kampf gehen und wir alle vor ihr stehen, wie leidende Tiere, sind wir alle verloren."
Das wird hart für die Frauen. Selbst ich, wo ich schon einiges durchgemacht habe, bei den Vampirkriegen weiß ich nicht, wie ich mich vor Renesmee verstellen kann, meine Trauer zu unterdrücken. Vor allem, wo ich den Schmerz der anderen spüre. Sie sind alle am Ende, Edward. Und ich weiß ebenfalls keinen Ausweg.
Sämtliche Gedanken zeigen mir ebenfalls, wie aussichtslos die meisten es finden.
„Ich gebe nicht auf", knurre ich sie an.
„Das wird keiner von uns tun, Edward", beteuert Carlisle.
Und auch wenn die Gedanken die Aussichtslosigkeit nicht los werden, sind sie alle motiviert, in den Kampf zu gehen. Ihr Leben für Renesmee zu riskieren. Aber dabei vergesse ich auch, dass es nicht nur um Renesmee geht. Können wir sie nicht befreien, sie aufhalten, werden wir alle schon bald vernichtet.
„Ich will nur mein kleines Mädchen zurück", wimmert Bella in meinen Armen.
„Du wirst sie auch zurück bekommen. Wir kämpfen sie zurück in unsere Familie", sage ich ihr und streiche ihr über den Kopf.
Danach machen wir uns schon auf den Weg. Wir werden den Weg zu Fuß zurücklegen. Eventuell treffen wir schon vorher auf sie. Zudem herrscht in allen solch eine Wut und Verzweiflung, dass wir schneller zu Fuß sind. Unterwegs stärken wir uns noch mit jeder Menge Wild.
Und schneller, als ich es für möglich gehalten hätte, sind wir an der Grenze zu La Push, wo uns schon einige aufgeregte junge Wölfe erwarten. Schon Sekunden später sehe ich zwei altbekannte Wölfe. Sam und Jacob.
So sieht man sich mal wieder.
„Ich hätte mir auch andere Umstände gewünscht. Schon irgendwelche Anzeichen?"
Nein. Ihr seid die ersten Vampire, die seit Jahren an dieser Grenze sind, berichtet mir Sam.
Ich bin gleich wieder zurück, kommt es von Jacob.
Er läuft in den Wald, wo er Sekunden später in Menschengestalt zurückkehrt. Bella, die die ganze Zeit meine Hand festhielt, löst sich von mir und rennt auf Jacob zu. Dieser fängt sie regelrecht auf.
„Schsch, Bella. Es wird alles wieder gut", sagt er, mit der Hand über ihren Rücken streichend.
Seinen Blick dabei habe ich noch nie von ihm gesehen. Aber es spiegelt das wieder, was ich in den Gesichtern und Gedanken meiner ganzen Familie sehe.
„Gehen wir zu mir, dem Hauptquartier."
Plötzlich wirft Jacob Bella in die Höhe, verwandelt sich zurück in einen Werwolf, und ehe Bella den Boden berührt, landet sie auf Jacobs Wolfsrücken.
Nicht schlecht, oder? Paula liebt es, lacht er und schafft es uns für einen Moment zu erheitern. Aber Jakes Humor hält nicht lange an. Ihm ist der Ernst der Lage bewusst. Und leidet wie wir, um Renesmees Verschwinden.
Sag Bella, dass Charlie bei Renée und Phil ist. Du schuldest mir 4000 Dollar. Wir haben die drei auf eine Insel geschickt, wo sie so schnell nicht gefunden werden können. Sie sind natürlich misstrauisch und wissen, dass es etwas mit euch zu tun hat.
„Gut gemacht. Wenn das hier alles vorbei ist und Renesmee in der Sicherheit ihrer Familie ist, wirst du mehr als nur dieses Geld erhalten", sage ich und blicke ihn dankend an.
„Charlie ist in Sicherheit, Bella."
„Charlie…"
In ihrem Gesicht kann ich lesen, dass sie nicht an ihren Vater dachte, als wir uns auf dem Weg hier begaben.
„Mach dir keine Vorwürfe, Bella. Wir haben alle nur an Renesmee gedacht. Jacob hat ihn, Renée und Phil an einen sicheren Ort gebracht."
„Gibt es den denn überhaupt?", grummelt Scott.
Ich muss zugeben, den Freund meiner Tochter etwas außer Acht gelassen zu haben. Meine eigene Sorge und das Leiden von Bella, haben seinen Schmerz, bei mir ausgeblendet. Um so härter trifft es mich jetzt, ihn zu sehen.
Sein Gesicht verbittert. Hinter dieser Fassade steckt unendlicher Schmerz, den ich nur dank meines Gedankenlesens erkenne. Es muss für ihn noch schlimmer sein, als für alle anderen, denn, auch wenn wir jetzt seine Familie sind, fühlt er sich gerade sehr allein. Renesmee war seine eigene kleine Familie, seine Wand zum Anlehnen.
Doch ich werde ihm begreiflich machen, dass er nicht alleine ist. Schon gar nicht im Kampf, um Renesmee wieder zu gewinnen. Ich lege ihm eine Hand auf seine Schulter und packe fest zu. Nicht um ihn wehzutun, nur um den Griff zu festigen, denn für einen Moment hat er überlegt meine Hand wegzuschlagen. Aber ich denke mein Blick hat ihn anders gestimmt.
„Ich weiß du bist wütend und besorgt. Aber denk daran, wir alle haben hier das gleiche Ziel."
Und das ist wahr. Ich hätte gedacht, dass die Wölfe nur als Ziel hätten, Alec und sein Gefolge zu zerstören, ohne auf den eventuellen Verlust Renesmees zu beachten. Doch Jacob hat ihnen allen nahe gelegt, dass Renesmee unantastbar ist.
Nach langem überlegen nickt mir Scott zu. Ich will einfach nur Renesmee zurück. Sie fehlt mir mehr als alles andere. Ohne sie hätte alles kein Sinn mehr für mich.
„Du stehst nicht allein da, mein Sohn."
Es fiel mir nicht schwer, diese Worte zu sagen, denn dieses Gefühl steckt schon länger in mir. Deshalb ist der Rest der Familie auch nicht so überrascht darüber, wie Scott selbst.
Meinst du das wirklich?
Ich nicke ihm nur als Antwort und versuche ihm ein halbwegs positives Lächeln zu schenken. Bella steigt kurzerhand von Jacob ab und umarmt Scott.
„Wie Renesmee es dir jeden Tag predigt. Du gehörst zur Familie, Scott. Und wir lieben dich."
Ich will die Familienfeier nicht stören, aber wir sollten weiter gehen. Es dämmert bald. Und wir sollten vorher mein Haus erreichen, um noch alles zu besprechen. Bella sollte ihr Schild so langsam ausfahren.
Jacob erweist sich heute mal wieder als wahrer Alpha Wolf. Er weiß in einen Kampf zu gehen und seine Leute anzuweisen.
Wir laufen weiter. Bella hat längst ihr Schild über uns gelegt, damit wir vor Alecs Kraft in Sicherheit sind. Aber ich habe Angst, dass Bella ihr Schild auflösen könnte, wenn Renesmee vor ihr steht. Sie mag in den letzten Jahren an mentaler Kraft gereift sein. Aber wenn es um unsere Tochter geht, kann Bella sich nicht kontrollieren.
Es hat sich nicht viel verändert in La Push. Jacobs rotes Haus hat an Farbe verloren, das Dach wurde mehrmals geflickt. Da frag ich mich, woher er die 4000 Dollar für die Reise hat, aber kein Geld, um das Dach zu reparieren. Aber es ist Jacob Black. Da weiß man nie.
Jacob verwandelt sich zurück in einen Menschen, als die Tür des Hauses aufgeht. Hinaus wird Billy Black geschoben, seine Haare mittlerweile grau, sein Gesicht gezeichnet mit Falten. Hinter ihm steht eine Frau, die, bis auf ihre dunkle Haut, Bella zum Verwechseln ähnlich sieht.
Er sieht mich an und zuckt nur mit den Schultern. Was soll ich sagen? Ich hatte echt verdammtes Glück.
An jedem anderen Tag wäre es Bella aufgefallen, doch heute, kann sie sich nicht mal richtig freuen, Billy zu sehen.
Dennoch begrüßen sich die beiden Frauen herzlich. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht, denn ich nehme den Geruch von Vampiren wahr. Sehr vielen Vampiren.
Paula schiebt Billy zurück ins Haus, kommt zurück und verwandelt sich überraschend ebenfalls in einen Wolf. Ihr Fell ist heller als das der Anderen. Unverkennbar. Wie Bella an meiner Seite, stellt sie sich zu Jacob.
Alle sind bis zur letzten Faser gespannt. Ich schaue nach links, wo die Denalis stehen und in den Wald blicken. Ihre Gesichter unergründlich. Ihre Gedanken voller Furcht, was jetzt kommen möge. Schon allein das macht mir Sorgen.
Meine Familie steht um mich herum. Jeder neben seinem Partner. Bis auf Scott, der am ganzen Körper bebt. Seine Gedanken zeigen mir, wie er sich zügelt, nicht Richtung Wald zu laufen. Alice Gesicht habe ich noch nie so ernst gesehen, Carlisle noch nie so besorgt.
Aber alle Gedanken zeigen mir das gleiche. Sie wollen Renesmee zurück. Koste es, was es wolle.
„Sie kommen näher", lasse ich alle wissen.
Wie erwartet kann ich keine der Gedanken lesen. Dennoch fließt etwas durch.
Hallo Daddy. Es sind Renesmees Gedanken.
Aber es ist nicht ihre typische kindliche Stimme, die in mir klingt. Und noch etwas ist anders. Kein Herzschlag.
Es bestätigt sich also. Renesmee ist kein Halbvampir mehr. Aber was mich am meisten schockt, sind ihre glühenden roten Augen, die mich samt eines fiesen Grinsens, aus weiter Entfernung anstarren.
So ist es Gewissheit. Renesmee ist nun auf der Seite von Alec und sieht nicht so aus, als ob sie einen Kampf gegen uns scheuen würde. Und auch nicht davor zurückschrecken wird, einen von uns, ihrer Familie, zu töten.
TBC
