Zeit heilt alle Wunden

Bellas POV

Wir haben es geschafft.

Nein. Nicht wir haben die Casottis zu Geschichte werden lassen. Das haben wir nur Renesmee und Benjamin zu verdanken. Durch die Vereinigung ihrer Kräfte wurde Alec und sein Gefolge vernichtet. Renesmee ist wieder frei. Doch ist sie es wirklich?

Ich kenne meine Tochter nun gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt Gefangene ihrer selbst ist. Sie wird nicht verkraften, dass die Vernichtung hunderter Vampire auf ihren Schultern lastet. Aber ohne diesen drastischen Akt wären wir die gewesen, die vernichten worden wären.

Wir, das heißt Edward, Carlisle, Renesmee und ich, sind den Denalis nach Alaska gefolgt. Amun, Kebi, Benjamin und Tia haben sich ebenfalls angeschlossen, denn Benjamin und Renesmee sind selbst noch bewusstlos, als wir das Denali-Schloss erreichen.

Edward trägt unsere Tochter in das Zimmer, welches mal unseres war. Es ist eines der wenigen Zimmer, die nicht zerstört wurden. Überhaupt ist das Domizil der Denalis nicht mehr wieder zu erkennen.

Benjamin ist nur ein Raum weiter. Der ägyptische Zirkel ist noch immer geschockt von den Ereignissen und voller Sorge um ihren Gefährten. Ich frage mich, ob sie uns verurteilen, für das, was passiert ist. Auch wenn Tia mir immer wieder aufmunternd zulächelt, weiß ich, dass zumindest Amun nicht davon erfreut war, dass Renesmee Benjamin benutzte, um alles zu beenden.

Aber um seine Belange kann ich mich jetzt nicht auch noch sorgen, denn meine Tochter braucht mich. Und sie wird meine volle Aufmerksamkeit bekommen.

Der Rest der Familie ist nach Highlands gereist, um unser Hab und Gut zu holen. Es wird allen schwer fallen, unser liebgewonnenes Zuhause wieder zu verlassen. Vor allem für Scott und Renesmee, die endlich Glück fanden in dieser Stadt.

Doch anders als Scott, der gleich nur von Tieren trank, hat Renesmee von Menschen getrunken. Lang genug, um so schnell nicht mehr davon abzukommen. Auch wenn sie sich am Ende unter Kontrolle hatte, ist sie noch immer ein neugeborener Vampir. Es ist für sie unmöglich, in nächster Zeit eine Schule zu besuchen. Und ich weiß, dass sie es nicht verkraften würde.

Sie hat gerade genug auf ihrem Gemüt, was sie bewältigen muss.

Im Schloss beginnen die Aufräumarbeiten. Die ersten Stunden wachen Edward und ich gemeinsam am Bett unserer Tochter, doch wir sind uns einig, dass wir den Denalis nicht zuschauen können, während sie ihr Zuhause wieder herstellen, welches durch unseren Einfluss zerstört wurde. So bleibe ich bei Renesmee und Edward hilft den Anderen, während Carlisle abwechselt bei Renesmee und Benjamin ist.

Vor wenigen Minuten, so berichtet mir Carlisle, ist Benjamin aufgewacht. Noch geschwächt, aber es geht ihm immer besser. Carlisle versucht mir damit Mut zu machen, aber so lange ich nicht endlich die geöffneten Augen meiner Tochter sehe, kann ich nichts mehr positiv sehen.

„Sie wird schon wieder, Bella. Hab Vertrauen", versucht Carlisle mich aus meiner Lethargie zu reißen.

„Wird sie wirklich? Ich meine, wird sie wieder meine Renesmee?", sehe ich ihn flehend an.

Seine Augen zeigen die gleiche Trauer der meinen. Das scheine ich immer wieder zu vergessen. Nicht nur Edward und ich haben durch Alec etwas verloren. Es betrifft die ganze Familie. Jeden hat es getroffen, nur übersehe ich es, vor meiner eigenen Trauer.

„Ich bin davon überzeugt, Bella. Wir sind eine große Familie, die dafür sorgen wird, dass Renesmee nicht in Schuld baden wird. Selbst die Denalis sehen uns als Familie an. Jedem liegt etwas daran, dass Renesmee wieder der Sonnenschein wird, der sie vor dieser ganzen Katastrophe war."

Bei seinen Worten kommen Erinnerungen in mir hoch, wie glücklich wir alle in Highlands waren. Renesmees fröhliches Lächeln, als sie ihr Softball Team zum Sieg brachte, oder als wir alle zusammen im Freizeitpark Achterbahn fuhren. Werden wir wirklich wieder so glücklich?

Bevor ich etwas sagen kann, spüre ich Lippen auf meinen. Etwas erschrocken weiche ich zurück, war ich doch eben noch alleine mit Carlisle und Renesmee. Als ich meine Augen öffne, sehe ich einen irritierten Edward und einen amüsierten Carlisle. Ich muss lange in Erinnerungen geschwelgt haben.

Carlisle verabschiedet sich zu Benjamin, während Edward meine Hand nimmt. Die Irritation aus seinem Gesicht gewichen. Carlisle hat ihn sicher in seinen Gedanken aufgeklärt, was Edwards Grinsen erklären würde. Aber es weicht sofort seiner, seit Tagen aufgebrannten, besorgten Miene.

Er blickt zu Renesmee, die noch immer regungslos auf unserem Bett liegt. Als es diese Situation das letzte Mal gab, hörten wir noch ihren Herzschlag und konnten ihrer Atmung zuschauen. Doch das ist nun vorbei. Nie wieder werden wir in diesen Genuss kommen.

„Ich glaube Carlisle", sagt Edward plötzlich.

Wieder blicke ich zu Edward. Diesmal mit einem zuversichtlichen Blick. Und es ist mal wieder typisch Edward Cullen, wenn er es nicht schafft, mich mit seinem Blick zu überzeugen. Manchmal ist es doch einfach unfair. Aber deshalb bin ich so in ihn verliebt. Auch noch zwanzig Jahre später.

„Werden wir es wirklich schaffen?", frage ich ihn mit brechender Stimme.

„Bella, wir haben es geschafft, Renesmee aus einer unmöglichen Gefangenschaft zu befreien. Um Renesmee wieder zu unserer Tochter zu machen, bedarf es nur Liebe. Und ich denke, du wirst mir nicht widersprechen, wenn ich sage, dass sie in dieser Familie reichlich Liebe bekommen wird."

Er hat recht. Ich hatte fast aufgegeben, dass wir Renesmee aus den Fängen von Alec befreien könnten. Aber selbst diese schwierige Mission haben wir gemeistert. Diese Familie besteht mittlerweile aus zehn Vampiren, die unterschiedlicher nicht sein können. Doch eins haben alle gemeinsam: Die Liebe zu der Familie.

Und gerade die vergangenen zwei Jahre haben uns zusammengeschweißt. Renesmee hat dieser Familie so viel Leben eingehaucht, da wäre es doch nicht richtig, wenn wir es nicht wieder schaffen, diese Familie zu werden.

„OK?", hakt Edward nach, nachdem er merkt, wie tief ich in Gedanken hänge.

Nach meinem inneren Monolog kann ich ihn endlich wieder anlächeln, so wie er es liebt und nicke ihm zu.

„Gemeinsam schaffen wir es", lasse ich ihn wissen.

„Gut. Nun hilf Tanya ein wenig…"

Ich will ihn unterbrechen, denn nichts bringt mich jetzt von meiner Tochter fern. Doch da unterbricht er mich schon, mit einem Finger auf meinen Lippen.

„Ich weiß, du willst Renesmee nicht verlassen, aber ich bleibe bei ihr. Du, Liebes, brauchst etwas Ablenkung", überzeugt er mich und gibt mir einen zärtlichen Kuss, der jeglichen Protest verstummen lässt.

Renesmee gebe ich noch einen Kuss auf die Stirn, ein Blick zu Edward, der heißen soll, pass-auf-unsere-Tochter-auf-und-geb-mir-bescheid-wenn-sich-etwas-ändert, auch wenn ich weiß, dass er mich auch ohne meinem vielsagenden Blick rufen würde, und gehe, wenn auch noch immer ungern, aus dem Zimmer.

Auf dem Flur begegne ich Amun, der mit einem blanken Gesichtsausdruck an mir vorbei geht. Ich möchte ihm am liebsten ansprechen, weiß es jedoch besser.

„Er wird sich schon wieder beruhigen, Bella", höre ich eine weiche Frauenstimme.

Es ist Kebi, die gerade aus Benjamins Zimmer kommt.

„Geht es Benjamin besser?", frage ich schnell, ohne wieder auf das Thema Amun zu kommen.

Ich möchte nicht, dass sich Kebi gegen ihren Mann stellt. So dankbar ich ihr für den Beistand wäre, möchte ich nicht auch noch daran schuld sein, wenn Kebis guter Wille ihren Mann in Aufruhr bringt.

„Er ist schon wieder fast der Alte. Er hat auch nach Renesmee gefragt, kaum dass er die Augen aufschlug", lächelt sie mir zu.

„Du wirst sehen. Renesmee wacht bald auf und es wird sich alles wieder zum Guten wenden."

Ihr Blick hat etwas Warmes, Vertrauensvolles, was mich an meine Großmutter erinnert. Aber gleichzeitig hat sie dieses Funkeln in den Augen, welches ich immer in Alice Augen entdecke, wenn sie mir von einer Vision erzählt und sie sich ganz sicher ist, dass es passieren wird. Was Positives, versteht sich.

„Danke, Kebi. Das bedeutet mir wirklich viel."

Sie schenkt mir ein weiteres Lächeln und folgt ihrem Mann, während ich mit mir kämpfe, in Benjamins Zimmer zu gehen, um mich zu entschuldigen. Nur fallen mir keine passenden Worte ein. Stattdessen gehe ich Edwards Bitte nach und mache mich auf die Suche nach Tanya und ihrer Familie.

Das Schloss mag groß sein, dennoch nehme ich den Duft von Tanya sofort wahr. Es hat etwas Süßliches, das für viele Männer sicher unwiderstehlich ist. Ein Wunder, dass sie noch nicht ihre große Liebe gefunden hat. Wobei ich hätte schwören können, dass ihr Felix schöne Augen machte und Tanya, nicht wie sonst, ihm die passende Ohrfeige verpasste.

Es ist zwar schwer vorstellbar, dass Tanya mit einem Volturi anbändelt. Doch nach der Schlacht in Missouri ist für mich nichts mehr unmöglich.

In der großen Eingangshalle treffe ich auf die Hälfte der Denalis. Genau genommen: Irina, Kate und Tanya. Alle drei unterbrechen ihre Arbeit, als sie mich wahrnehmen und sehen zu mir auf.

„Hi Bella. Wie geht es Renesmee?", fragt Kate.

„Sie ist noch nicht wach", sage ich leise.

„Und wie geht es dir?", kommt die Frage überraschenderweise von Irina.

Alle drei Frauen sehen mich besorgt an. Ich kann nur seufzen und fange an, etwas Schutt wegzuräumen.

„Bella?", spüre ich eine Hand an meinem Arm.

Es ist Tanya. Sie zieht mich zur Seite und wir setzen uns. Irina und Kate bleiben vor uns stehen.

„Was liegt dir auf dem Herzen, Bella? Ich weiß, wir waren nie die besten Freunde, aber ich denke, nach allem was passiert ist, können wir uns zu einer Familie zählen", kommt es von Kate.

„Das ist es ja."

Sie sehen mich daraufhin irritiert an. Ich kann nur meinen Kopf in meine Hände legen und schaue zu Boden.

„Seht euch euer Schloss an. Fast alles ist zerstört. Ihr wurdet so unsagbar gequält. Tyra, oh Gott Tyra. Das alles ist unsere Schuld."

So ist es. Die Denalis lebten Jahrhunderte ohne größere Vorkommnisse hier in Alaska. Und kaum kommen wir ins Spiel, kommen die Volturi. Und selbst nachdem wir ans andere Ende der USA ziehen, sind sie nicht vor uns sicher. Was mussten sie wegen uns nur durchmachen?

„Bella? Sieh mich an", erkenne ich Tanyas Stimme.

Ich traue mich nicht aufzusehen, um dann ihr wütendes Gesicht zu erkennen. Ihre Wut auf unsere Familie, die unsagbar groß sein muss.

Doch dann spüre ich ihre Hand unter meinem Kinn. Ich habe kaum Kraft, mich zu wiedersetzen und schaue, zu meiner Überraschung, in ein sorgenvolles Gesicht. In den Jahren, wo ich mich damit abgefunden habe, dass sie Edward zwar mag, aber es akzeptiert hat, dass er nur mich liebt, konnte ich erkennen, was Tanya für eine hübsche Frau ist.

„Was redest du da, Bella? Haben wir dir und deiner Familie in irgendwelcher Art Grund gegeben, zu glauben, dass ihr die Schuldigen an dieser Katastrophe seid?"

„Das braucht ihr nicht, Tanya. Es liegt klar auf der Hand. Wir hätten nie nach Denali kommen sollen."

„Und was dann, Bella? Magst du etwa nicht meine Freundin sein?", ist Kate entrüstet.

„So meine ich das nicht."

„Hör dich an, Bella", ist es Irina, die mich lautstark anspricht.

„Wir wissen von Carlisle und Edward, dass du dich sorgst, dass Renesmee ihres Lebens nicht mehr froh wird und sich unnütz die Schuld geben wird. Dass du alles dafür tun wirst, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Doch du tust es ihr nun gleich", wütet sie.

„Ich versteh nicht…"

„Bella, niemand gibt dir oder deiner Familie die Schuld. Im Gegenteil. Ohne euch hätte Alec uns alle vernichtet. Dann gäbe es nun keinen mehr von uns. Dieses Schloss haben wir schnell wieder aufgebaut. Warte nur ab, bis Alice und Esme zurück sind. Zusammen mit Carmen wird das Schloss schnell wieder im alten Glanz spiegeln", lächelt mir Irina zu.

Auch Irina ist einer der Denalis, die ich jahrelang falsch eingeschätzt habe. Ich erinnere mich noch an den Tag, als wir mit Renesmee zurück aus Phönix kamen. Natürlich waren sie verärgert, aber nur, weil sie dachten, sie wäre ein Mensch. Ein Mensch, der die Volturi in Aufruhr bringen würde. Diese Besorgnis war im Grunde nur präsent, weil sie alle um ihren Zirkel, ihre Familie, besorgt waren. Ich muss blind gewesen sein.

„Nachdem ich gesehen habe, wie Alecs Zirkel vernichtet wurde, oder wie die Volturi in die Schranken gewiesen wurden und nun wieder für das Gute kämpfen, aber auch, wenn ich gesehen habe, wie viele Vampir-Clans sich zusammenschlossen und Freundschaft schlossen, bin ich überzeugt, Bella, dass es eine Art Prophezeiung war."

Diesmal bin es nicht nur ich, die Tanya skeptisch ansieht. Irina und Kate haben genauso wenig Ahnung, wovon ihre Schwester da redet. Tanya belächelt das ganze nur.

„Was ich meine, ist die Tatsache, dass Alec schon sehr lange den Plan hatte, alles an sich zu reißen. Aro wusste davon, konnte Alec aber durch Chelseas Gabe an sich binden und in Schach halten. Im Inneren ahnte er aber, dass Alec es dennoch irgendwann schaffen würde.

„Um auf den Punkt zu kommen, glaube ich, dass es prophezeit war, dass du und Edward zusammen findet. Das ihr trotz aller Umstände ein Paar werdet, heiratet und ein Kind zeugt, wovon niemand zu träumen wagte. Renesmee war vorherbestimmt, um diesem ganzen Krieg ein Ende zu setzen. Sie steht für den Frieden."

„Das ist wahr."

Erschrocken drehe ich mich um, als ich Edwards Stimme höre. Neben ihm stehen Carlisle, Eleazar, Alistair und Amun.

Edward kommt auf mich zu und setzt sich neben mich. Er nimmt meine Hand, wie er es immer tut, um mich zu beruhigen.

„Wir haben für alles, unsere Liebe, die Anerkennung, unser Leben, einfach alles, so hart kämpfen müssen. Kannst du dich noch daran erinnern, wie sehr ich mich dagegen wehrte, dich zu lieben, weil ich befürchtete, dich zu töten, ich mich aber dennoch nie von dir fernhalten konnte? Es war nicht nur das Blut und die Liebe, weshalb du mich anzogst. Ich hatte immer das Gefühl, da ist noch etwas Anderes.

„Ich habe es lange Zeit vergessen, als wir so glücklich waren, doch schon, als wir Renesmee das erste Mal befreien mussten und sich Allianzen schlossen, von denen niemand dachte, dass es sie mal geben würde, wusste ich, dass es alles einen Grund hat."

„Ihr wollt mir also sagen, dass Renesmee so etwas wie eine Prophezeiung ist? Für den Frieden unter den Vampiren?"

Edward nickt, so wie auch die anderen drei Herren vor uns.

„Was bisher niemand wusste, es gab schon einmal diese Prophezeiung. Die Prophezeiung, dass ein Mensch und ein Vampir ein Kind zeugten, das den Frieden erreichen sollte. Zu dieser Zeit tobten etliche Schlachten, von denen euch Jasper sicher einiges erzählte", fing Amun an.

„Ich habe es gerade erst Carlisle, Edward, Alistair und Eleazar erzählt, nachdem ich mir sicher war, dass Renesmee die Prophezeiung sei."

„Der Grund, warum ich die vergangenen Wochen euch gegenüber so unfair war, weil es eigentlich meinem Sohn vorstimmt war, diesen Krieg zu beenden."

OK. Das nenne ich eine Wendung. Den irritierten Gesichtern der Denali-Frauen zu urteilen, wussten auch sie nichts davon. Carlisle und Edward mögen davon nun wissen, sind aber noch immer geschockt, so viel kann ich deuten.

„Renesmee ist nicht der erste Halbvampir, Bella. Das war Nahuel, mein Sohn. Doch anders als Renesmee, konnte er dem Druck nicht stand halten. Er hatte nicht den Halt einer so großen… Familie."

Ich bin geschockt. Gerade Amun, bei dem ich immer das Gefühl hatte, dass er einen Hass auf uns hatte, eben weil Edward einen Mensch liebte, mich. Und weil daraus Renesmee entstand. Aber selbst das macht nun alles einen Sinn.

„Was geschah mit deinem Sohn?", bei dieser Frage sehe ich eine Seite an Amun, die ich nie in ihm vermutete.

„In einer der größten Schlachten von 1750 hat er aufgegeben. Er wusste von seinem Schicksal und wollte die Last nicht mehr tragen. Er ließ sich vernichten", kommt es von Amun mit zusammengekniffenen Augen.

„Aber warum ist er nicht wie Renesmee zu einem ganzen Vampir geworden?", möchte ich wissen.

Amun sieht mich mit verhärtender Miene an. Und ich glaube schon, dass ich hätte diese Frage nicht stellen sollen. Doch als Edward meine Hand drückt und mich aufmunternd anlächelt, bin ich mir sicher, dass es einen anderen Grund gibt.

„Er hatte nicht genug gekämpft und aufgegeben. Eure Tochter hingegen wollte leben, wollte, dass sich alles zum Guten wendet. Ich will dir keine Angst machen Bella, aber es war knapp. Ihr hättet sie fast verloren. Doch sie hat es geschafft, weil sie euch hat."

Und mit diesen Worten verlässt er den Raum. Auch wenn ich nur seinen Rücken sehe, weiß ich, wie es in ihm aussehen muss. Denn mir ging es nicht anders, als Renesmee unter Alecs Schirm stand. Nur habe ich meine Tochter wieder und sollte mich glücklich schätzen. Nicht weiter diese Trauer schieben.

„Wow", kommt es von Kate.

„Du sagst es", folgt Irina.

Tanya ist komplett sprachlos. Alistair und Eleazar folgen ihrem Freund.

„Wie konnte er das vor euch fernhalten? Konntest du es nicht in seinen Gedanken sehen, Edward?", findet Tanya ihre Sprache wieder.

„Nein. Nichts dergleichen. Irgendetwas Dunkles war in seinen Gedanken immer präsent. Mir wird jetzt auch bewusst, warum er meine Familie mied. Irgendwann hätte er es nicht mehr verstecken können."

„Und ich dachte, er ist einfach nur ein alter, grummeliger Brummbär", weiß es Kate, die Stimmung etwas zu heben.

„Das bleibt er trotzdem", lacht Irina.

Doch mir ist nicht wirklich zum Lachen zu Mute. Was wurde meiner Tochter da für eine Bürde auferlegt? Aber es war nun mal alles vorbestimmt. Vielleicht mein ganzes Leben?

Das sich meine Eltern trennen?

Dass ich eines Tages zu meinem Vater nach Forks ziehe, um dann auf die Cullens zu treffen?

Dass irgendwie nichts schaffte, mich umzubringen? Kein Van, kein James, keine Volturi?

Dass ich mich ausgerechnet in die schönste Person Forks verliebe und diese auch noch ein Vampir ist?

Dass wir heiraten und ich unverhofft schwanger werde?

Einfach ALLES?

So langsam beginne ich, es wirklich zu glauben. Ich bin einfach nur glücklich, dass Renesmee stark genug war, um diese Bürde zu überstehen. Und mir wird wieder bewusst, welche Rolle die ganze Familie dabei spielt.

Ohne drüber nachzudenken, umarme ich Edward. Sekunden später finden sich auch Kate, Irina, Tanya und Carlisle in einer Umarmung wieder. Natürlich schauen mich alle ungläubig an, als hätte ich den Verstand verloren.

„Edward, Bella, Renesmee wird glaube ich wach", hören wir Carmen.

Erst jetzt begreife ich, dass Edward unsere Tochter alleine ließ. Nun nicht alleine, aber ich hatte ihn eigentlich drum gebeten, bei ihr zu bleiben. Dieser Ärger ist jedoch schnell runtergeschluckt. Denn die Unterredung mit Amun und die ganzen Erzählungen um die Prophezeiung hätte ich nicht ohne ihn durchgestanden.

Zusammen laufen wir in Renesmees Zimmer, wo Carmen liebevoll über Renesmees Stirn streicht. Als sie uns sieht, macht sie sofort Platz. Ich setze mich neben Renesmee auf das Bett und kann sehen, wie sie sich leicht hin und her bewegt.

Edward nimmt auf der anderen Seite Platz, während Carlisle am Ende des Bettes steht und Carmen uns alleine lässt. Alle drei schauen wir auf Renesmee runter, bis sich ihre Augen öffnen. Einen Moment, auf den ich so lange warten musste. Aber nicht nur ich. Das ganze Schloss steht still.

Noch immer sind ihre Augen leuchtend rot. Ich hatte einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass sie wie schon mal, verloren gehen, und sich das schöne Braun wieder in ihren Augen breit macht. Doch insgeheim wusste ich, dass dies nicht passieren würde.

Renesmee rappelt sich im Bett auf und schaut uns einen nach dem anderen an, als würde sie uns nicht erkennen. Doch schon Sekunden später macht sich Gewissheit in ihr breit. Ihr Blick wandert wieder zu mir und bleibt dort auch hängen, dabei versuche ich, ihr ein Lächeln entgegen zu bringen, doch meine Sorge um sie lässt es wohl eher wie eine Grimasse aussehen.

Während sie mich weiter anblickt, greift sie sich an den Hals. Natürlich. Sie hat tagelang kein Blut getrunken. Carlisle überreicht ihr eine Tasse, dessen Inhalt Tierblut ist. Wir haben darüber gesprochen, sie sofort an unsere Art der Ernährung zu gewöhnen.

Sie schaut etwas irritiert zu Carlisle, doch als sie einen Atemzug nimmt und dabei den unwiderstehlichen Geruch einatmet, schließen sich ihre Augen. Ohne sie wieder zu öffnen, nimmt sie ihrem Grandpa die Tasse ab und trinkt es in einem Zug. Für einen Moment macht sie ein angewidertes Gesicht, aber würde es uns nicht auch so gehen, wenn wir als Fleischfresser plötzlich in Tofu beißen? Zumindest stelle ich es mir so vor. Ich kenne es allerdings nicht anders.

Ich nehme ihr die Tasse wieder ab und warte zusammen mit Edward und Carlisle auf eine Reaktion. Die nicht lange auf sich warten lässt.

„Ich hatte so gehofft, es war alles nur ein Traum", schluchzt sie und schlägt die Hände vors Gesicht.

Man sieht förmlich, wie alles auf sie einprasselt.

„So viele Vampire sind vernichtet, durch mich. Tyra…", mehr bekommt sie nicht raus, ihr Schluchzen durchfährt ihren ganzen Körper.

Drum will ich sie in den Arm nehmen, sie trösten, ihr vermitteln, dass sie nicht alleine ist, doch kaum lege ich meine Hand an ihre Schulter, schüttelt Renesmee sie ab. Ich versuche es nochmal, doch sie wehrt sich gegen meine Nähe, was mir einen Stich versetzt.

„Bitte lasst mich alleine, bevor ich euch auch noch etwas antue."

„Renesmee…", versuche ich es nochmal und will ihr über die Wange streichen, doch sie zuckt wieder zurück.

„Bitte", fleht sie.

Diesmal spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Es ist Edward.

„Lassen wir sie einen Moment in Ruhe", sagt er mir.

Ich möchte protestieren, mich an Renesmee krallen, doch der Schock sitzt so tief, dass ich mich von Edward auf die Beine ziehen lasse. Doch bevor wir das Zimmer verlassen, drücke ich Renesmee einen Kuss auf ihr Haar.

„Vergiss nicht, Renesmee. Wir lieben dich, die ganze Familie. Egal was geschehen ist und noch geschehen wird, wir sind deine Familie. Ich liebe dich, mein Schatz", entfährt mir nun auch ein Schluchzen.

Edward führt mich aus dem Zimmer und schließt die Tür. Kaum, dass sie zu ist, hören wir, wie die Tür abgeschlossen wird. Von innen. Ich kann mich nur an die Tür lehnen und sie hinab rutschen, bis ich am Boden ende. Edward fängt mich zwar auf, aber ich weiß, dass es ihm genauso geht. Dass ihm die Zurückweisung unserer Tochter genauso schmerzt, wie mir. Ich kann es so deutlich in seinem angespannten Gesicht erkennen.

Renesmees Schluchzen wird lauter und schneller. Ihr Weinen bricht mir das Herz, denn ich als Mutter müsste doch jetzt bei ihr sein, um sie zu trösten. Aber sie will uns nicht bei sich haben. Ich weiß nicht, ob es das Richtige ist.

Wir halten uns beide in den Armen und lauschen dem Wimmern unserer Tochter.

„Kannst du ihre Gedanken lesen?", frage ich ihn.

„Nein. Leider nicht. Sicher gehen gerade sonst welche Szenarien durch ihren Kopf."

In der Zeit, wo wir vor ihrer Tür sitzen, prüfe ich alle fünf Minuten, ob die Tür nicht doch offen ist. Immer wieder klopfe ich und bitte sie, uns wieder reinzulassen. Das einzige Ergebnis, welches ich erreiche, ist ihr lauter werdendes Weinen.

Ich weiß nicht, wie lange wir hier sitzen, doch irgendwann hören wir sechs Vampire in das Schloss kommen. Allesamt laufen sie auf uns zu. Sofort wird mir klar, dass es der Rest der Familie ist. Und ich bin froh, dass wir wieder beieinander sind.

Als sie Edward und mich vor der Tür sitzen sehen und Jasper deutlich unseren Schmerz spürt und weiter leitet, wissen alle, wie wir uns fühlen. Ihre vorfreudigen Gesichter glänzen nur noch vor Sorge.

„Was ist mit Renesmee?", fragt Scott, der wie ich, nur noch eins möchte. Zu Renesmee.

„Sie hat sich an alles erinnert und möchte alleine sein", versucht Edward, ruhig zu bleiben.

„Und ihr hört auf sie?", streicht Scott sich übers Gesicht.

Ich kann ihn nur erschrocken ansehen. Edward allerdings muss in Scotts Gedanken etwas gesehen haben, was ihn ein wenig beruhigt.

„Das macht sie immer. Schon als Kind. Sobald sie traurig war, wütend oder sonst was, will sie alleine sein. Und ich muss jedesmal das gleiche tun", murrt er vor sich hin und lässt uns stehen.

„Was hat er vor?", frage ich Edward.

„Etwas, was wir hätten auch tun sollen", sagt er mit fester Miene.

„Warum habt ihr nicht einfach die Tür aufgebrochen?", kommt es von Emmett.

Von wem auch sonst. Rose gibt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und sieht ihren Mann böse an.

„Um sie dann noch mehr zu ängstigen?!"

Emmett hat ein Einsehen und schaut, wie wir alle, auf die verschlossene Tür. Ich kann deutlich spüren, wie Jasper versucht, die Lage zu beruhigen und Renesmee viel Liebe spüren zu lassen, doch wissen wir noch immer nicht, ob seine Kraft nun überhaupt etwas bei ihr bewirkt.

Dann nehmen wir eine Bewegung im Zimmer wahr.

„Er steigt durchs Fenster", kommt es von Alice.

Renesmee muss es nicht wahrgenommen haben, denn Scott geht mit leichten Schritten voran.

„Renesmee?", hören wir ihn flüstern.

Ihr Schluchzen stoppt abrupt.

„Scott?", höre ich die verweinte Stimmer meiner Tochter.

„Hey, Babe."

Alice kichert, während Carlisle und Esme, wie auch Rosalie und Emmett sich nur angrinsen. Edwards und meinen Blick möchte ich als verdattert beschreiben.

„Was willst du hier?", kommt es von Renesmee.

„Eine nette Art, mich zu begrüßen", höre ich, zu meiner Erleichterung, etwas Witz in seiner Stimme.

„Geh bitte."

„Bin ich je gegangen, wenn du in diesem Zustand warst?"

Eine kurze Pause, in der Renesmee sicher nachdenkt.

„Da waren wir auch noch zusammen."

Wir alle ziehen den Atem ein, als sie das sagt. Auch Scott.

„Willst du etwa nicht mehr mit mir zusammen sein?", fragt er gekränkt.

„Nach allem was passiert ist, ich dir und den anderen angetan habe, wärst du ein Narr, wenn du noch mit mir zusammen sein wolltest."

„Gut, dann bin ich eben ein Narr. Aber liebe Renesmee, mein kleines Dummerchen, ich habe dir schon vor Jahren gesagt, dass uns nichts auseinander bringen kann. Nichts, Carlie", sagt er die letzten Worte, so ernst, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

Ich höre die Federn im Bett nachgeben, was mir sagt, dass Scott sich nah bei Renesmee befindet und mich beruhigt.

„Komm her", höre ich ihn sagen.

Ihre Körper prallen aufeinander. Sie umarmen sich. Wir entspannen uns alle, auch wenn Renesmees Weinen vom neuen beginnt.

„Wie kannst du noch in meiner Nähe sein wollen?"

„Weil ich dich liebe, Renesmee Carlie Cullen."

„Aber ich habe so viel Schreckliches getan."

„Warum erzählst du mir nicht einfach mal von Beginn an, was passiert ist und dann entscheide ich, ob du wirklich dieses Monster bist, von dem du da redest. OK?"

„Gute Taktik", kommt es von Carlisle.

Ich schaue ihn fragend an, kann ich es doch kaum glauben, dass es Renesmee helfen wird, nochmal alles durchzugehen.

„Es wird ihr helfen, alles zu erzählen. Jede Einzelheit, dann wird sie sehen, dass sie nur ein Spielball von Alec war und nicht sie selbst."

Ich verstehe.

„Ich kann mich noch genau erinnern, als wir hier im Schloss waren und plötzlich das Chaos ausbrach. Levin hatte mich gegen die Wand geschleudert. Es war, als hätte ich für einige Minuten meinen Körper verlassen. Ich hatte gesehen, wie Mom mich in den Armen hielt und weinte."

An diesen Moment möchte ich selber kaum erinnert werden. Es war das Schlimmste, was eine Mutter erleben kann.

Dann sprudelt es aus Renesmee nur noch raus. Sie lässt dabei wirklich kein Detail aus. Als sie bei dem Mädchen ankommt, bricht sie wieder ins Schluchzen aus. Aber noch schlimmer wird es, als sie von La Push erzählt. Wir waren alle geschockt, als sie den jungen Wolf erlegte. Nun befürchtet sie, dass Jake sie hassen wird.

„Keine Angst. Jacob, wie auch der Rest des Rudels, wissen, dass es nicht du warst, die den Wolf getötet hat. Du hast ein viel zu weiches Herz, um so etwas zu tun", sagt Scott liebevoll.

Als sie am Ende ankommt, wo sie hunderte von Vampiren vernichtete, möchte ich nur noch die Tür aufbrechen und sie in meine Arme schließen. Sie ist völlig aufgelöst. Und Scott hat zu kämpfen, sie unter Kontrolle zu bringen.

„Hör mir zu, Renesmee. Ohne dich, würde es uns alle nicht mehr geben. Ohne dich, hätte Alec noch Millionen Menschen getötet. Ohne dich, würde es niemals diesen Frieden geben. Es war dir prophezeit, Renesmee."

„Woher weiß er das?", fragt Carlisle, zieht die Frage aber gleich zurück, als ihn Alice anlacht.

Plötzlich kommt Kate um die Ecke.

„Entschuldigt, der lag unter Tonnen Schutt, bis ich ihn gefunden habe", sagt sie und überreicht Edward einen Schlüssel.

„Danke, Kate."

„Nichts zu danken, Edward. Ich will nur, dass die Kleine wieder die alte Frohnatur wird, wie wir sie kennen", sagt sie mit einem Lächeln und umarmt mich tröstend.

„Das wird schon", flüstert sie mir ins Ohr.

Dafür gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie wieder verschwindet. Emmett nimmt mir den Schlüssel ab und macht die Tür auf. Für ihn war es auch eine Qual, nicht die Tür aufzubrechen, um zu seiner ‚kleinen Schwester' zu gelangen.

Wir stürmen ins Zimmer, wo sich uns ein herzzerreißendes Bild bietet. Scott liegt im Bett, hoch gebettet auf viele Kissen, während Renesmee halb auf ihm liegt und ihr Gesicht in seinem Bauch vergräbt. Sie schreckt nicht mal hoch, als wir alle am hinter ihr stehen. Sie versteckt sich nur noch mehr.

Ich kann mich einfach nicht mehr zurückhalten und setze mich neben sie aufs Bett, streiche ihr liebevoll über den Rücken, als wieder ein Schluchzen durch ihren ganzen Körper fährt. So lege ich mich neben sie und schmiege mich an meine Tochter.

„Es ist wahr, Renesmee. Du hättest nie etwas dagegen tun können. Es war dir vorher bestimmt. Es war dein Schicksal, uns alle zu retten", erklärt Carlisle.

„Aber warum mussten so viele sterben dabei?", fragt sie, ohne aufzublicken.

Langes Schweigen, denn keiner kann ihr wirklich die Frage beantworten, doch wieder ist es Carlisle, der versucht, es Renesmee leichter zu machen.

„Die vielen Vampire, die in Missouri umkamen, waren allesamt auf Alecs dunkler Seite. Sie hätten dafür gesorgt, dass wir alle vernichtet werden, hättest du das gewollt?"

„Natürlich nicht", brüllt Renesmee ihn an.

Carlisle schmunzelt innerlich über den kleinen Fortschritt. Auch ich bin erleichtert, dass sie es nicht bereut, uns gerettet zu haben.

„Hey, Knirps. Niemand ist dir böse. Wir sind alle stolz auf dich", kommt es von Emmett.

„Und dankbar, dass wir noch immer zusammenleben können, ohne ein Verlust", fügt Rosalie mit an.

„Schon bald werden wir zurück blicken, auf den Tag, an dem selbst die Volturi unsere Freunde waren. Oder vielmehr sind", sagt Esme.

„Stimmt. Wer hätte gedacht, dass Felix und Emmett beste Freunde werden könnten", lacht Jasper.

„Das warst nur du, Renesmee. Du musstest viel durchmachen", sagt Edward liebevoll und küsst unserer Tochter die Stirn.

Er bleibt bei mir stehen und fährt mir über den Arm, weil er weiß, dass ich ihn und seine Berührung genauso brauche, wie Renesmees Lachen.

„Du bist schuld", beginnt Alice und wir schauen sie alle groß an.

Sie lacht und hebt schützend die Hände.

„Du bist schuld, dass wir Mädels nun öfter shoppen müssen. Chelsea und ihre Schwester Chiara möchten sich gerne hier im Schloss niederlassen."

„Obwohl ich ihre Schwester umgebracht habe?", fragt Renesmee mit brechender Stimme.

„Es ist wahrlich ein schwerer Verlust für die beiden. Aber sie haben selbst gesagt, dass Chyna nicht mehr ihre Schwester war, seit sie zum Vampir wurde. Du magst dich vielleicht nicht mehr an alles erinnern, aber sie haben dich darum gebeten, sie nicht zu verschonen, weil sie wussten, Chyna würde sich nie ändern und weiter Unglück verbreiten", versuche ich sie von einer weiteren Last zu befreien.

Ich schmiege mich enger an sie, um ihr meine Nähe zu geben. Und was dann passiert, lässt mich schreien vor Freude, als ich spüre, dass Renesmee diese Nähe annimmt und sich an mich kuschelt.

Ihr Blick schweift über alle Gesichter und ich wünschte für diesen Moment, ihre Gedanken lesen zu können. Die Stille, die dabei herrscht, kommt mir wie eine Ewigkeit vor.

Nach weiteren Minuten seufzt Renesmee und ich glaube, sie resigniert, dass sie wirklich keine Schuld trägt. Doch als ihr Gesicht eine erneut schmerzende Grimasse annimmt, kommen bei mir wieder Zweifel auf, ob sie je wieder ein unbeschwertes Leben führen kann.

„Aber ich habe Menschenblut getrunken. Unschuldige Menschen mussten sterben, damit ich meinen Durst stillen konnte. Und es war berauschend. Ich mochte es."

Bevor Renesmee weiter reden kann, springt Edwards aufs Bett. Renesmee schreckt auf, was Edward entgegen kommt, weil er ihr Gesicht in beide Hände nimmt. Sein Gesicht zeigt ihn verzweifelter denn je. Für einen Moment fürchte ich um seine Reaktion, doch ich vertraue ihm. Er will, wie ich, nur das Beste für unsere Tochter.

„Sag mir eins, Schatz. Hattest du eine Wahl, als sie das Mädchen vor dich stellten? Hatten sie dir die Wahl gelassen, ob du Tier- oder Menschenblut trinken willst?", fragt er forsch.

Renesmee schüttelt nach einem Augenblick ihren Kopf zu einem Nein und weicht Edwards Blick.

„Wolltest du dich dagegen wehren?"

Diesmal nickt Renesmee.

„Ich konnte zu dem Zeitpunkt, als wir in La Push waren, deine Gedanken lesen. Also weiß ich, was in dir vorging und was passiert ist. Du hattest keine Chance."

„Du wirst es schon schaffen, dich an Tierblut zu gewöhnen. Ich habe es auch geschafft und du weißt, wie lange ich von Menschen getrunken habe. Lange genug, um zu wissen was in dir vorgeht. Aber du wirst es schaffen", lässt Jasper Renesmee wissen.

„Genau. Und denk dran. Du hast eine ganze Familie, die dich unterstützt", kommt es von Scott.

„Und uns", hört man aus verschiedenen Richtungen des Schlosses.

Und zum ersten Mal seit diesem ganzen Dilemma hat Renesmee wieder ein Lächeln auf den Lippen. Aber es verschwindet sofort, als sie unsere Gesichter sieht, denn wir sind alle samt geschockt, denn Tränen laufen ihr die Wangen hinab.

„Unmöglich", sagt Carlisle und wischt ihr eine Träne aus dem Gesicht, um es dann zu kosten.

Carlisle verschluckt sich regelrecht daran. Esme streicht ihm besorgt über den Rücken. Durch Carlisles Reaktion ist Renesmee mal wieder zurück gewichen. Unsere Blicke machen es sicher auch nicht einfacher.

Nachdem sich Carlisle wieder beruhigt, trägt sein Gesicht ein ungewohntes Grinsen, was sicher nicht nur mir etwas Sorgen macht.

„Vampirgift", sagt er ruhig.

„Es sind keine normalen Tränen."

Man hört alle befreit aufatmen. Auch Renesmee.

„Du bist und bleibst etwas Besonders", sagt Esme.

Und damit trifft sie genau meine Gedanken. Aber wohl nicht nur meine, denn alle im Raum fangen befreit an zu lachen.

„Gruppenkuscheln", ruft Emmett.

So soll es sein. Die ganze Familie, mit allen zehn Vampiren, nimmt auf dem Bett Platz und umarmt Renesmee. Und als diese freudig lacht, weiß ich, dass wir alle wieder glücklich werden. Aber am wichtigsten, dass Renesmee ihren Frieden findet.

Aber wenn ich uns so betrachte, uns Cullen, wenn ich die lachenden Gesichter sehe, wie jedes einzelne vor Freude strahlt, aber auch die Liebe zur Familie ausdrückt, mache ich mir da keine Sorgen mehr.

TBC