Das Ende

Bellas POV

Die letzten Tage, Stunden vergingen bei mir wie in Trance vorrüber. Wie in einem schlimmen Albtraum musste ich mit erleben, wie sich meine eigene Tochter gegen mich abwandte und das Leben bei uns als eine Qual ihrer selbst ernannte. Das traf mich hart.

Aber gleichzeitig erkannte ich, dass es nicht meine Tochter war, die mir und meiner Familie diese Worte entgegen brachte. Das war nicht meine kleine, süße Renesmee. Es mag ihr Körper gewesen sein, aber ihre Seele war es nicht. Diese war vergiftet und dunkel. Nicht mein kleines Mädchen.

Ich weiß, sie ist längst erwachsen, doch für mich wird sie immer meine Kleine bleiben. Möchte sie immer beschützen und ihr beratend als Mutter beistehen.

Als Chelsea uns erklärte, dass Renesmee manipuliert wurde und Edward auch noch erzählte, dass sie vermutlich tatsächlich vergiftet wurde, flammte in mir wieder Hoffnung auf, denn für einen Moment hatte ich wirklich aufgegeben.

Wie Renesmee mich mit ihren wütenden, glühend roten Augen ansah und uns sagte, dass nun die Casottis ihre neue Familie sei, wollte ich nichts mehr, als sterben. Aufgeben, denn ohne Renesmee wäre es für mich kein Leben mehr und danach sah es aus. Doch die Hoffnung starb nicht. Und als Vampir um Vampir eintrafen, um Alec und sein Gefolge zu vernichten, wurde ich von Minute zu Minute zuversichtlicher.

Es zeigte aber auch immer wieder den Ernst der Lage. Nie würden sich sonst diese diversen Zirkel den Volturi anschließen. Auch ich hätte nie gedacht, mal an der Seite von Aro zu kämpfen. Doch wir haben alle das selbe Ziel. Alec zu vernichten. Wobei mein größtes Ziel natürlich ist, Renesmee zu befreien. Doch will sie überhaupt befreit werden?

Hoffentlich wird es Chiara gelingen, Chynas Machenschaften mit Rensmee rückgängig zu machen. Dabei ist es mir egal, was es für Folgen hat. Wichtig ist, sie von diesem Fluch zu befreien. Mit den Nachwehen werden wir uns danach beschäftigt. Und das werden wir auch schaffen, denn eine ganze Familie wird mir dabei helfen, Renesmee die Schuldgefühle zu nehmen, die sicher aufkommen werden, sobald sie realisiert, was sie getan hat.

Denn bei einem bin ich mir sicher. Meine Renesmee Carlie hätte so etwas nie getan. Sie konnte doch nicht mal ein Tier töten, um an ihr Blut zu kommen und jetzt erledigt sie einen Wolf, ohne mit der Wimper zu zucken und ernährt sich auch noch von Menschenblut, die sie selber tötet. Das wird noch eine sehr harte Zeit. Doch wir werden diese überwinden.

Edward drückt meine Hand, als wir gemeinsam durch die verschiedenen Bundesstaaten laufen. Er muss gemerkt haben, dass ich so in meinen Gedanken vertieft war. Und als er mir sein, bei mir so geliebtes, Lächeln aufsetzt, weiß ich, dass wir es schaffen werden. Der Rest der Familie, die neben uns laufen, lassen mich ebenfalls wissen, dass wir Renesmee wieder gewinnen werden und beseitigen meine letzten Zweifel.

Irgendwann stoppt der ganze Trupp von hunderten Vampiren, angeführt von Aros Vampiren und denen der Rumänen. Wer hätte das gedacht, dass diese unterschiedlichen, sonst so verfeindeten Zirkel miteinander auskommen und für das gleiche Ziel kämpfen.

Wir müssen ganz in der Nähe sein, denn die gegnerischen Vampire sind zu hören. Wie auch die Wölfe, die angriffswütig knurren und kampfbereit sind. Jacob hat Schwierigkeiten, sie im Zaum zu halten.

„Edward, junger Freund, kannst du etwas wahrnehmen?", fragt Aro.

Ich schau hoch zu Edward, der die Augen geschlossen hat und sich zu konzentrieren scheint. Dabei traue ich mich nicht, mich zu bewegen, um ihn dabei eventuell zu unterbrechen. Denn ich weiß, wie schwer es für ihn ist, bei so vielen Vampiren in der näheren Umgebung, die Gedanken jedem Einzelnen zuzuordnen.

„Die Gedanken sind immer noch durch Renesmees Schild geschützt. Aber ich kann Renesmees Gedanken wahrnehmen. Verschwommen, aber ich kann sie erreichen. Die Vampire sind in Aufruhr, aber kampfbereit. Es sind hunderte. Aber sie sind geschwächt", sagt Edward, öffnet die Augen und lächelt siegesgewiss in die Runde.

Ich kann ihn nur irritiert anstarren, wie auch alle Anderen um uns herum.

„Felix, du hast Alec ordentlich erwischt. Er ist noch immer geschwächt und kann seine Fähigkeit nicht anwenden. Aber wir müssen uns beeilen, denn er kommt nach und nach wieder zu Kräften", ballt er seine Hände zu Fäusten und starrt in die Richtung, in die wir müssen.

„Wo ist Renesmee, Edward?", fragt Carlisle.

„Bei Alec. Es wird schwer werden, zu ihnen zu gelangen, denn sie werden von den stärksten Vampiren ihres Clans geschützt. Renesmee weiß nicht warum, aber ich gehe davon aus, dass Chyna weiß, was wir vor haben, dass wir ihre Taten durch Chiara rückgängig machen wollen, um Renesmee wieder zu sich selbst zu machen."

„Es wird also ein schweres Unterfangen", bemerkt Alistair.

„Aber kein unmögliches", ist sich Aro sicher.

Es bildet sich ein Führungstrio, bestehend aus Aro, Alistair und Eleazar. Erstaunlicherweise hatte niemand ein Problem damit. Geschickt teilen sie die Vampire auf.

„Benjamin, Garrett, Felix und Demetri, ihr bildet sie Vorhut vor den Cullens, Chelsea und Chiara. Sie müssen unbeschadet zu Alec und Renesmee gelangen. Die Wölfe werden eure Flanken decken, sowie die Denalis euch den Rücken frei halten", kommt es von Alistair.

„Aber ich will mir auch welche von diesen Bastarden vornehmen", kommt es von Emmett grummelig.

Daraufhin kommt Aro auf ihn zu und legt ihm eine Hand auf die Schulter.

„Emmett, ich kann sehen, wie es dich reizt, ebenfalls in die Schlacht zu gehen. Aber du und deine Familie, ihr werdet gebraucht. Jeder einzelne von euch ist nun wichtig, um Renesmee wieder zu ihrem wahren Ich zu führen. Wir können daher keines eurer Leben riskieren. Es wird leider kein Kampf ohne Verluste werden. Und ich denke, Felix wird gerne für dich den einen oder anderen zur Strecke bringen", sagt er in Richtung Felix.

Dieser nickt unserem kräftigen Vampir mit einem kampfeslustigen Grinsen zu. Man hört Rosalie laut vor Erleichterung ausatmen, als Emmett ebenfalls nickt und dem Befehl von Aro gehorcht.

„Macht sie fertig", knurrt er den Vampiren zu, die kämpfend in die Schlacht gehen werden, um Alecs Gefolge zu vernichten und seinen Plan, die Welt an sich zu reißen, endgültig zu zerschlagen.

Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, wie viele Vampire heute vernichtet werden. Ich kann nur beten, dass es keinen auf unserer Seite treffen wird. Doch das scheint schier unmöglich zu sein. Und so egoistisch es klingen mag, hoffe ich am meisten, dass meiner Familie nichts passiert. Denn auch wenn wir unser Ziel erreichen sollten und Renesmee wieder auf unserer Seite sein sollte, würde die Familie einen weiteren Verlust nicht verkraften. Deshalb bin ich Aro, Alistair und Eleazar über ihre Entscheidung sehr dankbar, auch wenn sie es aus einem anderen Grund machen, als ich es sehe.

Bevor es weiter geht, stellt sich Aro auf einen Felsen und richtet sich an alle Anwesenden.

„Ladies, Gentlemen, Wölfe. Am heutigen Tag gehen wir in einen Krieg, wie wir ihn bisher nie geführt haben. Verschiedene Spezies schlossen sich zusammen, sowie verfeindete Vampir-Zirkel", schaut Aro in die Runde und blickt einzelne Clans an, mit denen er jahrelang verfeindet war.

„Diese Konstelation gab es nie und wird es nie wieder geben. Jeder wird danach wieder seinen eigenen Weg gehen. Doch heute müssen wir eine Einheit bilden, um unsere Rasse zu retten, denn diese Individuen, gegen die wir heute kämpfen, weigere ich mich, zu unserer Art zu zählen."

„Es ist mir eine Ehre, mit euch an der Seiten zu kämpfen und ich danke euch für das Vertrauen in mich und meinen Clan. Gemeinsam werden wir diesen Krieg beenden und wieder zusammen bringen, was zusammen gehört", dabei blickt Aro in unsere Richtung, besonders in meine Augen.

Ich mochte diesen Mann nie, doch der heutige Tag ändert alles. Seine Ernsthaftigkeit ist deutlich in seinen Augen zu erkennen. Sie haben fast etwas entschuldigendes, als würde er dafür mitverantwortlich sein. Doch ich kann ihm keine Schuld geben, denn wir wissen alle, dass es ganz alleine Alecs Werk war.

„Nieder mit den Casottis", brüllt Vladimir an forderster Front.

„NIEDER MIT DEN CASOTTIS", schreien danach alle zusammen und laufen los.

Jeder hat seine Aufgabe. Unsere besteht momentan darin, heile zu Renesmee zu gelangen, Chiara ihr Werk vollbringen zu lassen und Renesmee danach beizustehen. Denn jeder hat gesehen, was passieren kann, wenn Renesmee die Kontrolle verliert. Janes Tod ist das beste Beispiel.

Und diese Macht schlummert nun mal in meinem Kind. Aro befürchtet, wenn Renesmee einen Zusammenbruch erleiden würde, sie die Kontrolle über all ihre Fähigkeit verlieren könnte und dabei uns alle tötet.

Nach einigen Kilometern kommt uns die erste Vorhut der Cassotis entgegen. Jede Menge Neugeborene, doch die erfahrenen Vampire in unseren Reihen haben keine Probleme mit ihnen und beseitigen sie, wie lästige Fliegen. Als einer von der Seite angreift, bleibt er bei Jacob und Paul hängen, die ihn mit Leidenschaft, aber auch mit wütender Trauer um ihre Brüder, vernichten und sich wieder zu uns zu unserem Schutz gesellen.

Jasper und Emmett juckt es wirklich, in das Kampfgeschehen einzugreifen. Beide haben ihre Fäuste geballt und werden nur von ihren Frauen zurückgehalten. Dabei müssen Alice und Rosalie wirklich alles geben, um ihre beiden zu beruhigen. Anders, als Carlisle und Esme. Die Großeltern meiner Renesmee.

Sie wissen, worauf es gleich ankommen wird und konzentrieren sich nur auf ihre Enkelin und den Schaden, den wir gleich beheben müssen, wenn es klappt an Renesmee zu kommen.

Um Edward mache ich mir am meisten Sorgen. Ich weiß, er möchte am liebsten jeden Einzelnen vernichten, der zu den Casottis gehört, genau wie er seine Tochter befreien will und sie trösten möchte, wenn es soweit ist. Und Scott geht es genauso.

Mein Fokus gehört nur Renesmee. Was um mich herum passiert, ist mir fast egal. Im Nachhinein werde ich mich dafür schämen, doch einzig meine Tochter zählt jetzt für mich. Ihre Befreiung, ihre Entgiftung und ihre Tröstung. Denn ich weiß, wie sehr sie mich dabei braucht. Deshalb bin ich stark und sammle all meine Energie nur für sie.

Weiter vorne wird Stefan zu Boden gerissen von zwei Vampiren. Doch sogleich sind Peter und Vladimir bei ihm. Auf der anderen Seite kämpft die kleine Maggie, gemeinsam mit den Amazonen. Ein begeisterndes Schauspiel, den Amazonen zuzusehen, wie sie trotz der Gewalt einen eleganten Kampf austragen.

Aro hat veranlasst, dass Renata und ich unser gemeinsames Schild nur um uns Cullens, Renata, Chiara und Chelsea legen, da er befürchtet, dass uns bei einem größerem Schild irgendwann die Kraft ausgehen würde. Er selbst ist dabei schutzlos. Doch es ist ihm wichtiger, uns unbeschadet zu unserem Ziel zu bringen.

Es dauert nicht lange und wir sind mitten in einer Schlacht im Hauptquartier der Cassotis. Wir sind tief in den Wäldern, doch ich bin ich mir nicht sicher, ob man diesen Krieg nicht doch im nächsten Dorf hören könnte, das da 35 km entfernt ist.

„Sie sind dort drüben", deutet Edward auf ein kleines Haus.

Vor dem Haus stehen zwanzig kampfbereite Vampire. Levin kann ich auch erkennen. Nur diesmal hat er nicht dieses siegesgewisse Grinsen auf seinen Lippen.

„Er hat Schiss", freut sich Jasper.

„Wir müssen uns beeilen. Ich konnte durch Renesmee wahrnehmen, dass Alec wieder zu Kräften kommt", berichtet Edward und sofort bewegen wir uns schneller vorwärts.

Und schon beginnt der große Kampf. Selbst Aro, Alistair und Eleazar kämpfen mit, was Carlisle erstaunt und auch ich mit überraschtem Blick wahrnehme. Doch plötzlich werden sie weggeschleudert. Levin. Er hat sie mit einer Handbewegung einige hundert Meter weiter befördert und grinst nun wieder. Doch ein anderer grinst ebenfalls.

Benjamin. Er hat sich völlig auf Levin konzentriert. Und wie aus dem Nichts taucht ein Tornado auf, wütet über die restlichen Vampire und reißt sie mit sich. Auch Levin kann sich daraus nicht befreien.

„Den sind wir erstmal los", lächelt Benjamin.

„Gut gemacht", lobt ihn Demetri.

Nun ist unser Weg frei. Gespannt und mit einer gewissen Portion Angst, treten wir duch die Tür. Hinter uns folgen mittlerweile wieder Aro, Alistair und Eleazar. Drinnen sehen wir das fast erwartete Bild. Noch immer nicht ganz bei Kräften, sitzt Alec auf einem Sessel. Hoffentlich wird er lange leiden. Neben ihm stehen Chyna und Renesmee, welche ihr schützendes Schild um die drei gelegt hat.

„Renesmee", haucht es über meine Lippen, ohne es gewollt zu haben.

Sie reagiert sogar darauf, doch ihr Blick auf mich ist einzig hasserfüllt, als würde sie mich jeden Moment töten wollen.

„Du bist zu weit gegangen, Alec. Dein Größenwahn hat dich verrückt gemacht", wütet Aro.

„Sprich nicht so mit ihm", zischt Renesmee zurück.

„Ihr werdet Renesmee nicht bekommen. Sie gehört zu mir", versucht Alec vergeblich, gefährlich zu klingen.

Alec reicht Renesmee seine Hand, welche sie liebevoll annimmt und mir den Magen zusammen schnürt. Scott muss es das Herz brechen, die beiden so innig zu sehen, wissen wir doch alle, dass Scott und Renesmee zusammen gehören.

„Jetzt", ruft Alistair plötzlich und fast im selben Moment knallt ein Blitz auf das Schild von Renesmee. Es flackert für einen Moment auf und der reicht, dass Garett und Aro sich auf Renesmee werfen. Ich möchte am liebsten dazwischen. In diesen Plan waren wir nicht eingeweiht. Die Anderen werfen sich auf Alec und Chyna. Letztere sind ein leichtes Spiel, doch meine Tochter wert sich vehement und kann sich aus den Klauen Garretts und Aros befreien. Doch sogleich sind Emmett, Jasper und Carlisle zur Stelle.

Mir schmerzen die Augen vor ungeweinten Tränen, als ich sehe, wie sich Renesmee gegen ihre Familie wehrt. Es benötigt sechs ausgewachsene Vampire, um sie einigermaßen in Schach zu halten.

„Lasst mich los", schreit Renesmee und windet sich hin und her.

Ein Ellbogen landet in Felix Gesicht, der sich arg zusammenreißen muss, um Renesmee nicht dafür büßen zu lassen, was der protzige Volturi sich sonst nie hätte nehmen lassen.

„Geht weg von ihr. LEVIN!!!", brüllt Alec, der von Peter und Afton festgehalten wird.

„Der wird sich noch ne Weile drehen", lacht Benjamin von draußen.

„Aaaaaaaaaaarrrr", schreit Renesmee und schafft es fast, sich zu befreien.

Sie ist kräftiger, als unsere sechs stärksten Vampire zusammen. Was haben sie nur mit meiner Tochter gemacht?

„Chiara. Dein Einsatz. Lange können wir sie nicht mehr halten", ruft Aro unter den Windungen Renesmees.

Scott steht wie angewurzelt neben mir und Edward. Er ist nicht minder geschockt wie wir. Sein Blick verrät mir, dass er seine Freundin kaum wiedererkennt. Aber es ist sie, mit einer ganz anderen Persönlichkeit.

Chiara bewegt sich auf sie zu und um so näher sie Renesmee kommt, werden Chynas Prosteste lauter und schafft es fast, ihre Inschachhalter von sich zu lösen, bis Edward aus seiner Starre erwacht, auf sie zu rennt und auf sie einschlägt, bis sie benommen niederfällt und von Demetri und Dolton wieder festgehalten wird. Esme versucht, ihn zu beruhigen, denn ich stehe wie festgenagelt auf meinem Platz und blicke in die rasenden Augen meiner Tochter.

„Haltet sie gut fest", sagt Chiara und legt eine Hand in Renesmees Nacken.

Diese scheint sich ihrem Schicksal gefügt zu haben, denn ihre Anstrengungen, sich aus dem Griff der Männer zu befreien, lässt nach. Ihr Blick haftet nun nicht mehr auf mir, sondern auf Scott.

„Gehe näher zu ihr", kommt es von Edward.

„Sie hat ihn erkannt, dass Band wird wieder stärker. Es muss daran liegen, weil Chyna geschwächt ist", lässt Chelsea verlauten.

„Sie hat aufgegeben, denn sie weiß, dass etwas nicht stimmt. Mach weiter Scott. Denk an eure schönsten Momente. Sie versucht, deine Gedanken zu lesen", sagt Edward und ich sehe Hoffnung in seinen Augen schimmern.

Scott steht mittlerweile neben Chiara, die ihre andere Hand auf Renesmees Stirn legt. Im ersten Moment geschieht nichts. Doch dann windet sich Renesmee wieder. Allerdings nicht, um sich zu befreien, sondern vor Schmerz.

„Was tust du ihr an", schreie ich Chiara an.

„Es tut mir leid, Bella, aber es geht nicht anders. Gleich ist es vorbei."

Verschwommen können wir hinter Renesmee sehen, wie Chyna Renesmee immer und immer wieder manipulierte und sie von Tag zu Tag ihre Seele verlor. Nach einigen Minuten, die wie Stunden vergehen, sackt Renesmee, wie auch Chiara, zusammen.

Chelsea sprintet zu ihrer Schwester, während wir Cullens uns um Renesmee kümmern. Aro, Eleazar und Garett treten zur Seite, um uns Platz zu machen. Carlisle, der Renesmee in den Armen hält, übergibt sie mir und ich kann sie endlich wieder in meine Arme schließen. Das Gefühl ist unbeschreiblich, aber ich bin vor allem erleichtert.

Egal, was noch kommen mag, ich habe sie wieder. Das Erste, was mir auffällt, nachdem ich es wirklich glaube, dass Renesmee wieder bei uns ist, ist ihre kalte Haut. Ich spüre eigentlich nicht, dass sie kalt ist, aber ich würde es spüren, wenn sie noch so warm wäre, als sie noch ein Halbvampir war. Auf einen Herzschlag warte ich vergebens.

Sie liegt in meinen Armen, als wäre sie tot. Aber das ist sie ja auch. Es wird einige Zeit dauern, mich daran zu gewöhnen.

„Sie wacht gleich auf. Chelsea? Könntest du?", fragt Edward.

„Aber natürlich."

Ich brauche einen Moment, bis ich spüre, was Edward von ihr wollte. Meine Liebe zu Renesmee wird immer stärker, auch wenn es kaum möglich ist, dies zu steigern. Chelsea muss das Band, was zwischen uns und Renesmee zerrissen wurde, wohl wieder schließen.

Meine Familie um mich herum lächelt leicht auf uns nieder und zeigt mir, es geht ihnen genauso. Nun können wir nur alle hoffen, dass es auch bei Renesmee wirkt.

Mein Blick richtet sich wieder auf die Augen meiner Kleinen, die zu flattern beginnen. Ich kann Jaspers Kraft spüren, um Renesmees aufkommende Panik erst gar nicht ausbrechen zu lassen. Dabei bekomme ich Panik, als ich Renesmee blutrote Augen sehe. Als hätte Carlisle meine Gedanken gelesen, äußert er sich dazu.

„Es ist normal, dass ihre Augen rot sind. Schließlich hat sie sich von Menschenblut ernähert. Sobald sie sich unserer Art der Ernährung anschließt, wird es sich wieder ändern", schafft er es, mich etwas zu beruhigen.

„Mom?", kommt es über die blassen Lippen meiner Tochter.

Ich blicke ihr tief in die Augen, die mich nun nicht mehr schocken und sehe sie liebevoll an. Allein nur das eine Wort treibt mir nicht laufen wollendene Tränen in die Augen. Mir entweicht ein Schluchzen und ich kann genau spüren, wie sich Esme, Alice und Rose ebenfalls zusammenreißen.

„Ich bin hier, mein Schatz. Ich bin hier, genau wie dein Dad, Scott, deine Tanten und Onkel, so wie deine Großeltern. Es wird alles wieder gut, Baby-Girl."

So wollte ich sie immer wieder als Baby nennen. Doch ich bekam nie die Chance dazu. Ihr Gesicht zeichnet Schmerz und Leid aus, allerdings nicht körperlich. Sie realisiert so langsam, was geschehen ist. Vor allem, was sie getan hat.

„Ich-ich bin ein Monster", wispert sie sehr leise, doch niemand überhört es.

Man hört nur noch die letzten Versuche von Chyna und Alec sich aus ihrer Umklammerung zu befreien. Alle Blicke sind auf mich und Renesmee gerichtet. Edward hat sich zu uns runter gekniet und streicht seiner Tochter immer wieder sanft über die Wange.

„Du bist kein Monster, Renesmee. Denn du warst nicht du selbst. Wir wissen alle, dass du nie zu so was in der Lage gewesen wärst", sagt er ihr liebevoll und der ganze Raum begibt sich in ein rhytmisches Nicken.

Selbst die Volturi, Denalis und Alistair sind sich da einig, dass Renesmee kein bestlialisches Monster ist. Sie ist nicht das, wonach sie sich gerade fühlt.

„Was hab ich nur getan, Dad?", diesmal schaut sie ihren Vater gepeinigt an.

„Du hast gar nichts getan, Carlie. Du warst nur ein Werkzeug dieser saditischen Bestie. Nie würdest du so etwas freiwillig tun", kommt es diesmal von Scott, der ihr beruhigend ans Knie fast.

„Ich…."

„Es sind so viele. Sie kommen von allen Seiten. Hunderte. Das können wir nicht schaffen", kommt Liam plötzlich ins Haus gestürmt.

Sein ganzer Körper vom Kampf gezeichnet. Wir lauschen dem Treiben rund ums Haus. Es sind tatsächlich weitere hunderte Vampire zu hören, von denen, nach seinem Gesicht zu urteilen, nicht einmal Aro wusste.

Ich helfe Renesmee auf, als sie versucht aufzustehen. Noch immer etwas wackelig auf den Beinen, stemmt sie sich auf Edwards und meiner Schulter und wir gehen hinaus. Dabei blicke ich auf Alec, dessen Gesicht wieder ein dämliches Grinsen zeichnet. Dafür kassiert er sich einen mächtigen Hieb von Emmett ein, der wütender nicht aussehen kann.

Als wir draußen ankommen, sind wir umkreist von etlichen Vampiren. Unmöglich, daran vorbei zu kommen, unmöglich, sie zu vernichten, um diesen Krieg zu beenden.

„Tja, ja. Ihr habt doch nicht wirklich geglaubt, dass ich es so einfach mache, oder? Renesmee war nur ein kleines Vergnügen für mich. Sie ist viel zu labil, zu lieb für solch eine Mission. Chyna musste alles geben, um ihr das Böse einzutreiben", grinst Alec teuflisch.

Ich kann spüren, wie in Renesmee die Wut aufsteigt, denn ihr Körper bebt. Auch Edward muss von Carlisle gestoppt werden, um Alec nicht den Hals umzudrehen.

„Du wirst büßen, für das, was du getan hast", sagt Renesmee giftig mit einem Blick, der mir wieder Angst macht und ich mich frage, ob Renesmee uns getäuscht hat.

Aber da Edwards Blick zwar hart bleibt, aber Renesmee gewähren lässt, als sie sich von uns löst und auf Alec zu geht, versiegt diese Angst.

„Es wird das letzte Mal sein, dass du meiner Familie geschadet hast", zischt sie und haut Alec so kräftig auf die Schläfe, dass er in die Knie sackt.

Emmett ist so begeistert, dass er wie sonst Alice aufgeregt mit den Füßen scharrt. Allerdings verstummt er, als Renesmee wild entschlossen auf Benjamin zugeht. Die gegenerischen Vampire kreisen uns immer enger ein. Die Wölfe jaulen weit entfernt, wo sie sicher von anderen Vampiren in Schach gehalten werden.

Benjamin ist ganz entsetzt, als Renesmee energisch auf ihn zu geht und seine Hände greift.

„Vertrau mir", sagt sie ihm.

Und als würde Benjamin sie Jahre kennen, nickt er. Tia, Benjamins Frau ist nicht halb so vertrauenswürdig in Renesmee, aber beugt sich ihrem Mann, welchem sie ihr Leben anvertraut. Sie gesellt sich zu Ammun und Kiba, die sie tröstend in die Arme nehmen.

„Sie werden es schaffen", sagt Alice mit einem Lächeln auf den Lippen.

Aber vorerst wird es dunkel, als ziehe ein Strum auf. Ein heftiger, wilder Sturm. Oh nein. Ich erinnere mich, als dies das letzte Mal geschah. An diesem Tag starb Alecs Schwester. Würde dies also seine Vernichtung sein? Zumindest befürchtet es der Besagte.

„NEIN! So war das nicht geplant. Du solltest sie zerstören. SIE. RENESMEE!!! Du…", doch er kam nicht dazu auszusprechen, was immer er auch wollte.

„Danke, Felix", kommt es von Jasper, da Felix Alec erneut das Maul stopfte.

Benjamin und Renesmee blicken sich tief in die Augen. Ihre Hände eng miteinander verbunden, fangen sie an zu beben. Blitze schlagen plötzlich in den Boden neben uns.

„Lasst Alec und Chyna los", knurrt Renesmee.

Dieser muss glauben, dass sie erneut ein falschen Spiel treibt und wieder auf seine Seite kämpft, bis mehrere Blitze in die Mengen der gegnerischen Vampire treffen und sie genauso enden, wie Jane damals. Voller Erfurcht verfolge ich, wie einer nach dem anderen zerstört wird.

Die Wölfe gesellen sich wieder zu uns, denn ihre ‚Wachen' sind vernichtet. Ich weiß nicht, wie die beiden es tun, aber es werden tatsächlich nur die Gegner erledigt. Einer nach dem Anderen verwandelt sich in Asche, die sich durch den Sturm in der Luft verteilt und davon fliegt.

Unsere Gruppe schaut dem Treiben weiter zu. Der Eine mit Entsetzen, wie Alice und Esme, der Andere mit Sorge, wie Edward und Carmen, oder voller Stolz und Erstaunen, wie Aro und Emmett. Ich zähle mich zu der Gruppe der Besorgten, denn ich weiß, wie sehr dieser Akt an Renesmees Kräften zerren wird und wie lang ihre Genesung beim letzten Mal dauerte.

Im Halbsekundentakt schlagen die Blitze nun ein. Selbst die fliehenden Vampire werden getroffen. Irgendwann sind nur noch Chyna und Alec übrig. Levin muss längst vernichtet worden sein. Mittlerweile hat es begonnen zu regnen. Unsere Kleidung ist völlig durchnässt. An Bejamins und Renesmees Nasen tropft der Regen hinab.

Zum ersten Mal, seit sie mit Benjamin verbunden ist, löst Renesmee den Blick und richtet ihn an Alec und Chyna.

„Chelsea, Chiara, tut doch was. Sie wird mich umbringen. Ich bin doch eure Schwester", fleht Chyna.

„Du warst unsere Schwester, Chyna. Was du getan hast, können wir dir nie verzeihen. Anders, als Renesmee, warst du jede Minute bei klarem Verstand und dir war bewusst, was du da tust", wütet Chelsea.

Chiara hat ihren Blick gen Boden gerichtet. Als Älteste sollte sie die Situation beruhigen und ihrer kleinen Schwester Chyna beistehen. Doch sie kann es nicht. Ihr ist bewusst, dass Chyna immer der falschen Seite angehören würde.

„Es tut mir leid", sagt sie und wendet sich an Renesmee.

„Tu es."

„NEEEEEEEEIN!", und puff ist Chyna nur noch Asche.

Ich kann es noch immer nicht gutheißen, wenn jemand getötet wird, doch bei Chyna löst es ein angenehmes Gefühl in der Magengegend aus. Erleichterung, Befriedigung. Frohsein auf alle Fälle, dass diese Kreatur, die aus meiner Tochter eine andere, bösartige Persönlichkeit gemacht hat, vernichtet wurde.

Da war es nur noch Alec. Sein Tod ist ihm gewiss, seine Bemühungen zu fliehen, kommen nicht mehr auf.

„Ihr denkt, ich bin ein Monster? Was hat sie getan? Sie hat nun hunderte auf ihrem Gewissen. Meine Schwester, eure Schwester", blickt er zu Chelsea und Chiara, welche in den Armen ihrer Schwester leise weint.

„Renesmee Cullen ist nicht das zahme Lahm, wie ihr es alle glaubt. Seht sie euch doch an. Ihr seid ihre nächsten Opfer", und das sind Alecs letzte Worte, bis der Blitz in ihm einschlägt.

Und kaum ist es passiert, löst sich das Wolkenfeld. Die Sonne erscheint, die Vampire beginnen zu glitzern. Wie in Zeitlupe verfolge ich dann, wie Renesmee und Benjamin zu Boden sacken. Edward fängt sie auf und wiegt sie in seinen Armen. Tia kümmert sich dabei liebevoll um ihren Mann.

„Lasst uns nach Hause fahren. Es wird einige Tage dauern, aber sie werden wohlerhalten wieder aufwachen", spricht Alice.

Ich sehe sie dabei flehend an, weil ich es fast nicht glauben kann.

„Versprochen, Bella. Sie wird wieder aufwachen und dann beginnen wir mit ihrem Seelenheil", sagt sie und umarmt mich.

„Wir werden wieder eine Familie", flüstert sie in mein Ohr.

Ich schaue in ihre Augen, um zu sehen, ob sie es gesehen hat, in der Zukunft. Und als könnte sie meine Gedanken lesen, nickt sie mir zu.

Wir werden wieder eine Familie.

TBC